Bild: Pia Seitler
Führt der 24-jährige Kurt Sauer in Mittweida das Studentenleben, von dem unsere Autorin immer geträumt hat?

Diese Reportage ist im Januar entstanden, bevor die Coronakrise Europa und Deutschland überrollte. Deshalb haben wir den Text zunächst nicht veröffentlicht, weil das Studentenleben plötzlich ein anderes war: Zoom-Vorlesungen statt Hörsaal und Mensa. Mittlerweile hat sich gezeigt: Dieser Zustand könnte noch einige Wochen und Monate andauern. Das Studierendenleben wird sich nachhaltig verändern, auch das in Mittweida. Und wir finden, gerade jetzt zeigt der Besuch unserer Autorin Pia etwas Wichtiges: Wie es ist, wenn man sich nach dem Abitur das Studium ausmalt – und die Realität dann doch ganz anders aussieht. 

Ich laufe mit Kurt Sauer, 24, durch die Straßen von Mittweida. Er grüßt so ziemlich jede Person, die aussieht, als wäre sie unter 30. Kurt hat in der Kleinstadt in Sachsen Medienmanagement und Media and Communication Studies studiert. Ich habe in Stuttgart und Hamburg Kommunikationswissenschaft studiert. Wenn ich dort durch die Straßen laufe, grüße ich nie jemanden. Weil ich kaum jemanden kenne. Ich beginne, über meine Studienzeit nachzudenken, während ich Kurt vorbei an drei Bäckereien die wenigen Meter zum Marktplatz folge. 

6000 Studierende auf 14.500 Einwohner

Etwa 14.500 Menschen leben in Mittweida, 30 Autominuten von Chemnitz entfernt. Die Hochschule dort zählt 6000 Studierende. Ich komme aus einer Stadt, in der 60.000 Menschen wohnen. Die meisten meiner Freundinnen und Freunde wollten nach der Schule, genau wie ich, fürs Studium unbedingt in eine Großstadt ziehen, oder nach Freiburg, Tübingen, Gießen, Marburg. In Städte, die bekannt sind für ihr studierendenfreundliches Image. Wir wollten dort ein typisches Studierendenleben führen: ausschlafen, unsere Tage auf dem Campus verbringen, gemeinsam Projekte auf die Beine stellen, die Nächte in Kneipen versacken und in Studentenclubs durchfeiern.

Stattdessen stand ich meistens früh auf, weil ich neben den Vorlesungen zwei Nebenjobs hatte. Gelernt habe ich selten in der Bibliothek und gegessen auch nicht in der Mensa, sondern in meiner WG mit Freunden, die nicht mit mir studierten. In den Clubs, in denen wir am Wochenende feierten, fanden keine Studentenpartys statt. Die waren schon seit dem zweiten Semester nicht mehr interessant.

Jetzt bin ich in Mittweida. Es gibt einige Hochschulen in Deutschland wie diese hier: viele Studierende, wenig Einwohner, Nischenstudiengänge. Etwa die Technische Universität Ilmenau oder die Hochschulen in Vallendar oder Furtwangen. Exemplarisch lässt sich in Mittweida zeigen, was das Studentenleben in Kleinstädten ausmacht. Ich frage mich: Wie fühlt es sich an, in einer Stadt zu studieren, in der nur etwa doppelt so viele Menschen wie Studierende wohnen? Hätte mich hier das Studierendenleben erwartet, von dem ich in der Schule geträumt habe?

Warum in einer Kleinstadt studieren?

Ich treffe Kurt auf Gleis 23 am Hauptbahnhof in Leipzig. Er trägt braune Lederstiefel und eine Fleece-Jacke. In der Hand hält er einen Anzug auf einem Kleiderbügel. Der 24-Jährige kommt aus Berlin, dort hat er ein Praktikum bei der Europäischen Kommission beendet. Heute fährt er zurück nach Mittweida. Am Abend findet der von Studierenden organisierte Abschlussball für alle Bachelor- und Masterabsolventen der Hochschule statt.

