Bild: Mike Kotsch/ Unsplash

Ein Auto will man ja heute als junger Großstädter nicht mehr besitzen – passt weder zur "Fridays-for-Future"-Einstellung noch zur Parkplatzsituation. Aber morgens um 8 Uhr vermisse ich es wahnsinnig. Ein Auto hat Türen, lässt sich von innen verriegeln und spielt Musik oder Podcasts ab: ein Kokon im Großstadtgetümmel.

Stattdessen sitze ich jeden Morgen in der Bahn.

Mit dem Blick aufs Smartphone und mit Kopfhörern auf den Ohren versuche ich mich so gut abzuschotten wie es eben ohne Stahlblech-Karosserie geht. Manchmal höre ich auch gar nichts, die Kopfhörer sollen nur das Gegenteil suggerieren. Doch meine Schutzmauer ist leicht zu durchbrechen. 

Wenn der Blick im falschen Moment vom Handy nach oben geht, dann erblickt man doch die Kollegin oder den Bekannten eines Freundes, der zufällig genau den gleichen Arbeitsweg hat.

Für mich gibt es nichts Schlimmeres als Smalltalk am Morgen – selbst mit der Lieblingskollegin oder einem engen Freund. 

Im Schulbus kannte man noch jeden, dem Gequassel konnte man sich nicht entziehen. Wer ruhig in der Ecke saß, war ein Außenseiter. Aber im Studium, auf dem Weg zur Uni, fing es an: Ich lernte die Ruhe am Morgen zu genießen – nicht reden, wenig denken, für sich sein.

Die Forschung zeigt, dass unser Gehirn ein physiologisch messbares Ruhebedürfnis hat – unsere Hirnsysteme müssen von Zeit zu Zeit runterfahren. Das ist nicht nur nachts so, sondern auch mehrmals am Tag. Jeder kennt zum Beispiel das Nachmittagstief, wenn wir das Bedürfnis nach einem Mittagsschlaf haben oder in Tagträume abschweifen. Ich gönne mir meine Ruhephase anscheinend gerne morgens nach dem Frühstück. (Zeit Wissen)

Im Studium gibt es bei jeder Vorlesung komplett neuen Input. Und im ersten Job fehlt oft die Routine, erhöhter Konzentrationsbedarf ist gefordert. Meiner Meinung nach benötigt das mentale Vorbereitung in der U-Bahn. Die Ruhe vor dem alltäglichen Lern- und Arbeitssturm. Gedanken-Yoga am Morgen. 

Um 8.13 Uhr war es heute Morgen mit meinem Shavasana vorbei. Während ich Jan Böhmermann und Olli Schulz im Ohr hatte und im Podcast ihren Camping-Erlebnissen zuhörte, schaute ich zum Ende des U-Bahn-Tunnels. Na, wann kommt die Bahn denn endlich? In diesem Moment schob sich eine Bekannte in mein Blickfeld. Wie ich stammt sie aus einer Kleinstadt zwei Stunden von Hamburg entfernt. Nun leben wir schon seit einigen Jahren im gleichen Stadtteil der Hansestadt, arbeiten beide in der Nähe des Hauptbahnhofs und laufen uns eben ab und zu über den Weg – weder am Abend noch am Wochenende bin ich davon genervt. Nur eben am Morgen.

Sie ist mir sympathisch und trotzdem würde ich am liebsten schnell weggucken und sagen: "Hey, ich bin noch müde, sei mir nicht böse, wenn ich mich nicht mit dir unterhalte und weiter Musik höre." Aber gehört sich das? Wohl nicht. Unter keinen Umständen soll einem ein grummeliges Image anhaften. Außerdem will ich niemanden vor den Kopf stoßen. Also unterhielt ich mich mit ihr über Schrebergärten als neuen Trend für junge Großstädter, Ansprüche der Generation Z an ihre Jobs und geplante Sommerurlaube. Es gab Momente des Schweigens, kurz die nächste Frage überlegen. An der letzten Station vor unserem Ausstieg hatten wir uns dann eingegroovt.

Als ich meinen Rechner hochfuhr, fühlte ich mich schon so sehr mit Informationen versorgt wie sonst nach drei Meetings.

