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Wie hat sie das geschafft?

Medizin studieren – das wollen viele nach der Schule. Ein Traum, der häufig unerfüllt bleibt: Um einen Studienplatz zu bekommen, braucht man in Deutschland in der Regel im Abitur eine eins vor dem Komma. Im besten Fall eine Null dahinter. Sonst stehen die Chancen schlecht. 

Für die heute 31-jährige Andrea war ein solcher Schnitt unerreichbar. In der Grundschule blieb sie sitzen, ihr Abi machte sie mit einem Durchschnitt von 2,5. 

Heute ist sie Ärztin. Wie sie das geschafft hat, erzählt sie hier. 

So wird (nie) was aus dir!

Das Abi ging daneben, mehr als eine 3,6 war nicht drin, oder es hat mit dem Abschluss gar nicht geklappt – das passiert. Nicht wenige schmeißen noch vor dem Schulabschluss hin. Etwa 50.000 Schülerinnen und Schüler verlassen im Jahr die Schule ganz ohne Abschluss (Spiegel Online). 

Von Eltern oder Lehrern kommen Sprüche wie: "Dann hast du doch keine Perspektive", oder: "Aus dir wird nie was".

Aber auch mit schlechtem Abi oder ohne Abschluss lassen sich berufliche Träume und Ziele verwirklichen. In dieser Serie erzählen uns Menschen, wie sie es geschafft haben, erfolgreich zu sein – obwohl viele es ihnen nie zugetraut haben. 

Dass ich einmal Ärztin werden würde, traute mir früher keiner zu. Ich ekelte mich davor, rohes oder sogar zubereitetes Fleisch anzufassen, deshalb sagten in meiner Familie immer alle: "Wie willst du denn einen Anatomiekurs bestehen, wenn du nicht einmal ein Hühnchen anfassen kannst?" Das verinnerlichte ich – und glaubte selbst nicht, dass ich Ärztin werden würde. 

Ich komme aus einer Akademikerfamilie. Meine Eltern sind Ärzte, mein Onkel und meine Tante auch, meine Schwester und drei Cousins studieren Medizin oder sind schon fertig. Dass ich auch Ärztin werden sollte, wurde zwar so nie gesagt. Trotzdem spürte ich diesen Druck immer.

Von mir wurde früh gute Leistung erwartet. Als ich die zweite Klasse wiederholen musste, dämpfte das mein Selbstvertrauen. Spätestens seit der vierten Klasse hatte ich wirklich Angst, das Abitur nicht zu schaffen, auch in der Oberstufe war das noch so. Ein Medizinstudium war zwar immer in meinem Hinterkopf. Aber ich wusste, dass das mit meinen Noten nichts werden würde.

Das Abi schaffte ich, wenn auch nur mittelmäßig: 2,5 war mein Durchschnitt. 

Nach dem Abschluss gab es Leute, die genau wussten, was sie machen wollten: Welches Studienfach, in welche Stadt sie ziehen wollten. Dieses Gefühl hatte ich nicht. Nur, weil alle in meiner Familie Ärzte sind, wollte ich nicht dasselbe machen. Außerdem: Mit meinem Schnitt hätte das sowieso nicht geklappt. 

Also studierte ich erst einmal ein bisschen ins Blaue. Asienwissenschaften mit Schwerpunkt Japanologie und Arabisch. Ich interessierte mich damals sehr für asiatische Kultur. Ich hatte keinen Plan, was ich damit hätte werden sollen – ich wollte wohl einfach gegen den Strom schwimmen.

Nach meiner Bachelor-Arbeit reiste ich für ein Auslandssemester nach Tokio. Ich ging in mich. Mit dem Abschluss sah ich keine Perspektive – was hätte ich mit einem Japanologie-Bachelor auf dem Arbeitsmarkt machen sollen? 

Da entschied ich mich: Ja, ich will Medizin studieren. 

Erst einmal überwand ich meine Abneigung, Fleisch anzufassen. Nicht im Studium, sondern im "echten" Leben: Ich wollte Hähnchen essen und hatte kein Besteck. Ich musste es mit meinen Fingern anfassen, das war zuerst eine ziemliche Überwindung. Aber ich schaffte es und dachte: Vielleicht würde es doch klappen mit mir und dem Anatomiekurs. 

Nur eben nicht in Deutschland. Dafür war mein Abi zu schlecht. 

Wer in Deutschland Medizin studieren will, für den gibt es mehrere Zulassungsmöglichkeiten. 20 Prozent der Plätze werden nach der Abiturnote vergeben, dafür gibt es in jedem Bundesland eigene NC-Werte. Nur die Besten der Besten haben Chancen: Für das kommende Wintersemester gilt bis auf zwei Bundesländer überall eine Beschränkung von 1,0. In Schleswig-Holstein und Niedersachsen darf man immerhin einen Schnitt von 1,1 haben (Hochschulstart.de).

