Bild: Wiebke Bolle
Aus Chemnitz kamen zuletzt oft negative Schlagzeilen – auch die Zahl der Studienanfänger sank rapide. Wie fühlt sich das Unileben dort an? Ein Campusbesuch.

An diesem Wintervormittag ist es warm in Chemnitz, zwölf Grad und Sonne. Wenn man aus dem Hauptbahnhof kommt, sieht man alte Gebäude mit hohen Fenstern und spitzen Dächern.

In den vergangenen zwei Jahren hat es viele negative Schlagzeilen aus Chemnitz gegeben. Nun scheint sich das auf die Universität auszuwirken. 

Denn die TU Chemnitz hat ein Problem: Zum Wintersemester 2019/20 haben sich 2145 Studienanfängerinnen und -anfänger eingeschrieben (MDR). Das sind fast 20 Prozent weniger als im Jahr zuvor. Obwohl die Studierendenzahlen in Deutschland im laufenden Wintersemester einen neuen Rekordwert erreicht haben, wollen offenbar weniger nach Chemnitz (SPIEGEL). 

Warum?

Straße der Nationen: Nicht weit vom Bahnhof ist ein Standort der TU Chemnitz.

(Bild: Wiebke Bolle)

In Fußweite liegt ein Standort der Uni. Der Masterstudent Benjamin Schaller, 29, ist gerade auf dem Weg dorthin.

Benjamin öffnet eine schwere Doppeltür am Haupteingang und geht durch die Eingangshalle mit Steinsäulen, Karofliesen und einer zentralen Treppe zu den Hörsälen. Er studiert Informatik für Geisteswissenschaftler. Der Studiengang ist selten. Darum sei er an die TU gegangen, sagt Benjamin, hier gebe es einige solcher Nischenstudiengänge. 

Benjamin Schaller macht seinen Master in Chemnitz.

(Bild: Wiebke Bolle)

Viele seiner Kommilitoninnen und Kommilitonen kämen nicht aus der Region. Benjamin ist in Thüringen aufgewachsen, später nach Niedersachsen gezogen und dann in den Osten zurückgekehrt. Er ist zufrieden mit seinem Studium: "Der Draht zu den Lehrenden ist gut, man kann sich immer an sie wenden."

Aber er sagt auch: "Chemnitz ist nicht so studentisch geprägt wie andere Unistädte." Als er mit einem Kumpel aus Berlin in eine Bar gegangen sei, habe der sich beklagt, hier wäre ja nichts los. "Dabei war die Bar für Chemnitz schon voll", sagt Benjamin. Das mag auch daran liegen, dass der Anteil der Studierenden in Chemnitz nicht sehr hoch ist. Auf knapp 250.000 Einwohnerinnen und Einwohner kommen etwas mehr als 10.000 Studierende (Stadt Chemnitz und TU Chemnitz).

Neben der Größe der Stadt kommt in allen Gesprächen mit Studierenden irgendwann ein Thema auf: die Ausschreitungen im Sommer 2018 nach dem Tod von Daniel Hillig.

Ausschreitungen in Chemnitz

In der Nacht vom 25. auf den 26. August 2018 wurde Daniel Hillig in Chemnitz erstochen. Als mutmaßliche Täter wurden Geflüchtete ausgemacht. Daraufhin kam es zu verschiedenen Aufmärschen von rechten Gruppierungen und zu Übergriffen auf Menschen mit Migrationshintergrund. 

Am 27. August standen etwa 6000 Demonstranten hinter der rechten Bürgerbewegung "Pro Chemnitz", die Gegendemonstranten zählten etwa 1500. Rechte Demonstranten skandierten unter anderem "Absaufen, Absaufen" im Bezug auf Flüchtlingsboote. 

Die Chemnitzer Band Kraftklub initiierte als Antwort auf die Vorfälle das Konzert "Wir sind mehr".

Benjamin arbeitete damals in der Lokalredaktion der Freien Presse. Einmal habe er in der Redaktion gesessen, als die Nazis direkt daran vorbei marschiert seien, erzählt er. Für ihn habe sich dadurch wenig geändert, zumindest sei es kein Grund wegzuziehen. Benjamin hat seine Stadt auch von einer anderen Seite kennengelernt: Chemnitz kann international und weltoffen sein.

„Aktionen wie die Gegendemos haben mir gezeigt, dass es in Chemnitz andere wie mich gibt.“
Benjamin Schaller

Benjamin sagt aber auch: "Ich bewege mich in meiner kleinen Blase. Die Leute, mit denen ich zu tun habe, sind nicht bei 'Pro-Chemnitz'."

