Die zwölfte Folge unserer Serie "Mein erstes Jahr im Job"

Anna-Lena*, 26, beschloss gegen den Rat von Freunden und Familie, Kultur- und Sozialanthropologie zu studieren. Nach dem Bachelor nahm sie ein schlecht bezahltes Praktikum bei einer Nichtregierungsorganisation an – die richtige Entscheidung, denn nach sechs Monaten bekam sie dort ihren Traumjob. 

Mein erstes Jahr im Job

Der Einstieg ins Berufsleben ist aufregend, anstrengend – und oft ganz anders als geplant. Man weiß noch nicht, wie eine Gehaltsverhandlung abläuft, ist überfordert von den vielen Aufgaben und neuen Menschen – oder im Gegenteil: langweilt sich schon nach den ersten Wochen. In der Serie "Mein erstes Jahr im Job" sprechen wir mit Berufseinsteigerinnen und Berufseinsteigern über ihren Start ins Arbeitsleben. Du hast auch etwas zu erzählen? Dann schreib uns an uniundarbeit@bento.de.

"Als ich mein Studium begann, sagten einige meiner Freunde scherzhaft, ich solle nebenbei eine Ausbildung zur Taxifahrerin machen (bento) – denn als solche würde man als Sozialwissenschaftlerin ja enden. Auch von Onkeln oder Tanten musste ich mir immer wieder anhören, dass ich mit Kultur- und Sozialanthropologie keinerlei Berufschancen hätte und lieber etwas Handfestes studieren sollte, BWL oder Jura zum Beispiel. Meine Eltern unterstützten meine Entscheidung aber, also versuchte ich, die anderen zu ignorieren. Heute kann ich sagen: Zum Glück habe ich nicht auf die dummen Sprüche gehört – denn inzwischen arbeite ich in meinem Traumjob.

Ich war schon immer neugierig auf andere Länder und die Menschen dort, nach dem Abi reiste ich fast ein ganzes Jahr um die Welt, machte Praktika in Hongkong, Madrid und London. Als ich mich danach im Internet über Studiengänge informierte, stieß ich auf Kultur- und Sozialanthropologie. Da geht es darum, verschiedene Kulturen kennenzulernen, kulturelle Praktiken zu beobachten. Das passte perfekt.

„Ich fürchtete, dass meine Familie und meine Freunde vielleicht doch Recht gehabt hatten.“
Anna-Lena

Trotz meiner Begeisterung für das Fach zog sich mein Studium in die Länge. Zwischenzeitlich kostete ich das Studentenleben wohl etwas zu sehr aus. Ich war jeden Abend unterwegs, feierte viel. In der Großstadt lauerte überall Ablenkung.

Nach fünf Jahren schloss ich den Bachelor endlich ab, mit einer mittelmäßigen Note. In meiner Abschlussarbeit hatte ich mich mit Menschenhandel beschäftigt, dazu zählen zum Beispiel Zwangsprostitution oder Kinderhandel wie bei illegalen Adoptionen und Zwangsehen. Auch im Job hätte ich mich gern weiter mit dem Thema befasst, doch ohne Berufserfahrung erfüllte ich die Voraussetzungen für die wenigen Stellen in diesem Bereich nicht. Also bewarb ich mich auf ein Praktikum, bekam aber eine Absage. Das entmutigte mich damals total. Ich fürchtete, dass meine Familie und meine Freunde vielleicht doch Recht gehabt hatten.

Nach dem Praktikum folgte der Traumjob

Über einen Freund hörte ich schließlich von einer Organisation in den Niederlanden, die sich gegen illegalen Wildtierhandel einsetzt. Zwischen dem Geschäft mit Menschen und Tieren gibt es einige Parallelen: die kriminellen Netzwerke dahinter, ähnliche Routen, und natürlich auch die zugrundeliegende Ungerechtigkeit. Tiere sollten genauso wenig ausgebeutet werden wie Menschen, dafür wollte ich mich einsetzen. 

Im August 2019 zog ich von Österreich, wo ich studiert hatte, in die Niederlande und begann zunächst ein sechsmonatiges Praktikum bei der NGO. Ohne die finanzielle Unterstützung meiner Eltern wäre das nicht möglich gewesen. Ich verdiente nur 150 Euro im Monat – das reichte nicht mal für mein WG-Zimmer.

Doch es hat sich gelohnt: Nach nur zwei Monaten bot mir die Chefin der Organisation eine feste Stelle im Anschluss an mein Praktikum an. Sie wollte eine Partnerorganisation aufbauen, die sich mit Menschenhandel beschäftigt – und ich sollte Teil des neuen Teams werden. Ich konnte mein Glück kaum fassen! 

