Bild: Dirk Schmidt
"Investoren wollten sich meine Unerfahrenheit zunutze machen"

Mit 20 Jahren hatte Sebastian Kuch eine Idee: Er wollte es auch Amateuren ermöglichen, E-Sports-Turniere zu spielen. Bis dahin konnten nur Profis in organisierten Turnieren gegeneinander antreten. 

Also gründete er ein Jahr später, 2017, sein Start-up "MateCrate", das in verschiedenen deutschen Städten die "City Masters" für das Videospiel "League of Legends" organisiert. 

Inzwischen ist Sebastian 23 Jahre alt und beschäftigt in seinem Start-up zehn Mitarbeiter – und sein Unternehmen wächst weiter: Gerade wurde ihm eine weitere Finanzierung von 1,4 Millionen Euro zugesagt. Damit soll das Unternehmen in den nächsten zwei Jahren auf 30 Mitarbeiter wachsen, in weitere Städte expandieren und auch ein weiteres Spiel mit ins Repertoire aufnehmen.

Sebastian war einer von 108.000 Start-up-Gründern in Deutschland im Jahr 2017. Und mit Anfang 20 war er einer der jüngsten unter ihnen. Im Schnitt sind Gründerinnen und Günder Mitte bis Ende 30 (KfW). 

Statistisch gesehen scheitern neun von zehn Start-ups innerhalb der ersten drei Jahre (manager magazin) – bei Sebastian beginnt jetzt bald das dritte Jahr. Und ein Scheitern ist aktuell nicht in Sicht.

Wir haben mit Sebastian über die Gründung seines Start-ups gesprochen und ihn gefragt, was er jungen Gründerinnen und Gründern raten würde.

Sebastian, wie kam es zu der Idee und zur Gründung?

Ich war schon als Teenager sehr aktiver Gamer. Ich habe den Aufstieg des E-Sports mitbekommen und weiß, was für ein großes Business dahintersteckt. 

Mit 20 studierte ich gerade BWL und wusste schon, dass ich nicht als Angestellter in einem Unternehmen arbeiten möchte. Das liegt vermutlich auch am Einfluss meiner Familie: Mein Vater leitete als Geschäftsführer kleinere Unternehmen, meine Mutter und ihr Mann betreiben zusammen eine kleine Senfmanufaktur in Süddeutschland. Ich denke unternehmerisch – und das schon von klein auf. 

Ich wollte gezielt gründen und habe diesen Wunsch mit meinem Hobby verbunden. Und so kam mir die Idee mit den E-Sports-Städtemeisterschaften.

Und was hast du dann mit der Idee als erstes gemacht?

Zuerst habe ich möglichst viele Leute nach ihrer Meinung gefragt: Freunde und Freundinnen, Verwandte, Dozentinnen an der Uni, Kommilitonen. Das Feedback war durchweg positiv, also habe ich die Idee dann immer detaillierter ausgearbeitet: Wie soll das Unternehmen heißen, wie funktionieren, wie kann man damit Geld verdienen? 

Auch das habe ich dann wieder meinem Umfeld präsentiert. Das Feedback blieb positiv. Irgendwann dachte ich: Das kann wirklich funktionieren.

Es fehlte also nur noch das Geld? 

Ich bin zu Events gegangen, bei denen potenzielle Gründer, Gründerinnen und Investoren aufeinandertreffen. Alle tragen verschiedenfarbige Umhängebändchen – so können Start-up-Gründer die Investoren entdecken und auf sie zugehen. Ich war drei Mal auf solchen Veranstaltungen. Die ersten beide Male fanden zwar die meisten meine Idee gut – aber Geld wollte mir keiner geben. 

Beim dritten Mal habe ich mir gesagt: "Wenn es heute nicht klappt, dann lässt du es einfach sein. Dann studierst du halt erst zu Ende". Es lief nicht gut, ich verabschiedete mich zunächst vom Gedanken, ein Gründer zu werden. Beim Rausgehen sah ich allerdings noch einen Mann mit dem Investoren-Umhängebändchen und sprach ihn an. Er war ein ehemaliger "Counter-Strike"-Spieler. Mein Glück. Er kannte also die Gaming-Szene und verstand den Markt. Daraus ergab sich mein erstes Investment über 50.000 Euro.  

Dann ging es los. Hattest du dir das Leben als Gründer so vorgestellt?

