Bild: privat
Patrick arbeitet als Taxifahrer in Berlin. Im Interview erzählt er, warum er täglich ins Auto steigt.

Zwei Glühwein, drei Glühwein, Taxi-App. In der Weihnachtszeit verzichten viele Menschen nicht nur häufiger auf ihr Auto, sondern auch mal auf die Bahn – schnell nach Hause und den Rausch vom Weihnachtsmarkt ausschlafen. 

Patrick arbeitet als Taxifahrer in Berlin und hat gerade im Dezember viel zu tun. 

Im Interview erzählt der 29-Jährige, wie er mit betrunkenen Fahrgästen umgeht und weswegen er glaubt, einmal einen Drogendeal beobachtet zu haben. 

bento: Wie kommt man dazu, in Berlin als Taxifahrer zu arbeiten?

Patrick Chaudhury Nyekogulu: Ich bin gelernter Berufskraftfahrer, mir ist diese Arbeit also nicht ganz fremd. Die Fahrten durch ganz Europa sind mir aber irgendwann zu viel geworden. Gerade, wenn man darüber nachdenkt, mal eine Familie zu gründen. Anfang des Jahres wollte ich mein Fachabi nachholen und Maschinenbau studieren. Das Taxifahren war ein attraktiver Nebenjob. Als mir der Matheanteil im Studium zu hoch wurde, bin ich als Vollzeitkraft eingestiegen.

bento: Was für Gäste fahren denn so bei dir mit?

Patrick: Ich bin nicht bei einem klassischen Taxiunternehmen angestellt, sondern bei einem Fahrdienst, den man über eine App ordert. Deshalb ist die Altersstruktur niedriger, im Schnitt zwischen 20 und 40 Jahren. Ich bin in ganz Berlin unterwegs. Durch die unterschiedlichen Bezirke und Uhrzeiten ist der Job sehr vielfältig. Ach, und fast hätte ich die Guthabenkids vergessen.

bento: Die Guthabenkids?

Patrick: Die schicken sich gegenseitig Guthabencodes, mit denen sie kurze Strecken gratis fahren dürfen. Ohne das Einverständnis der Eltern dürfen wir die manchmal gar nicht befördern, weil sie erst 14 Jahre alt sind.

bento: Zu welcher Uhrzeit fährst du am liebsten?

Patrick: Nachts, weil die Menschen dann lockerer drauf sind und eher das Gespräch suchen. Im Feierabendverkehr wollen alle schnell nach Hause. Viele vertrauen mir ihre Sorgen an. Da ist alles dabei: Liebeskummer, Stress in der WG, Krankheit. Man ist auch immer ein bisschen Hobbypsychologe. Gut, dass ich immer viel Domian gehört habe.

bento: Wie viele Fahrten machst du pro Schicht?

Patrick: Das kommt darauf an, wie viel los ist. Es sind am Tag zwischen 12 und 25 Fahrten. Jetzt zur Weihnachtszeit läuft das Geschäft besonders gut.

(Bild: privat)

bento: Was war dein schlimmstes Erlebnis?

Patrick: Wenn man in diesem Job arbeitet, passieren regelmäßig unerfreuliche Dinge. Stark alkoholisierte Gäste finde ich unangenehm. Einmal wollte jemand betrunken mit einer Maß Bier mitfahren, die er schon beim Einsteigen halb über sich vergossen hat. Ich musste dann darüber diskutieren, warum das Glas draußen bleiben soll. Man muss in solchen Situationen stark aufpassen, was man erwidert und versuchen ruhig zu bleiben, weil die Stimmung schnell kippen kann und Gäste im schlimmsten Fall aggressiv werden.

bento: Musst du solche Kunden denn überhaupt mitnehmen?

Patrick: Nicht, wenn sie zu betrunken sind. Es gibt eine Funktion in der App, über die man Gäste melden und sperren lassen kann. Trotzdem ist es immer Ermessenssache und man will ja Geld verdienen. Übrigens verfügen unsere Fahrzeuge auch über Kotztüten – falls die Not mal groß ist.

bento: Klingt nicht einfach. Gibt es neben den betrunkenen Fahrgästen noch welche, die du überhaupt nicht ausstehen kannst?

