Bild: Katharina Hölter/ bento
"Ich will nicht, dass wir hier Machtwörter sprechen müssen."

Als Antje von Dewitz, 47, zwei Jahre alt war, gründete ihr Vater ein Unternehmen, das später zu den Vorreitern in der Bekleidungsbranche gehören sollte. 

Der Vater von Sarra Braa, 30, verbrachte sein Arbeitsleben am Produktionsband eines Elektronikherstellers, sie selbst wollte zur Hauptschule, weiter dachte sie nicht. 

Heute leitet Antje von Dewitz das Unternehmen ihres Vaters, den Outdoorausrüster Vaude. Sarra Braa ist dort Führungskraft. 

Sie ist Teamleiterin der Manufaktur am Standort in Tettnang am Bodensee. Zwei Karrierewege, für die die Vorraussetzungen unterschiedlicher kaum hätten sein können. 

Seit Antje das Unternehmen vor zehn Jahren übernommen hat, hat sie es auf Nachhaltigkeit ausgerichtet. Wer das Firmengelände betritt, blickt auf eine mehrere Meter hohe Kletterwand – als wolle man zeigen: Wir wollen hoch hinaus. Die Kantine hinter dem Empfang serviert ausschließlich Bioprodukte. In den Räumen geht das Licht erst an, wenn sich jemand bewegt. Papier wird kaum noch ausgedruckt, Solarpanels zieren das Dach – es sollen so viele Emissionen eingespart werden wie nur möglich.

Was Nachhaltigkeit bedeutet, damit hat sich Sarra erst auseinandergesetzt, als sie zu Vaude kam. Auch damit, was es eigentlich heißt, eine gute Führungskraft zu sein. Da hatte Antje schon lange ihre Doktoarbeit über "leistungsstarke Arbeitsverhältnisse" geschrieben.

Im Interview diskutieren die beiden, warum Frauen noch immer seltener Karriere machen, wie moderne Unternehmen das ändern können und welche Generationenkonflikte auftreten.

Antje von Dewitz und Sarra Braa

Antje von Dewitz, 47, (rechts) leitet den Outdoorausstatter Vaude seit 2009, sie übernahm das Unternehmen von ihrem Vater Albrecht. An der Uni Passau studierte sie Wirtschafts- und Kulturraumstudien. Sarra Braa, 30, (links) ist Teamleiterin der Produktionsmanufaktur am Standort Tettnang am Bodensee. Zuvor machte sie eine Ausbildung zur Tanzlehrerin und Kauffrau für Bürokommunikation.

bento: Wie fühlt es sich an, den Betrieb des eigenen Vaters zu übernehmen?

Antje von Dewitz: Ich habe mich sehr darauf gefreut, das Unternehmen, das damals schon ökologische und soziale Wurzeln hatte, zu übernehmen. Gleichzeitig habe ich aber immer wieder zu hören bekommen, dass mein Vater es sicher nicht schaffen werde loszulassen. Ich würde immer der Beifahrer bleiben. Das hat mich zu Beginn natürlich auch beschäftigt.

Doch mein Vater hatte es bei anderen Unternehmen mitbekommen, wie es ist, wenn der Senior-Chef nicht loslässt. Also ist er mit dem Ziel ran, das anders zu machen.

bento: Und, hat es geklappt?

Antje: Er hat mich und das Unternehmen natürlich eng begleitet, kommentiert und auch kritisiert – aber nie in Entscheidungen eingegriffen. Leicht ist ihm das sicher nicht immer gefallen, und das kann ich gut verstehen. Schließlich hat er mit seinem ganzen Herzblut dieses Unternehmen aufgebaut.

bento: Als Tochter eines Unternehmers stehen einem sicherlich weniger Barrieren im Weg als jemandem, der sich hocharbeiten muss.

Antje: Einen Familienbetrieb zu übernehmen, ist ein Privileg – keine Frage. Ursprünglich war mir das aber nicht bewusst. Ich wollte gerne die Welt verändern. Mein Studium habe ich dafür genutzt, viele Praktika zu machen – zum Beispiel bei NGOs und Frauenorganisationen. Ganz zum Schluss erst im eigenen Unternehmen. Da bin ich mir erst darüber bewusst geworden, dass ich ja gerade als Unternehmerin sehr viel Verantwortung übernehmen und Dinge positiv verändern kann.

bento: Was rätst du Frauen, die das Privileg nicht haben, aber trotzdem Karriere machen wollen?

Antje: Es fängt schon dabei an, sich zu sagen, dass man Karriere machen will. Hier bei uns im Süden herrschen oft traditionelle Rollenbilder vor, Frauen trauen sich weniger zu. Im Gemeinderat sitzt derzeit nur eine einzige Frau. Zuallererst würde ich den Frauen also raten: Traut euch.

bento: Sarra, wusstest du schon immer, dass du Karriere machen willst?

