Kann ich mir das wirklich leisten? Eine Frage, die sich viele gerade während des Studiums immer wieder stellen. 86 Prozent der Studierenden bekommen Geld von ihren Eltern. Mit einer neuen Bafög-Reform soll sich das ändern: Studierende sollen höhere Beträge bekommen, Eltern entlastet werden. Wer trotz Reform nur wenig oder gar kein Bafög bekommt, sucht sich einen Nebenjob. Etwa zwei Drittel der Studierenden gehen einer Beschäftigung nach (Studentenwerke).

Wie viel sie dort verdienen, hängt stark von der Branche und auch von der Region ab.

Am meisten Geld bekommen Studenten und Studentinnen, die in der Entwickler- oder Programmiererbranche arbeiten – 15,23 Euro im Durchschnitt. Mit durchschnittlich 10,38 Euro Stundenlohn verdienen Inventurhilfen hingegen am schlechtesten.

Herausgefunden haben dies Mitarbeiter des Personaldienstleisters für Studierende "Studitemps" in Zusammenarbeit mit Studierenden und Mitarbeitern der Maastricht University in den Niederlanden. Grundlage sind 12.000 Stellenangebote auf der Plattform zwischen dem 1. März und dem 30. Juni 2019.

Für die Studie wurden außerdem mehr als 22.000 Studierende aus den 49 bevölkerungsreichsten deutschen Studentenstädten nach ihrem Verdienst gefragt. Die Wissenschaftler berechneten zunächst den Durchschnitssverdienst aller Branchen in den einzelnen Städten. Das Ergebnis: Während die Städte München (12,08 Euro im Schnitt), Hamburg und Nürnberg die ersten drei Plätze belegen, landen Städte wie Passau, Dresden aber auch Osnabrück auf den letzten Rängen. Münster, Wiesbaden und Düsseldorf liegen im Mittelfeld. Bis zu zwei Euro liegen die Verdienste auseinander.

Vier deutsche Studierende aus Göttingen, Osnabrück, Dortmund und Hamburg verraten, wieviel sie in ihren Nebenjobs verdienen, und ob sie ihn im Vergleich zu anderen als angemessen  empfinden.

Laura, 22, wohnt in Göttingen, arbeitet rund 10 Stunden pro Woche als Kellnerin in einem Restaurant und verdient 9,19 bis 10 Euro die Stunde.

(Bild: Privat)

"Im Monat habe ich rund 1000 Euro zur Verfügung. Der Betrag ergibt sich aus meinem Bafög-Satz und meinem Nebenjob als Kellnerin in einem Restaurant. Durch einen sogenannten Staffellohn bekomme ich mehr Stundenlohn, je engagierter ich bin. Das bedeutet: Mein Chef zahlt mir mehr aus, wenn ich zum Beispiel für Kollegen einspringe oder der Umsatz in meiner Schicht besonders hoch ist.

Von den 1000 Euro zahle ich die Miete für meine eigene Wohnung. Das sind 375 Euro. In Göttingen sind die Lebenshaltungskosten nicht sehr hoch und wir bekommen als Studierende super viele Vergünstigungen, zum Beispiel in Restaurants. Auch für Theaterkarten müssen wir häufig nichts zahlen.

Ich finde es fair, dass jemand, der in einer Stadt wie München oder Hamburg wohnt und wie ich als Kellnerin arbeitet, mehr verdient. Dort sind die Lebenshaltungskosten ja auch höher. Auch wenn ich weiß, dass ich woanders mehr verdiene, würde ich die Studienentscheidung nicht von den Durschnittslöhnen abhängig machen, sondern von der Uni selbst und wie gut die Dozenten oder Dozentinnen sind.

Kellnern hat mit meinem Studiengang Politik und Arabistik/Islamwissenschaften gar nichts zu tun. Aber im Nebenjob möchte ich etwas Abwechslung haben. Ich mag die viele Bewegung, die flexiblen Arbeitszeiten und die Gespräche mit den Gästen. Im Büro und in meiner Branche arbeite ich ja später noch lange genug."

