Durch die MeToo-Bewegung haben sich in den vergangenen Jahren viele Frauen getraut, öffentlich zu machen, dass und wie sie sexistisch belästigt wurden. Blöde Anmachen und Grabschereien sind unangenehm. Immer. Oft reichen schon kleine Dinge, wie einzelne Bemerkungen, die unter die Gürtellinie gehen, um für Unwohlsein zu sorgen. Und sie führen dazu, dass einige Frauen bestimmte Orte wie Discos oder Volksfeste meiden.

Was soll man tun, wenn man dem Ort der Belästigung aber nicht einfach fernbleiben kann, weil es die eigene Arbeitsstelle ist?

Ein Kollege macht sexistische Sprüche, wie soll ich reagieren?

Darüber haben wir mit unserem Job-Trio gesprochen:

Das bento-Jobtrio

Um Fragen im Berufsleben beantworten zu können, muss man kein Karrierecoach sein. Unser Jobtrio zeigt, dass sich Probleme in der Arbeitswelt auf vielen Wegen lösen lassen. Zusammen haben die drei 135 Jahre Lebenserfahrung: 

  • Sara Weber, 20, ist ausgebildete Malerin und Lackiererin und macht gerade den Meister zur Farb- und Lacktechnikerin. Sie hat sich für eine Ausbildung im Handwerk entschieden, weil sie zeigen wollte: Auch Frauen können das.
  • Lasse Rheingans, 38, ist Chef einer Agentur in Bielefeld, die Digital-Strategien für Unternehmen entwickelt – und bekannt für neue Wege ist. Seit einem Experiment arbeiten alle im Team nur noch fünf statt acht Stunden täglich.
  • Dagmar Prüter sitzt mit 77 noch an der Supermarktkasse. Freiwillig. Neben viel Lebenserfahrung hat die vermutlich älteste Kassiererin Hamburgs inzwischen auch eigene Autogrammkarten.

In unserer Kolumne beantworten die Drei Fragen, die sich besonders Berufseinsteiger stellen. Immer nach dem Motto: Eine Frage, drei Antworten.

Das sagt Malerin Sara Weber:

"Ich arbeite auf einer Baustelle mit 90 Prozent Männeranteil. Da kommt auch mal ein Spruch in meine Richtung, der eigentlich nicht sein müsste. Meistens nehme ich das nicht ernst und es prallt einfach an mir ab. Ich finde, man muss abwägen, ob etwas ernst gemeint ist, oder ob jemand witzig sein wollte und übers Ziel hinausgeschossen ist.

Natürlich gibt es Grenzen. Ich ziehe sie, wenn es zu persönlich wird oder wenn eine fremde Hand mal da landet, wo sie nicht hin sollte. Das habe ich bei einer früheren Arbeitsstelle schon mal erlebt. Die Hälfte der Angestellten dort waren Frauen. An einem Tag wurde nicht nur ich belästigt, sondern auch eine Kollegin. Wir sind dann zum Chef gegangen und haben uns beschwert. Dem Kollegen, der uns bedrängt hat, wurde gekündigt. Es war nicht das erste Mal, dass er aufgefallen war. Zum Chef zu gehen war auf jeden Fall richtig – auch wenn ich etwas Mitleid hatte, dass der Kollege seinen Job verloren hat. Aber wenn er sich nicht benehmen kann, kann ich ihm auch nicht helfen.

Ich würde jedem raten, solche Dinge beim Chef oder der Chefin anzusprechen. Die können ja nicht riechen, was unter den Kollegen passiert. Probleme müssen sofort aus der Welt geschafft werden. Sonst steht man morgens auf und hat keine Lust, zur Arbeit zu gehen. Nach dem Vorfall in meinem früheren Betrieb sind viele Kollegen zu uns gekommen und haben gesagt, dass wir genau richtig gehandelt haben. Sie alle fanden, dass der Typ sich eine andere Firma suchen soll."

Das denkt Chef Lasse Rheingans:

"Die Schwelle zwischen Humor und Belästigung liegt bei sexistischen Sprüchen extrem nah beieinander. Wenn der Kollege nicht damit aufhört oder man sich unwohl fühlt, sollte man ihn entweder selbst ansprechen oder sich an einen Vorgesetzten wenden, der ihn dann zum Gespräch bittet. Falls er dann immer noch nicht aufhört, müssen Konsequenzen für den Kollegen folgen, damit man sich weiter wohlfühlt und seine Arbeit erledigen kann.

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Ich glaube, sexistische Sprüche kommen überall mal vor. Als Chef muss ich wachsam sein und schauen, wie sowohl Opfer als auch Täter damit umgehen. Ich hatte früher einen Kollegen, der ständig vorgeschlagen hat, dass alle gemeinsam ein Bier trinken gehen – war er dann alkoholisiert, wurde er unausstehlich zu den Frauen. Da bin ich eingeschritten und habe ihm gesagt, er muss sich zügeln oder nicht trinken, wenn wir alle unterwegs sind.