Sarra Braa: Nein, daran habe ich lange nicht gedacht. Ich habe zunächst zwei Ausbildungen absolviert – eine als Tanzlehrerin, eine als Kauffrau für Bürokommunikation. Später habe ich dann in der Produktion eines Elektronikherstellers gearbeitet. Als der Vertrag auslief, hat mich die Zeitarbeitsfirma dann auf eine Stelle bei Vaude aufmerksam gemacht. Jetzt bin ich seit sechs Jahren hier. Diese unbefristete Stelle war für mich damals das Größte – dann wollte ich mehr.

bento: Wie hast du es geschafft, Karriere zu machen?

Sarra: Ich kann mit jedem Anliegen zu meinen Vorgesetzen kommen. Es gibt keine Distanz. Also habe ich einfach angesprochen, dass ich mich weiterentwickeln möchte. Es liegt an jedem einzelnen Mitarbeiter oder jeder Mitarbeiterin, Dinge proaktiv anzugehen und die Karriere voranzutreiben.

Antje: Wir haben auch kein Förderprogramm für Frauen. Woran wir intensiv arbeiten, ist unsere Kultur insgesamt. Als ich das Unternehmen übernommen habe, haben wir ganz bewusst weitere Hierarchieebenen eingezogen, um Verantwortung zu verteilen. Damals sind wir konkret auf Frauen zugegangen. Aber ich kassierte eine Absage nach der nächsten.

bento: Wieso?

Antje: Die Begründungen reichten und reichen auch heute noch von: 'Ich will weiter in Teilzeit arbeiten, genug Zeit für Kinder und Freizeit haben', bis zu: 'Diese Konferenzen sind nicht so mein Ding, da muss man auch auf den Tisch hauen können, so bin ich nicht.'

bento: Müsste man dann nicht doch am System etwas ändern? Frauen in ihrem Selbstbewusstsein stärken?

Antje: Wir legen einen starken Fokus auf unsere Vertrauenskultur, die Sarra angesprochen hat. Es geht nicht darum, Machtwörter sprechen zu müssen, sondern gemeinsam um die besten Argumente zu ringen. Leute sollen sich auf Augenhöhe begegnen. Um das zu unterstützen, erhalten Mitarbeiter wie Führungskräfte Trainings zu Selbstwirksamkeit und Kommunikation. Und das wirkt. Es kann nicht sein, dass man aufgrund seines Geschlechts, seines Alters oder seiner Herkunft kein Gehör findet.

bento: 43 Prozent der Führungskräfte bei Vaude sind Frauen. Was fehlt bis zur 50?

Antje: Das Fernziel ist auf jeden Fall 50:50. Was fehlt, sind zunächst offene Positionen in der Führung und dann gute Frauen, die sich bewerben. Wir werden trotz des Ziels immer denjenigen nehmen, der am besten auf die Stelle passt.

bento: Das ist ja eine häufig beliebte Ausrede.

Antje: Ich denke, das Ergebnis zeigt dann, ob das als Ausrede hergenommen wird, um den Status Quo zu wahren, oder ob es ein ausgewogenes Gleichgewicht gibt. Mit unseren über 40 Prozent fühle ich mich schon auf unserem Weg bestätigt.

bento: Was hat dich motiviert Sarra?

Sarra: Ich wollte Abwechslung, vorankommen und mehr aus meinem Job machen. Also habe ich noch meine Fachwirtin für Büro- und Projektorganisation absolviert und im Anschluss meine Produktionsmanagerin. Das Unternehmen hat mich immer gepusht.

bento: Du hattest also Vorbilder?

Sarra: Im Unternehmen ja, aber ich habe einen ganz anderen Background als Antje. Ich bin in Friedrichshafen geboren, meine Eltern kommen aus Tunesien. Wir sind fünf Geschwister, ich habe 20 Nichten und Neffen. In der Siedlung, in der ich groß geworden bin, haben alle Väter bei einem Elektronikzulieferer gearbeitet und die Mütter blieben zu Hause, kümmerten sich um den Haushalt und die Kinder. Wir Kids haben gar nicht darüber nachgedacht, dass mehr als ein Hauptschulabschluss möglich ist.

bento: Was machst du, Antje, anders als die Männer, die mit dir in Gremien oder Treffen von Führungskräften sitzen?

Antje: Ich denke gerade an eine fest gefahrene Diskussionsrunde. Wir kamen einfach nicht voran. Auf meine Initiative hin, haben wir dann vereinbart am Ende eines jeden Tages zu sagen, wie wir das Treffen empfunden haben. Plötzlich kam heraus, dass es viel weniger inhaltliche Probleme gab, sondern Teilnehmer sich persönlich übergangen fühlten.

bento: Und diese Empathie ist typisch für Frauen?

