Noch eine Woche bis zur Chinesisch-Klausur. Die Unterlagen lagen auf meinem Schreibtisch, ich seit Tagen in meinem Bett. Mir war unwohl, übel, und mir fehlte jede Motivation, aufzustehen. 

Das war Anfang 2017. Zu diesem Zeitpunkt studierte ich gerade Wirtschaft und Kultur Chinas im dritten Semester an der Uni Hamburg. An diesem Tag in meinem Bett wusste ich noch nicht, dass ich wenige Tage später einem Mitarbeiter des Campus-Centers meine Exmatrikulation in die Hand drücken würde. Plötzlich fiel es mir leicht: Ich brach mein Studium ab. Und das war eine der besten Entscheidungen meines Lebens.

29 Prozent aller Bachelorstudierenden brechen ihr Studium vorzeitig ab.

Das hat eine Studie des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW) ergeben. An Universitäten ist die Abbruchquote mit 32 Prozent sogar noch etwas höher als an Fachhochschulen, an denen 27 Prozent der Studierenden ihr Studium vorzeitig beenden. Die meisten von ihnen brechen nach dem ersten oder zweiten Semester ab, knapp die Hälfte. Im Durchschnitt brechen Studierende nach 3,8 Semestern ab. Keiner von den Studienteilnehmenden begann danach ein neues Studium.

Für einen Abbruch gibt es der Studie zufolge unterschiedliche Gründe. 30 Prozent aller Studienabbrecherinnen und Studienabbrecher konnten nach eigenen Angaben die Leistungsanforderungen im Studium nicht bewältigen. 15 Prozent wollten lieber praktisch arbeiten. 17 Prozent aller jungen Menschen ging es wie mir: Es mangelte nach einiger Zeit an Motivation. 

Zu Beginn des Studiums wusste ich, was ich wollte – Journalistin werden. Mit dem Studium in Hamburg wollte ich mich thematisch spezialisieren, das sei wichtig mit diesem Berufsziel, hatte ich immer wieder gehört. Und alles rund um China interessierte mich schon lange. Das Problem war nur: Plötzlich langweilten mich die Seminare zur chinesischen Kultur, das Lernen der chinesischen Schriftzeichen überforderte mich, und die Themen für die Hausarbeit interessierten mich gar nicht. 

Das war gegen Ende des dritten Semesters, kurz vor den Klausuren. Es war keine typische "Ich habe keine Lust mehr"-Klausurenphase. Das Studium kam mir sinnlos vor. Die tägliche Übelkeit belastete meinen kompletten Alltag.

"Psychosomatische Beschwerden wie Übelkeit, Bauch- oder Kopfschmerzen, Durchfall und Herzrasen sind ein ganz wichtiges Signal", sagt Swantje Wrobel, Psychologische Psychotherapeutin und Leiterin der Psychologischen Beratung des Studierendenwerks Bremen. "Der Körper zeigt uns, dass es einen Konflikt gibt. Darauf sollte man dringend hören. Wenn Studierende das Signal ignorieren, gibt es längerfristig psychische Konsequenzen: Müdigkeit und Erschöpfung bis hin zu depressiven Symptomen." 

Ich nahm die Signale meines Körpers ernst. Ich war 23 Jahre alt – meine Gesundheit aufs Spiel zu setzen, war es einfach nicht wert. Das bedeutete aber jetzt auch: Das einzige, was ich von einer Universität hatte, war eine Exmatrikulation.

Ich fragte mich zwischendurch: Hätte ich nach drei Semestern nicht einfach durchziehen sollen?

„Es gibt Studierende, die durchziehen. Am Ende sagen sie aber oft, dass sie in diesem Beruf nicht arbeiten wollen.“
Swantje Wrobel, psychologische Psychotherapeutin

"Bei den Berufsbildern heutzutage ist es oft nicht mehr wichtig, was man studiert hat. Eine Studienqualifikation ist aber immer von Vorteil", sagt die Psychotherapeutin.

Wie wahrscheinlich bei vielen anderen Studierenden auch, hatten meine Finanzen Einfluss auf die Entscheidung: 

Würde ich trotz des Studienabbruchs bei einem neuen Studium Bafög bekommen? 

Zunächst einmal: Studierende, die in den ersten zwei Semestern abbrechen, das Fach wechseln wollen und Bafög beziehen, müssen sich wenig Sorgen machen. Wenn der Abbruch bis zum Beginn des dritten Semesters erfolgt, können sie einfach einen neuen Antrag stellen. 