Ich bin gegenüber meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sehr offen. Ich nehme erstmal an, dass es richtig ist, was Menschen mir sagen, weil sie es persönlich so erleben. Es kann immer jeder zu mir kommen, niemand wird verurteilt, weil er oder sie sich belästigt fühlt. Am besten finde ich es, wenn man das Problem dann zu dritt bespricht. Als Chef übernehme ich die Rolle des Moderators. Jeder muss sich wohlfühlen und offen sein. Einem Kollegen zu sagen, dass das, was er tut, als sexistisch wahrgenommen wird, kann ihm ja auch die Augen öffnen. Vielleicht war er sich dessen gar nicht bewusst und es tut ihm leid."

Das meint Kassiererin Dagmar Prüter:

"Im Laufe meines Arbeitslebens wurde ich selbst oft blöd angemacht und habe es bei anderen mitbekommen. Mit der Zeit habe ich gelernt, damit umzugehen und auch mal richtig harsch zu antworten. Es kommt immer darauf an, um was es geht und wie es gesagt wird. Entweder antwortet man – oder man dreht sich um und geht. Es gibt immer wieder Idioten, denen man nicht zu viel Beachtung schenken sollte.

Als ich früher mit meinem Mann gemeinsam unser Geschäft geführt habe, haben wir immer aufgepasst, dass das Betriebsklima gut ist. Jede Mitarbeiterin und jeder Mitarbeiter wusste, dass sie immer zu uns kommen können, wenn ihnen etwas auf der Seele liegt. Wenn einen irgendwelche dummen Sprüche auch außerhalb der Arbeit belasten, sollte man das nicht runterschlucken. Sonst wird man irgendwann depressiv.

Jüngeren Kolleginnen würde ich raten, zum Chef oder zur Chefin zu gehen, wenn sie sexistische Sprüche von Kollegen abbekommen. Man sollte offen das Gespräch suchen. Manchmal sieht man in bestimmten Situationen auch mehr als da wirklich ist. Vielleicht hat der Kollege nur einen dämlichen Witz gemacht und wollte einen gar nicht angreifen. Das muss man besprechen und klären. Mit der Zeit entwickelt man mehr Routine im Umgang mit unliebsamen Kollegen. In meinem Alter weiß man, wie man sich wehren kann."


Gerechtigkeit

Landwirtin Sophie verklagt die Bundesregierung – weil die beim Klimawandel schlampt
Was sie und ihre Mitstreiter sich von der Klage vorm Bundesverfassungsgericht erhoffen.

Ist Klimaschutz ein Grundrecht? Über diese Frage muss bald das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe entscheiden. Denn neun junge Menschen wollen gemeinsam mit Umweltverbänden genau darauf klagen. Sie sehen durch die Klimakrise ihre Zukunft gefährdet.

Neben "Fridays for Future"-Aktivistin Luisa Neubauer sind das vor allem junge Bäuerinnen und Bauern, die schon jetzt mit extremen Wetterbedingungen zu kämpfen haben. Eine von ihnen ist Sophie Backsen. 

Die 21-Jährige kommt von der Nordseeinsel Pellworm, wo ihre Familie einen Biohof betreibt. Gemeinsam mit zwei anderen Familien hatten die Backsens bereits im vergangenen Jahr eine Klimaklage beim Berliner Verwaltungsgericht eingereicht – diese wurde jedoch als unzulässig abgewiesen, weil es zu diesem Zeitpunkt nur Kabinettsbeschlüsse gab, in denen die Klimaziele der Bundesregierung festgelegt waren, nicht aber ein Gesetz. (DER SPIEGEL)

Mittlerweile gibt es jedoch das Klimapaket – und die neun jungen Aktivistinnen und Aktivisten wagen gemeinsam mit Greenpeace, Deutscher Umwelthilfe und Germanwatch einen neuen Versuch beim Bundesverfassungsgericht. 

Im Interview mit bento erklärt Sophie, weshalb sie nicht aufgibt – und warum sie durch den Klimawandel ihre Existenz bedroht sieht.

bento: Sophie, wann haben du und deine Familie das erste Mal den Klimawandel als Problem für euch erkannt?

Sophie: In der Landwirtschaft beschwert man sich ja sowieso immer: Es ist zu nass, zu kalt, zu warm. Aber wirklich extrem war es für uns ab dem Winter 2017/2018: Da hat es total viel geregnet und Pellworm läuft dann einfach voll – wie eine Badewanne. Wir bekommen dann große Probleme mit der Entwässerung der Felder. Gleich darauf folgte dann ein ziemlich trockener Sommer und auch der letzte Sommer war sehr heiß und trocken. Da haben wir dann gedacht: Okay, das ist jetzt nicht mehr so normal.

bento: Wetter ist nicht gleich Klima. Woher weißt du, dass die Phänomene mit der Erderhitzung zu tun haben?

Sophie: Mein Großvater hat das einmal so beschrieben: Früher gab es so einen trockenen, heißen Sommer in 100 Jahren und jetzt gibt es drei solcher Sommer in zehn Jahren. Es werden einfach immer mehr Wetterextreme in kürzerer Zeit. Daran merkt man, dass es nicht mehr nur Wetter ist, sondern sich das Klima ändert.