Patrick: Die, die keinen Respekt vor uns als Fahrer haben. Über die App kann man verfolgen, wann der Wagen eintreffen soll. Manche Gäste gehen davon aus, dass man ihnen die Koffer in den sechsten Stock trägt oder wartet, während sie sich im Schnellrestaurant eindecken – ohne ein Dankeschön oder Trinkgeld. Sowas macht mich manchmal fassungslos. Ich würde mich freuen, wenn manche Leute da mehr auf ihr Verhalten achten würden.

bento: Trotzdem hast du ja nicht nach ein paar Wochen hingeschmissen. Was bereitet dir Freude?

Patrick: Am schönsten ist es, wenn jemand direkt nach einem positiven Erlebnis einsteigt. Das kann nach einer Hochzeit sein oder nach einem Auftritt. Ich habe schon einige Musiker und Schauspieler gefahren, die ganz euphorisch von der Bühne berichtet haben. Die gute Laune steckt natürlich an. Nachwuchsmusiker holen häufig ihr Handy raus und zeigen mir ihre Songs. Es ist auch immer schön, wenn sich Menschen in meinem Wagen kennenlernen.

bento: Wie geht das?

Patrick: Über die App kann man sich Fahrten teilen, wenn man in die gleiche Richtung will. Fahrgäste haben schon Nummern ausgetauscht oder sind zusammen weitergezogen. 

bento: Was war deine skurrilste Fahrt?

Patrick: Ich glaube, dass ich mal einen Drogendealer mitgenommen habe. Ich musste ihn an verschiedenen Punkten absetzen, damit er Menschen etwas übergeben kann. Er hat auch ziemlich viel über Drogen gesprochen. Ich habe allerdings nichts Eindeutiges gesehen, weshalb ich ihm auch nichts unterstellen oder die Polizei rufen wollte. Es hat sich aber komisch angefühlt.

(Bild: Kristin Hermann)

bento: Hat sich durch die Arbeit dein Umgang oder deine Sicht auf Menschen verändert?

Patrick: Ich würde sagen, dass ich offener und toleranter geworden bin. Und ich habe zu schätzen gelernt, wie gut es mir eigentlich geht. Wenn jemand im Taxi über seine Krankheit redet, fragt man sich auch nach Feierabend manchmal, was aus der Person geworden ist. Und meine Menschenkenntnis hat sich verbessert – wobei ich ab und zu noch immer völlig daneben liege.

bento: Inwiefern?

Patrick: Manchmal bin ich direkt genervt, wenn jemand betrunken einsteigt. Aber dann ist derjenige gut drauf und bringt mich zum Lachen. Oder jemand öffnet die Beifahrertür, der auf den ersten Blick gepflegt wirkt und dann sehr unangenehm riecht. Da muss man dann sehen, wie man das löst und vielleicht diskret das Fenster einen Spalt öffnet.

bento: Welche Voraussetzungen brauchtest du, um als Taxifahrer arbeiten zu können?

Patrick: Ich musste meinen Personenbeförderungsschein machen und einige Dokumente einreichen. Die ärztlichen Nachweise konnte ich aus meiner Zeit als Berufskraftfahrer vorweisen. Ich musste noch einige Schulungen mitmachen, in denen man unter anderem lernt, wie man sich in brenzligen Situationen verhalten muss und wann man die Polizei rufen sollte. 

bento: Wie zufrieden bist du mit der Bezahlung?

Patrick: Wir bekommen einen Stundenlohn, der über dem Mindestlohn liegt. Dazu kommen täglich etwa 20 Euro Trinkgeld. Außerdem gibt es Zuschläge für Nachtfahrten oder wenn man gute Bewertungen über die App erhält.

bento: Und wie gut sind deine?

Patrick: Ich habe 9,5 von 10 möglichen Punkten. Damit kann ich leben. Ich versuche zwar immer freundlich und kommunikativ zu sein, will mich aber auch nicht komplett verstellen. Es gibt Kollegen, die Bonbons oder andere Goodies verteilen, um sich beliebt zu machen. So weit ist es bei mir noch nicht.

bento: Wie lange willst du den Job noch machen?

Patrick: Noch ein paar Monate. Ich möchte mich beruflich verändern und bin in einigen Auswahlverfahren. Langfristig würde ich gerne etwas mehr verdienen und geregeltere Arbeitszeiten haben.


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