Bild: Bundeswehr / Andreas Metka
So war es beim Tag des offenen Panzers.

Groß aufgefahren hat sie, die Truppe: Auf dem Gelände der Hamburger Bundeswehr-Universität gibt es Airbrush-Tattoos und Raketenwerfer, Klettergarten und Aufklärungsdrohnen, Scharfschützengewehre und einen begehbaren Darm. Zweimal überrollt ein Leopard-Panzer ein Auto, zu Vorführungszwecken. Ein Pony wird über das Gelände geführt – warum, weiß niemand so genau. Eine Band aus Uniformierten spielt Songs von Lenny Kravitz und Metallica. Neben Erbsensuppe, Bratwurst und Bier gibt es auch Sushi-Burritos, Veggie-Burger und eine mobile Kaffeebar. 

Ein Familienfest in Tarnfarben.  

Klar: Die Bundeswehr kämpft mit Nachwuchsproblemen und versucht, sich bei jungen Menschen als attraktiver Arbeitgeber zu etablieren. 

Auch deshalb fand am Wochenende zum fünften Mal der "Tag der Bundeswehr" statt. An insgesamt 14 Standorten bundesweit veranstaltete das deutsche Militär eine riesige Werbeaktion für sich selbst. Nach Angaben der Bundeswehr kamen insgesamt fast 270.000 Besucherinnen und Besucher.

Einer davon war ich. Mein letzter Kontakt mit der Bundeswehr ist fast neun Jahre her: Meine Musterung. Da herrschte noch ein rauher Ton. Als ich im Gespräch mit dem Arzt kurz zögerte, fuhr er mich an: "Klare Frage, klare Antwort! Wir sind hier bei der Bundeswehr!" 

Heute gibt sich die Bundeswehr ganz anders. Der weitläufige Campus der Universität ist voll lächelnder Menschen in Uniformen, weiße, graue, blaue, camouflagierte. Schon bei der angenehm unpeniblen Rucksackkontrolle am Eingang nehmen gut gelaunte Soldatinnen und Soldaten die Gäste in Empfang.

Ich bin alleine gekommen, einsam fühlen muss ich mich aber trotzdem nicht. Die Presseoffiziere möchten mir am liebsten alles zeigen. Das solle sich nicht wie Überwachung anfühlen, sagt mir einer von ihnen. Tut es dadurch nur noch mehr, deswegen bitte ich darum, erstmal unbegleitet einen Rundgang machen zu dürfen. Das wird genehmigt, Interviews darf ich allerdings nicht alleine führen. Ich überlege kurz, stramm zu stehen. 

Mitten auf dem Gelände, irgendwo zwischen Panzern und dem Sushi-Burrito-Stand, stolpere ich in einen  bunten Wegweiser. Er zeigt Himmelsrichtung und Entfernung aller aktuellen Auslandseinsätze der Bundeswehr an. Afghanistan, 4690 km, hellblau. Litauen, 947 km, pink. 

(Bild: Yannick von Eisenhart Rothe / bento)

Weil ich alleine keine Interviews führen darf, mache ich mich in Begleitung eines Presseoffiziers auf den Weg zum Karrieretruck der Bundeswehr. 

In Vorbereitung auf diesen Tag wurden 700.000 Deutsche angeschrieben, die im kommenden Jahr volljährig werden.  Was sie hier kriegen können: Ein Handtuch mit der Aufschrift: "Militärische Sperrzone", selbstverständlich in Camouflage, und ein Beratungsgespräch. 4800 der potenziellen Rekruten haben sich für ein solches Gespräch angemeldet. 

Karriereberaterin Julia Heinz erzählt, dass sie mit ihrer Arbeit "das ganze Volk" erreichen wolle. Junge Leute, aber auch deren Verwandte und Bekannte. Die Bundeswehr sei ein attraktiver Arbeitgeber. Ich will wissen: Warum sollten junge Leute, die in Frieden aufwachsen, sich einen Job aussuchen, bei dem töten und getötet werden dazugehören könnten? Als Dankeschön für den Frieden und Wohlstand, den wir hier haben, sagt Heinz. Im Einsatz in Afghanistan habe sie selbst gesehen, wie das Leben auch aussehen kann.

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Wir sprechen auch über die aktuelle Werbeoffensive der Bundeswehr. 

Die YouTube-Serie "Mali" findet sie "super gut" und sehr realistisch. Sie habe sie sogar dazu motiviert, sich selbst nochmal zu einem Auslandseinsatz zu melden. 

Und wie sie das Plakat mit der Aufschrift "Gas, Wasser, Schießen" fand, mit dem die Bundeswehr kürzlich um Handwerkerinnen und Handwerker warb? "Sehr, sehr gut. Ich habe geschmunzelt." Ich weise darauf hin, dass viele das Wort "Gas" mit dem Holocaust assoziieren, besonders wenn es in Verbindung mit deutschem Militär gebraucht wird. Darauf sei sie gar nicht gekommen, das sei ihr zu weit hergeholt. Deutschland habe eine "gewisse Militärgeschichte, die nicht in Ordnung war, die wir nicht mehr verändern können und die wir lange genug aufgearbeitet haben".