Bis zu Beginn des vierten Semesters brauchen Studierende nach dem Bafög-Gesetz allerdings einen wichtigen Grund für den Abbruch, damit sie weiter Unterstützung erhalten. Das waren in meinem Fall beispielsweise die psychosomatischen Beschwerden – die Übelkeit, das Unwohlsein. Wäre mein Abbruch noch später gewesen, also im vierten Semester, hätten noch weitere Sonderregelungen gegolten. 

Drei Semester studierte ich in Hamburg. War das jetzt verlorene Zeit? 

Wenn ich mir vorstelle, dass ich 80 Jahre alt werde, hätten diese drei Semester nur 1,88 Prozent meines Lebens ausgemacht. Studierenden, die mit ähnlichen Zweifeln zu Swantje Wrobel kommen, sagt sie: "Wir haben heutzutage so eine hohe Lebenserwartung, da kommt es auf ein bis zwei Semester auch nicht an. Wir müssen versuchen, den besten Weg für uns zu finden. Man muss Dinge ausprobieren, und manchmal klappt es einfach nicht", sagt Swantje Wrobel.

Der Stress, den sich die Studierenden dabei machen, entstehe häufig durch gesellschaftliche Zwänge, meint die Psychologin. Die Gesellschaft lebe uns vor, dass wir niemals Zeit verlieren dürfen. 

„Alles muss sofort richtig sein. Aber wir Menschen lernen durch Erfahrungen. Dazu gehört es eben auch, Fehler zu machen.“
Swantje Wrobel, psychologische Psychotherapeutin

Ich sehe den Studienabbruch nicht als Versagen an, sondern als Stärke. 

Durch den Abbruch bewies ich Selbstbewusstsein und Mut, eine Eigenschaft, die auch potenzielle Arbeitgeber schätzen, sagt Swantje Wrobel. "In Bewerbungsgesprächen sollte man offen mit dem Studienabbruch umgehen. Arbeitgeber sind viel mehr davon beeindruckt, dass man selbstbewusst ist und gut damit umgehen kann, wenn etwas auch mal schiefläuft." 

Auch ich habe diese Erfahrung gemacht. In jedem Bewerbungsgespräch für Praktika oder Nebenjobs kam bislang das Studium in Hamburg zur Sprache. Wirtschaft und Kultur Chinas klingt ungewöhnlich und interessant. Die Arbeitgeber verstehen aber auch, warum ich es abbrach – und zeigen Verständnis.

Nach meinem Abbruch packte ich im März 2017 meine Sachen. 

Ich zog wieder in mein Kinderzimmer in Niedersachsen ein und verkaufte ein halbes Jahr lang Eis – ein Kindheitstraum. Mit 300 Kilometern Abstand zur Uni Hamburg fühlte sich dieser Schritt wie eine Befreiung an. Ich übernahm Verantwortung in der Eisdiele und verbrachte bewusst viel Zeit mit meiner Familie und alten Freunden. 

Swantje Wrobel rät, dass Studierende nach einem Abbruch einen groben Plan haben sollten. Zumindest für die direkte Zeit danach. Es kann ein neues Studium sein, eine Ausbildung oder auch ein Auslandsaufenthalt. 

Ich sah mich nach neuen Studiengängen um. Mein Neustart sollte im Oktober 2017 sein: ein klassisches Journalistik-Studium an der Technischen Universität Dortmund. Durch mein neues Studium war meine Exmatrikulation in Hamburg nach den Kriterien der DZHW-Studie kein Studienabbruch, sondern ein Fachwechsel.

Dann war ich wieder Ersti und saß in Vorlesungen mit Kommilitonen, die bis zu sechs Jahre jünger waren als ich.

Doch meine Entscheidung abzubrechen war genau die richtige. Ich lernte, auf meinen Körper zu hören. Klausuren schreibe ich immer noch nicht gerne. Aber ich versuche nicht mehr, mit Bauchschmerzen die Unterlagen auf meinem Schreibtisch zu ignorieren. In Hamburg fehlte mir das Schreiben, meine Kamera und die Interviews. Das alles habe ich jetzt im Studium in Dortmund. Dadurch gehe ich mit mehr Enthusiasmus in die Seminare und habe das Gefühl, Dinge zu lernen, die ich in meinem späteren Job auch wirklich brauchen werde – anstelle chinesischer Schriftzeichen. 

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