Ich hatte als Werkstudent in Start-ups gejobbt und danach dieses Ideal-Bild in meinem Kopf: "Wow, Start-up, tolles junges Team, alle packen an, alle halten zusammen, alle arbeiten an einem Ziel". Aber weit gefehlt. Es war deutlich anstrengender und kräftezehrender, als ich mir das jemals hätte vorstellen können.

Inwiefern?

Besonders am Anfang bist du die Person für alles. Du hast kein Team, das dir Aufgaben abnehmen kann. Von Buchhaltung bis Marketing – du bist für alles verantwortlich und musst alles irgendwie können – oder es schnell lernen.

Ich hatte zwar mit ein paar Überstunden gerechnet, aber nicht damit, dass ich täglich bis zu 14 Stunden am Arbeitsplatz sitze – auch am Wochenende.

Und es fiel mir schwer, von den 50.000 Euro einen ersten Mitarbeiter einzustellen. Welchen Menschen mit welcher Fähigkeit brauche ich als erstes? Und wo finde ich jemanden?

Wie viel hast du dir selbst am Anfang für die 14 Stunden Arbeit pro Tag ausgezahlt?

Viele denken, sie werden als Start-up-Gründer schnell reich. Nein! Erst mal gab es gar kein Gehalt für mich, und dann habe ich mir 800 Euro brutto im Monat berechnet. 

Ist das nicht frustrierend?

Ich würde sagen: ernüchternd. Du gibst richtig Gas, aber hast das Gefühl, dass niemand deine Arbeit so richtig wertschätzt. Aber es fühlt sich an wie dein Baby, und deshalb machst du immer weiter. 

Würdest du etwas anders angehen?

Vorweg: Ich würde immer wieder selbst gründen. Aber ich hätte mir gewünscht, dass ich von einigen Basics im Vorfeld mehr Ahnung gehabt hätte – von Recruiting oder wie ich mich auf einen Pitch richtig vorbereite. Ich habe nach dem Prinzip Learning by Doing gearbeitet und deshalb vieles doppelt und dreifach machen müssen.

Sebastian Kuch (Mitte, hinten) und ein Teil seines Teams von "Mate Crate"

(Bild: Alexander Schönberg)

Was denkst du, sind die Vorteile daran, so jung schon zu gründen?

Du lernst früh extrem viel – aus der Praxis. Das ist ein Vorteil gegenüber meinen Altersgenossen, obwohl ich mein Studium abgebrochen habe. Und mit einer jungen und energetischen Art kann man manche potenziellen Geschäftspartner schneller überzeugen. 

Manchmal zahlt sich das junge Alter auch aus, man erfährt viel Hilfsbereitschaft. Einige denken sich vielleicht: "Der ist jung und hat Lust, die Welt zu verändern, den möchte ich unterstützen."

Und man muss auch immer bedenken: Gründen ist ein Risiko. Es kann auch doch nicht klappen. Wenn du jung bist, dann kannst du einfacher wieder von vorne anfangen.  

Gab es auch Situationen, in denen du nicht ernst genommen wurdest?

Ich möchte niemandem etwas Böses unterstellen, aber manchmal hatte ich schon das Gefühl, dass sich potentielle Investoren meine Unerfahrenheit zunutze machen wollten. Sie dachten, ich würde ihre Taktiken nicht durchschauen. 

Am Anfang verhandelten wir zum Beispiel mit einem möglichen Investor, der versucht hat, seine Konditionen durch zwielichtige Sach- und Beratungsleistungen zu verbessern, um sich so möglichst billig einen Teil vom Kuchen zu sichern. Zum Glück hat uns damals aber unser erster Investor beratend unterstützt. Er hat erkannt, dass da was nicht stimmt, sodass wir den Deal abgelehnt haben.

Ich habe mir einen sehr jungen Themenbereich für mein Business ausgesucht: Mit E-Sport, Influencern und YouTube ist meine Generation aufgewachsen. Daraus ergeben sich aber zwei Probleme. Einerseits musst du einem vielleicht 50-jährigen Unternehmer, der zum Beispiel mit dem Vertrieb von Waschmaschinen sein Geld verdient hat, erstmal erklären, was E-Sport ist und warum das profitabel ist. Andererseits musst du zeigen, dass du als 21-Jähriger keinen Schwachsinn erzählst und ernst genommen werden willst. Man muss einfach versuchen, mit Zahlen und Fakten zu überzeugen.

