Wir haben uns an Hochschulen in Deutschland umgehört.

So hatte sich Janina Nickel ihr erstes Semester nicht vorgestellt: Statt Treffen mit den neuen Kommilitonen, statt Partys und Mensa-Besuchen, statt Nachmittagen in der Bibliothek, statt Vorlesungen und Seminaren und Begegnungen mit den Dozenten boten ihr die ersten Wochen ihres neuen Lebens vor allem eines: lange Tage vor dem Bildschirm. In ihrer Wohnung.

Jeden Morgen nach dem Aufstehen schlüpft die 18-jährige Studentin in ihre Jogginghose, holt Laptop und iPad hervor und loggt sich auf der Lernplattform Ilias ein. So erzählt sie es am Telefon. Dann klickt sie sich durch Powerpoint-Präsentationen, liest die Literatur, die ihre Dozenten hochgeladen haben, oder nimmt an Seminaren teil – ebenfalls online, natürlich.

Im März ist Janina von Mülheim an der Ruhr nach Köln gezogen, um Sonderschulpädagogik zu studieren, seit drei Wochen steckt sie nun in ihrem ersten Semester. In der Uni war sie noch kein einziges Mal. Und auch von ihrer neuen Heimatstadt hat sie bisher nur wenig gesehen: den Park um die Ecke, den Supermarkt. Die neue Freiheit, auf die Janina und die anderen Erstsemester sich nach dem Auszug von zu Hause gefreut hatten – sie endet jetzt schon an der eigenen Wohnungstür.

Janina Nickel verbringt ihr erstes Semester in ihrer Wohnung vor dem Laptop.

(Bild: Privat)

Als das Coronavirus Ende Januar nach China, den USA und anderen Ländern auch Deutschland erreichte, hoffte man zunächst noch, glimpflich davonzukommen. Doch nur wenig später stand fest, dass die kommenden Wochen und Monate alles andere als normal verlaufen würden. Nicht nur in der Politik, in Firmen und Familien, sondern auch an den Hochschulen: Knapp drei Millionen Studierende sollten plötzlich von zu Hause lernen. Digitale Lehre statt Präsenzveranstaltungen.

In Windeseile mussten Professoren und Dozentinnen ihre Konzepte umstellen (bento). Inzwischen erlauben manche Hochschulen zwar wieder Prüfungen und Praxisveranstaltungen vor Ort, das bleiben aber Ausnahmen. Der Großteil dieses Sommersemesters findet online statt. Für viele ist das eine Herausforderung, für manche aber auch eine Chance. Eine, auf die sie lange gewartet haben.

„Wenn wir den Anschluss nicht verlieren wollen, müssen wir jetzt handeln.“
Wolfram Ressel, Rektor der Universität Stuttgart

"Ohne Corona läge die Digitalisierung der Hochschulen noch in weiter Ferne. Zu viele Lehrende sperren sich dagegen nach dem Motto: Warum etwas ändern, das doch eigentlich gut läuft?", sagt Wolfram Ressel. Als Rektor der Universität Stuttgart dürfte er mit einer solchen Aussage so manchen Kollegen vor den Kopf stoßen. Ressel ist das egal. Es geht ihm um die Sache, und die Digitalisierung – so findet er – sei längst überfällig. "Wir hinken anderen Ländern Lichtjahre hinterher. Wenn wir den Anschluss nicht verlieren wollen, müssen wir jetzt handeln." 

Doch so sehr Wolfram Ressel für Digitalisierung ist, der gelernte Bauingenieur weiß auch um die Schwierigkeiten, die die Umstellung mit sich bringt. Zum Semesterbeginn ließ er eine achtminütige Rede auf der Homepage der Universität hochladen, in der er den Studierenden – aber auch seinen Mitarbeitern – Mut machte:

"In diesen Zeiten sind wir alle Lernende und Ausprobierende. Seien Sie daher bitte geduldig. Mit allen um Sie herum und auch mit sich selbst. Es ist unwahrscheinlich, dass von Anfang an alles fehlerfrei funktioniert, aber wir tun alles dafür, dass es ein erfolgreiches Semester wird."

Klausuren unter digitaler Aufsicht

An der Uni Stuttgart läuft das Sommersemester wie an den meisten Hochschulen in Deutschland erst seit dem 20. April. Noch steht die digitale Lehre vielerorts ganz am Anfang, noch wird ausprobiert, umgebaut, neu gemacht.

Die private Wirtschaftshochschule WHU Otto Beisheim School of Management in Vallendar bei Koblenz ist schon weiter. Sie war eine der ersten, die die Präsenzlehre einstellte – und zwar mitten im Semester. Als Corona in Deutschland ankam, lief das Semester an der WHU bereits seit mehr als zwei Monaten. Nachdem es einen Corona-Fall unter den Studierenden gegeben hatte, ließ das Gesundheitsamt den gesamten Campus sperren. Von heute auf morgen mussten die Studierenden zu Hause bleiben. (bento)

Elisabeth Berioza studiert an der WHU in Vallendar bei Koblenz.

(Bild: Privat)

Eine von ihnen ist Elisabeth Berioza. Die 21-Jährige studiert Internationale BWL und Management an der WHU und erzählt am Telefon, wie ihre Hochschule innerhalb kürzester Zeit komplett auf digitale Lehre umschaltete – und auch Prüfungen ins Internet verlegte. "Vor Corona saßen wir an Prüfungstagen mit 240 Leuten in der Stadthalle, das schied jetzt natürlich aus", sagt Elisabeth. "Stattdessen sollten wir die noch ausstehenden Klausuren von zu Hause schreiben, an unseren eigenen Computern."

