Bild: Jessica Krzikawski
Berufe so erklärt, dass auch deine Eltern sie verstehen

Berufe so erklärt, dass auch deine Eltern sie verstehen

Als wir klein waren, fragten unsere Eltern, was wir werden wollen. Feuerwehrmann vielleicht? Oder Lehrerin? Traditionsberufe, unter denen sich jeder etwas vorstellen kann. Nun haben wir Berufe mit Namen wie Data Scientist oder Junior SEO Analyst. Und unsere Eltern fragen ratlos: Was machst du eigentlich? In dieser Reihe erklären wir es ihnen.

Jessica Krzikawski, 30, ist UX-Designerin bei einem Softwareentwickler.

bento: Jessica, wie hat deine Familie reagiert, als sie erfahren hat, dass du UX-Designerin wirst?

Jessica Krzikawski: Ich saß mit meinen Eltern und meiner Großmutter am Esstisch und erzählte, dass ich ein Angebot für ein Praktikum als UX-Designerin bekommen hatte. Das war in meinem vorletzten Semester. Zuerst guckten alle etwas ratlos, sie hatten den Begriff noch nie gehört. Meine Mutter besitzt kein Smartphone, meine Oma hat noch nie einen Computer benutzt. Glücklicherweise fiel mir ein anderes Beispiel ein, um ihnen den Job zu erklären: ein Geldautomat. Den hat jeder schon mal bedient – und da hat auch jemand UX-Design gemacht.

Warum wird bei einem Geldautomaten zuerst die Karte und dann das Geld ausgegeben? Weil wir Menschen eine Aufgabe als beendet ansehen, sobald ein Ziel erreicht ist. Wir würden also ohne die Karte weglaufen, wenn wir erst das Geld zurückbekommen würden. Das haben UX-Experten in Nutzerstudien herausgefunden. Und das konnte meine Familie sehr gut nachvollziehen.

bento: Wofür steht die Abkürzung UX eigentlich?

Jessica: UX steht für User Experience. Die Firma, in der ich arbeite, entwickelt eine Software und stellt sie anderen Unternehmen zur Verfügung. Als UX-Designerin sorge ich dafür, dass die Nutzerinnen und Nutzer – auf Englisch User – mit dieser Software ein positives Erlebnis – auf Englisch Experience – haben.

bento: Das musst du genauer erklären.

Jessica: Unsere Kunden sind Unternehmen aus den verschiedensten Branchen. Das kann zum Beispiel ein Onlineshop sein oder ein Yoga-Studio, über dessen Website Kunden Termine buchen können. Ich bin dafür zuständig, dass die Nutzer die Software schnell verstehen und gern benutzen: Ist sie optisch klar und selbsterklärend? Ist sie sowohl auf großen als auch auf kleinen Monitoren gut zu erkennen? Was muss sich am Aufbau ändern, damit das passt?

bento: Wie sieht dein Arbeitsalltag aus?

Jessica: Ich teile mir mit drei Kollegen ein Büro, die anderen nennen es unsere kreative Ecke. Wir benutzen digitale Boards, in denen wir für alle sichtbar aufschreiben, woran wir gerade arbeiten und was an dem Tag ansteht. Morgens schaue ich als erstes auf diese Boards und sortiere meine Aufgaben. Tagsüber sitze ich dann in vielen Meetings: Mit den Produktmanagern spreche ich darüber, welche neuen Funktionen für unsere Software entwickelt werden sollen, mit Entwicklerinnen darüber, wie sich die Funktionen am besten technisch umsetzen lassen. Manchmal besuche ich auch Kunden, um herauszufinden, wie Nutzer mit unserer Software zurechtkommen. 

bento: Was machst du mit all diesen Informationen?

Jessica: Zunächst zeichne ich auf Papier oder ein Whiteboard, wie die Benutzeroberfläche der Software aussehen könnte. Wo im Menü steht was, wo kann man einen Button anklicken, wo einen Text eingeben? Meine Kolleginnen und Kollegen im Büro sitzen an ihren eigenen Projekten, trotzdem tauschen wir uns aus, unterstützen uns und geben Ratschläge.

Meinen ersten Entwurf bringe ich in die nächsten Meetings mit und sammle Feedback; Ist das, was ich mir ausgedacht habe, für die Programmierer überhaupt umsetzbar? Passt alles für den Kunden? So entwickle ich meinen Entwurf immer weiter, bis ich ihn schließlich mit allen finalen Formen und Farben in ein Grafikprogramm übertrage. Am Ende baut unser technisches Team das, was ich entworfen habe, in unsere Software ein.

bento: Das klingt so, als müsstest du von allem ein bisschen Ahnung haben – von Technik, von Design, von dem, was Menschen brauchen und wie sie arbeiten. Was hast du gelernt, um UX-Designerin zu werden? 

