Ein Bauarbeiter, eine Sozialarbeiterin, eine Grundschullehrerin, ein Kioskbesitzer und ein Busfahrer erzählen, was die Coronakrise für sie bedeutet.

Der 1. Mai, Tag der Arbeit, damit assoziieren viele vor allem: Demos, Krawalle, Party. In diesem Jahr wird es das nicht geben, große Demonstrationszüge oder Straßenfeste sind wegen des Coronavirus nicht erlaubt. Doch die Ungerechtigkeiten in der Arbeitswelt bleiben, mehr noch: In der Coronakrise kommen sogar neue hinzu.

Denn nicht alle können gerade zu Hause arbeiten. Viele Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer müssen täglich raus. Sie arbeiten auf Baustellen und in Schulen, als Busfahrer und Sozialarbeiterinnen. Sie leisten wichtige Arbeit und werden trotzdem kaum gesehen. Wir haben sie gefragt, wie Corona ihren Job verändert, was die größten Probleme sind und welche Verbesserungen sie fordern.

Safa, 25, Bauarbeiter

(Bild: Marc Röhlig)

"Bei uns auf dem Bau geht alles in Vollzeit weiter, aber wir haben die Arbeit umgestellt. Normalerweise arbeiten wir partnerweise, jetzt schuftet meistens jeder für sich. Auch in den Pausen sitzen wir nicht mehr gemeinsam im vollen Baucontainer, sondern dürfen nur noch mit Sitzabstand hinein. Der kleine Schnack nebenbei, der fehlt da jetzt.

Ich bin gelernter Beton- und Stahlbetonbauer und arbeite gerade auf einer Großbaustelle. Wir ziehen hier die Wände für mehrere Wohnhäuser hoch, später kommen andere und verputzen, legen Leitungen, fliesen Bäder. Es ist wie Kuchenbacken: erst das Fundament, dann die Verzierung. Nur ist es halt harte körperliche Arbeit: Wenn du abends nach Hause kommst, schmerzen deine Füße, Arme, Beine.

„Gerade werden viele Berufsgruppen von Politikern gelobt – aber für uns interessiert sich keiner.“

So richtig geschätzt wird das leider nicht. Die Elbphilharmonie ist ein gutes Beispiel: Alle freuen sich über Hamburgs neues Wahrzeichen, aber die Bauarbeiter, die da Fleiß und Blut reingesteckt haben, bekommen kein Lob.

Auch jetzt in der Krise ist das so. Da werden von Politikern viele Berufsgruppen gelobt, Krankenpfleger zum Beispiel, die auch gerade wichtige Arbeit leisten. Aber für uns interessiert sich keiner. Wenn ich mir zum Tag der Arbeit von der Politik eines wünschen könnte, dann wäre es: einfach mal gewürdigt werden, einfach mal mit erwähnt werden. Ein nettes Wort reicht schon."

Jule, 30, Sozialarbeiterin

(Bild: privat)

"Ich betreue gemeinsam mit fünf Kolleginnen eine WG, in der 13 junge Frauen und Mädchen im Alter zwischen 15 und 22 Jahren wohnen. Manche von ihnen können nicht mehr bei ihren Familien leben, andere wollen nicht, alle sind psychisch instabil. Normalerweise sehe ich meine Klientinnen drei Mal pro Woche. Ich bin in ihrer Wohnung, wir essen zusammen und können in Ruhe über alle Probleme sprechen.

Wegen der Kontaktbeschränkungen bereden wir gerade Vieles am Telefon. Eigentlich reicht das nicht. Die Frage 'Wie geht's dir?' ist schnell mit 'gut' beantwortet, auch wenn es nicht stimmt. Ab und zu gehen wir mit Abstand spazieren, aber auch das ist für die Frauen eine komische Situation. Wer würde schon gern in der Öffentlichkeit intimste Dinge erzählen?

„Für meine Klientinnen ist es unglaublich schlimm, wenn das soziale Netz wegbricht.“

Ich bin ausgebildete Traumapädagogin und mache mir viele Gedanken darüber, was die derzeitige Situation für traumatisierte Menschen bedeutet. Für die Mädchen und Frauen, die ich betreue, ist es unglaublich schlimm, wenn das soziale Netz wegbricht. Wir Betreuerinnen sind nicht mehr da, sie dürfen keinen Besuch mehr empfangen, die Schule fällt aus. Für ihre Psyche sind die Kontaktbeschränkungen problematisch.

Und auch für mich ist es nicht einfach: Meine Kolleginnen und ich arbeiten jetzt viel im Homeoffice. Weil ich in einer WG wohne, ist mein Schlafzimmer auch mein Arbeitszimmer, das ist ein bisschen schräg. Ich höre jeden Tag schlimme Geschichten, da täte es schon gut, zu Hause einen Rückzugsort zu haben."

