"Was soll denn aus dir einmal werden? Hast du dir mal Gedanken um deine Zukunft gemacht? Von was willst du später leben?" Diese Sätze sagten nicht Sarahs Eltern oder Lehrer zu ihr – sondern ein Berater der Bundesagentur für Arbeit

So wird (nie) was aus dir!

Das Abi ging daneben, mehr als eine 3,6 war nicht drin, oder es hat mit dem Abschluss gar nicht geklappt – das passiert. Nicht wenige schmeißen noch vor dem Schulabschluss hin. Etwa 50.000 Schülerinnen und Schüler verlassen im Jahr die Schule ganz ohne Abschluss (Spiegel Online). 

Von Eltern oder Lehrern kommen Sprüche wie: "Dann hast du doch keine Perspektive", oder: "Aus dir wird nie was".

Aber auch mit schlechtem Abi oder ohne Abschluss lassen sich berufliche Träume und Ziele verwirklichen. In dieser Serie erzählen uns Menschen, wie sie es geschafft haben, erfolgreich zu sein – obwohl viele es ihnen nie zugetraut haben. 

Sarah, heute 27, stand damals kurz vor dem Realschulabschluss. Ein Assessment-Center in der Schule sollte herausfinden, wo die Fähigkeiten der Schülerinnen und Schüler lagen. Zwei Tage lang mussten sie sich im Diktatschreiben, Logikübungen und Allgemeinwissen testen lassen. Danach sollten ihnen die Experten von der Bundesagentur ein passendes Berufsfeld vorschlagen.

Sarah hat den Beamten nie vergessen, der ihr damals Tipps für die Zukunft geben sollte.

"Sie sollten froh sein, wenn aus Ihnen noch eine Verkäuferin oder eine Bäckereifachangestellte wird. Mehr sollten Sie sich nicht erhoffen." Das hat er damals zu mir gesagt.

Die komplette Rückfahrt heulte ich im Auto Rotz und Wasser. Ich glaubte ihm das natürlich. Meine Mutter war stinksauer. Ich war damals 15, mitten in der Pubertät, wusste nicht, wo es hingeht – wie konnte denn so ein Fremder einfach daherreden, dass aus mir nichts werden würde? Mal davon abgesehen, dass er damit mal eben alle Bäckereifachangestellten abwertete?

Auf der anderen Seite bin ich ihm dankbar. Im Grunde hat dieser Mensch nur eines erreicht: Er hat mir den Ansporn gegeben, immer noch mehr erreichen zu wollen. 

Weiße Anführungszeichen
Die Realschule reichte mir nicht, das Abitur musste her. Das Abitur reichte mir nicht, der Bachelor musste her.


Sarahs Schullaufbahn begann zäh. Zählen und Rechnen klappte – Lesen und Schreiben nicht. In der Grundschule bekam sie jedes Diktat mit dutzenden roten Bemerkungen zurück. Sie konnte einfach nicht verstehen, wie man richtig schreibt.

Einmal saß sie nachmittags bei ihrer Oma an den Hausaufgaben und sollte ein Übungsdiktat schreiben. Der Text war für sie ein einziger Buchstabensalat. Stundenlang quälte sie sich am Schreibtisch – bis sie irgendwann trotzig einen roten Stift in die Hand nahm und das ganze Blatt durchstrich. 

Nie wieder gehe ich in die Schule!

Hat sie damals geschluchzt, erzählt sie. Ihre Oma habe dann die Idee gehabt, Sarah auf eine Lernstörung testen zu lassen.

Und tatsächlich stellte sich heraus: Sarah hat Legasthenie. 

Schüler mit dieser Störung haben Probleme dabei, das Gehörte in Schriftsprache zu übersetzen. Etwa drei bis acht Prozent der Menschen sind in Deutschland davon betroffen (Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie).

Im Grunde höre ich Sachen anders. Zum Beispiel diese Floskel "Meine Damen und Herren": Bis vor einigen Jahren verstand ich immer so etwas wie "Meine Damenenterren". Ich habe das auch immer so aufgeschrieben. Ich wusste nie, was das sein sollte, und keiner wusste, was ich meinte.

Als ich diesen Ausdruck einmal in einem Roman las, fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Erst ab diesem Zeitpunkt konnte ich das Gehörte mit dem Gelesenen in Verbindung bringen. Damals war ich Anfang 20.