„Ich hatte zu keinem Zeitpunkt das Gefühl, dass ich unbeobachtet bin, zu betrügen wäre mir im Traum nicht eingefallen.“
Elisabeth Berioza, Studentin an der WHU

Wie das funktionierte? Mit einem ausgefeilten Konzept, beschreibt Elisabeth: Um sicher zu gehen, dass sie die Aufgaben allein lösen, mussten die Studierenden Kamera und Mikrofon während der gesamten Zeit eingeschaltet lassen und vor Beginn der Prüfung das Zimmer zeigen, in dem sie sich befanden. Wer sich einmal mit seiner Studenten-Identifikationskarte ausgewiesen und anschließend eingeloggt hatte, konnte den Prüfungsmodus nicht mehr verlassen. "Ich hatte zu keinem Zeitpunkt das Gefühl, dass ich unbeobachtet bin, zu betrügen wäre mir im Traum nicht eingefallen."

Nicht alle ihrer Kommilitonen hätten mitgeschrieben, sagt Elisabeth. Wem die Vorstellung einer Online-Klausur unangenehm gewesen sei, habe die Prüfung auf das kommende Semester verschieben können. Elisabeth aber ist froh, alles hinter sich zu haben: "Ich glaube, ich habe es gut hinbekommen. Zum Glück hat meine Internetverbindung nicht gestreikt."

Laptop, Kamera, Mikrofon, eine stabile Internetverbindung. Diese Dinge sind essenziell, um in Corona-Zeiten an Lehre und Prüfungen teilnehmen zu können. Doch nicht allen Studierenden stehen diese Dinge zur Verfügung. Eine Gruppe von Professorinnen hatte deshalb schon vor Beginn des Sommersemesters gefordert, dieses nicht zu werten – Nichtsemester nannten sie das (bento).

Und selbst wenn das Equipment da ist: Herausforderungen bleiben – für die Studierenden und die Lehrenden.

Datenschutzbedenken und technische Probleme

Dennis Peters ist wissenschaftlicher Mitarbeiter und Doktorand an der juristischen Fakultät der Leibniz-Universität Hannover. Anders als die Professoren, die vor allem Vorlesungen halten, besteht seine Aufgabe darin, mit den Studierenden Fälle aus der Praxis durchzusprechen. "Ein Format, das eigentlich vom direkten Austausch zwischen Dozenten und Studierenden lebt", sagt der 24-Jährige. Darum bietet er sein Seminar einmal die Woche als Videokonferenz an. Die 40 freien Plätze seien schnell belegt gewesen, sagt Dennis. Scheinbar sei den Studierenden das Zusammentreffen mit ihm ebenfalls wichtig – auch wenn es nur virtueller Natur ist.

Dennis Peters ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Leibniz-Universität Hannover.

(Bild: Privat)

Die ersten Sitzungen hätten gut funktioniert. Allerdings sei er nicht ganz zufrieden mit dieser Lösung, sagt Dennis: "Ich würde die Veranstaltungen gern aufnehmen und für längere Zeit abrufbar machen – damit auch Leute sie ansehen können, die gerade keine Seminare belegen können, weil sie zum Beispiel ihre Kinder zu Hause betreuen müssen." Das allerdings gehe aus datenschutzrechtlichen Gründen nicht, weil die Teilnehmer des Seminars ihr Einverständnis auf Grundlage der DSGVO jederzeit zurückziehen könnten.

Janina, die Erstsemester-Studentin aus Köln, wäre schon froh, wenn sie zunächst einmal an allen Veranstaltungen teilnehmen könnte: Eines der ersten Online-Seminare, für die sie sich angemeldet hatte, habe ohne sie stattgefunden, erzählt sie. Man habe versäumt, ihr den Einladungslink zu schicken. Als sie auf ihre erneute Nachfrage per Mail endlich die Zugangsdaten bekommen habe, sei das Seminar schon vorbei gewesen.

Janina erzählt auch, dass sie das ständige Sitzen vor dem Bildschirm schon nach den ersten Wochen anstrenge: "Acht Stunden am Tag sind mir einfach zu viel." Manchmal bitte sie ihren Vater, die Unterlagen auszudrucken und ihr per Post zu schicken. Eine kleine analoge Pause im neuen digitalen Uni-Alltag.


Gerechtigkeit

Fler, Sido, Kollegah und Co.: Warum ist Verschwörungsglauben im Rap so verbreitet?
Wenn nicht mit Rap, dann mit der flachen Erde

"Wer die Freiheit aufgibt, um Sicherheit zu gewinnen, wird am Ende beides verlieren", zitierte Fler kürzlich US-Gründervater Benjamin Franklin in seiner frisch gegründeten Telegram-Gruppe. Darunter postete er das Einmaleins der Verschwörungsmythen zur Coronakrise: Videos der bekannten Verschwörungsideologen Ken Jebsen und Oliver Janich. Letzterer etwa behauptet, dass die Pandemie von Microsoftgründer Bill Gates geplant ist, um Menschen durch Impfungen zu töten und dann "die neue Weltordnung" zu errichten. Einen Link zu einem YouTube-Clip, in dem zwei angebliche Doktoren erklären, dass Gesichtsmasken ein "Maulkorb" seien. "Alle mal abchecken", schreibt Fler dazu. Er ist einer der erfolgreichsten Rapper Deutschlands.