Bild: Arnulf Hettrich/imago images
Der Wirtschaftswissenschaftler vergleicht die Corona-Strategie der Bundesregierung mit der Nazizeit – und unterrichtet weiter.

Sieben Tage bevor der Streit mit seinen Studierenden endgültig eskaliert, fährt Stefan Homburg nach Stuttgart und stellt sich auf einer kleinen Bühne vor ein Schlagzeug. Es ist der 9. Mai, auf dem Cannstatter Wasen haben sich Demonstrierende versammelt, um gegen die Corona-Schutzmaßnahmen zu protestieren. "Ich bin kein Mediziner", betont Homburg zu Beginn des Vortrags, von dem Kollegen später sagen werden, dass er seine Karriere beendet habe. Bei YouTube ist der Auftritt gut dokumentiert. Dort sieht man, wie Homburg sich regelrecht in Rage redet. Irgendwann sagt er: "Wir haben jetzt leider gesehen, wie fragil unsere demokratische Ordnung ist – und wie schnell so etwas, was in den Dreißigerjahren passiert ist, jederzeit wieder passieren kann."

Homburg, 59, ist Wirtschaftswissenschaftler, Spezialgebiet Öffentliche Finanzen. Als Professor erklärt er Studierenden der Universität Hannover, wie das Steuersystem funktioniert und wann Staatsverschuldung hilfreich ist. Eigentlich. Denn seit einigen Wochen beschäftigt sich Homburg vor allem mit dem Coronavirus. Beziehungsweise der Frage, ob es überhaupt eine Gefahr ist – oder wir womöglich alle getäuscht werden. Von der Bundesregierung. Den Medien.

Statt im Audimax spricht Professor Homburg jetzt auf dem Canstatter Wasen.

(Bild: Sebastian Gollnow/dpa)

"Regierungsverlautbarungen" nennt Homburg das, was er in der Zeitung über die Coronakrise liest, in Stuttgart. "Alles Panikmache!" Die Schutzmaßnahmen bezeichnet er als "Lockdown"; die Bundeskanzlerin, den Gesundheitsminister und den Innenminister will er dafür noch zur Verantwortung ziehen. Das Publikum johlt und klatscht, wenn Homburg solche Sätze sagt. Auch, wenn er die aktuelle Lage in Deutschland mit den Dreißigerjahren vergleicht, also der Nazizeit. Fotos von der Veranstaltung zeigen Menschen, die Schilder mit dem Peace-Zeichen in die Luft halten, aber auch Männer in T-Shirts, auf denen "Nationaler Widerstand" steht.

In Hannover reiben sich Homburgs Studierende die Augen, als die Bilder seines Auftritts herumgehen.

Seit Wochen Gesprächsthema an der Uni

Wann genau er von den Äußerungen seines Professors gehört hat, kann Noah, 26, im Nachhinein nicht mehr genau sagen. Doch schon nach einer kurzen Recherche im Netz habe er gewusst, dass er etwas dagegen tun möchte, erzählt er am Telefon. Andere Studierende berichten Ähnliches, auch in Onlineforen gibt es Diskussionen über Homburgs Auftritte in Stuttgart und anderswo. Seine Thesen sind seit Wochen Gesprächsthema an der Universität. Und nicht nur dort: Schon im April hatte der Wirtschaftswissenschaftler in der "Welt" vorgerechnet, in Deutschland dürfte es kaum mehr als 3000 Corona-Tote geben. Heute sind es laut RKI fast 9000. Dreimal so viele.

Wer Homburg bei Twitter auf Irrtümer wie diesen hinweist oder seine Aussagen kritisiert, riskiert, als "Antifant" beleidigt oder als möglicherweise bezahlter Kritiker dargestellt zu werden. Bei seiner Rede in Stuttgart klagte er, er werde seit Wochen "als Verschwörungstheoretiker und Aluhutträger" verunglimpft.

„In Krisensituationen haben solche Erzählungen Hochkonjunktur.“
Psychologin Pia Lamberty

"Es ist typisch für Verschwörungserzählungen, dass ihre Erzähler sich gleichzeitig als scheinbare Widerstandskämpfer und Opfer überhöhen", sagt die Psychologin Pia Lamberty, die kürzlich ein Buch zum Thema veröffentlicht hat. "In Krisensituationen haben solche Erzählungen Hochkonjunktur. Das findet sich in allen gesellschaftlichen Kreisen und Bildungsschichten."

"Es ist typisch für Verschwörungserzählungen, dass ihre Erzähler sich gleichzeitig als scheinbare Widerstandskämpfer und Opfer überhöhen", sagt Psychologin Pia Lamberty.