Maik, 27, wohnt in Osnabrück, arbeitet 20 Stunden pro Woche in der Behindertenhilfe und verdient 13,50 Euro die Stunde.

(Bild: Privat)

"Ich kümmere mich um neun Kinder in einer Wohngruppe. Ich arbeite gerne mit Menschen und wollte einen Job finden, der zumindest ein bisschen in die Richtung meines Studiums geht.

Mit Wochenend- und Nachtzuschlägen bekomme ich rund 1500 Euro im Monat. Ab Oktober werde ich meinen Master in Erziehungswissenschaften und Spanisch auf Lehramt anfangen, mit meinem abgeschlossenen Bachelor bekomme ich dann sogar noch eine Lohnerhöhung. Ich habe mehr Geld als ich eigentlich brauche. Für mein WG-Zimmer zahle ich nur 250 Euro.

Mir ist eine hohe Lebensqualität im Studium sehr wichtig. Ich möchte nicht nur den ganzen Tag in der Bibliothek sitzen und lernen. Ich möchte Geld verdienen, um zum Beispiel in den Semesterferien in einen längeren Urlaub zu fliegen.

Bei meinen Kommilitonen sieht das aber etwas anders aus. Viele von ihnen versuchen ihr Studium schnell zu beenden und schaffen es dann nur, auf 400-Euro-Basis zu arbeiten. Sie arbeiten dann als Kellner oder in einem Call-Center. Das sind Dinge, die ich mir einfach nicht vorstellen könnte. Erstens bin ich tollpatschig und zweitens möchte ich nicht nur fürs Geld arbeiten.

Aber viele von uns haben auch keine große Auswahl. Hier in Osnabrück gibt es keine wirklich großen Unternehmen, die meisten Studierenden, die ich kenne, bekommen nur Jobs in der Gastronomie oder arbeiten nachts in einem Club. Ich glaube, dass ich einfach Glück mit meinem Job hatte. Es gab auch bei mir Zeiten, da habe ich aus Geldnot neun Stunden am Stück Paletten in einer Fabrik gebaut."

Anna, 28, wohnt in Dortmund, arbeitet 20 Stunden pro Woche bei einer Marketingagentur und bei einer Unternehmensberatung und verdient 11 und 15 Euro in der Stunde.

(Bild: Privat)

"Viel Geld habe ich im Monat nicht. Bei einer Marketingagentur in Dortmund bekomme ich elf Euro, bei meinem Zweitjob in Düsseldorf vier Euro mehr. Ich finde es schon unfair, wie sich die Stundenlöhne regional unterscheiden. Ich verstehe ja, warum man in Hamburg mehr verdient als in Dortmund, aber die Unterschiede in Nordrhein-Westfalen sind einfach nur doof.

Bevor ich den zweiten Job in Düsseldorf angenommen habe, musste jeder Kauf gut überlegt sein. Neue Kleidung, ein Festivalbesuch oder Urlaub konnte ich mir fast nie leisten, denn allein für meine Wohnung zahle ich schon 400 Euro im Monat.

Es gibt Studierende wie mich, die alles selbst finanzieren müssen. Ich bin 28, bekomme kein Kindergeld, keine Unterstützung von meinen Eltern und muss meine Krankversicherung zahlen. Einen Anspruch auf Bafög habe ich wegen eines Studiengangswechsels nicht. Im Vergleich zu den Lebenshaltungskosten finde ich die Bezahlung in Dortmund schlecht.

Trotz allem war für mich der Stundenlohn nicht ausschlaggebend für die Jobauswahl. Wichtiger waren mir Spaß, die Arbeitsatmosphäre, nette Kollegen und die Möglichkeit, eigene Ideen umzusetzen. Durch meinen Job in der Marketingagentur arbeite ich auch fachspezifisch, denn dort übernehme ich die Suchmaschinenoptimierung, das passt vor allem zu meinem Nebenfach Informatik.

