Bild: eShot

Auch Menschen, die in ihrem Traumjob arbeiten, brauchen ihn früher oder später: Urlaub. Wenn man im Handy nur noch die Bilder aus dem vergangenen Sommer anschaut, nebenbei Last-Minute-Seiten checkt und sich in der Mittagspause einen Cocktail bestellt, ist klar: Es muss endlich eine Auszeit geben.

Mindestens vier Wochen Urlaub pro Jahr sind in Deutschland Pflicht – aber geht da nicht noch mehr? Die Fotoagentur eShot aus Berlin und Hamburg wirbt mit unbegrenzten Urlaubstagen.

Wie soll das funktionieren?

Das eShot-Büro in Hamburg liegt in einem Industriegebiet außerhalb des Stadtzentrums. Kleiderstangen reihen sich in der Lagerhalle aneinander. Hinter einer Stellwand zieht sich gerade ein Model um, vor einer anderen fotografiert ein Fotograf die neuesten Looks. Fließbandarbeit in der Modeindustrie. 

Utopien der Arbeitswelt

Unbegrenzt Urlaub, gleiches Geld für alle, für immer Home Office – es gibt tatsächlich Unternehmen, die leben diesen Traum. Und ist da dann alles besser? 

Wir fragen nach.

eShot bestückt mit den Fotos Online-Shops und schreibt auch die Produktbeschreibungen dazu. Gleichzeitig berät die Agentur andere Unternehmen, die die Fotos lieber selbst produzieren wollen.

In Hamburg gibt es zwölf Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, deutschlandweit etwa 100 – Stylisten, Fotografinnen, Texter, Beraterinnen. "Im Durchschnitt sind wir etwa um die 30 Jahre alt – also ein sehr junges Unternehmen", sagt Regina Wolters, die das Studio in Hamburg leitet.

2013 stellte eShot die ersten Mitarbeiter ein – die unbegrenzten Urlaubstage gehörten von Beginn an dazu. 

"Es schafft gleich ein Vertrauensverhältnis zwischen Mitarbeitern und Führungskräften", sagt Regina. Mitarbeiterinnen sind dadurch selbstbestimmter und freier. "Und nur zufriedene Mitarbeiter sind auch gute Mitarbeiter." 

Aber wie klappt es mit der Umsetzung? Wir haben Aurelio Schrey, 33, gefragt. Er arbeitet als Berater bei eShot in Berlin. 

(Bild: eShot)

Aurelio, wie viel Urlaub hattest du im vergangenen Jahr?

Ich glaube, so 20 Tage.

Im Vergleich zu anderen ist das aber deutlich weniger.

Tendenziell nimmt man weniger Urlaubstage, wenn sie unbegrenzt sind.

Warum? 

Für mich verschmelzen Arbeit und Leben miteinander. Mir macht es nichts aus, im Urlaub mal kurz auf die Mails zu schauen. Andere gehen nach der Arbeit hier raus und dann ist es für sie vorbei, sie können total abschalten. Manche nehmen auch 40 Tage Urlaub. Beide Varianten sind gut, keine ist falsch.

Fühlen sich manche Kollegen nicht ungerecht behandelt?

Da habe ich noch keine Reibereien mitbekommen. Ob ich jetzt fünf Tage mehr oder weniger Urlaub habe: Wenn ich unzufrieden bin, bin ich unzufrieden. Wenn ich zufrieden bin, bin ich zufrieden. 

Ich glaube nicht, dass man mit Urlaubstagen einen unzufriedenen Menschen zufrieden machen kann.

Warum hast du nur 20 Urlaubstage genommen?  Wolltest du dich profilieren?

Das Ergebnis, das man liefert, hat überhaupt nichts mit der Zeit zu tun, die man präsent ist. Manche Leute brauchen, um gute Ergebnisse zu erzielen, mehr Urlaub und manche brauchen eben weniger. 

Ich freue mich jeden Tag. Wenn ich zur Arbeit radele, bekomme ich gute Laune. 

"Unbegrenzter Urlaub", heißt das, man kann 50 Tage fehlen?

Nein, so viel Urlaub macht hier niemand. Am Ende kommt nicht raus, dass einer 100 Tage Urlaub hat und der andere 0 – bei gleichem Gehalt. 

Dann ist am Ende doch alles wie bei gewöhnlichen Unternehmen?

Nein, das wiederum auch nicht. Größtenteils planen unsere Mitarbeiter eine gewisse Anzahl an Urlaubstagen fest über das Jahr ein, andere Tage bleiben flexibel. Ich habe mich aber an der Jahresplanung zum Beispiel im vergangenen Jahr gar nicht beteiligt und mir immer kurzfristig Urlaub genommen. 

Außerdem ist das Gefühl ein anderes: Mir als Mitarbeiter wird vertraut, dass ich meinen Urlaub richtig einschätze – und ich werde nicht schief angeguckt, wenn ich mir spontan einen Urlaubstag nehme.

Ist das nicht total schwierig für die Vorgesetzten zu planen?

Ja, das ist ein Problem, das die Chefs auch festgestellt haben. Wir überdenken deshalb unser System. Im Grunde sind wir ein Handwerksbetrieb, der sehr genau seine Produktion planen muss. 

Wie plant ihr derzeit?

Wir haben ein Tool, in dem jeder Mitarbeiter seine Urlaubswünsche eintragen kann. Diesen Plan sehen erst einmal nur die Abteilungen selbst. Wenn zwei Kollegen parallel Urlaub planen, müssen sie miteinander reden und sich abstimmen. 

Erst wenn man sich untereinander einig ist, bekommen die Führungskräfte die Urlaubsanträge – der Chef oder die Chefin mischt sich nicht ein und genehmigt nur noch den Urlaub. Sich spontan einzelne Tage frei zu nehmen ist aber immer noch möglich. 

Aurelio findet das System also gut – nimmt aber relativ wenig Urlaub. Außerdem gibt es für Vorgesetzte Probleme bei der Planung. Das Konzept wackelt. Woran liegt es?

Für eShot ist der "unbegrenzte Urlaub" vor allem gutes Bewerber-Marketing. "Ich bekomme in Bewerbungsgesprächen immer wieder zu hören, dass viele dadurch auf uns aufmerksam geworden sind", sagt Regina.

Bei der Umsetzung ergeben sich aber Herausforderungen: Das Unternehmen ist auf kanpp 100 Mitarbeiter gewachsen. Die Produktion muss genau geplant werden, es gibt ein genaues Zeiterfassungssystem, damit die Aufträge zuverlässig erfüllt werden. 

Und vor allem ist die Absprache unter den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern nicht mehr so einfach, sagt eShot-Gründer Christian Thum. "Wir sehen, dass bei einigen Mitarbeitern Druck entsteht. Ein Beispiel: Wenn jemand neu anfängt, will er sich profilieren und traut sich vielleicht nicht so viel Urlaub zu nehmen." Außerdem sei es für das Führunsgteam eine "riesige Challenge" für eine gerechte Verteilung unter den Mitarbeiterinnen zu sorgen – vor allem, je größer das Unternehmen werde. 

Im kommenden Jahr soll es erst einmal bei den unbegrenzten Urlaubstagen bleiben. Für die Jahre danach ist Thum aber skeptisch. 


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