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Bedeutet der IG-Metall-Tarifvertrag die Trendwende für unsere Arbeit?

Die IG Metall und der Arbeitgeberverband Südwestmetall haben für Baden-Württemberg einen neuen Tarifvertrag ausgehandelt. Und manches klingt genau so, wie wir Millennials uns das immer wünschen – mehr Zeit fürs Leben, weniger Zeit in der Arbeit, flexiblere Arbeitszeiten je nach Bedarf.

Das sind die Ergebnisse:

  • Arbeitnehmer erhalten von April 2018 an 4,3 Prozent mehr Gehalt.
  • Eine Einmalzahlung von 100 Euro für die Monate Januar bis März.
  • Das Tarif-Zusatzgeld kann auch zu freien Tagen umgewandelt werden.
  • Von 2019 an gibt es eine befristete 28-Stunden-Woche für zwei Jahre.
  • Im Gegenzug dürfen Arbeitgeber mehr 40-Stunden-Stellen besetzen. (bento)


Flexiblere Arbeitszeiten in der Metallindustrie – könnten diese Tarifverhandlungen unsere Jobs für immer verändern?

Wir haben mit Werner Eichhorst, Arbeitsmarktexperte am Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit, darüber gesprochen: 

Prof. Dr. Werner Eichhorst ist Leiter des IZA-Forschungsteams zu Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik in Europa(Bild: Kay Herschelmann)

Herr Eichhorst, Millennials haben den Ruf, mehr Wert auf freie Zeit zu legen. Jetzt hat die IG Metall in Baden-Württemberg unter anderem erreicht, dass Arbeitnehmer zwei Jahre lang nur 28 Stunden die Woche arbeiten können, wenn sie wollen. Haben wir gewonnen?

Das Recht auf Arbeitszeitverkürzung, bei einer so etablierten Branche wie der Metall- und Elektroindustrie, ist schon sehr interessant. Auch die Umwandlung von Zusatzzahlungen in freie Tage ist innovativ.

Das kommt den Interessen von Jüngeren entgegen, die im Metallsektor arbeiten möchten.  

Der Tarifvertrag passt gut zum Zeitgeist.
Werner Eichhorst

Nun gibt es bereits Teilzeitstellen. Wo liegt der Unterschied zwischen einer regulären Teilzeit und der tariflich festgelegten 28-Stunden-Stelle?

Die Befristung ist ja der eigentliche Clou! Es gibt also nach den zwei Jahren wieder den Anspruch auf eine Vollzeitstelle. Gerade Frauen, die aus der sogenannten "Teilzeitfalle" raus wollen, wünschen sich so etwas.

Die große Frage ist natürlich, wie das in der Praxis gehandhabt wird: Wer nimmt das in der Metallbranche in Anspruch? Und ist dieser Tarif der Einstieg in eine insgesamt größere Wahlfreiheit bei den Arbeitszeiten?

Wie die IG-Metall-Jugend sich für ihre Forderungen eingesetzt hat, siehst du hier: 

Wer profitiert von diesen Neuerungen?

Solche Regelungen können die Metallbranche für Frauen attraktiver machen. Das ist ein Signal, dass es eine große Flexibilität gibt und Bemühungen, sich bei der Arbeitszeit zu öffnen

Arbeitgeber können jetzt aber mehr Personal einstellen, dass 40 Stunden arbeitet. Funktioniert die Flexibilisierung der Arbeitszeiten also auch im negativen Sinne?

Ich würde sagen, es gibt ein durchaus legitimes Interesse der Arbeitgeber, eingearbeitetes Fachpersonal länger zu beschäftigen, weil die Betriebe arbeitsfähig sein müssen.

Das entspricht vielen Vereinbarungen im Metallsektor, wo die letzten 20 Jahre in sehr flexiblen Arbeitszeitmodellen gearbeitet worden ist. Das erklärt übrigens auch, warum es der Branche ziemlich gut geht. Längere Arbeitszeiten sind für bestimmte Personen auch durchaus attraktiv, gerade wenn man auf das Geld angewiesen ist oder auf eine Position hinarbeitet.

 

Aber im Vergleich: Wenn ich lebenslang 35 Stunden die Woche arbeite, ist das doch weniger, als wenn ich zwei Jahre 28 Stunden pro Woche arbeite und die restlichen Jahre 40 Stunden. Ist dieser Deal nicht faul?

Die Metallindustrie ist eine der Branchen, in der die Arbeitszeiten nicht wahnsinnig lang sind, da wird gut verdient und die Tarifverträge regeln das im Vergleich zu anderen Branchen sehr gut. 

Könnte der neue Tarifvertrag wie ein Signal auf andere Branchen wirken?

Es ist typisch für Deutschland, dass die Metallindustrie mit solchen Veränderungen vorprescht.

Die Flexibilisierung der Arbeitszeiten kommt eigentlich auch aus dem Metallsektor. Das ist die Branche, wo entscheidende Verhandlungen in der Vergangenheit geführt worden sind, die den gesamten Arbeitsmarkt geprägt haben. 

Ich vermute, dass der Deal zunächst auf ähnlich organisierte Branchen abfärben wird, zum Beispiel den Chemie-Sektor. In der Privatwirtschaft wie bei der Post oder der Bahn wird es sicher auch Debatten geben, im öffentlichen Dienst sehe ich aber weniger Überschneidung.

Abseits der 28-Stunden-Regelung könnte ich mir vorstellen, dass die Diskussion dazu führt, dass ganz andere Modelle auf der betrieblichen Ebene gefunden werden. Ein Beispiel wäre das Wahlarbeitszeitmodell, bei dem Arbeitnehmer ihre Arbeitsstunden mit einem gewissen Vorlauf und für eine bestimmte Zeit selbst festlegen.

Versuchen die Arbeitgeber, so auch attraktiver zu werden?

Durchaus. Das liegt nicht zuletzt auch an der guten ökonomischen Situation: Die Arbeitgeber können oder müssen es sich gerade leisten, den Arbeitnehmern entgegen zu kommen.

Das soll ein Signal sein, dass die Metallindustrie keine altmodische, traditionelle Branche ist.

Lass uns Freunde werden!

Über uns Millennials wird oft gesagt, #diesejungenLeute hätten keine Chance, sich politisch durchzusetzen – weil sie in der Minderheit sind. Ist genau dieser Fachkräftemangel auf dem Arbeitsmarkt aber ein Verhandlungsvorteil?

Auf der einen Seite haben wir eine starke wirtschaftliche Entwicklung, auf der anderen eine Knappheit an Arbeitskräften mit bestimmten Qualifikationen – da sind Berufseinsteiger heute in einer deutlich günstigeren Verhandlungssituation, als noch vor zwanzig Jahren.

Das kommt den Interessen der Millennials entgegen.

Trotzdem kann es zu Problemen kommen: Formal ist das Bildungsniveau gestiegen, das passt aber nicht immer zu dem, was die Wirtschaft gerade will. Generell haben es qualifizierte Arbeitskräfte, die früh Kontakt zu Arbeitgebern haben, heutzutage relativ leicht, in den Arbeitsmarkt reinzukommen.

Und solche Fachkräfte können dann leicht ein Entgegenkommen einfordern.

Grün

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