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Es gab gleich mal Krawall mit Demonstranten.

So viel Aufmerksamkeit bekommen neue Lehrbeauftragte sonst nicht: Rund 300 Interessenten drängten sich im großen Hörsaal der Universität Bonn, dazu der Rektor, Dekane, Vertreter der Stadt und jede Menge Journalisten. 

Warum? Weil Ex-Außenminister Sigmar Gabriel seine erste Vorlesung als Lehrbeauftragter hielt.

 Anders als andere Lehrbeauftragte verzichtet er allerdings auf den Stundenlohn von rund 34 Euro.

"Europa in einer unbequem(er)en Welt" heißt das Seminar Nummer 8211, das Gabriel – auf mehrere Blöcke verteilt – in diesem Sommersemester für angehende Politik- und Sozialwissenschaftler anbietet. Mit allem, was dazugehört: akademischen Debatten und Hausarbeiten, Referaten und Credit Points. Und: mit der Verteilung der 40 Seminarplätze über das Bonner Campus-Management-System BASIS. Etliche Bewerber jedenfalls waren abgewiesen worden und hatten keinen Platz mehr erhalten.

Ein paar davon verschafften sich am Montag zur Auftaktveranstaltung dennoch Gehör. Gabriel hatte kaum mit seinem Vortrag begonnen, als sie auf Transparenten und Flugblättern Solidarität mit Israel forderten und dem Ex-Außenminister eine "Despotenfreundschaft" mit Antisemiten und schmutzige Waffendeals vorwarfen. Außerdem sei er ein "Posterboy der Hamas". 

(Bild: dpa/Oliver Berg)

Für Gabriel eine Steilvorlage: Abgelesene Reden präsentiert er ganz ordentlich, richtige Qualitäten aber zeigt er im direkten Disput.

"Ich hätte mir gewünscht, dass Sie ins Seminar kommen", kommentierte Gabriel die Zwischenrufe. Da seien sie nicht zugelassen worden, erwiderte eine Studentin. Gabriel trocken: "Dann lade ich Sie hiermit zur Teilnahme ein und hole Sie persönlich an der Tür ab." 

Um dann anzugreifen: 

Wenn Sie an der Uni jemanden herausfordern, dann müssen Sie sich angewöhnen, ihm zuzuhören, wenn er antwortet.

Die Welt sei nicht einfach nur gut oder böse, sondern hoch komplex – und ein Verständnis für genau diese Komplexität, sagte der SPD-Politiker, wolle er in seinem Seminar vermitteln.

Er selbst habe übrigens auch mal in Bonn mit Transparenten demonstriert, gab Gabriel zwischendurch den gut gelaunten Unterhalter: "Das war damals beim Nato-Doppelbeschluss, ich stand im Hofgarten. Insofern haben Sie noch alle Chancen", sagte er in Richtung der Studenten: "Erst demonstrieren Sie, dann werden Sie Außenminister und anschließend Vorleser hier in der Uni."

Im Übrigen, schaltete er wieder auf ernst um, lasse gerade er sich keinen Antisemitismus vorwerfen: Sein Vater sei bis zum Lebensende ein überzeugter Nationalsozialist gewesen, in der angeheirateten Familie seiner älteren Tochter gebe es Holocaust-Opfer: "Glauben Sie mir, damit habe ich mich wirklich auseinandergesetzt."

Weder der Alltag noch die Politik seien einfach in richtige und falsche Handlungen zu unterteilen, betonte Gabriel immer wieder. 

Er mahnte, dass Europa eigene Positionen entwickeln müsse – zum Syrienkrieg und zu Erdogan, zu Putins Machtstreben, zur Entwicklung Chinas zum Global Player und zum Verzicht der USA unter Trump auf moralische Führung. "Es besteht die reale Gefahr eines Kalten Kriegs 2.0 und eines neuen nuklearen Wettrüstens", so Gabriel. Die Europäischen Staaten könnten dem nur wirksam begegnen, wenn sie sich über gemeinsame Ziele und Strategien verständigten.

Wie die in bestimmten Konflikten aussehen können, sollen in diesem Semester die Bonner Politikstudenten erarbeiten. Und dabei, wünschte sich Gabriel, den "Bonner Blick" auf die Politik pflegen: jene zurückhaltende und gelassene Weise, mit der in der Bonner Republik Weltpolitik gemacht wurde. Der hektischere "Berliner Blick" könne das ruhige Korrektiv aus Bonn gut gebrauchen, so Gabriel, der mittlerweile nur noch einfacher Bundestagsabgeordneter ist.

Er wolle, sagte Gabriel, auch selbst etwas lernen in diesem Seminar und vor allem die Perspektiven seiner Studenten kennenlernen. 

Einen Lerneffekt hatte der Auftakt bereits: Auch der Ex-Außenminister musste feststellen, dass Nachwuchsakademiker keinerlei Überziehung der Veranstaltung dulden. Kaum war die angekündigte Zeit um, verließen die ersten Studenten den Hörsaal.

Dieser Artikel ist zuerst auf SPIEGEL ONLINE erschienen.


Grün

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