Was verschlägt junge Menschen hier überhaupt hin, in eine Kleinstadt, ohne Clubszene, Demos und Hipster-Cafés, will ich von Kurt wissen. "Mittweida war eigentlich Plan Z", sagt Kurt über seine Hochschulbewerbungen. Nach dem Abi in Großenhain wollte er Kommunikationswissenschaft in Leipzig studieren, aber wurde wegen seines Notendurchschnitts nicht angenommen. Lediglich als Back-Up-Plan bewarb er sich in Mittweida und begann dort 2014 zunächst den zulassungsfreien Studiengang App-Entwicklung. Als er dann im Fernsehstudio der Hochschule sah, wie die Studierenden des Medienmanagement-Studiengangs die großen Kameras führten, wollte er unbedingt den Studiengang wechseln. Als Nachrücker schafft er es 2015.

Wie Kurt ging es vielen Studierenden in Mittweida. Als ich mit einigen von ihnen auf dem Abschlussball spreche, tragen sie Paillettenkleider und Hosenträger. An den Wänden hängt goldenes Lametta. Das Motto sind die Zwanzigerjahre. So einen Abschlussball gab es an meiner Uni nicht. Nur eine feierliche Zeugnisübergabe mit Klarinettenduo anstatt DJ. Ich selbst war nicht da, weil keiner meiner Freunde aus dem Studium hinging. 

Die meisten der Studierenden, mit denen ich an diesem Abend spreche, hatten nicht geplant, in der 14.500-Einwohner Stadt zu landen. Und trotzdem, wenn sie jetzt zurückschauen auf ihre Studienzeit, dann positiv. Einige studieren an der Hochschule Mittweida, wegen der starken Spezialisierung mancher Studiengänge, wie akustisches Ingenieurwesen oder digitale Forensik. Andere wegen der günstigen Lebenshaltungskosten oder weil sie an anderen Hochschulen nicht angenommen wurden.

Das Beste daraus machen

"Hier sitzen alle im gleichen Boot", sagt Kurt. Er erzählt davon, wie schnell man in Mittweida neue Leute kennenlerne und vom Zusammenhalt unter den Studierenden. "Man geht offener aufeinander zu, weil man muss", sagt der 24-Jährige. Mittweida habe nicht viel für junge Menschen zu bieten, deswegen organisieren sich die Studierenden selbst. Sie stellen einmal im Jahr das größte von Studierenden organisierte Campusfestival Deutschlands auf die Beine, planen einen Medienkongress, Podiumsdiskussionen und Ausflüge nach Prag. Mittweida sei eben das, was man daraus macht. 

(Bild: Pia Seitler)

Der Campus der HS Mittweida unterscheidet sich mit seinen modernen Gebäuden und vielen Grünflächen nicht groß von vielen in Deutschland. Als wir den Campus verlassen, verändert sich das Bild. Die Straßen auf dem Weg zum Campus sind leer. Die Vorlesungszeit ist vorbei, da sei das normal, sagt Kurt. Die kurzen Wege werde er vermissen. 

„In meiner alten WG habe ich auf dem Klo das WLAN der Hochschule empfangen.“
Kurt Sauer

Auf der anderen Straßenseite liegt ein umgefallener Gartenzwerg im Vorgarten eines Einfamilienhauses. Orchideen reihen sich auf dem Fensterbrett vor den Gardinen aneinander. Den Kleinstadt-Flair spüre man vor allem beim Einkaufen und am Wochenende, da sei Mittweida leergefegt, so Kurt. Gefeiert wird unter der Woche, danach pendeln die meisten nach Hause.

Die Hochschule habe ihn zu dem gemacht, der er sei, sagt Kurt. Er habe viel Verantwortung bei studentischen Projekten getragen und konnte spontan eine Web-Show umsetzen. 

Das war bei mir anders. Mich hat weniger die Uni, als viel mehr die Stadt und die Menschen geprägt, die ich dort während Praktika und Nebenjobs kennengelernt habe. Diese Erfahrung möchte ich nicht missen und trotzdem spüre ich, wie sich mein Kiefer anspannt, als Kurt sagt, er habe für sein WG-Zimmer 250 Euro bezahlt und neben dem Studium nicht arbeiten müssen – das Bafög habe gereicht. 

