Bild: Holly Mandarich/Unsplash
Das erklärt ein Psychologie-Professor im Interview. Außerdem erzählt er, wie sich die Urlaubsbedürfnisse der Generationen unterscheiden.

Zum Jahresausklang läuft die Urlaubsplanung für das folgende Jahr in vielen Firmen auf Hochtouren. Für Berufseinsteigerinnen und -einsteiger ist es oft das erste Mal, dass sie einen kompletten Jahresurlaub planen. Wer während des Studiums noch flexibel durch die Welt reisen konnte, muss sich auf einmal nach festen Strukturen im Unternehmen richten. Es heißt nun 25 bis 30 Tage Urlaub, statt zweimal im Jahr Semesterferien.

Sind die Zeiten von Backpacking im australischen Hinterland damit vorbei? Wie bringt man Urlaub mit seiner Work-Life-Balance in Einklang? Brauchen Berufseinsteiger eigentlich eine andere Art von Urlaub als Menschen, die schon länger im Job sind?

Darüber haben wir mit dem österreichischen Psychologie-Professor Gerhard Blasche gesprochen. Im Interview erzählt er, wie man sich im Urlaub am besten erholt – und warum man auch zu lange Ferien machen kann.

Gerhard Blasche

Jahrgang 1963. Klinischer Psychologe, Gesundheitspsychologe und Psychotherapeut. Er hat sich im Fachbereich Medizinische Psychologie habilitiert und ist am Zentrum für Public Health der Medizinischen Universität Wien tätig. Seine Forschungsschwerpunkte sind die Förderung der Gesundheit durch Entspannung, Erholung, Freizeit und Urlaub sowie durch Kur- und Rehabilitationsaufenthalte. 

bento: Brauchen Jobneulinge anderen Urlaub als Menschen, die schon länger im Berufsleben sind?

Gerhard Blasche: Es gibt einen gewissen Alterseffekt. Ältere Menschen brauchen mehr Erholung als jüngere. Berufsanfänger brauchen zwar auch Ruhepausen, stecken es aber leichter weg, wenn sie mal weniger Mußezeit haben. Man muss aber grundsätzlich sagen, dass die Einstellung der Berufseinsteiger heute eine andere ist als früher – der Job spielt nicht mehr die alleinige Hauptrolle, andere Lebensbereiche sind wichtiger. Das spiegelt sich auch darin wider, wie sie Urlaub machen wollen.

bento: Woher kommt diese veränderte Einstellung?

Gerhard Blasche: Die Elterngeneration der Millenials war stark von der Großelterngeneration beeinflusst, die sich nach dem Krieg viel aufgebaut hatte. Es stand immer das Leistungsprinzip im Vordergrund. Jetzt geht es mehr um ein freunschaftliches Familienverhältnis. Die Millenials finden es okay, ihre Bedürfnisse im Privaten offen anzusprechen. Und das tragen sie auch mit ins Arbeitsleben.

bento: Ist das Bild der rucksackreisenden Millenials, die ihren Jahresurlaub am Stück nehmen und wochenlang durch Australien trampen, realistisch?

Gerhard Blasche: Es gibt dieses Klischee, aber ich denke, das ist sehr zugespitzt. Für Erholung ist es eigentlich nicht zweckmäßig, seinen gesamten Urlaub auf einmal zu nehmen. Man braucht immer wieder mal Erholungszeiten gegen die Müdigkeit und zum emotionalen Ausgleich. Ein Mix aus längeren und kürzeren Urlauben ist wichtig.

bento: Gibt es ein Erfolgsrezept für den perfekten Urlaub?

Gerhard Blasche: Gute Erholung ist es, wenn man sich mental von seiner Arbeit und anderen Lebensverpflichtungen distanzieren kann. Wenn man auch in der Freizeit an den Job denkt, werden dennoch Stresshormone ausgeschüttet. Es kann schon helfen, am Wochenende oder einem freien Tag sogenannte Mikroabenteuer zu erleben. Dafür muss man nicht extra zum Backpacken nach Australien. Es reicht, sich in der Natur aufzuhalten und sich unmittelbar mit der Welt um einen herum auseinanderzusetzen. Natur hat von Haus aus schon die Eigenschaft, dass man dort leichter zur Ruhe kommt. 

bento: Wie bekommt man den Kopf im Urlaub am besten frei?

Gerhard Blasche: Es braucht auch in der Freizeit kleine Erfolgserlebnisse. Man kann stolz auf sich sein, wenn man eine Wanderung geschafft oder einen Berg bestiegen hat. Das verschafft einem oft persönlich mehr Bestätigung als in der Arbeitswelt. Eigentlich muss man nur drei Grundbedürfnisse befriedigen, um den Kopf frei zu kriegen: Man braucht ein Erfolgserlebnis, muss ein Gefühl von Zugehörigkeit spüren und sich trotzdem autonom fühlen.

bento: Klingt schwierig.

