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Wir haben zwei Experten zur richtigen Entscheidungsfindung befragt

Mit dem Studium beginnt für viele ein neuer Lebensabschnitt. Endlich studieren, selbstbestimmt leben, Expertin oder Experte in einer spannenden Fachrichtung werden.

Doch was, wenn nach den ersten Monaten des Studiums die Euphorie ausbleibt? Passt das Studierendenleben oder das Fach nicht zu einem? Oder kommt es einem nur so vor? 

Studium abbrechen, Fach wechseln oder durchbeißen? Wie treffe ich die richtige Entscheidung?

Campus Coach

In der ersten Woche deines Studiums, der Orientierungswoche, lernst du allerlei Nützliches: Wie du deinen Stundenplan zusammenstellst, wo die Mensa ist oder wie du dir Bücher in der Bibliothek ausleihst. 

Am Campus findest du dich schnell zurecht, aber dann warten erst die richtigen Herausforderungen auf dich: Wie löst du Konflikte mit Dozentinnen oder Kommilitonen? Wie motivierst du dich über mehrere Wochen für die Hausarbeit? 

Wir unterstützen dich in deinem Studien-Alltag und reden mit Expertinnen und Experten über Tipps für jede noch so verfahrene Situation an der Uni.

Wir haben eine Expertin und einen Experten zur richtigen Entscheidungsfindung befragt:

  • Ilka Wehling ist Psychotherapeutische Beraterin beim Studierendenwerk Kassel. Sie berät regelmäßig Studierende, die an ihrem Studium zweifeln und versucht, mit ihnen den richtigen Weg zu finden.
  • Claus Engler ist Produktmanager Risikomanagementsysteme und vergibt für TÜV SÜD Zertifizierungen an Unternehmen, wenn sie Risikoanalysen systematisch durchführen. Hier werden Entscheidungen sachlich-mathematisch durchgeführt – geht das auch bei einem Studienabbruch?

1 Erstis, nichts überstürzen!

Wenn jemand aus dem ersten Semester zu Ilka in die Sprechstunde kommt und Zweifel am Studium hat, beruhigt sie ihn oder sie erst einmal. "Das Studium ist etwas ganz anderes als die Schule. Da haben viele Startschwierigkeiten. Deshalb muss man aber nicht gleich das ganze Studium in Frage stellen", sagt die Beraterin. 

Viele hätten sich das Studium anders vorgestellt, sagt Ilka. Aber anders müsse ja nicht schlechter sein – man solle erst mal dranbleiben. "Vielleicht freundest du dich mit der neuen Arbeitsweise an."

Wenn du aber auch gegen Ende des zweiten oder dritten Semesters noch Zweifel hast, so Ilka, dann ist das Studium vielleicht nicht das richtige für dich. Auch wenn du dich so unwohl fühlst, dass du psychosomatische Beschwerden zeigst (Ilka nennt Beispiele wie sehr häufige Bauchschmerzen oder Infekte oder depressive Stimmung), solltest du handeln. 

2 Rede!

Die Beraterin rät: Sprich mit Freunden und Kommilitonen über deine Zweifel – vielleicht geht es ihnen ähnlich und gemeinsam haltet ihr durch. Oder ihr sprecht euch Mut für den Ausstieg zu.

Vor allem mit den Eltern solle man reden, sagt Ilka. Denn viel zu viele Studierende quälten sich durch ein Studium aus Angst, ihre Eltern sonst zu enttäuschen. "Erfahrungsgemäß reagieren die Eltern aber fast immer wohlwollend. Hauptsache, dem Kind geht es gut."

Und selbst wenn nicht: "Eltern dürfen auch mal enttäuscht sein", betont die psychotherapeutische Beraterin. Man solle sich das Wort vor Augen führen: "Ent-täuschen. Ich täusche dich nicht mehr." Man lebe endlich seine Wahrheit. Und das sei viel besser als alles andere.

3 Studierst du überhaupt aus den richtigen Gründen?

"Bei vielen Studierenden, die mit diesem Anliegen in unsere Sprechstunde kommen, kristallisiert sich schnell heraus, dass sie gar nicht studieren, weil sie es selbst wirklich wollen", sagt Ilka. Viele studierten, weil sie nach dem Abi nicht wussten, was sie sonst tun sollten, oder weil ihre Eltern es so wollten.

Da sei es kein Wunder, wenn man keine Freude am Studieren entwickelt. "Man muss es schon wirklich wollen", betont Ilka.

4 Darum: Erinnere dich an deine Ziele.

Wo möchtest du eigentlich arbeiten? Ist dafür ein Studium unbedingt notwendig?