Die enge Verbundenheit zur Hochschule bemerke ich auch im Gespräch mit Maximilian Benda. Er ist einer der wenigen von Kurts Kommilitonen, der nach dem Abschluss in Mittweida geblieben ist. Die anderen sind für Praktika und Jobs nach Leipzig, Berlin und Hamburg gezogen.

Maximilian Benda arbeitet als Studienberater an der Hochschule Mittweida.

(Bild: Pia Seitler)

"In größeren Städten bist du in der Stadt beheimatet und nicht zwingend an der Hochschule", sagt der 23-Jährige. Vieles, was man in Mittweida während seiner Studienzeit erlebe, organisiere man selbst oder die Kommilitoninnen und Kommilitonen, das mache es sehr besonders und schaffe ein Zusammengehörigkeitsgefühl. Er plane auch als Berufstätiger erst einmal in Mittweida zu bleiben. Die weniger starke Bindung an die Stadt führe aber natürlich auch dazu, dass viele nach dem Studium wegziehen. Es komme auf die Branche und die Jobperspektiven an. 

Maximilian hat Recht. Ich fühle mich nach mehr als zwei Jahren in Hamburg viel mehr mit der Stadt verbunden als mit der Uni und möchte auch nach dem Studium, wie viele meiner Kommilitoninnen und Kommilitonen, in Hamburg bleiben. Das hat natürlich auch mit den Jobperspektiven zu tun, die ich mir hier erhoffe.

Nachdenklich setze ich mich am nächsten Morgen in den Zug. Die vergangenen sieben Jahre hatte ich ein komplett anderes Studierendenleben als ich es mir in der Schule erträumte – und als es Kurt hatte. Und trotzdem würde ich es wahrscheinlich wieder genauso machen. Ich erkenne, wie gut mir das Leben in der Großstadt abseits der Uni gefällt. 

Jedes Studium ist eben das, was man daraus macht.

Hinweis: In einer ersten Version haben wir aus Versehen beim Aufzählen von Unistädten Thüringen statt Tübingen geschrieben. Bekanntlich sind zwar beide Städte gleich schöne Bundesländer – aber der Fehler ist nun korrigiert.


Uni und Arbeit

Meine eigene Chefin: Wie bekomme ich Aufträge?
Ein neuer Teil zu unserer Serie über Selbstständigkeit.

Wer diese Kolumne schon länger verfolgt, weiß vielleicht, dass ich mittlerweile seit einem knappen Jahr als freie Journalistin arbeite. Glücklicherweise ist es mir in dieser Zeit gelungen, mit einigen Kunden eine regelmäßige Zusammenarbeit aufzubauen, andere wiederum bediene ich nur punktuell. 

Meine Selbstständigkeit verläuft in einer Art Wellenform. Ich arbeite offene Aufträge nacheinander ab, um anschließend wieder neue Projekte zu generieren. So entstehen gelegentlich unnötige Leerläufe, die ich in den nächsten Monaten eindämmen möchte. Dafür muss ich mich wohl oder übel noch stärker mit kontinuierlicher Kundenakquise beschäftigen.   

Für Selbstständige ist Akquise häufig ein unangenehmes Thema. Aber: Fehlen die passenden Kunden, ist die Gefahr groß, in finanzielle Schwierigkeiten zu geraten – egal, wie fabelhaft das Produkt ist.

Es erfordert Überwindung und Durchhaltevermögen, denn eines ist sicher: nicht jeder Werbeversuch ist erfolgreich. Ich schreibe manchmal etliche Mails und führe mehrere Telefonate, damit daraus am Ende eine Handvoll neuer Aufträge entsteht. Oft habe ich das Gefühl, mich anbiedern zu müssen, wobei ich meine Energie lieber in meine Kernkompetenzen stecken würde. Das ist völlig normal und gehört leider dazu. Erst wer länger in der Branche aktiv ist und sich am Markt einen Namen gemacht hat, kann damit rechnen, dass Auftraggeber selbst auf einen zukommen. Bis dahin hilft es nur, Eigeninitiative zu zeigen.