Weitere 20 Prozent der Studienplätze werden über Wartesemester vergeben – aktuell 14 bis 15 Semester. Die übrigen 60 Prozent der Plätze werden von den Universitäten in eigenen Auswahlverfahren verteilt, auch hier spielt die Abiturnote eine große Rolle. Nach einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts soll das Vergabeverfahren aber künftig geändert werden (Spiegel Online).

Es gibt aber auch noch eine andere Möglichkeit: ein Studium im Ausland. Dort hängt die Zulassung nicht so sehr von Schulnoten ab, in Österreich etwa werden Studierende in einem speziellen Medizinertest ausgewählt. 

Um eine Approbation, also eine staatliche Anerkennung als Arzt in Deutschland zu bekommen, werden Studienabschlüsse aus allen EU-Ländern und der Schweiz akzeptiert.

Immer mehr Deutsche, die hierzulande keinen Platz bekommen, gehen woanders hin. Im Jahr 2015 waren etwa 137 700 Deutsche im Ausland eingeschrieben (Statistisches Bundesamt), viele davon studierten Medizin. 66,4 Prozent aller deutschen Studierenden in Ungarn waren Medizin-Studierende. Dort bieten die Unis sogar deutschsprachige Kurse an. 

Auch Andrea entschied sich fürs Ausland. Sie bekam eine Zusage an der Universität in Košice in der Slowakei.

Am Anfang fiel es mir schwer, in einer anderen Sprache zu studieren. In meinem Jahrgang gab es keine anderen Deutschen. Meine Gruppe bestand aus Portugiesen und Spaniern, Norwegern, Schweden oder Griechen. Auch, wenn wir auf Englisch studierten, musste ich doch ein bisschen Slowakisch lernen – schließlich hatten wir in der Klinik auch Patientenkontakt. Ich kam mit meinem bisschen Slowakisch gerade so durch. 

Die Vorklinik war sehr schwer. Nach der zweiten Stunde Anatomie wollte ich eigentlich direkt gehen. Meine Kommilitonen mussten mich ins Labor zerren. Für mich war das eine krasse Überwindung, an den Leichenteilen herumzuschneiden.

Aber Aufgeben gab es für mich nicht. Abzubrechen war keine Option. Als ich das erste Jahr geschafft hatte, wusste ich, dass es jetzt auch weitergehen würde. Und es ging weiter. Ich schaffte mein Studium. Sechs Jahre blieb ich dafür in der Slowakei. 

Einen Nachteil hat es, im Ausland zu studieren: die hohen Studiengebühren. In der Slowakei werden 4.500 bis 5.000 Euro pro Semester fällig. Andreas Eltern konnten das bezahlen – andere können sich das nicht leisten.

So langsam gewöhne ich mich an das Gefühl, dass ich es geschafft habe, was mir vorher niemand zugetraut hat. Auch wenn ich in der Slowakei studiert habe: Meine Approbation kann mir keiner mehr nehmen. Ich bin genauso Ärztin, als wenn ich in Deutschland studiert hätte.

Andrea hat ihr Studium vor Kurzem abgeschlossen, ist zurück nach Deutschland gezogen und fängt bald in einer Praxis für Frauenheilkunde an zu arbeiten. 


Fühlen

Ariadne war drei Jahre mit einem Rechten zusammen - und musste dabei zusehen, wie er sich radikalisiert

                   

Ariadne, 25, und ich kennen uns schon länger. Eigentlich lacht sie gern und viel – aber nicht in diesem Gespräch. Wir haben uns getroffen, um über ihre vergangene Beziehung mit Thomas zu sprechen. Thomas hat sich in ihrer gemeinsamen Zeit immer weiter in Richtung Rechtsextremismus radikalisiert. 

Ariadnes  Familie stammt aus dem Nahen Osten, sie hat sich immer für Toleranz und Weltoffenheit eingesetzt. Trotzdem fiel es ihr schwer, sich zu lösen. Ich habe sie gefragt, wie sie ihre Beziehung im Nachhinein sieht, ob sie sich geschämt hat – und was sie über Liebe gelernt hat. Um sie zu schützen, hat die Redaktion bei allen Beteiligten den Namen geändert.

Wie habt ihr euch kennengelernt?

Wir haben uns bei einer Party im Jahr 2014 kennen gelernt. Ich war ausnahmsweise alleine tanzen und wurde von ihm am Rande des Dancefloors angesprochen.