Antje: Ich bin eigentlich gegen Geschlechterklischees, denke aber, dass Frauen aufgrund ihrer Sozialisierung häufig leichter über Gefühle und Beziehungen sprechen.

bento: Wie siehst du das, Sarra, haben auch die Frauen in deiner Generation noch zu wenig Mut?

Sarra: Ich erkenne mich da ehrlich gesagt gar nicht wieder. Wenn es eine Chance gibt, nutze ich sie. Wenn ich ein Ziel vor Augen habe, kämpfe ich dafür. So einfach. Ich muss auch sagen, dass ich viele männliche Freunde habe, vielleicht bin ich da anders geprägt.

bento: Die These gibt es ja, dass sich Frauen etwas vom männlichen Verhalten abschauen müssen, um erfolgreich zu sein. Ist da was dran?

Sarra: Das kann ich nicht unbedingt sagen. Bei mir lag es eher daran, dass ich mir unter all meinen Geschwistern schon immer Gehör verschaffen musste.

Antje: Ich muss schon sagen, dass ich am Anfang versucht habe, den Führungsstil meines Vater zu imitieren. Seine klare Meinung und auch das eine oder andere Machtwort stand ihm als Gründer und Leiter des Unternehmens aber natürlich viel besser als mir als Anfänger. Es gab aber Gott sei Dank Kollegen und Kolleginnen, die mir das direkt gespiegelt haben.

So hatte die Chance, meinen eigenen Führungsstil zu entwickeln. Und der ist mittlerweile meine größte Kraftquelle. Ich muss nicht immer stark sein, ich kann einfach ich selbst sein.

Sarra: Aus anderen Unternehmen kenne ich eigentlich nur Männer als Chefs – hauptsächlich ältere. Jemandem nachzumachen, würde ich auch nicht empfehlen, aber ich finde schon, dass man sich was von den Jungs abgucken kann. Dieses Durchsetzungsvermögen.

Antje: Ich bin froh, dass es hier nicht notwendig ist, sondern auch introvertierte Teammitglieder Chancen auf eine Führungsposition haben. 

bento: Sarra, bist du du schon mal mit anderen im Unternehmen aneinandergeraten, weil du aufgrund deines Alters etwas anders gesehen hast?

Sarra: Nein bin ich nicht, aber da fällt mir ein, dass ich mal einen Kollegen hatte, der einen Kalender aufhängen und Termine händisch eintragen wollte. Ich fand das sehr oldschool. Wir sind aber deswegen nicht aneinandergeraten.

bento: Die jungen Leute im Team lachen doch bestimmt über solche Aktionen.

Sarra: Ja, die sind einfach anders aufgewachsen. Neulich habe ich einen Azubi gebeten, etwas zu recherchieren. Als Antwort schickte er mir dann einen Link zu Google.

bento: Ganz schön frech.

Sarra: Ich habe gelacht.

bento: Was wirst du als junge Führungskraft anders machen als deine Vorgängerinnen und Vorgänger?

Sarra: Ich bin Führungskraft für 50 Mitarbeiter, ich kann nicht alles wissen. Teilweise arbeiten sie schon 30 Jahre bei Vaude, also beziehe ich ihre Expertise natürlich mit ein. Die waren schon hier, da war ich noch gar nicht auf der Welt.

bento: Wie fühlt sich das an, Mitarbeiter mit so viel Erfahrung im Team zu haben? Wirst du ernst genommen?

Sarra: Absolut, ich glaube, es wird wertgeschätzt, dass ich die Meinungen anderer einhole. Mir ist wichtig, alle in einen Entscheidungsprozess miteinzubeziehen.

bento: Vor einiger Zeit, gab es in der SZ ein Interview, in dem ein Headhunter erklärte, dass die Generation Z faul und unflexibel ist und noch nicht mal für einen Job von Hamburg nach Frankfurt ziehen würde. Wie kommen sie dann zu Vaude nach Tettnang?

Sarra: Ich nehme es total anders wahr, die Leute haben richtig Bock auf ihre Ausbildung. Aber sie wollen auch was dafür bekommen. Sie schätzen die Angebote, die es hier gibt, ob das Sportprogramm, das Kinderhaus oder die Bio-Kantine. Wenn ich meinen Job wechseln würde, wären mir solche Vorzüge auch wichtig.

Antje: Wir sind als Arbeitgeber gerade bei Generation Y und Z sehr begehrt. Durch unseren starken Fokus auf Nachhaltigkeit bieten wir nicht nur viel Möglichkeiten, Leben und Arbeiten frei zu gestalten, sondern auch mit Sinn und Werteorientierung zu arbeiten. Trotz der provinziellen Lage und Vollbeschäftigung brauchen wir so gut wie nie einen Headhunter.

bento: Es gibt Start-ups, die haben gar keine Hierarchien. Urlaub und Gehalt werden gemeinschaftlich besprochen. Eine Idee für Vaude?

