Bild: Philipp Bertram
Praxis statt Bücher: Ein Student gerät eher zufällig ins Management einer Flüchtlingsunterkunft. Der Job verändert seinen Blick auf das Leben.

Eigentlich studiert Philipp Bertram, 24, VWL und Politikwissenschaften an der FU Berlin. Zurzeit arbeitet er aber als stellvertretender Leiter einer Notunterkunft für Flüchtlinge, jeden Tag von acht Uhr bis Mitternacht. Und dafür ist er dankbar.

Seit anderthalb Wochen versuche ich dich zu erreichen. Warum ist das so schwierig?

Es ist viel zu tun. Gerade hat sich eine schwangere Bewohnerin mit starken Schmerzen gemeldet. Für viele Flüchtlinge bin ich auch Ansprechpartner, wenn es um Behördengänge oder Alltagsprobleme geht.

Ist das nicht eine Menge Verantwortung für einen 24-Jährigen?

Ich bin ja nicht allein. Aber es stimmt schon: Wenn nachts eine Familie vor der Notunterkunft steht, müssen wir festlegen, ob wir sie aufnehmen können, obwohl das Haus schon voll ist. Natürlich wollen wir uns an die Regeln halten, aber ich will auch helfen.

Begonnen hat alles damit, dass du eine Facebook-Gruppe für Helfer gegründet hast, als im Alten Rathaus in Berlin kurzfristig eine Notunterkunft eingerichtet wurde.
Das war überwältigend. Nach drei Stunden waren schon 600 Leute beigetreten. Am selben Tag haben 150 Freiwillige zusammen mit dem Katastrophenschutz des Arbeiter-Samariter-Bunds die Unterkunft für 250 Menschen hergerichtet. Alle wollten anpacken, und das haben wir dann auch gemacht.

Wie bist du dann vom Ehrenamtlichen zum Angestellten geworden?

Über die Facebook-Gruppe haben sich viele Helfer an mich gewandt. So habe ich automatisch Arbeit koordiniert. Das habe ich sechs Wochen lang ehrenamtlich gemacht. Schließlich meinte der Unterkunftsleiter, dass er mich gern in seinem Team hätte.

Gab es schon mal Probleme, weil du noch so jung bist?
Ich weiß nicht, ob jemand an meiner Autorität zweifelt, aber wir begegnen uns alle gegenseitig mit Respekt. Die Zusammenarbeit ist auf Augenhöhe. Ich bin einfach jeden Tag da. Ich komme morgens um acht Uhr und gehe häufig nicht vor Mitternacht.
Belastet dich dieser Job?

Es gibt schwierige Situationen. Wenn ein Bewohner von seiner Familie in Afghanistan erzählt, die von den Taliban bedroht wird, und dann in Tränen ausbricht, ist das für mich nicht leicht. Da fehlt mir die Erfahrung. Ich kann eigentlich nur mitweinen.

Gab es wegen Ihres Engagements Probleme an der Uni?

Nein, ich erhalte vor allem Unterstützung. Von Kommilitonen, die mithelfen, aber auch von Dozenten, die hier im Haus Deutschunterricht geben.

Müsstest du denn nicht gerade deinen Uni-Abschluss machen?

Mir fehlen noch zwei Kurse und die Abschlussarbeit. Solange die Notunterkunft noch betrieben wird, werde ich aber auf jeden Fall hierbleiben. Im Frühjahr könnte ich unter Umständen wieder an die Uni gehen. Ich will mein Studium schon beenden, aber ehrlich gesagt gibt es für mich im Moment Wichtigeres.

Wie hat dich die Arbeit in der Notunterkunft verändert?

Früher hatte ich für alles einen Plan, jetzt ist das nicht mehr so festgeschrieben. Ich möchte die Entscheidung auf mich zukommen lassen. Ich bin wirklich dankbar, dass ich diese Erfahrung machen kann.

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