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Junge Menschen wollen das Klima retten – und suchen Studiengänge, die sie darauf vorbereiten.

Die Hörsäle, in denen Sabrina Neu und Janina Moosmann sitzen, trennen 500 Kilometer. Die beiden kennen sich nicht, an unterschiedlichen Hochschulen in Deutschland studieren sie unterschiedliche Fächer, beide mit dem gleichen Ziel: Sabrina und Janina wollen lernen, wie sie das Klima und die Umwelt nachhaltig schützen können.

Überall in Deutschland gehen immer mehr Schülerinnen und Schüler für mehr Klimaschutz auf die Straße. Die Mehrheit der Protestierenden von "Fridays for Future" in Deutschland ist laut einer Studie zwischen 14 und 19 Jahren alt und strebt als Bildungsabschluss das Abitur an. 

Passen die Unis deshalb ihr Studienangebot an? 

Und was ist mit denen, die ihr Studium in den vergangenen Semestern begonnen haben – hat sie die Klimabewegung politisiert? 

Sabrina, 20, studiert an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule (RWTH) Aachen Nachhaltige Rohstoff- und Energieversorgung, Janina Agrarwissenschaften an der Universität Hohenheim. Beide Unis bieten mehrere Studiengänge in den Bereichen Energie und Agrarwissenschaften an. Felder, die – besonders, wenn es ums Klima geht – derzeit eine wichtige Rolle spielen.

Sabrina studiert mit etwa 150 anderen jungen Menschen in ihrem Studiengang in Aachen mittlerweile im dritten Semester. "Ich wollte wissen, wie wir das Klima retten können", sagt sie über ihre Studienfachwahl. Hier erfahre sie etwas über Rohstoffe, Energie und wie man die Umwelt schone.

2018 stieß sie bei ihrer Suche nach einem passenden Studium zufällig auf den Bachelorstudiengang. Damals wohnte sie in Kaiserslautern bei ihren Eltern und kam gerade von einer Reise aus Costa Rica zurück. In Mittelamerika hatte Sabrina in einem kleinen Hostel gelebt, spanisch gelernt und freiwillige Arbeit geleistet. Sie baute Müllsammelstellen, sammelte Plastik ein – schon bevor Greta Thunberg mit ihren Protesten begann. "Umweltverschmutzung, Klimawandel, nachhaltiger Lebensstil – das waren Themen, über die ich schon in den letzten beiden Jahren meiner Schulzeit viel gehört und gelesen hatte und mit denen ich mich auch im Studium auseinandersetzen wollte", sagt Sabrina.

Es weckt Interesse bei jungen Menschen, wenn "nachhaltig" im Namen des Studiengangs steht.

Sabine Backus arbeitet als Referentin der Fachgruppe für Rohstoffe und Entsorgungstechnik an Sabrinas Hochschule. Sie informiert Schülerinnen und Schüler über das Studienangebot und sagt: "Lange zählten vor allem Berufschancen und Gehaltsaussichten. Inzwischen verhalten sie sich bei der Studienwahl emotionaler, Umweltschutz und Klimawandel spielen eine größere Rolle. Ich habe den Eindruck, dass diese Veränderung schon vor 'Fridays For Future' begann und sich nun aber noch verstärkt hat." 

Im Jahr 2017 begannen nur 14 Studierende an der RWTH den Bachelorstudiengang Rohstoffingenieurwesen. Also konzipierte die Fachgruppe einen neuen Studiengang mit den Themenschwerpunkten Rohstoffe, Energie und Recycling. Die Umbennenung in "Nachhaltige Rohstoff- und Energieversorgung" kam offenbar gut an: Der neue Studiengang startete 2018 mit 146 eingeschriebenen Studentinnen und Studenten, in diesem Jahr waren es mit 161 Erstsemestern sogar noch etwas mehr.

Dass das Studienangebot sich wandelt, zeigt auch eine Studie des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE). Die Autorinnen und Autoren untersuchten Muster bei neuen Studiengängen. Ihnen zufolge sind ein Fünftel aller neuen Studiengänge der Jahre 2018 und 2019 themenfokussierter im Namen. Das heißt, sie stellen keine Disziplin wie "Chemie" in den Mittelpunkt, sondern ein bestimmtes Thema wie "Nachhaltigkeit", "Umwelt" oder "Gesundheit". Wie viel Nachhaltigkeit dann aber inhaltlich in den neuen Studiengängen stecke, könne er nicht beantworten, sagt der Autor der Studie, Cort-Denis Hachmeister. 

