Bild: Sabrina Jenne
Auftakt zu unserer neuen Kolumne über Selbstständigkeit. Erster Schritt: Job kündigen

Am Morgen meiner Kündigung habe ich mich so gefühlt wie ein Fußballer kurz vor einem heiklen Vereinswechsel. Sicher wären alle enttäuscht von mir, schließlich hatte man mir hier die wichtigsten Fähigkeiten für den Job der Journalistin beigebracht – wieso sollte ich mein Wissen jetzt woanders einbringen wollen? Und dann auch noch als Freie, in meinem eigenen kleinen Unternehmen? Es fühlte sich an wie Verrat.

Meine eigene Chefin – unsere Kolumne für Selbstständige

Kristin Hermann, 29, hat beim "Weser Kurier" in Bremen volontiert und dort bis Sommer 2018 in der Lokalredaktion gearbeitet. Seit diesem Jahr ist sie als freie Journalistin in Berlin tätig. Hermann wäre beinahe schon an dem Antrag für den Gründungszuschuss gescheitert, hat sich am Ende aber doch durchgekämpft – mit Erfolg. In dieser Serie schreibt sie über die Herausforderungen für Selbstständige und erklärt zukünftigen Gründerinnen, was es zu beachten gilt.

Eigentlich lief es ganz gut für mich.

Mit 28 Jahren hatte ich eine unbefristete Stelle in einer Bremer Lokalredaktion, 30 Urlaubstage, berichtete über den Lehrerinnenmangel an Schulen und die Integration von Geflüchteten – es kann einen schlechter treffen in dieser Branche. Und doch verspürte ich den Drang nach mehr Selbstbestimmung. Das Gefühl, mich noch mehr austesten zu wollen, die eigene Chefin zu sein. Ich wollte mich nicht jeden Tag in das gleiche Konzept einfügen, sondern neue Arbeits- und Denkweisen kennenlernen und zwar in jener Stadt, in die ich am liebsten schon mit 16 gezogen wäre. Berlin.

Mit diesen Gedanken bin ich nicht alleine, vor allem in meiner Generation. Die Zahl der Selbstständigen in Deutschland beläuft sich nach einem Forschungsbericht des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales aus dem vergangenen Jahr auf etwa vier Millionen Menschen – das sind zehn Prozent aller Erwerbstätigen. Der Anteil der sogenannten Solo-Selbstständigen, also derjenigen ohne Mitarbeiter, stellt dabei die größte Gruppe. Die meisten Gründungen finden in der Altersgruppe bis 35 und ab 50 Jahren statt, sagt Ingo Rakemann, Geschäftsführer der Existenzgründer-Initiative "Deutschland startet". Das Team führt von Köln aus täglich 100 Gespräche mit potenziellen Gründern und vermittelt sie zudem an Berufsberater in den einzelnen Bundesländern.

Vor allem für jüngere Gründer steht laut dem Experten die Selbstverwirklichung im Vordergrund. Häufig seien sie gut ausgebildet und scheuen das Risiko nicht. "Das Gehalt spielt bei ihnen eine eher untergeordnete Rolle. Das Ziel ist nicht der Dienstwagen, sondern das Erreichen der eigenen Ziele", sagt Rakemann.

So ist das auch bei mir, wobei das Risiko sicherlich geringer als bei anderen Gründern ist. Die Anschaffungskosten sind überschaubar und ich muss nur für mich Verantwortung übernehmen. Mein Ziel ist es, endlich ausreichend Zeit für lange, rechercheaufwendige Zeitungsstücke zu haben und diese nicht nur einem Medium anbieten zu können. Jeder Journalist träumt davon in gewissen Magazinen zu veröffentlichen. Als Festangestellte bei nur einer Zeitung kann ich das aber nicht.

Natürlich schwingt bei dem Projekt die Angst mit.

Bin ich gut genug dafür? Werde ich ausreichend entlohnt werden? Mein Vater sagt immer: "Einmal bis zur Decke strecken", wenn es darum geht, alles aus sich selbst herauszuholen. Und genau das versuche ich jetzt.

Natürlich ist ein gewisser Lebensstandard wichtig. Mit knapp 30 will ich nicht mehr überlegen müssen, ob ich mir die Tankfüllung oder den Restaurantbesuch am Wochenende leisten kann. Doch ich möchte eben nicht nur arbeiten, um am Ende des Monats davon die Miete zahlen zu können.

