Bild: David Lampe / Change.org
Im Interview erklärt sie, wie das Projekt "United We Stream" funktioniert.

Was in Berlin jahrelang undenkbar schien, ist in der Coronakrise Realität: Kein einziger Club hat geöffnet. Seit Wochen. In Hamburg, München, Köln und anderen Städten ist es das Gleiche. Clubkultur lebt von vielen Gästen, von Enge und Nähe. Dass die Kontaktbeschränkungen etwas gelockert wurden, erleichtert die Situation für Betreiberinnen und Betreiber also erstmal nicht.

Viele Clubs kämpfen ums Überleben (SPIEGEL). Um die Zeit ohne Gäste zu überbrücken, sind sie kreativ geworden. Sie bieten Livestreams an, verkaufen Gutscheine oder bitten um Spenden.

"United We Stream" ist der größte virtuelle Club in Deutschland

(Bild: imago images / Emmanuele Contini)

In Berlin schlossen sich schon Anfang März Clubbesitzer und Veranstalterinnen zusammen, um Partys zu den Menschen nach Hause zu bringen. Jeden Abend legen DJs in leeren Clubs auf und werden dabei gefilmt. "United We Stream" heißt das Projekt, organisiert wird es von der "Clubcommission Berlin", die die Interessen der Berliner Clubs vertritt, und "Reclaim Club Culture", einem Netzwerk Kulturschaffender und Forschender. Auf der Homepage können die virtuellen Gäste freiwillig spenden oder Merchandise kaufen. Das Angebot gibt es mittlerweile auch für Städte wie Hamburg, Amsterdam, Stuttgart, Wien, Bremen und Manchester, dafür kooperieren die Macher des Berliner Originals mit den Betreiberinnen vor Ort.

Können Clubs so gerettet werden? Das haben wir Lewamm "Lu" Ghebremariam, 30, gefragt. Sie veranstaltet die queer-feministische Party "BRENN. Berlin", ist im erweiterten Vorstand der "Clubcommission" und organisiert die Livestreams mit.

Corona-Ideen

Wegen der Coronakrise verlieren viele Menschen ihren Job, müssen in Kurzarbeit gehen und geraten in Geldnot. Oft bleibt ihnen nichts anderes übrig, als einfach zu Hause zu sitzen. Bei allen Schwierigkeiten zeigt sich dabei: Not macht erfinderisch. Wir wollen einige Corona-Ideen vorstellen. Junge Unternehmerinnen und Unternehmer, die sich originelle Wege aus der Krise überlegt haben, erzählen uns, wie sie gerade mit der Situation umgehen – und die Pandemie bewältigen wollen.

Drei Fragen an Lewamm, Mitorganisatorin von "United We Stream"

bento: Ihr gebt Clubs und DJs die Möglichkeit, im Internet zu streamen. Was wollt ihr damit bewirken?

Lewamm: Vor allem geht es um Solidarität – zwischen und mit den Clubs, den Angestellten, den freien Mitarbeitenden und den Gästen. Die Livestreams sind eher ein Mittel zum Zweck. Die Clubs sollen sich als Orte präsentieren können, die die Kultur einer Stadt prägen und Kunst erlebbar machen. Außerdem wollen wir Spenden sammeln und damit den Clubs beim Bezahlen der Miete helfen. Bis jetzt haben wir schon mehr als 450.000 Euro gesammelt. In den kommenden Tagen werden die ersten 300.000 Euro ausgezahlt.

Hinter der ganzen Aktion steckt ein riesiges Team. United We Stream ist zwar eine Initiative der Clubcommission und von Reclaim Club Culture – wir haben aber auch Hunderte ehrenamtliche Helferinnen und Helfer, die täglich teilweise 13 bis 14 Stunden investieren, um das Projekt zu stemmen. Sie kümmern sich zum Beispiel darum, dass die Abwicklung der Spenden funktioniert, dass die Streams technisch fehlerfrei laufen – und letztlich, dass die Leute zu Hause trinken, tanzen und ihr eigenes kleines Club-Erlebnis haben können.

bento: Könnten Clubs gerade allein überleben?

Lewamm: Nein, auf keinen Fall. Große Läden kommen zwar durch Spendenaktionen und den Verkauf von Merchandise etwas besser zurecht als kleine Clubs, aber alle müssen kämpfen. Gerade Underground-Läden, subkulturelle Angebote oder queere Räume haben eine geringe Überlebenschance. Auch United We Stream ist da nur ein Tropfen auf den heißen Stein, so ehrlich muss man sein.