Mit dem alten Namen Rohstoffingenieurwesen wäre ihr der Studiengang in Aachen vielleicht nicht aufgefallen, sagt auch Sabrina. Das Wort "Nachhaltig" habe ihr Interesse geweckt und die Themen Energie und Rohstoffe sie überzeugt. Im dritten Semester vertiefen die Studierenden ihr Wissen über Energiequellen und Gewinnung von Rohstoffen. Sabrina will sich mit Recycling auseinandersetzen. "Bis jetzt bin ich positiv überrascht und ich würde mich wieder für diesen Studiengang entscheiden", sagt sie. 

Sabrina (rechts) organisierte mit ihrer Freundin Anuscha einen Kleidertausch.

(Bild: privat)

Gesteigertes Umweltbewusstsein spiegele sich auch in den Aktivitäten ihrer Kommilitoninnen und Kommilitonen wider, sagt Sabrina. Gemeinsam mit einer Freundin organisierte sie Anfang Juni einen Kleidertausch für die Studierenden. Viele von der RWTH gingen auf "Fridays For Future"-Demos oder engagierten sich in ähnlichen Projekten wie sie, sagt Sabrina.

Aber: Bekanntlich kommen und gehen Trends. Gibt es gerade vielleicht einfach einen "Hype" um nachhaltige Studiengänge, der in ein paar Semestern wieder verflogen ist – je nach dem, wie lange Greta Thunberg und Luisa Neubauer noch durchhalten? Die Fachreferentin der Hochschule in Aachen könne nur mutmaßen, sagt sie. Sie sei aber der Meinung, dass der Trend, Studiengänge mit Nachhaltigkeitsbezug zu schaffen, länger anhalten werde. Überschwemmungen, Dürre und die Probleme der Landwirtschaft hätten sich nicht in ein paar Jahren erledigt, sagt sie.

Weiter im Süden Deutschlands bietet die Universität Hohenheim an der Fakultät für Agrarwissenschaften drei Bachelor- und elf Masterstudiengänge an, in denen sich die Studierenden mit nachwachsenden Rohstoffen, Ressourcenschutz oder der Weiterentwicklung von Agrarsystemen auseinandersetzen.

Janina war nach einem neunmonatigen Praktikum auf einem Demeter Bauernhof fasziniert von der Landwirtschaft. Dort zeigte sie Schulklassen, wie eine Kuh lebt, Milch und Fleisch produziert wird und wie man Feuer macht. Im Oktober 2019, vier Jahre später, begann die 22-Jährige in Hohenheim, Agrarwissenschaften zu studieren: "In der Landwirtschaft gibt es noch viel Potenzial für Veränderungen hin zu mehr Nachhaltigkeit. Zum Beispiel regionaler zu produzieren und zu verarbeiten – ohne lange Transportwege." 

Die vergangenen drei Jahre studierte Janina Soziale Arbeit. Sie will die beiden Fächer kombinieren und Bildung mit Landwirtschaft verknüpfen. "Ich habe mir in den Kopf gesetzt, viel mehr Menschen dafür zu sensibilisieren, was es alles braucht, um einen Kilo Fleisch zu produzieren." Sie glaube, dass viele in ihrem Studiengang ähnliche Beweggründe für das Studium gehabt hätten – und etwas hin zu mehr Nachhaltigkeit verändern wollen.

Janina studiert in Baden-Württemberg Agrarwissenschaften

(Bild: privat)

Aber sind Hohenheim und Aachen Einzelfälle – oder lässt das, was Janina und Sabrina an ihren Unis beobachten, auf einen generellen Wandel im Studienangebot und bei den Studieninteressierten schließen? Das Statistische Bundesamt, der deutsche Hochschulverband, das Centrum für Hochschulentwicklung und die Hochschulrektorenkonferenz können hierzu noch keine Aussage treffen. Noch gebe es keine validen Zahlen, die eine solche Entwicklung deutschlandweit belegen, heißt es dort. 

Und doch bleibt nach den Gesprächen das Gefühl, die Klimakrise, die die Schülerinnen und Schüler auf die Straße treibt, wird auch an den Unis immer präsenter.



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