Dein Team ist sehr jung. Wie viele seid ihr jetzt?

Wir sind mittlerweile zehn Mitarbeiter mit einem Durchschnittsalter von 28 Jahren.

Wie fühlt es sich an, mit 23 Chef zu sein?

Wenn der Chef selbst zu den jüngsten im Team gehört, ist das so eine Sache. Da muss man sich schon mal durchsetzen gegenüber einem erfahreneren Entwickler mit Mitte bis Ende 30. 

So passiert es hin und wieder, dass Kollegen Entscheidungen in Frage stellen. Zum Beispiel, ob es richtig ist, sich vorerst auf "League of Legends" zu konzentrieren, bevor wir ein neues Spiel integrieren. Also habe ich den Weg der Entscheidungsfindung einmal transparent für alle dargestellt. Danach konnten meine Mitarbeiter die Entscheidung besser nachvollziehen und waren einverstanden.

Welche Wünsche haben deine Mitarbeiter, die wie wir der Generation Y und Z angehören?

Ich habe das Gefühl, dass sich mein Team nicht einem System anpassen möchte, alle haben individuelle Wünsche. Nehmen wir die Arbeitszeiten: Da gibt es sehr junge Mitarbeiter, die sich die traditionellen, klassischen Arbeitszeiten zurückwünschen und von 8 bis 16 Uhr fest arbeiten wollen. Dann gibt es diejenigen, die sich ihre Arbeitszeit komplett flexibel einteilen wollen: von 8 bis 10 Uhr arbeiten, dann zwei Stunden zum Sport, dann vier Stunden arbeiten, nachmittags auf einen Kaffee mit dem Partner treffen, und danach wieder weiterarbeiten.  

Wir haben jetzt eine Kernarbeitszeit, die von 10 bis 16 Uhr geht, und alles andere ist komplett flexibel. Mit diesem Modell werden wir den meisten Ansprüchen gerecht, die sich aus den komplett unterschiedlichen Lebenslagen und Lebensstilen ergeben, die gerade junge Menschen nun mal oft noch haben.

Welche Momente haben dich gestärkt?

Der beste Moment: Du hast einen Investor überzeugt, und das Geld landet auf deinem Konto. Dann wird dir klar: Da glaubt wirklich jemand an dich. Er oder sie investiert schließlich sein hart erarbeitetes Geld in dich, mit einem gewissen Risiko, es wieder zu verlieren.

Und der erste verdiente Euro ist natürlich auch toll. Wenn du siehst, da sind Leute, die bezahlen Geld für etwas, was du dir ausgedacht hast. Gerade in unserer Zielgruppe ist das viel wert: Wir richten uns ja an junge Gamerinnen und Gamer, für die zehn Euro viel Geld sind. 

Es gab bestimmt auch Rückschläge?

Was mir persönlich sehr nahe geht, ist, wenn man einem Mitarbeiter kündigen muss – weil er einfach nicht die Leistung bringt, die man sich erhofft hatte. Es kann auch sein, dass man sich auf bestimmte Felder konzentriert und der Mitarbeiter dafür kein Experte ist. Das finde ich ganz furchtbar, denn ich trage die Verantwortung. Mein Team ist abhängig von mir und meinen Entscheidungen. Dank des Jobs bei uns können Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ihre Wohnungen, ihr Leben bezahlen. Das willst du ihnen natürlich nicht kaputt machen. 

Aber hier muss man an das Wohl des Teams und des Unternehmens denken. Wenn es einmal solche Tage gibt, mache ich dann ein wenig früher Feierabend und gehe noch für zwei Stunden ins Fitnessstudio, um mich ein wenig abzulenken. 

Nach deinen Erfahrungen: Was würdest du anderen jungen Gründerinnen und Gründern raten?

