Unsere Gastautoren sind SPD-Mitglieder – und fordern in der Coronakrise eine Finanzhilfe für junge Menschen.

Als die Bundeskanzlerin vor zwei Wochen mit der Autoindustrie über eine erneute Abwrackprämie debattierte, hielten draußen vor dem Bundeskanzleramt Jugendliche von Fridays for Future Banner hoch: "Abfckprämie" stand darauf. Ein kurzer, prägnanter Kommentar der jungen Generation zu den Verhandlungen. Kurz zuvor hatte Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) verkündet, dass Studierende, die durch alle sozialen Raster fallen, nun Kredite beantragen dürften (bento). Auch wenn beide Entscheidungen augenscheinlich nichts miteinander zu tun haben, bleibt doch ein fader Beigeschmack: Während Autohersteller gerettet werden sollen, müssen junge Menschen sich hoch verschulden, um weiterstudieren zu können. Der Autoindustrie wird geholfen, der jungen Generation nicht.

Es sind Wochen, die dieser Generation wohl noch lange im Gedächtnis bleiben werden. Obwohl sie besonders unter den wirtschaftlichen Folgen der Coronakrise leiden werden, spielen sie bei den Überlegungen der Politik kaum eine Rolle. Dabei liegt die Lösung so nahe: Ein bedingungsloses Brückeneinkommen würde eine ganze Generation vor dem Schlimmsten bewahren.

Wenn Arbeitslosigkeit zur Normalität wird

Nach der Finanzkrise von 2008 lag die Jugendarbeitslosigkeit in Spanien oder Griechenland zeitweise bei bis zu 50 Prozent (Bundeszentrale für politische Bildung). Für eine ganze Generation im Süden Europas wurde Arbeitslosigkeit zur Normalität. Eine Generation, die bereits bei der Abschlussfeier weiß, dass ihre Abschlüsse Makulatur sind. Eine Generation, der oft nur ein Schuldenberg und der Gang zum Arbeitsamt bleibt.

In der Coronakrise droht das auch jungen Menschen in Deutschland. Denn die ökonomische Verwundbarkeit ist in jungen Jahren höher als am Ende des Arbeitslebens (Institut der deutschen Wirtschaft). Die Rücklagen sind später in aller Regel größer, die Verträge sicherer. Das bekommen die Jungen jetzt zu spüren, wenn Befristungen wegen der Krise nicht verlängert werden, wenn Bars, Clubs, Galerien oder Theater schließen müssen, in denen viele junge Menschen arbeiten.

Wir haben es mit einer Krise zu tun, die gerade den Jungen viel abverlangt. Zurecht fordern wir von ihnen Solidarität mit älteren Risikogruppen. Wir sollten als Gesellschaft diese Solidarität aber auch zurückgeben. Wir sollten einer Generation zeigen, dass sie eine Perspektive hat. Denn Zuschauen und die Hände in den Schoß legen, das sind keine Optionen, wenn eine ganze Generation vor einer ungewissen Zukunft steht.

Wir schlagen daher ein Brückeneinkommen vor. Das Prinzip ist simpel: Jeder und jede zwischen 18 und 35 Jahren bekommt temporär, für ein Jahr, 300 Euro monatlich geschenkt. Wir übertragen das erfolgreiche Prinzip des Kindergeldes während der Wirtschaftskrise auf junge Erwachsene. Die bisherigen sozialen Maßnahmen, wie Arbeitslosengeld, Wohngeld oder Kurzarbeitergeld, bleiben parallel bestehen. Wer noch Kindergeld erhält, bekommt das Brückeneinkommen anteilig ausgezahlt. Finanziert werden könnte das Ganze durch eine temporäre Vermögensabgabe: Würden Menschen mit einem Vermögen von mehr als zwei Millionen Euro ein Prozent abgeben, ließe sich rund neun Milliarden Euro jährlich einnehmen (SPIEGEL). Es wäre ein wichtiger Beitrag zur gesellschaftlichen Solidarität.