Ich könnte mir vorstellen, dass es meiner Bekannten ähnlich geht wie mir. Nur traut sich niemand offen über seine Wünsche nach Ruhe zu sprechen. Der Wunsch nach Nicht-Kommunikation ist ein Tabu. Dabei weiß man aus Studien, dass egal welcher Typ Mensch man ist – introvertiert oder extrovertiert, gerne für sich oder gerne in Gesellschaft: Jeder will von Zeit zu Zeit in Ruhe gelassen werden. (Zeit Wissen)

Wir sind ständig beschäftigt und kommunizieren, nach dem Aufwachen wird zum Handy gegriffen und der Instagram-Feed gecheckt, studieren und arbeiten geht meist nicht im schweigenden Zustand, am Abend geht die WhatsApp-Sprachnachricht an die Freunde raus, dann gucken wir mit unserem Partner oder der Partnerin die neue Netflix-Serie, die natürlich ausführlich besprochen werden muss. Die JIM-Studie untersucht jährlich den Medienumgang der bis 19-Jährigen. Sie sind an einem durchschnittlichen Wochentag 214 Minuten online. Dabei entfällt auf den Bereich der Kommunikation mit 35 Prozent der größte Teil der Onlinenutzung, darauf folgt Unterhaltung mit 31 Prozent. Die Inseln der Ruhe sind also sehr begrenzt. Wir sollten sie uns gönnen.

Vielleicht steige ich demnächst einfach auf das Fahrrad um.


Tech

Die Empörung über Spendenaufrufe von Influencern wie Louisa Dellert ist unehrlich
Einfach mal die Klappe halten.

Louisa Dellert ist, nach eigener Beschreibung, "Aktivistin für das Gute", eine Influencerin, die sich in sozialen Netzwerken für Themen wie Umwelt und Nachhaltigkeit einsetzt. Louisa, 29, hat einmal als Fitnessbloggerin angefangen, nach einer Herz-OP durchlief sie jedoch einen Lebenswandel. Heute trifft sich mit Politikerinnen und Politikern, ist in Talkrunden zu Gast oder unterhält ihre Follower, indem sie in ihren Videos in eine Haarbürste singt. 

Was sie mit Werbung für nachhaltige Produkte verdient, reicht allerdings ihren eigenen Worten zufolge nicht aus, um weiterhin durch das Land zu fahren und sich für die Themen einzusetzen, die ihr wichtig sind. 

Am Dienstag startete Louisa Dellert deshalb einen Aufruf und bat um Spenden. 

Lange habe sie darüber nachgedacht, erklärt sie in einem Video, und wolle es nun einfach mal probieren. 

Es folgte: ein Shitstorm. In privaten Nachrichten wurde sie beleidigt, auf ihrem Handy bekam sie Anrufe von unbekannten Nummern. Die Belästigungen gingen so weit, dass sie sich dazu entschloss, sich für einige Tage zurückzuziehen. Den Spendenaufruf hat sie mittlerweile gelöscht, auch für ein geplantes bento-Interview stand sie deshalb nicht mehr bereit. 

Die Wut, die Louisa abbekommt, speist sich vor allem aus dem Eindruck, sie würde betteln. Es sei "eine Frechheit, womit man mit gutem Aussehen durchkommt". In Kommentaren wird ihr geraten: "Geh arbeiten". Oder: "Such dir einen Job wie normale Menschen auch." 

Doch was Louisa Dellert macht, ist Arbeit.

Wenn sie sich im Bundestag mit Philipp Amthor (CDU) trifft und ihm vor laufender Kamera die Fragen ihrer Community stellt, informiert sie ihre 380.000 Follower. In ihrer Story erklärt sie auch mal die Zusammenhänge aktueller Politik oder regt eine Diskussion über eine Ökosteuer fürs Fliegen an. 

Inhalte, die professionell produziert werden, müssen irgendwie bezahlt werden. Man stelle sich das einmal in einem anderen Zusammenhang vor: Ein Restaurant macht eine Umfrage unter seinen Gästen, wie viel sie bereit wären, für ein Steak zu zahlen. Der Koch findet sein Steak sehr gut, aber es müsste teurer werden, damit man es auf die Karte nehmen kann. Sinnvollerweise kann man als Gast da sagen: "Nichts, ich mag kein Fleisch, danke". Oder "Nein, ich esse so was nur, wenn ich es geschenkt kriege". Oder eben auch einen Betrag nennen. Die Pöbler aber motzen: "Was willst du von mir, ich sehe kein Steak, geh doch erst mal arbeiten." Eine absurde Vorstellung.

Dabei sind auch die Kanäle, auf denen "das Steak" nichts kostet, für die Follower natürlich nicht umsonst. Sie zahlen mit Aufmerksamkeit. Auf Social Media geschieht das häufig durch Werbeeinnahmen – mit Werbepostings oder monetarisierten Videos auf YouTube.