Als Clubcommission setzen wir uns schon seit Jahren mit der Politik und ihren Plänen auseinander. Dieser Diskurs ist gerade wichtiger denn je. Die Clubbesitzerinnen verstehen die Maßnahmen zur Eindämmung des Virus. Aber wir müssen jetzt auch konstruktiv über Fördermöglichkeiten diskutieren – und darüber, was passiert, sollten Clubs wirklich die Letzten sein, die wieder öffnen dürfen. Wir kämpfen zum Beispiel schon lange für einen Gewerbemieterschutz. Vermieterinnen können Clubs gerade bei ausbleibenden Mietzahlungen einfach kündigen. Gäbe es den Schutz bereits, wäre das anders. In Berlin weiß man: Wird einem Club innerhalb des Rings gekündigt, ist es fast unmöglich, eine neue, geeignete und vor allen Dingen bezahlbare Location zu finden.

bento: Habt ihr Ideen, wie man mittelfristig auch im echten Leben wieder in Clubs gehen könnte?

Lewamm: Es gibt unterschiedliche Ansätze. Clubs könnten zum Beispiel die Gästezahl begrenzen, sofern das dann noch wirtschaftlich ist. Wer feiern gehen will, müsste sich vorher online Tickets kaufen, so wären die Besucherzahlen gut abschätzbar. Alles müsste natürlich ständig desinfiziert werden. Gerade im Sommer könnte man auch nach draußen ausweichen und entsprechende Abstandsregeln einhalten. Einige Clubs haben ja sowieso Außenbereiche, andere müssten die Chance bekommen, ungenutzte Flächen für Outdoor-Veranstaltungen anzumieten.

Wir als United We Stream werden auf jeden Fall so lange weitermachen, wie es nötig ist. Selbst wenn in Berlin Clubs wieder öffnen dürfen, heißt das nicht, dass sich die Situation an anderen Orten auch entspannt – andersrum natürlich genauso. Wir haben quasi aus dem Nichts eine Plattform geschaffen, auf der mittlerweile nicht mehr nur Musik gehört wird. Wir veranstalten auch Podiumsdiskussionen und versuchen, auf gesellschaftliche und clubpolitische Herausforderungen aufmerksam zu machen, die es schon lange gibt. Clubs müssen als Kulturstätten anerkannt werden. Vielleicht erreicht diese Botschaft durch unser Online-Engagement nochmal mehr die Öffentlichkeit und politische Entscheider.


Tech

GIFs waren schon lange nur noch nervig, jetzt ruiniert Facebook sie wohl endgültig
Doch es gibt noch Hoffnung.

1,9 Sekunden lang tanzt Khalid fröhlich-verträumt mit seinen Armen auf dem Pausenhof. Dann beginnt eines der beliebtesten GIFs des vergangenen Jahres wieder von vorn. Es sind fast zwei Sekunden, die laut Giphy bislang mehr als 234 Millionen Mal weltweit abgespielt wurden. Mindestens. Wie oft hintereinander der Tanz des 22-jährigen R&B-Sängers bislang wirklich angeschaut wurde, weiß niemand.

GIFs waren einmal Internet-Strandgut

Schon allein, dass die Aufrufzahlen eines GIFs überhaupt gezählt werden, wäre vor wenigen Jahren wohl noch undenkbar gewesen. Die verpixelten Animationen waren lange Zeit so etwas wie Internet-Strandgut, Ausdruck einer oft nischigen Netzkultur und nicht selten das Ergebnis einsamer Bastelstunden vor YouTube - lange bevor wir das Coronavirus kannten. 

GIFs funktionieren ohne Ton, oft ohne Text – und praktisch auf jedem Gerät, das einen Bildschirm hat und ein paar verwackelte Bilder darstellen kann.

Inzwischen ist daraus ein Millionen-Dollar-Geschäft geworden. In dieser Woche kündigte Facebook an, die GIF-Suchmaschine Giphy aufzukaufen. Für 400 Millionen Dollar, heißt es (SPIEGEL). Bereits heute finden sich die Bilder, die auf Giphy gesammelt sind, über zahlreiche Daten-Pipelines verknüpft auch in Messengern und auf Social-Media-Plattformen. Auch wer auf der Arbeit mit Slack ein lustiges GIF verschickt, tut es meist mithilfe von Giphy. 

Giphy dürfte bald instagrammisiert werden

Jetzt soll das Unternehmen Teil der Facebook-Tochter Instagram werden – und die bisherigen Partnerschaften und Vermarktungsmöglichkeiten weiter pflegen, wie es heißt. Giphy dürfte damit absehbar instagrammisiert werden. Vermutlich ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis es die ersten GIFs mit Werbeunterbrechungen oder Live-Angebote gibt.