Der richtige Zeitpunkt für eine Utopie

Nun haben es Vorschläge, die sich auch nur in die Nähe einer Grundeinkommensidee bewegen, in Deutschland in der Regel schwer. Oft heißt es zudem, der Krisenfall sei der falsche Zeitpunkt für Utopien, der falsche Zeitpunkt für eine Verteilungsdebatte. Dabei hat diese Krise die Ungleichheiten in der Gesellschaft aufgedeckt. Ein Beispiel: Die systemrelevanten Berufe mit der größten Ansteckungsgefahr werden oft am schlechtesten bezahlt. Wann, wenn nicht jetzt, sollten wir einmal grundlegend über die Zukunft der Gesellschaft nachdenken?

Die Idee des Brückeneinkommens hat gleich mehrere Vorteile. Erstens: Wir investieren kein Geld in alte Industrien, sondern in eine ganze Generation. Eine Generation, die es verdient hat, von der Gesellschaft unterstützt zu werden. Andernfalls droht dieser Generation der Rückfall in das Hartz-IV-System. Hinter Hartz IV steht die Idee, dass Arbeitslosigkeit eine individuelle Schuld beinhaltet, die sich ändern lässt, wenn man die einzelne Person nur stärker fordert. Doch gilt das auch in diesen Zeiten? Wollen wir mitten in einer Pandemie Menschen weiterhin eine individuelle Schuld an ihrer Arbeitslosigkeit einreden?

Das Brückeneinkommen, das wir vorschlagen, hätte – und das ist der zweite Vorteil – einen sich immer weiter verstärkenden Effekt. Es würde in doppelter Hinsicht zu einer Erholung der Wirtschaft beitragen. Durch eine Umverteilung in dieser akuten Situation käme Geld in den Wirtschaftskreislauf, junge Menschen mit keinen oder nur geringen Rücklagen würden das Geld ausgeben und damit die schwächelnde Binnenkonjunktur ankurbeln. Außerdem, und das wäre der wahrscheinlich größere Effekt: Eine große Bevölkerungsgruppe würde wieder Zuversicht und eine Perspektive für das eigene Leben bekommen. Und diese Zuversicht, so glauben wir, ist eine zentrale Voraussetzung für eine sich erholende Wirtschaft.

Drittens: Das Brückeneinkommen wäre eine passende Maßnahme für eine durchindividualisierte Arbeitsgesellschaft. Unser bisheriges soziales Sicherungssystem ist immer noch auf ein Normalarbeitsverhältnis ausgelegt. Doch was ist heute schon noch ein reguläres Arbeitsverhältnis? Vor allem in der Zeit dieser Pandemie. Die Krise hat gezeigt, dass wir auf eine individualisierte Gesellschaft mit einem kollektiven sozialen Sicherungssystem antworten müssen. Das Brückeneinkommen wäre ein wichtiger erster Schritt in diese Richtung. Es wäre ein krisenfestes Instrument.

Auch wir können die genauen Auswirkungen eines Brückeneinkommens nicht genau vorhersagen. Aber wann, wenn nicht jetzt, erlauben wir es uns, etwas Neues auszuprobieren, erlauben wir es uns, im Sozialsystem ein neues Prinzip zu testen?

Wir haben vor der Krise gesellschaftliche Veränderungen oftmals als Unmöglichkeit deklariert. Wir haben uns als Gesellschaft unserer gesellschaftlichen Utopien beraubt, haben uns der intellektuellen politischen Auseinandersetzung entzogen. Dabei erleben wir doch gerade, wie veränderbar eine Gesellschaft ist. Wir sehen, wie die Forderungen aus der Gesellschaft an die Politik immer lauter werden.

Das Brückeneinkommen ist eine Utopie. Aber eine Utopie, über die es sich lohnt nachzudenken.


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