(Bild: privat)

Doch kann jemand, der so spricht, noch Professor sein, ein Vorbild für junge Menschen? Und was können Studierende tun, die solche Äußerungen nicht hinnehmen wollen?

Wer ihn kritisiert, wird aus der Vorlesung entfernt

Noah und einige seiner Kommilitoninnen und Kommilitonen sind sich einig: Ihrem Professor sollte die Lehrerlaubnis entzogen werden. Sie alle sind angehende Wirtschaftsingenieure, die Vorlesung "Öffentliche Finanzen" bei Homburg ist für sie Pflicht, wegen der Krise findet sie derzeit nur virtuell statt. Rechnet man andere Studiengänge dazu, besuchen gut 700 Studierende Homburgs Vorlesung. Allein deshalb seien Diskussionen kaum möglich, sagt Noah. Kritik an den Corona-Äußerungen ihres Professors hätten die Studierenden vor allem bei WhatsApp geäußert. Wochenlang hätten sie sich die Videos, Interviews und Artikel von Homburg gegenseitig zugeschickt und entsetzt darüber diskutiert.

Sieben Tage nach Homburgs Auftritt in Stuttgart schrieben Noah und seine Kommilitonen auf zweieinhalb Seiten zusammen, weshalb sie die Verschwörungserzählungen ihres Professors gefährlich finden. In dem Dokument, das bento vorliegt, kritisieren sie Homburgs fehlerhafte Rechnungen und zitieren ihn zur Maskenpflicht mit den Worten: "Für mich sind das Sklavenmasken." "Die selektive Wiedergabe von Informationen ist ein typisches Mittel in Verschwörungsmythen", heißt es weiter. "Wir sagen: Prof. Homburg entspricht nicht dem wissenschaftlichen Anspruch einer Universität und fordern die Leibniz-Uni dazu auf sich öffentlichkeitswirksam von ihm zu distanzieren und Prof. Homburg schnellstmöglich zu entlassen."

Die Frage nach der richtigen Antwort entzweit auch die Studierenden an der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät in Hannover. 

(Bild: Julian Stratenschulte/dpa)

Es ist ein Versuch, Homburgs Äußerungen einzuordnen und gleichzeitig dagegen zu protestieren. "Wenn er als Wissenschaftler mit Verschwörungsmystikern wie Ken Jebsen auf einer Bühne steht, gibt das den Protesten einen seriösen Anstrich", sagt Noah.

Doch kurz nachdem er den Text ins Forum der Online-Vorlesung gestellt hatte, verschwand er wieder, Noah wurde aus der Veranstaltung entfernt. Als eine Kommilitonin den Text erneut hochlud, passierte ihr dasselbe. In einer Rundmail an den gesamten Kurs beleidigte Homburg die beiden kurz darauf als "Trolle", die den Lernerfolg ihrer Kommilitonen gefährdet hätten. Sie müssten sich entschuldigen, dann könne er ihnen die Skripte künftig zumailen, schreibt Homburg. Der Wissenschaftler, der öffentlich von Zensur spricht, erträgt es offenbar nicht, von zwei Bachelorstudierenden kritisiert zu werden.

Rechtlich sei zumindest die Löschung des Textes in Ordnung gewesen, heißt es von der Hochschule – der Rauswurf dagegen nicht. "Ein Lehrender hat das Recht, nicht zur Vorlesung gehörende Diskussionsbeiträge aus dem Onlinechat zu löschen, nicht aber die Studierenden aus der Vorlesung auszuschließen", sagt Mechthild von Münchhausen, Pressesprecherin der Uni. Nach etwas mehr als zwei Wochen wurden Noah und seine Kommilitonin deshalb wieder zur Vorlesung zugelassen. Doch erledigt ist die Sache damit nicht.

„Es offenbart ein Beamtendenken, das Studierende wohl zu Weisungsempfängern degradieren soll.“
Wirtschaftswissenschaftler Rudi Bachmann

"Für einen Wissenschaftler ist ein solches Vorgehen schlicht unethisch", sagt Rudi Bachmann, Professor für Makroökonomik an der University of Notre Dame in den USA. "Es offenbart ein Beamtendenken, das Studierende wohl zu Weisungsempfängern degradieren soll." An seiner Universität in den USA sei es undenkbar, so mit Studierenden umzugehen, sagt Bachmann, schließlich würden sie die Hochschule über meist teure Studiengebühren mitfinanzieren. "Ich weiß, wer meine Professur hier bezahlt. Wenn es Bedarf für Diskussionen gibt, bemühe ich mich, das aufzugreifen und Antworten zu finden. Dieser Gedanke scheint manchen Kollegen in Deutschland noch fremd."