Der Presseoffizier, der sich immer wieder ins Gespräch einmischt und meine Fragen mitbeantwortet, pflichtet ihr bei. Werbung solle außerdem Aufmerksamkeit erregen, und das sei mit der Werbung gelungen. Man stehe schließlich mit Unternehmen und Start-ups im harten Wettbewerb um die besten Nachwuchskräfte.

Trotz der jüngsten Skandale glaubt Heinz auch nicht, dass die Bundeswehr ein grundsätzliches Rechtsextremismus-Problem hat, das seien Einzelfälle gewesen. 

Wenn ihr im Gespräch mit Bewerberinnen oder Bewerbern der Verdacht komme, dass ihr Gegenüber nicht "auf dem Boden der freiheitlich demokratischen Grundordnung" stehe, würde sie das in einem Bericht weitergeben. Alle bei der Bundeswehr angenommenen Bewerber werden seit 2016 einer Sicherheitsüberprüfung durch den Militärischen Abschirmdienst unterzogen. 

Keine Probleme mit Rechten, keine Probleme beim Schießen oder mit dem Gas – ich bin schon fast geneigt, mich "als Dankeschön" zum Dienst zu melden, schaue aber doch erst noch bei der Gleichstellungsbeauftragten vorbei. Wer weiß, vielleicht stoße ich hier auf ein Problem?

Um im Wettbewerb mit anderen Unternehmen attraktiv zu sein, setzt die Bundeswehr auch auf Gleichberechtigung. 

Gleich zwei Gleichstellungsbeauftragte gibt es an der Bundeswehr-Uni: Für militärische Belange ist Jana Müller zuständig, für zivilie Doris Konkart. Frauen dürfen seit 2001 an der Waffe dienen, vorher gab es sie bei der Bundeswehr nur als Sanitäterinnen und Musikerinnen. Mittlerweile seien Frauen in der Truppe aber "Normalität geworden", bekräftigen beide. 

Müller und Donkart beraten – nicht nur Frauen – zum Beispiel zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf und sensibilisieren in Workshops für sexuelle Belästigung und gendergerechte Sprache. Sie beide sehen eine hohe Akzeptanz für ihre Arbeit in der Truppe. Müller wird auf ihrer Visitenkarte übrigens als Hauptmann bezeichnet. 

Einige Bundeswehrler scheinen die Einschätzung aber nicht zu teilen: Am Stand der Gleichstellungsbeauftragten hängt ein Plakat, an dem man zu jedem der Buchstaben G L E I C H S T E L L U N G eine Assoziation zum Thema aufschreiben soll. Bei E steht "einseitig", bei H "Heuchlerei". Hauptmann Müller lacht verlegen, als ich sie darauf hinweise. Sie habe gesehen, wer das geschrieben habe, und werde bei einem Kaffee nachfragen, was damit gemeint sei. 

Draußen wird die Rede von Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen von einem anderen Standort des Tags der Bundeswehr übertragen. Ein Uniformierter sagt laut zu seinem Nebensteher: "Ohne ihren Vater wär die nix, gar nix." 

Als ich das Gelände der Bundeswehr-Uni abends verlasse, sehe ich noch Spuren dessen, was ich tagsüber verpasst habe. 

Offenbar gab es am Eingang über den Tag Proteste von Friedensaktivistinnen und -aktivisten. "Krieg ist keine Berufsperspektive" steht in roter Farbe auf dem Bürgersteig. Die Uniformierten, die aus dem Ausgang strömen, laufen darüber hinweg, einige bleiben stehen und lesen. Einer schnaubt verächtlich. "Da haben sie ja fast recht", sagt ein anderer. 

Eine Gruppe dreier junger Soldaten ist enttäuscht: "Stell dir mal vor, da wär so eine nackte Demonstrantin gekommen, mit irgendwas auf den Körper geschrieben. Dann wär wenigstens Action gewesen." 


Gerechtigkeit

"Wenn du Flugzeuge hörst, weißt du, dass gleich gebombt wird"
Anruf bei einer jungen Mutter im Jemen

Stell dir vor, alle Kinder, die in Hamburg in den vergangenen drei Jahren geboren wurden, werden ihren fünften Geburtstag nicht erleben. Weil einfach nicht genug Essen und Trinken für sie da ist, verhungern sie.

Genau das ist die Situation im Jemen. Seit mehr als vier Jahren herrscht dort Krieg, die Menschen leiden unter Luftangriffen und einer Handelsblockade, die verhindert, dass Medizin und Lebensmittel ins Land kommen. Eine Schätzung einer Hilfsorganisation geht davon aus, dass insgesamt 85.000 Kinder an Hunger und Krankheiten gestorben sind. Das hat die Organisation "Save the Children" errechnet. (bento)

Wie gelingt Alltag in so einem Krieg? Und wie fühlt es sich an, hier als Hilfsarbeiterin tätig zu sein? Das haben wir Sukaina Sharafuddin gefragt.

Die 29-jährige Jemenitin arbeitet für "Save the Children" in Sanaa.