Heute ist die Legasthenie kein Hindernis mehr für mich. Wenn ich einen Brief aufsetze oder eine Bewerbung schreibe, würde das keiner mehr bemerken. Ich mache nicht mehr oder weniger Fehler als jeder andere.

In meiner Schulzeit war das noch anders. Blöderweise wurde meine Legasthenie erst in der vierten Klasse festgestellt. Also wiederholte ich ein Schuljahr, um für die weiterführende Schule besser vorbereitet zu sein, und ging auf eine Montessorischule. 


Weiße Anführungszeichen
Das war kein schönes Jahr für mich. Ich wurde direkt abgestempelt als "die mit der Behinderung".


Während der ganzen Realschulzeit bekam ich eine spezielle Deutsch-Nachhilfe für Legastheniker. Meine Klassenarbeiten wurden anders bewertet als die der Anderen. Es kam weniger auf Rechtschreibfehler an und mehr auf den Inhalt. Das war eher meine Stärke.

Als ich nach der Realschule aufs Gymnasium wechselte, wurde alles anders. Ich belegte in Deutsch nun sogar den Leistungskurs, obwohl ich in der Oberstufe keine Sonderbehandlung wegen meiner Legasthenie mehr bekam. 

Plötzlich machte mir das Interpretieren und Analysieren total Spaß, also wurden in diesem Fach auch meine Noten besser.

Als ich mein Abitur mit der Note von 2,8 in der Hand hielt, war meine Familie sehr stolz auf mich. Mein Opa, sonst immer sehr sachlich, verdrückte sogar ein Tränchen. Und meine Oma meinte: 

Ich bin so froh, dass du trotz deiner Behinderung deinen Weg gegangen bist.


Ich musste sie immer daran erinnern, dass Legasthenie keine Behinderung ist, sondern eine Lernstörung. Ich wisse doch, was sie meinte, sagte sie dann zu mir.

Nach dem Abitur begann Sarah, Mode und Designmanagement zu studieren – BWL und Marketing für die Modebranche. Den Bachelor schloss sie schließlich mit 2,0 ab. 

Mittlerweile arbeitet sie im Vertrieb eines Start-ups – und modelt nebenbei auf Messen, für Sportwerbung oder Discounterbroschüren. Sie sieht es eher als Hobby, als Nebenverdienst für die Urlaubskasse.

Wie gerne würde ich heute noch einmal zu dem Herrn von der Bundesagentur gehen und sagen: 

"Hallo, erinnern Sie sich noch an mich? Aus mir ist wohl doch etwas geworden."


Today

Die BVG vergibt jetzt Strafzettel – weil die Polizei zu lange braucht
Und bald wird auch noch abgeschleppt!

Mal eben kurz in Berlin auf der Busspur oder an einer Haltestelle parken, wird jetzt noch schneller geahndet als vorher. Und zwar von den Mitarbeitern der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) selber. Denn die dürfen seit Montag selber Strafzettel ausstellen.

Wer also falsch parkt und die BVG behindert, findet in Zukunft einen Zettel unter seinem Scheibenwischer mit den Worten: "Sie haben Parkplatzprobleme? Fahren Sie doch mal mit uns." Die Bearbeitung erfolgt dann wie vorher durch die Bußgeldstelle der Polizei (Tagesspiegel).

Bald wird auch noch abgeschleppt.

In Zukunft soll die BVG aber nicht nur Knöllchen ausstellen, sondern auch Autos abschleppen. So sieht es das Berliner Mobilitätsgesetz vor, das Ende Juni diesen Jahre verabschiedet wurde. 

Wann allerdings abgeschleppt wird, ist noch nicht sicher. "Momentan befinden wir uns noch in den Vorbereitungen", teilte uns ein Pressesprecher des Verkehrbetriebs mit. Bis zum Ende des Jahres sollen dafür acht Fahrzeuge in Berlin zum Einsatz kommen. Dadurch will die BVG schneller auf Störungen reagieren können.

Durch die Polizei dauert es zu lange.

Bisher musste die BVG Falschparker erst bei der Polizei melden und lange auf den Abschleppdienst warten. Dadurch kam es immer wieder zu Verzögerungen und Störungen, vor allem im Bus- und Straßenbahnverkehr. Allein im vergangenen Jahr wurden durch die BVG 8738 Behinderungen durch falsch geparkte Autos im Busverkehr festgestellt (Berliner Zeitung).

Mehr Geld müssen die Verkehrssünder allerdings nicht zahlen. Wer falsch parkt und durch die BVG abgeschleppt wird, zahlt die üblichen Gebühren.