Gerhard Blasche: In der Theorie schon. Aber im echten Leben ist es doch etwas einfacher. Eine Wanderung zusammen mit Freunden kann das schon erfüllen.

bento: Was ist mit einem Städtetrip?

Gerhard Blasche: Auch der kann ablenkend sein. Aber durch die Anreise und den Verkehr vor Ort hat man wieder zusätzlichen Stress. Generell kann man sagen: Erholsam ist, was Freude bereitet. Wer mit der Natur nichts am Hut hat, sollte daher eher etwas anderes machen.

bento: Ist Urlaub auf dem heimischen Balkon auch eine gute Option? Oder sollte man eher in eine andere Zeitzone reisen?

Gerhard Blasche: Grundsätzlich ist es besser, den Heimatort zu verlassen. Räumliche Distanz erleichtert es, auf andere Gedanken zu kommen und sich zu erholen. Man muss nicht nach Australien – auch, wenn es für junge Leute mittlerweile normaler ist, so weit weg zu reisen. Ich wohne in Wien und fahre manchmal einfach in die Berge. Die sind circa 150 Kilometer entfernt und trotzdem ist die Landschaft schon komplett anders.

bento: Wie oft sollte man sich freinehmen?

Gerhard Blasche: Alle zwei bis drei Monate sollte man mehrere Tage am Stück Urlaub haben. Fällt ein Feiertag auf einen Donnerstag, bietet es sich zum Beispiel an, einen Brückentag zu nehmen. 

bento: So eine klassische Urlaubsplanung ist nicht in allen Berufen möglich. Was sollten Freelancer und Schichtarbeiter beachten?

Gerhard Blasche: Hier gilt strenggenommen dasselbe. Als Freelancer ist die Urlaubsplanung sogar noch wichtiger, da man sonst Gefahr läuft, die eigene Erholung zu vernachlässigen. Bei Schichtarbeitern empfehle ich längere Urlaubsblöcke am Stück, um länger in einem normalen Rhythmus zu verweilen.

bento: Kann man eigentlich auch zu lange Urlaub machen, sodass die positiven Effekte verpuffen?

Gerhard Blasche: Es gibt Studien darüber, dass Kinder in zwei Monaten Sommerferien hinsichtlich ihrer Lernleistung und der messbaren Intelligenz abbauen. Dieser Effekt tritt auch bei älteren Menschen auf. Fertigkeiten, die wir nicht brauchen, bauen wir ab – sowohl bei geistigen als auch bei körperlichen Tätigkeiten.

bento: Bringt ein längerer Urlaub dann zumindest mehr Erholung?

Gerhard Blasche: Nein, das ist nicht so. Nach zehn Urlaubstagen ist man in der Regel erholt. Der Effekt nutzt sich nach drei bis vier Wochen ab. Selbst nach einem Sabbathical hält die Erholung nicht länger an. Wer sich sehr lang frei nimmt, muss die Zeit mit irgendetwas nutzen, das für ihn persönlich wichtig ist – etwa die Renovierung der Wohnung oder das Lernen einer neuen Sprache. Dann ist es eine Bereicherung, ansonsten fühlt man sich häufig wieder in einem Ungleichgewicht.

bento: Wenn sie wieder zurück sind, fallen viele in eine Art "Nach-Urlaubs-Depression". Was kann man dagegen tun?

Gerhard Blasche: Der Kontrast zwischen Urlaub und Job ist groß. Ich würde empfehlen, sanft wieder einzusteigen. Wenn man am Montag wieder arbeiten muss, sollte man nicht erst am Sonntagabend aus dem Urlaub zurückkommen, sondern lieber am Freitag. Für die ersten Tage zurück im Job sollte man sich nicht zu viel vornehmen. Lieber erstmal E-Mails lesen oder Organisatorisches erledigen und keine großen Termine vereinbaren. Wer an der ersten Tagen zu viel macht, verliert den Erholungseffekt rascher.

bento: Machen wir uns heute besonderen Druck, in unserer freien Zeit unbedingt bestimmte Dinge erleben zu müssen?

Gerhard Blasche: Das würde ich so unterschreiben. Es klingt zwar abgedroschen, aber das Angebot ist auch einfach größer als bei früheren Generationen. Man kann mehr unternehmen und erwartet deswegen mehr von sich selbst. Andere waren in Australien und ich nicht? Dann muss ich da natürlich auch hin, denken viele – auch wenn das nicht stimmt.


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