"Wenn Unternehmen in die Entwicklung eines Produktes oder einer Dienstleistung investieren, fragen sie sich unter anderem: Was ist unser Ziel damit? Lohnen sich weitere Investitionen? Oder erreichen wir unser Ziel auch anders? Auch ein Studium ist ein Investment: von Zeit, Geld und Kraft. Braucht es dieses Investment, um sein Ziel zu erreichen?", fragt Risikomanagement-Spezialist Claus. 

Viele glauben, dass sie nur mit einem Studium einen guten Job finden, sagt Claus. "Wer nur studiert, weil er oder sie glaubt, allein mit einem Studium eine Chance auf dem Arbeitsmarkt zu haben, wird nicht glücklich studieren", erklärt Claus. Aus seinem Berufsalltag kann er bestätigen: Bei dem Fachkräftemangel in Deutschland hat man auch ohne Studium gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Brauchst du also, um deine Ziele zu erreichen, das Studium, das du gerade machst? Oder ein anderes? Oder gar keines?

5 Erst rational betrachten, dann emotional gewichten.

Jeder kennt die klassischen Pro-Contra- oder Chancen-Risiken-Listen. "Auch in der Risikoanalyse kommen sie oft zum Einsatz – aber man muss sie richtig benutzen", sagt Claus.

Stelle dir die Frage: "Wenn ich mein Studium abbreche, welche Chancen ergeben sich für mich daraus und welche Gefahren?" Trage deine Ergebnisse zunächst möglichst wertfrei in eine Tabelle ein. Gehe danach die Liste durch und vergebe Punkte von eins bis drei, je nachdem, wie wichtig dir aus emotionaler Sicht der einzelne Aspekt ist. "Gerade eine Entscheidung wie einen Studienabbruch kann man nicht ohne eine emotionale Gewichtung fällen," betont Claus. Die Summen der Punkte auf der Chancen- und auf der Risiken-Seite helfen dir bei der Entscheidung. 

Ratsam sei es, danach nochmal das Gleiche zu machen, aber anders herum: Stelle dir jetzt die Frage "Wenn ich mein Studium durchziehe, welche Chancen ergeben sich für mich daraus und welche Gefahren?" Du wirst nicht nur an der Summe der Punkte, sondern auch an deinen Gefühlen beim Erstellen der Listen merken, in welche Richtung es gehen sollte.

6 Denke den Weg zu Ende.

Ilka empfiehlt in ihrer Beratung oft, "den Weg einmal wirklich komplett zu Ende zu denken". Was hat es für Auswirkungen, wenn ich mich für X entscheide? Auf allen Ebenen: für mich, meinen Alltag, meine Gefühle, für meine Eltern, meine Freunde, meine Partnerin oder meinen Partner? Kurz- und langfristig? Wenn ich weiter studiere, was brauche ich dafür? Wo finde ich Unterstützung? Wenn ich abbreche, was ist dann mein Plan B, was brauche ich dafür? Welche Konsequenzen hätte das? 

"Menschen neigen dazu, wenn sie eine Situation wie den Studienabbruch als bedrohlich vermuten, es nicht zu Ende zu denken. Dazu muss man sich zwingen. Und oft stellen sie dann fest, dass die Situation gar nicht so bedrohlich ist."

7 Wie wäre es mit einer Pause?

Ilka empfiehlt, durch eine Pause etwas Abstand zur Situation zu bekommen. Vielleicht durch ein freiwilliges Praktikum oder – wenn man es sich leisten kann – eine lange Reise. "Viele gehen direkt nach dem Abi ins Studium. Ständig im Leistungs- und Lernmodus zu sein, kann schnell zu Überforderung führen." Nach der Pause kann man wieder ins Studium einsteigen und die Situation neu bewerten.

"Ich selbst hatte auch zwischendurch Zweifel bezüglich eines Studiums", erzählt Claus. "Ich habe nach der Schule eine handwerkliche Ausbildung gemacht. Erst danach habe ich erst studiert." Heute helfe ihm das sogar in seinem Job, weil er durch seine Erfahrungen im handwerklichen Bereich ein besseres Verständnis für die Belange der Unternehmen habe.


Gerechtigkeit

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Anfangs waren es nur Skateboard-Videos, die Daniel* sich auf YouTube anschaute. Irgendwann tauchten in der Vorschlagsliste andere Themen auf: Gender-Irrsinn, Sozialismus, Weltverschwörungen. Die meisten Videos kamen aus den USA. Daniel schaute sich auch diese Clips an, obwohl er sie eigentlich falsch fand. Bald spürte er, wie sie ihn aufwühlten. "YouTube ist eine unglaubliche Radikalisierungsmaschine", sagt der 27-Jährige rückblickend.

Anders als viele andere Zuschauer wollte Daniel gegenhalten. Im Frühjahr 2018 sprach er mit einem Playstation-Mikrofon den Text für sein erstes Video ein. Darin argumentiert er elfeinhalb Minuten auf Englisch gegen rechtsextreme Verschwörungstheorien rund um die Bombardierung Dresdens 1945.