Womöglich ist die ganze Uni eine Blase. Während der Ausländeranteil in der Stadt bei 8,67 Prozent liegt (Stadt Chemnitz), machen die internationalen Studierenden an der TU etwa 28 Prozent aus. Viele kommen aus Indien, Pakistan, Bangladesch oder China. Über das Patenprogramm der Uni hat Benjamin sich mit einem Kommilitonen aus Brasilien angefreundet. Studierende aus dem Ausland sollen so schneller Anschluss finden. Benjamin und der Brasilianer treffen sich regelmäßig und spielen mit anderen Fußball.

Wenn man durch Chemnitz spaziert, fällt vor allem eines auf: Hier ist Platz. Die Straßen sind breit, die Gehwege um die Mittagszeit fast menschenleer. Dazu gibt es viel Wohnraum. Als Student kann Benjamin sich für 315 Euro warm alleine eine 45-Quadratmeter-Wohnung leisten. Altbau und schön saniert. In Städten wie Hamburg oder München wäre das undenkbar. Die bezahlbaren Mieten sind ein gutes Argument für Chemnitz, findet Benjamin. 

Was spricht noch für Chemnitz? Josephine Döring könnte es wissen, die 23-Jährige studiert Lehramt und engagiert sich als Unibotschafterin. 

Josephine Döring gehört zu den "Campus TUschlern", das sind die Botschafterinnen und Botschafter der TU Chemnitz.

(Bild: Wiebke Bolle)

Das heißt, Josephine informiert über das Campusleben, berät Studieninteressierte und schreibt für das Uniblog. "Meine Brüder, die beide in Dresden studiert haben, ziehen mich manchmal damit auf, dass ich in Chemnitz wohne", sagt sie. Klar, auch gegen die größeren Städte in der Umgebung muss Chemnitz sich behaupten.

Dabei gefalle es ihr hier, sagt Josephine, die kurzen Wege, das Familiäre und der Wald in der Nähe. Dazu viel Kultur. Josephine sagt: "Auf dem Campus gibt's einige Freizeitmöglichkeiten: Unikino, Bars und Clubs. Auch im Rest der Stadt finden sich viele Möglichkeiten, seine freie Zeit zu genießen." Oft nutze sie das Kulturticket, mit dem sie während des gesamten Studiums kostenlos Ausstellungen und Aufführungen besuchen kann. 2025 soll Chemnitz sogar Kulturhauptstadt werden.

Dass es trotzdem weniger Studierende nach Chemnitz zieht, hat mehrere Gründe. Einer, der die Zahlen erklären kann, ist Mario Steinebach. 

Der Pressesprecher Mario Steinebach möchte, dass die Uni Chemnitz sich gegen Rassismus positioniert.

(Bild: Jacob Müller)

Auf seinem Schreibtisch ist ein Diagramm ausgebreitet. Mit ruhiger Stimme erklärt der Pressesprecher, warum in jüngster Zeit weniger Studierende nach Chemnitz gekommen sind. "Ende 2016 haben wir einen Numerus Clausus für ein Drittel unserer Studiengänge eingeführt, um die Zielvereinbarung mit dem sächsischen Wissenschaftsministerium zu erfüllen. Denn die Einschreibungen zum Wintersemester 2014/2015 lagen deutlich über der Obergrenze bei den Studierendenzahlen." Der Rückgang der Studierendenzahlen in Sachsen ist also von oben verordnet worden. 

Mittlerweile hat sich die Situation gedreht und Chemnitz muss sich um Studierende bemühen. "Fast alle NCs wurden inzwischen abgeschafft, davon erholt sich eine Uni aber nur langsam", sagt Mario Steinebach. 

Er vermutet, dass auch das negative Bild von Chemnitz dazu beträgt, dass weniger junge Leute an die TU möchten. Die sächsische Wissenschaftsministerin Eva-Maria Stange befürchtete dies schon im Oktober 2018 (MDR). Zur Freien Presse sagte sie: "Bilder von fremdenfeindlichen Protesten wirken abschreckend. Wer die Wahl zwischen verschiedenen Standorten hat, wird sich dann eher nicht für den entscheiden, der bei ihm eine gewisse Verunsicherung auslöst."

Dagegen wollte die Universität etwas tun: Die TU bezog in zwei offenen Briefen Stellung zu den Ausschreitungen, es wurde ein Imagefilm gedreht. Studierende aus vielen Nationen sagen darin in ihrer Muttersprache und auf Deutsch "Ich bin Chemnitz".

Als die AfD bei der Europawahl im Mai 2019 mit knapp 28 Prozent stärkste Partei wurde (Tagesspiegel), positionierte die Uni sich erneut: Man wolle Menschen aus der ganzen Welt ein Zuhause bieten und Studierende willkommen heißen, egal woher sie kommen, woran sie glauben oder welche sexuelle Orientierung sie haben (TU Chemnitz). 