Antje: Wir haben schon viele Ansätze im Unternehmen zu solchen Aushandlungsprozessen aber eben nicht als einseitiges Konzept sondern parallel zu hierarchischen Strukturen. Generell habe ich die Erfahrung gemacht, dass man einem Unternehmen keine Konzepte überstülpen kann, es muss sich aus der eigenen Kultur entwickeln. Das haben wir schmerzhaft gelernt, als uns ein externer Berater sein Agilitäts-Konzept überstülpen wollte.

bento: Macht sich das steigende Klimabewusstsein auch in euren Bewerberzahlen bemerkbar?

Antje: Wir haben generell sehr wenig Probleme, genügend Bewerber zu finden.

bento: Die Modeindustrie verursacht in einem Jahr mehr Treibhausgasemissionen als alle internationalen Flüge und Schiffe zusammen. Vaude lässt unter anderem in Vietnam, China, Korea und Taiwan produzieren. Ihre Kleidung wird um den Globus transportiert. Zwar arbeitet der Standort Tettnang klimaneutral, aber das Problem des übermäßigen Konsums bleibt. Steht das Firmenkonzept nicht trotzdem im absoluten Widerspruch zur Klimafreundlichkeit?

Antje: Klar, generell sind auch wir ein Teil der problematischen Textilindustrie. Wir arbeiten allerdings seit über einem Jahrzehnt daran, dass wir nicht nur Teil des Problems, sondern auch Teil der Lösung sind. Der Transportweg ist durch Schiffsverkehr dabei jedoch mit fünf Prozent nur der kleinste Teil des Fußbadruck unserer Produkte.

Unser Hauptfokus liegt in der Materialauswahl und der Produktionsweise. Wir produzieren den Großteil der gesamten Kollektion mittlerweile nach den strengsten ökologischen und sozialen Standards mit möglichst geringen Emissionen. Außerdem sollen unsere Produkte viel und lange zum Einsatz kommen – dank langlebigem und reparablem Design. Zum Beispiel haben wir eine Reparaturwerkstatt vor Ort, es gibt auch die Möglichkeit Produkte zu leihen.

bento: Der Leitspruch von Vaude lautet: 'Als nachhaltig innovativer Outdoor-Ausrüster leisten wir unseren Beitrag zu einer lebenswerten Welt, damit auch Menschen von morgen die Natur genießen können.' Glaubt ihr noch daran?

Antje: Schon als Kind hat mich die Frage angetrieben, was mit der Welt von Morgen passiert. Damals war die Abholzung des Regenwaldes genau so ein Thema. Das hat mich auch bei der Wahl des Berufes stark beeinflusst. Für mich ist es ein Geschenk, hier aktiv handeln und meinen Beitrag für eine lebenswerte Welt leisten zu können. Das gibt mir Kraft und es gibt mir Hoffnung. Und auch Greta Thunberg vermittelt ja, dass Einzelne etwas bewegen können.

Sarra: Wir sind am Freitag alle zusammen zur "Fridays for Future"-Demo gefahren, das fand ich super, dieses Gemeinschaftsgefühl. Insofern habe ich große Hoffnung.


Gerechtigkeit

Spurensicherung selbst zahlen: Was Frauen erwartet, wenn sie vergewaltigt wurden
Spahn will die Spurensicherung neu regeln. Wir haben eine Expertin gefragt, was sich sonst noch ändern muss.

Opfern einer Vergewaltigung fehlt es in Deutschland an staatlicher Unterstützung. Frauen, die nach einer Gewalttat eine Arztpraxis oder eine Klinik aufsuchen, müssen dort oft die Kosten der Spurensicherung selbst tragen. Wollen sie Spermaspuren des Täters sichern und sich auf mögliche K.O.-Tropfen hin untersuchen lassen, müssen sie bezahlen. Das kann mehrere Hundert Euro kosten, sagt eine Expertin der Medizinischen Soforthilfe Frankfurt.

Die Vergewaltigung: ein Privatproblem.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) will das nun ändern. Die gesetzlichen Krankenkassen sollten künftig die Spurensicherung erstatten. Ärzte und Krankenhäuser sollen diese Leistungen mit den Kassen abrechnen, ohne dass die untersuchte Person von der Krankenkasse identifiziert werden kann. Die Regelung solle auch dann gelten, wenn die Betroffenen vorher nicht bei der Polizei Anzeige erstattet haben – weil sie zum Beispiel zu viel Angst hatten. "Wir helfen nun, damit frühzeitig eindeutige Beweise durch Ärzte anonym gesichert werden können, um mögliche Täter später auch zu überführen", sagte Spahn. (Tagesspiegel)