Seit Wochen kritisiert Bachmann bei Twitter, wie Homburg über das Coronavirus spricht. Warum sein Kollege das tut, erklärt er sich so: "Unsere Disziplin ist näher an der Macht als andere Sozialwissenschaften. Wer Wirtschaftswissenschaften studiert, muss sich in der Regel keine Sorgen um seinen Job machen. Wir sind gefragt, auch medial. Dem Ego der Ökonomen tut das manchmal nicht gut."

Wie kann man in einem Online-Semester protestieren?

Auch Psychologin Lamberty hat eine Erklärung, wie aus einem Wirtschaftswissenschaftler ein Verschwörungstheoretiker werden konnte: "In Krisen wie dieser wird unter Umständen neu verhandelt, wer Autorität hat", sagt sie. "Verschwörungserzählungen sind eine Option, um sich selbst aufzuwerten. Man sieht sich selbst im Widerstand gegen eine elementare Bedrohung. Jede Kritik bestätigt diese Wahrnehmung nur noch zusätzlich." Dennoch sei Widerspruch wichtig: "Wir haben bei Pegida gesehen, was passiert, wenn man bestimmten Erzählungen nicht widerspricht."

Doch wie können sich Studierende wehren? Aus Protest von einer Vorlesung fernzubleiben funktioniert während einer Pandemie nicht. Die Veranstaltung stören? Auch das ist heikel, wenn man die Punkte braucht.

„Wegen des Rauswurfs fehlen mir zwei Wochen Vorlesungsstoff, ich muss mich bemühen, das jetzt nachzuholen.“
Student Noah

An der Universität Hannover hat inzwischen auch der AStA in einem Protestbrief gefordert, Homburg die Lehrverantwortung zu entziehen. Zwölf Fachschäftsräte haben bislang unterschrieben – die Wirtschaftswissenschaftler nicht. Zu einer Demonstration auf dem Campus kamen nur etwa 20 Studierende. Mit Mundschutz und Mindestabstand forderten sie historische Nachhilfe für Professor Homburg und Informationsveranstaltungen zu Verschwörungstheorien an der Uni. Noah war nicht dabei. "Wegen des Rauswurfs fehlen mir zwei Wochen Vorlesungsstoff, ich muss mich bemühen, das jetzt nachzuholen", sagt er.

Stefan Homburg in Stuttgart. Der Wissenschaftler, der öffentlich von Zensur spricht, erträgt es offenbar nicht, von zwei Bachelorstudierenden kritisiert zu werden.

(Bild: Arnulf Hettrich/imago images)

Auch die Universität hat sich in den vergangenen Wochen zunehmend von ihrem Professor distanziert. Der Vergleich der Corona-Pandemie mit 1933 sei "eine unerträgliche Verharmlosung" der Geschichte, heißt es in einer gemeinsamen Erklärung von Senat, Präsidium und Hochschulrat. Gleichzeitig wird dort auf die Meinungs- und Wissenschaftsfreiheit verwiesen.

Auf Nachfrage betont Unisprecherin von Münchhausen, man könne über Veranstaltungen zum Thema reden. Eine Entlassung von Professor Homburg sei aber nahezu unmöglich: "Der Entzug der Lehrbefugnis geht mit einer Entfernung aus dem Beamtenverhältnis einher. Das setzt ein schwerwiegendes Dienstvergehen voraus." Es ist eine Regelung, die in Deutschland nicht ohne Grund gilt: Denn in den Dreißigerjahren, von denen Homburg so gern spricht, wurden reihenweise Professoren entlassen, die den Nationalsozialisten nicht genehm waren.

Der Professor schweigt – und geht wohl in den Ruhestand 

Wie Stefan Homburg zu alldem steht, ist unklar. Seit dem Eklat hält er sich öffentlich weitgehend bedeckt. Auf eine E-Mail-Anfrage, ob er sich zur Diskussion um seine Corona-Äußerungen erklären wolle, antwortete er innerhalb kurzer Zeit: "Absolut nicht." Einen Fragenkatalog ließ er unbeantwortet.

Inzwischen, so erzählen es Studierende an der Uni, hofft man, dass Homburg im kommenden März freiwillig in den Ruhestand geht. Schon vor Wochen hatte er ein FAQ an die Studierenden seiner Vorlesung verschickt, in dem er fast beiläufig seinen Abschied zum Ende des kommenden Wintersemesters ankündigt. Es wäre eine einfache Lösung. Doch auch eine, bei der Homburgs Erzählungen über die Corona-Pandemie, eine mögliche Impfpflicht und angebliche Regierungslügen unwidersprochen blieben.


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