Wenn ich mich noch einmal für ein Studium bewerben würde, würde ich mir einen Überblick über die Stundenlöhne in der Stadt verschaffen und dann wahrscheinlich eher in Düsseldorf als in Dortmund studieren."

Lars, 24, wohnt in Hamburg, arbeitet 17 Stunden pro Woche bei einem Immobilienentwickler und verdient 19,50 Euro in der Stunde.

(Bild: Larissa Rehbock)

"Im Monat habe ich 1300 Euro zum Leben. Für meine Miete zahle ich 650 Euro. Von dem Rest kann ich mir Klamotten kaufen, Essen gehen, wann ich will und auch für Urlaub wäre Geld da – wenn ich Zeit dafür hätte. Die habe ich allerdings nicht immer, denn neben meinem VWL Studium arbeite ich als Werkstudent bei einem Immobilienentwickler. Wir suchen nach geeigneten Grundstücken und Finanzierungsmöglichkeiten, analysieren die Marktsituation und planen das Bauprojekt.

Bei meiner Jobsuche war es mir wichtig, dass mich das Unternehmen fördert, ich mich weiterbilden kann. Ich wollte keine Hilfs- und Zuarbeit machen.

Ich weiß, dass ich durch meinen hohen Stundenlohn viele Privilegien als Studierender habe. Ich habe mir die Immobilienbranche aber vor allem ausgesucht, weil ich mir vorstellen könnte, später dort zu arbeiten. Ich habe vor einigen Jahren auch schonmal als Kellner gejobbt, mich aber schnell unterfordert gefühlt.

Da ich in meinem jetzigen Job meine VWL-Kenntnisse miteinbringen kann und viel konzentrierter arbeite als vielleicht jemand, der im Kino jobbt, finde ich es fair, dass ich mehr verdiene."


Fühlen

"Runter vom Fahrradweg!" Warum uns fremde Menschen ständig erziehen wollen

"FALSCHE STRASSENSEITE!", brüllt mir ein älterer Mann ins Gesicht. Sein Kopf ist hochrot, er atmet schwer. Unsere Fahrräder stehen sich Vorderreifen an Vorderreifen gegenüber

30 Sekunden zuvor: Ich stehe an einer Hamburger Kreuzung, will auf die diagonal gegenüberliegende Seite. Die Ampel zu meiner Linken wird zuerst grün, also fahre ich im Uhrzeigersinn los. Der Fußgängerüberweg ist sehr breit, genau wie der Fahrradweg. Kurz: Es ist viel Platz. Außer mir und dem Mann, der mir auf seinem Fahrrad entgegen kommt, ist niemand zu sehen. 

Wir hätten also entspannt aneinander vorbeifahren können. Stattdessen schlägt mein Gegenüber plötzlich hart nach rechts ein – direkt in meine geplante Fahrspur. Als ich erschrocken ausweiche, fährt er mir wieder in den Weg. Bis wir wackelnd in letzter Sekunde anhalten, um nicht zu kollidieren. 

Im Alltag erlebe ich oft, dass Menschen Fremde maßregeln, und frage mich: Was soll so etwas?

Ich spreche nicht von Situationen, in denen das angeprangerte Verhalten andere belästigt – zum Beispiel, wenn jemand seinen Müll im Park liegen lässt und damit das Erlebnis für alle anderen weniger schön macht –, sondern von Momenten, die keinen Einfluss auf irgendwen außer den Handelnden haben.

So wie der Gang über die rote Ampel, wenn weder ein Auto noch ein Kind in Sicht ist ("Hallo?! Die Ampel ist rot!"). Oder der unachtsame Moment, in dem man als Fußgänger mit einem Bein auf dem Fahrradweg läuft ("Geht's noch? Runter vom Fahrradweg!"). Oder der absolute Klassiker der menschlichen Begegnungen im 21. Jahrhundert: Wenn man an der Bushhaltestelle aufs Handy guckt ("Starr nicht die ganze Zeit auf dein Handy, das macht dumm!").