  • Gründe nie alleine! Hole dir eine, vielleicht aber auch zwei Personen dazu, mit komplementären Fähigkeiten. Das heißt, wenn du gut in der Buchhaltung bist, dann brauchst du nicht noch jemanden, der gut in der Buchhaltung ist. 
  • Nimm am besten nicht deinen besten Freund, denn bei Geld hört oftmals die Freundschaft auf.
  • Such dir einen erfahrenen Mentor oder Unternehmer – es sei denn, dein Geschäftspartner hat bereits ausreichend Erfahrung im Start-up-Kontext. Es hilft, jemanden dabei zu haben, der dich bei Vertragsfragen, bei der Investorensuche oder Verhandlungen unterstützt. Ansonsten besteht die Gefahr, dass man in schlechten Verträgen festhängt, und das wird dann oft doppelt so teuer.  
  • Jedes Start-up denkt von sich, dass es das Beste ist und der Welt gefehlt hat. Wenn man sich in diesen Kreisen bewegt und auf Investorensuche ist, dann braucht man ein gewisses Selbstbewusstsein. 
  • Und es wird Leute geben, die deine Idee ablehnen. Mit Rückschlägen musst du umgehen können.
  • Ein Start-up zu gründen, kostet unzählige Stunden an Arbeitszeit. Man sollte sich fragen: Brenne ich ausreichend dafür, um das auch mehrere Jahre durchzuhalten? 
  • Gründe niemals für Geld. Gründe aus Leidenschaft und aus der Überzeugung, etwas Gutes zu tun. In meinem Fall will ich, dass E-Sport in Deutschland zum Breitensport wird – das ist ein besseres Ziel, als einen Porsche fahren zu wollen.
  • Teste dein Produkt und höre auf Ratschläge – aber hinterfrage sie auch. Nicht dass du am Ende etwas entwickelst, was eigentlich niemand braucht.

Fühlen

Instagram hat Maren magersüchtig gemacht - so hat sie sich befreit

Maren steht in der Küche, jeder Handgriff wirkt ferngesteuert. Ihre Finger sind blau angelaufen – ihr Körper hat kaum noch Energie, um sich warm zu halten. Vor ihr steht die Küchenwaage, mit der sie alles abwiegt, was sie isst. Auch dann, wenn es bloß eine Himbeere ist. Ihre dürren Arme ragen unterm Pullover hervor, der lose an ihren knochigen Schultern hängt. Maren isst im Stehen. Sie hat gelesen, dass sie dann mehr Kalorien verbrennt. Nach der Mahlzeit läuft sie auf und ab. Zu extrem ist ihr Bewegungsdrang, aus Angst, zuzunehmen. 

Es ist eine Szene aus Marens Vergangenheit. Mit 15 erkrankte sie an Magersucht, ihr Alltag bestand aus Zwängen und Kontrolle. Die heute 19-Jährige ging schon immer offen mit ihrer Essstörung um – häufig startete sie Livestreams, in denen sie über ihre Krankheit sprach und in denen man ihr bei Szenen wie dieser zuschauen konnte. Anfangs wollte sie sich auf Instagram nur ein paar Ernährungstipps holen, bis sie auf die falschen Seiten stieß. Geblendet von den scheinbar perfekten Körpern scheinbar glücklicher Mädchen kopierte sie deren Essverhalten und rutschte in eine toxische Abwärtsspirale. 

Wenn bestimmte Postings bei Instagram zum Auslöser von Anorexie – also Magersucht – werden, gibt es dafür einen Namen: Instarexie. 

"Das ist aber eher ein Modebegriff und kein anerkanntes Krankheitsbild im Essstörungsbereich", sagt Shirley Hartlage, die junge Menschen mit Essstörungen bei Waage e.V., einem Fachzentrum für Essstörungen in Hamburg, berät. 

Mit weltweit einer Milliarde Nutzer war Instagram nach WhatsApp das meistgenutzte soziale Netzwerk im Jahr 2018. Es hat einen enorm großen Einfluss – und das kann schnell gefährlich werden. 

"Instagram verändert unser inneres Bild und sagt uns, wie wir aussehen sollen: Wer schön und dünn ist, bekommt viele Likes", sagt Maya Götz, Medienwissenschaftlerin und Medienpädagogin. 

Sie spricht von einem Schönheitsideal, das nie erreicht werden kann. Laut einer Studie führt die App zu einer Verzerrung des Verständnisses von "natürlich" und "real". Das eigene Aussehen wird als unzureichend empfunden. "Instagram kann bewirken, dass junge Nutzerinnen anfangen, ihren Körper perfektionieren und ihr Selbstwertgefühl aufwerten zu wollen", erklärt Expertin Hartlage. "Durch dieses Streben nach dem perfekten Körper kann sich eine noch größere Körperunzufriedenheit entwickeln, was widerrum auch ein Mitauslöser für eine Anorexie sein kann."