Bild: Marc Röhlig
So geht es Tausenden türkischen Studenten

In der Türkei hat das neue Semester angefangen. Jedenfalls für die meisten türkischen Studenten. Tausende von ihnen verbrachten die vergangenen zwei Monate dagegen damit, sich um ihre Zukunft zu sorgen.

Denn ihre Universitäten wurden in Folge der landesweiten "Säuberungswelle" nach dem gescheiterten Putschversuch Mitte Juli geschlossen. 15 Universitäten, die zur Gemeinde des Predigers Fethullah Gülen gehörten, ließ die türkische Regierung schließen. Tausende Professoren und Beamte wurden entlassen oder festgenommen.

Wie fühlt es sich an, wenn deine Uni plötzlich geschlossen wird?

Aylin, 23, studierte Politikwissenschaften an einer Universität in Istanbul. Aus Angst vor der Regierung möchte sie ihren echten Namen geheim halten

Ich war gerade im Urlaub, als ich auf Social Media erfuhr, dass meine Universität geschlossen wird. Ein totaler Schock.

Ich verstehe das nicht, der Putschversuch war ein politisches Verbrechen, was hat die Wissenschaft damit zu tun? Die Schuldigen sitzen doch nicht dort!

Vor allem an unserer Universität haben so viele ehrgeizige und gute Leute gearbeitet. Ich persönlich habe diese Universität nur ausgewählt, weil sie die beste private Universität unserer Stadt ist.
Im Slider: So lief der Putschversuch im Juni ab
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Um in der Türkei zu einer Universität zugelassen zu werden, muss jeder eine Zulassungsprüfung schreiben. Wer gut abschneidet, wird zu den staatlichen Universitäten zugelassen. Ansonsten bleiben nur die teuren Privathochschulen.

Von denen sind die 15 Universitäten sehr belibt, die zur "Cemaat" (Türkisch für "Gemeinde") genannten Bewegung des Predigers Fethullah Gülen gehören: Die Lehre ist gut und in den privaten Wohnheimen kommen Studenten günstig unter.

Nach Schließung der Universitäten warten nun Studenten und Mitarbeiter auf Informationen des zentralen Hochschulrats der Türkei. Dieser sprach zunächst ein Ausreiseverbot für alle Wissenschaftler aus und veranlasste dann die Entlassungen von Tausenden Professoren und Universitätsmitarbeitern.

Einer von ihnen ist Süleyman, 31. Seit der Eröffnung vor fünf Jahren bis zu ihrer Schließung Ende Juli arbeitete er als Studienkoordinator an der Gediz Universität in Izmir.

Dass der Staat, ohne ein Ermittlungsverfahren einzuleiten, eine Institution dieser Größe schließen lässt, das konnte ich einfach nicht glauben. Es gibt doch überhaupt keinen Grund, eine Bildungseinrichtung, die bis zum 14. Juli für keine einzige illegale Aktivität verurteilt wurde, eine Woche nach einem Putschversuch zu schließen! Die ersten Wochen waren wir alle ganz still, jeder war verunsichert und verängstigt.

Aber in der ersten Augustwoche hielt ich es nicht mehr aus: Auf Social Media und auf meinem Blog rief ich dazu auf, dass wir uns solidarisieren und gegenseitig unterstützen müssen. Ich habe auf Facebook eine Solidaritätsgruppe für die Studenten der Gediz-Universität gegründet, damit sie sich dort austauschen und informieren können.

Der Großteil des Unipersonals ist wie ich gerade arbeitslos. Wir wissen nicht, ob wir noch unser Gehalt der vergangenen Monate bekommen. Ob wir überhaupt wieder einen Job finden. Wir sind nun stigmatisiert – als Anhänger einer Terrororganisation.
Was passiert mit den Studenten?

Die Hochschulbehörde entschied zunächst, alle Studenten nach dem Zufallsprinzip an die anderen Universitäten des Landes zu verteilen. Dagegen protestierten die Studenten – immerhin gibt es große qualitative Unterschiede zwischen den Hochschulen.

Nun durften die Studenten je nach ihrer Punktzahl im Zulassungstest Präferenzen für Universitäten angeben. Vor ein paar Tagen verkündete der zentrale Hochschulrat die Beschlüsse.