Magdalena, 27, Grundschullehrerin

(Bild: privat)

"Obwohl die Schulen in den vergangenen Wochen geschlossen waren, habe ich die ganze Zeit gearbeitet. Ich muss den Stoff für die Kinder so aufbereiten, dass sie zu Hause lernen können. Ich habe ihnen zum Beispiel Arbeitsblätter erstellt, ausgedruckt und in den Briefkasten geworfen, denn nicht alle haben einen Drucker – und auch nicht genügend Computer für die ganze Familie.

„Gerade haben wir drei Schüler in der Notbetreuung. Den vorgegebenen Mindestabstand einzuhalten, ist nicht immer leicht.“

Für Kinder, deren Eltern in systemrelevanten Berufen arbeiten, also beispielsweise Ärzte, Apotheker oder Zugführer sind, gibt es eine Notbetreuung an unserer Schule, die teile ich mir mit meinen Kolleginnen und Kollegen. Gerade betreuen wir drei Schüler. Den vorgegebenen Mindestabstand einzuhalten ist nicht immer leicht. Gerade die Kinder der ersten und zweiten Klassen wissen oft nicht mal, wie viel eineinhalb Meter sind.

Für meine Schüler wünsche ich mir, dass der Unterricht bald weitergeht. Das wäre am fairsten. Man weiß schließlich nicht, wie es bei ihnen zu Hause aussieht, ob sie gute oder schlechte Voraussetzungen zum Lernen haben. Bei uns kommen zuerst die Viertklässler zurück, weil für sie der Übertritt an eine weiterführende Schule ansteht. Ihnen kann man die Hygienevorschriften auch am einfachsten vermitteln. Für die Eltern wäre wichtig, dass es schnell klare Pläne von Bund und Ländern gibt, wie es weitergeht."

Can, 24, Kioskbesitzer

(Bild: Marc Röhlig)

"Es ist ein großes Glück, dass unser Laden die ganze Zeit geöffnet bleiben durfte. Mein Cousin und ich führen diesen Kiosk gemeinsam, ohne Kundschaft wären wir wohl pleite gegangen. Unser Umsatz ist in der Krise stabil geblieben, aber der Gewinn geht zurück. Zwar kaufen unsere Kundinnen und Kunden jetzt mehr Tageszeitungen und Grußkarten – was ich echt schön finde. Aber wir verkaufen weniger Süßigkeiten, weil die Grundschule um die Ecke geschlossen ist. Nach Schulschluss war hier immer Halligalli.

„Vorher gab's Smalltalk über das Wetter, jetzt reden viele Kunden über ihre Sorgen und Ängste.“

Wir hatten gerade erst eine neue Eismaschine gekauft, die wartet nun auf ihren ersten Einsatz. Stattdessen verkaufen wir Masken. Gut gehen solche, die geflüchtete Frauen aus einer Unterkunft in der Nähe nähen. Das zeigt: Es gibt viel Solidarität, die Nachbarn kümmern sich umeinander.

Vorher gab's Smalltalk über das Wetter, jetzt reden viele Kunden über ihre Sorgen und Ängste. Einige haben ihre Jobs verloren, andere trinken oder rauchen mehr. Ich hab daheim auch wieder die Shisha rausgeholt. 

Ich wünsche mir, dass die Politik jetzt volle Power gibt und so viele Jobs wie möglich rettet. Als Selbstständiger will ich da nicht mal im Mittelpunkt stehen, es gibt Angestellte, die mehr Unterstützung brauchen."

Mudest, 25, Busfahrer

(Bild: privat)

"Ich wollte schon als Kind Busfahrer werden. Seit etwas mehr als fünf Jahren arbeite ich bei der BVG in Berlin. Wegen des Coronavirus wurde an der Fahrerkanzel eine Sicherheitsfolie angebracht. Wir sind jetzt völlig abgeschirmt von den Fahrgästen – sie dürfen nur noch hinten einsteigen. Damit gehen die Leute bis jetzt total entspannt um, es hat sich noch niemand beschwert. Ganz im Gegenteil: Viele bedanken sich bei mir, dass ich sie von A nach B bringe.

„Ich vermisse den direkten Kontakt zu meinen Fahrgästen.“

Der Verkehr ist deutlich zurückgegangen. Und auch die Falschparker auf der Busspur sind weniger geworden. Diese beiden Faktoren sind sonst das Stressigste an meinem Job.

Ich vermisse den direkten Kontakt zu meinen Fahrgästen. Angepöbelt werde ich im normalen Betrieb sehr selten. Ich denke aber, auch solche Leute verstehen jetzt, dass Verspätungen und volle Busse nicht an uns Busfahrern liegen – sondern eben am Verkehr. Vielleicht behalten sie das auch nach der Krise im Hinterkopf, das wäre schön."


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