„Selbst hätte ich mich nicht in der Position gesehen, aber meine Chefin traute mir das zu.“
Anna-Lena

Seit Februar arbeite ich nun schon als Operations Assistant in der neuen NGOHauptsächlich kümmere ich mich um Organisatorisches, verlängere etwa Versicherungen, verwalte das Betriebssystem, plane Meetings, oder sorge dafür, dass alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ihre Arbeitszeit aufschreiben. Dazu mache ich auch die Abrechnungen und kontrolliere Zahlungen. Da ich mit Finanzen vorher wenig zu tun hatte, musste ich erst einen Crashkurs in Accounting und Buchhaltung machen. Selbst hätte ich mich wegen meiner fehlenden Expertise nicht in der Position gesehen, aber meine Chefin traute mir das zu. Und auch wenn es nicht das ist, was ich im Studium gemacht habe: Ich sehe in der Stelle eine Chance, mich weiterzuentwickeln.

Außerdem befasse ich mich auch inhaltlich mit dem Thema Menschenhandel – das ist ein weiterer wichtiger Teil meines Jobs. Ich lese die neuesten Reports und tausche mich mit Expertinnen und Experten aus. Dank meiner Bachelorarbeit hatte ich schon vorher einen guten Überblick über die Problematik, jetzt kann ich mich noch tiefer einarbeiten, das ist toll.

Eine NGO aufbauen

Die NGO steht noch ganz am Anfang, wir sind nur sechs Leute, haben noch keine Website. Auch mein Gehalt ist nicht wirklich gut: monatlich knapp 1.800 Euro brutto. Etwa die Hälfte geht allein für die Miete in der Großstadt drauf, ich komme gerade so über die Runden. Doch die Arbeit macht mir Spaß, eine NGO mitaufzubauen ist spannend, weil ich mitbekomme, wie ein Unternehmen funktioniert, dessen Hauptziel der gesellschaftliche Nutzen ist und nicht der Profit. Als Studentin war ich eher faul, doch heute macht es mir nichts aus, wenn ich mal Überstunden machen muss. Ich weiß, dass das, was ich tue, wichtig ist.

Ich bereue auch überhaupt nicht, Kulturanthropologie studiert zu haben. Im Gegenteil: Man lernt viel über die Welt und die Menschen, über Religion, Politik und Soziologie. Ich würde behaupten, ich verstehe die Welt jetzt ein bisschen besser – zumindest sehe ich sie anders. Rückblickend bin ich froh, auf mein Bauchgefühl gehört zu haben. Denn: Heute mache ich einen Job, den ich liebe. Und Taxifahren muss ich auch nicht." 

* Damit unsere Protagonistinnen und Protagonisten offen von ihrem Berufseinstieg erzählen können, ohne Nachteile fürchten zu müssen, bleiben sie hier anonym. Ihre Namen sind der Redaktion bekannt.


Gerechtigkeit

Die jungen Frauen, die die Quote verhindern könnten
Warum junge Frauen in der CDU zu den größten Kritikerinnen einer Quote gehören

Elf Stunden lang saßen sie zusammen, zwischen Plexiglaswänden und zugeschaltet per Webcam. Am Ende gab es kurz nach ein Uhr in der Nacht ein Ergebnis: Die CDU soll schrittweise eine Frauenquote bekommen. So schlägt es die "Satzungs- und Strukturkommission" vor, im Dezember soll ein Parteitag entscheiden, ob die Quote wirklich kommt.

Es ist ein Kompromiss, der Wiebke Winter nicht überzeugt. Die 24-jährige Promotionsstudentin ist Mitglied der Kommission und leitet den Bundesarbeitskreis "Frauen" der Jungen Union. Statt auf eine Quote setzt sie darauf, dass freiwillig mehr weibliche Mitglieder für politische Ämter kandidieren. Dabei helfen sollen Mentoring-Programme und beispielsweise "hybride Sitzungen", an denen auch per Webcam teilgenommen werden kann. In der WhatsApp-Gruppe ihres Arbeitskreises sind inzwischen mehr als 100 junge Frauen vernetzt, auf Parteitagen werben sie mit dem Hashtag #mehrmädels für ihre Position.

"Die Junge Union war immer gegen die Quote"

"Ich bin davon überzeugt, dass Vorstände und Mandate nach Fähigkeiten und nicht nach einer Quote besetzt werden müssen", sagt Wiebke Winter. In der CDU-Kommission stimmten am Ende der Diskussion 34 Mitglieder für den Kompromiss, Wiebke und sechs weitere stimmten dagegen. "Alles andere hätte meinen Idealen widersprochen." So wie sie denken viele junge Mitglieder in der CDU, auch Vereinigungen wie die Mittelstands- und Wirtschaftsunion sehen den Kompromissvorschlag skeptisch.