Wobei viele Fragen noch ungeklärt sind. Zum Beispiel, ob Stipendien weitergezahlt werden. Dagegen beklagen sich viele Studenten, dass sie die Gebühren ihrer alten Hochschule weiterbezahlen sollen, obwohl sie an kostenlose staatliche Universitäten verwiesen wurden. "An diesen Unis muss dann niemand etwas bezahlen außer wir. Das ist schon fast ironisch", sagt Aydin.

Metin Turgut, 21, studierte Elektroingenieurwesen an der Gediz-Universität in Izmir

Ich habe gerade ein Praktikum gemacht, als ich von der Schließung hörte. Das habe ich erst einmal abgebrochen, weil ich ja gar nicht wusste, an wen ich die Praktikumsberichte schicken sollte.

Seitdem habe ich jeden Tag auf der Seite des Hochschulrates geschaut, ob es neue Informationen gibt. Ich hatte Glück: Dank meines super Examens konnte ich mir die Uni quasi aussuchen.

Jetzt studiere ich an einer staatlichen Universität in Izmir, damit bin ich sehr zufrieden. Einer meiner Freunde hatte weniger Glück – er muss nach Mersin im Südosten der Türkei.

Allerdings ist mir nun bewusst, dass ich wegen meiner Gülen-Vergangenheit wohl nie in öffentlichen Institutionen werde arbeiten können. Seit 17 Jahren besuche ich Institutionen der Gemeinde: Kindergarten, Schule, Universität. Obwohl ich nur zu diesen Schulen gegangen bin, weil mein Vater das wollte. Ich selbst habe mich nie als Teil der Gülen-Bewegung gefühlt.

Ich muss nur noch ein Jahr studieren, bis ich meinen Bachelor habe. Danach will ich dieses Land verlassen. Ich will meinen Master in Kanada machen und habe mich dort auch schon beworben. In diesem Land habe ich keine Zukunft.
Ich habe Angst vor der neuen Universität, vor allem davor, dass wir von den anderen Studenten und Professoren schief angeguckt und als Putschisten verschrien werden.
Aylin
Alle bürokratischen Prozeduren dauern in diesen Wochen besonders lang.

Auch in Behörden des Hochschulrates wurde massenweise Personal entlassen. Dies führt zu chaotischen Situationen. Aylin hat es erlebt:

Um unsere Dokumente abzuholen, mussten wir in eine andere staatliche Universität gehen. Dort haben sie diese aber wie auf einem Müllhaufen zusammengeworfen. Ich habe vier Stunden gebraucht, bis ich meine Dokumente gefunden habe!

Jetzt hat das Semester schon vor über einer Woche angefangen, und wir bekommen erst nach und nach Bescheid, an welche Uni wir transferiert werden. Wir werden also zu spät kommen und schon vieles verpasst haben. Ich habe Angst vor der neuen Universität, vor allem davor, dass wir von den anderen Studenten und Professoren schief angeguckt und als Putschisten verschrien werden.

Einige Studenten, die das nächste Semester im Ausland verbringen wollten, können dies nun nicht. Sie kommen nicht an die notwenigen Dokumente heran. Dabei waren die Auslandskooperationen oftmals der Grund dafür, überhaupt an Gülen-Universitäten zu studieren.

Can Aksu, 23, studierte BWL in Izmir

Ich habe mich für die Gediz-Universität in Izmir entschieden, weil ich einen Teil meines Studiums in England verbringen wollte. Die Gediz-Universität hatte das beste Austausch-Programm.

Ich war gerade dabei, mich auf mein Auslandsjahr vorzubereiten, als ich von der Schließung erfuhr. Mein erster Gedanke: Kann ich immer noch in England studieren?

Ich fürchte, dass ich jetzt ein Jahr verliere. Oder sogar mehr. Nach vielem Hin- und her bin ich mittlerweile in England, aber ob mein Abschluss anerkannt wird, wenn ich wieder in die Türkei zurückkehre – keine Ahnung.

Außerdem habe ich große Angst davor, dass ich nach meinem Abschluss keinen Job finden werde – eben, weil ich auf einer Universität war, die mit Gülen in Verbindung steht.

Ich muss für etwas bezahlen, womit ich nichts zu tun habe und das ist einfach nicht fair! Ich hatte schon lange vor, im Ausland zu studieren – aber ein Teil von mir wollte immer in der Türkei bleiben. Mittlerweile will ich einfach nur weg. Ich ertrage diesen Stress nicht mehr.

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