Die Beschäftigung, für die ich am Tag die meiste Zeit aufwende, soll etwas sein, das mich wirklich erfüllt. Und mal ehrlich: Ist es nicht verlockend, selbst bestimmen zu können, wann und wo man arbeitet? Wenn es der Terminplan zulässt, kann ich bei heißen Temperaturen mittags an den See fahren und abends auf dem Balkon wieder den Laptop hervorholen. Klar ist aber auch, wer wirklich nachhaltig erfolgreich sein und auch bleiben will, muss gerade am Anfang mehr Zeit aufwenden. Aber das "Wie" kann ich im Gegensatz zu vorher eben selbst entscheiden.

Wie sehr dieser Drang nach mehr Flexibilität auch andere in meiner Generation beschäftigt, sehe ich an den Nachrichten, die ich von meinen Freunden und Freundinnen seit dem Beginn meiner Selbständigkeit bekomme. Viele erkundigen sich danach, wie es läuft oder welche Fördermöglichkeiten es gibt. Die meisten von ihnen wollen kreativer und freier arbeiten, zögern aber wegen der Unsicherheit, in die sie sich begeben könnten.

In Wahrheit sieht Gründen eben nicht so aus wie in Fernsehsendungen à la "Höhle der Löwen".

Zwar gibt es laut Experten immer wieder Start-ups mit innovativen Ideen, doch die meisten Gründungen erfolgen laut Rakemann im allgemeinen Bereich, darunter fallen zum Beispiel Handwerksberufe oder gastronomische Betriebe. Nach Angaben des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales sind 37 Prozent aller erwerbstätigen Journalisten selbstständig. 

Nicht immer ist dieses Vorhaben gut überlegt: "Viele, die zu unseren Erstgesprächen kommen, gründen anschließend nicht, weil sie falsche Vorstellungen haben und nicht wissen, was alles zu einer Gründung dazugehört", sagt Ingo Rakemann. Denn neben der eigenen Kreativität erfordert die neue Aufgabe auch unternehmerische Fähigkeiten in Buchhaltung, Kundenakquise und Verhandlungsgeschick.

Und noch ein Punkt spielt bei meinem Selbstversuch, aber auch bei vielen anderen, eine große Rolle. Es ist die Hoffnung, ein neues Modell für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf für sich zu entdecken. Eines, in das vielleicht irgendwann einmal ein Kind passen könnte. Denn momentan kann ich mir nur schwer vorstellen, wie ich Mutterdasein in den normalen Redaktionsalltag, der auch mal spontane Überstunden bedeutet, integrieren und dabei allen gerecht werden könnte. Diese Frage beschäftigt gerade Frauen, sagt Berater Rakemann. Trotzdem gibt es immer noch weniger weibliche Gründer als männliche, was laut dem Experten daran läge, dass sich Frauen seltener trauen diesen Schritt zu gehen. "Die Frauen, die es wagen, sind allerdings häufig besser vorbereitet", so Rakemann.

Wie wichtig es ist, sich eigenständig über die verschiedenen Fördermöglichkeiten zu informieren, habe auch ich gemerkt. Denn aktiv wird für Zuschüsse aus der Arbeitslosigkeit oder geförderte Kredite bei Banken selten geworben. Dabei gibt es davon eine ganze Menge. Mehr dazu im nächsten Teil der Serie.


Gerechtigkeit

Wir haben junge CDUler gefragt: Sag, wie hältst du's mit der AfD?

Die AfD sitzt im Bundestag und in jedem einzelnen Landtag. Außerdem hat die Partei gute Chancen, bei den drei anstehenden Wahlen in ostdeutschen Bundesländern im Herbst stärkste Kraft zu werden. Mit Überfremdungsangst und Hetze haben es die Rechtspopulisten geschafft, in kürzester Zeit zu einer wichtigen politischen Kraft in Deutschland zu werden.

Wie soll man mit der AfD umgehen? Ignorieren, inhaltlich bekämpfen – oder gar kooperieren? 

Während linke Parteien die Frage relativ leicht für sich beantworten können, tun sich CDU und CSU schwer. CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer hat nun noch mal deutlich gemacht: eine Zusammenarbeit mit den Rechtspopulisten kann sie sich nicht vorstellen.