Jessica: Ursprünglich wollte ich Psychologie studieren. Als ich mich auf der Seite meiner Wunsch-Uni informierte, entdeckte ich zufällig den Studiengang Mensch-Computer Interaktion. Das fand ich interessant, weil es Psychologie und Informatik kombiniert. Während des Studiums kam ich zum ersten Mal mit UX-Design in Kontakt und machte ein Praktikum in dem Bereich. Nach dem Studium fing ich bei meiner jetzigen Firma an.

bento: Würde dein Job in anderen Unternehmen anders aussehen? 

Jessica: Es gibt Betriebe, in denen UX-Design in verschiedene Bereiche unterteilt ist: Da gibt es Spezialisten für User-Research, die den ganzen Tag Nutzer analysieren und sogenannte Personas erstellen, also Modell- oder Durchschnittsnutzer, nach deren Bedürfnissen die Software entwickelt wird. Es gibt Spezialistinnen für Interaktions-Design, die nur für die Elemente in einer Software zuständig sind, die man streichen, tippen oder ziehen kann. Es gibt das Usability-Testing, bei dem die Software von echten Nutzerinnen getestet wird. Und es gibt Spezialisten für Texte oder Farbgestaltung.

Ich dagegen arbeite als generalistische UX-Designerin. Das bedeutet, dass ich von allen Bereichen Ahnung haben muss. Das ist eine Herausforderung, aber auch abwechslungsreich. 

bento: Welche besonderen Fähigkeiten braucht man als generalistische UX-Designerin?

Jessica: Man sollte unbedingt kommunikativ und teamfähig sein, denn man redet wirklich sehr viel. Man braucht viel Einfühlungsvermögen im Umgang mit den Nutzern, ihre Bedürfnisse muss man auch zwischen den Zeilen erkennen. Manchmal hat man Stunden an einem Entwurf gearbeitet, der letztendlich doch nicht überzeugt, und fängt nochmal von vorn an – das darf man sich nicht zu Herzen nehmen. Und man sollte flexibel sein: Ich arbeite oft an fünf bis acht Projekten gleichzeitig. Es passiert häufig, dass ich gerade einen Entwurf für das eine Projekt zeichne – und plötzlich kommt jemand rein, der etwas zu einem anderen Projekt wissen möchte. Da muss man schnell umschalten.

bento: Wie viel verdient man als UX-Designerin?

Jessica: Zwischen 35.000 und 60.000 Euro brutto im Jahr sind möglich – je nachdem, in welchem Unternehmen man arbeitet und wie viel Erfahrung man hat.

bento: Welcher Aspekt gefällt dir an deinem Job am besten?

Jessica: Dass die Arbeit so abwechslungsreich ist. Man analysiert und recherchiert, macht Nutzertests und wertet Ergebnisse aus. Man arbeitet kreativ und kann die Entwicklung der Software direkt beeinflussen. Außerdem hat man als UX-Designer die Möglichkeit, Feedback von Menschen zu sammeln, die die Software benutzen. Das ist sehr wertvoll. Jeder hat individuelle Bedürfnisse und eine eigene Auffassung von der Welt. Wir können nur dann gute Software entwickeln, wenn wir Nutzer zu Wort kommen lassen.


Gerechtigkeit

Politik in Bayern: Wo junge Frauen um ihren Ruf fürchten
Ein Gespräch mit einer Forscherin, die mit diesen Frauen gesprochen hat.

In keinem anderen deutschen Bundesland sitzen so wenige Frauen in politischen Ämtern und Gremien wie in Bayern. Von den bayerischen Bürgermeisterinnen und Bürgermeistern sind gerade einmal neun Prozent Frauen. Unter den Landräten in den Landkreisen sind es sogar nur sieben Prozent. (DER SPIEGEL)

Barbara Thiessen, Prodekanin der Fakultät für Soziale Arbeit an der Hochschule Landshut, nennt Bayern darum "das bundesweite Schlusslicht geschlechtergerechter Partizipation". Die 54-Jährige versucht herauszufinden, warum dort vor allem so wenige junge Frauen Politik machen – und wie man das ändern kann. Dafür hat sie an der Hochschule Landshut das Projekt "FRIDA" – Frauen in der Kommunalpolitik – ins Leben gerufen, das sie für den Forschungsverband "ForDemocracy" durchführt. Ihre Ergebnisse sind vor allem in Hinblick auf die Kommunalwahl in Bayern am Sonntag interessant.