„Wir wollen damit zeigen, dass Chemnitz weder grau noch braun ist.“
Mario Steinebach

Spricht man den Pressesprecher auf Rassismus auf dem Campus an, sagt er: "Uns sind keine fremdenfeindlich oder rassistisch motivierten Gewalttaten gegen unsere Studierende bekannt."

Sebastian Cedel, 35, erlebt das anders. Auf seiner Bürotür kleben bunte Sticker mit "Kein Gott, kein Staat, kein Rektorat" oder "AfD wegbassen".

Sebastian vertritt den Studierendenrat. Außerdem sitzt der Student als Teil der Fraktion Die Linke/Die PARTEI im Stadtrat. Öffentlich hat er gesagt, internationale Studierende seien in Chemnitz verbalen und körperlichen Attacken ausgesetzt. Es gehöre zum Alltag vieler nicht typisch deutsch aussehender Studierender, angestarrt, angepöbelt und angespuckt zu werden (Tagesspiegel).

„Natürlich gibt es auch hier strukturellen wie alltäglichen Rassismus. Die Uni Chemnitz kann gar nicht frei davon sein.“
Sebastian Cedel

Als Studierendenratvertreter übt Sebastian Cedel oft Kritik.

(Bild: Wiebke Bolle)

Betroffene meldeten sich bei ihm, sagt Sebastian, wollten aber meist anonym bleiben wollen. Auch andere erzählen an diesem Tag von Leuten, die in der Öffentlichkeit Nazi-Shirts tragen und von Studierenden aus Indien oder Pakistan, die sich während der Ausschreitungen nicht getraut haben, ihr Wohnheim zu verlassen.

Für Sebastian liegt das Problem auf der Hand: "Die Uni bemüht sich, aber das wirkt sich wenig auf die Stadtgesellschaft aus." Stadt und Uni müssten seiner Meinung nach enger zusammenarbeiten, damit sich etwas ändert. Nach den Ausschreitungen im Sommer 2018 habe sowohl die Stadt als auch die Uni zuallererst das beschädigte Image wiederherstellen wollen. "Für Betroffene war das ein Schlag von hinten", sagt Sebastian.

Das Büro des Studierendenrats ist auf dem Hauptcampus. Vom Bahnhof gelangt man in 15 Minuten hierher. Die Straßenbahn schlängelt sich vorbei am Karl-Marx-Kopf, dem Theaterplatz, durch die Innenstadt, bis zum Technologiepark. Dieser Teil wirkt deutlich moderner: nackte Betonkomplexe, ein Screen an der Wand, eine verglaste Mensa.

Auf dem Hauptcampus wird man von einem Hashtag begrüßt: #wirsindchemnitz.

(Bild: Wiebke Bolle)

Die Mensa ist das Herzstück des Campus, hier treffen sich die Studierenden. 

Ina Reber (rechts) und ihre Kommilitonin studieren Wirtschafsingenieurwesen. Ina ist gerade noch im Bachelor.

(Bild: Wiebke Bolle)

Ina Reber, 27, studiert Wirtschafsingenieurwesen und engagiert sich in einer örtlichen Gewerkschaftsgruppe. Denn sie will, dass Chemnitz von außen anders wahrgenommen wird.

„Ich habe genug davon, dass es ständig heißt, Chemnitz sei braun. Nicht alle wählen die AfD.“
Ina Reber

Ina hat bei einer Gesprächsreihe zur Europawahl mitgemacht und sich mit vielen Studierenden, aber auch mit Menschen auf dem Marktplatz ausgetauscht. "Viele waren Europa gegenüber positiv eingestellt", sagt sie. Ina sieht seit den Übergriffen sogar einen positiven Wandel. Sie findet es gut, dass danach viele Organisationen und Initiativen entstanden sind. "Ich habe das Gefühl, nun gibt es mehr Zivilcourage. Die Leute treten füreinander ein." 


Gerechtigkeit

"Wir sind es selbst, die das 'System Pflegenotstand' am Leben halten"
Thies ist Fachpfleger und porträtiert Kolleginnen und Kollegen in ganz Deutschland.

Deutschland hat zu wenige Pflegerinnen und Pfleger. Und die, die in der Pflege arbeiten, klagen über ineffiziente und bürokratische Strukturen. Unter dem Pflegenotstand leiden die Patienten – und die Pflegenden selbst, Pflegende wie Thies Sprenger. 

Der 29-Jährige hat sich vor acht Jahren an der Uniklinik Kiel zum Krankenpfleger ausbilden lassen, dann zwei Jahre lang im Beruf gearbeitet. Heute arbeitet Thies in Bremen über eine Zeitarbeitsfirma als Pfleger auf Abruf – nebenbei reist er als Fotograf durch Deutschland, um Kolleginnen und Kollegen zu porträtieren.

Seine auf Instagram veröffentlichte Serie nennt Thies "Die Gesichter der Pflege". Es ist eine Dokumentation über den Pflegenotstand in Deutschland.