"Die grenzenlose Freiheit mutiert bei mir zu grenzenloser Faulheit."

Aktuell befinde ich mich tief im Semesterferien-Blues. Obwohl ja schon allein der Begriff "Semesterferien" eine Auslegungssache ist. Ich stimme eher denjenigen zu, die von  "Vorlesungsfreier Zeit" sprechen – denn mit Ferien wie in der Schule haben diese Wochen wirklich nicht viel gemein. Schließlich gibt es Hausarbeiten, die geschrieben werden wollen.

Aber bevor ich mich um die kümmere, muss ich erst einmal meinen Semesterferien-Blues bewältigen. 

Und der gestaltet sich wie folgt: Ich bleibe morgens so lange im Bett liegen wie ich will. Meine Wochentage verschwimmen. Zeiten spielen keine Rolle mehr. Und das ist ein Problem.

Kolumne: Aus dem Leben einer Loserin

Die 20-jährige Lena erzählt auf Twitter als "Lena blauer Haken" von ihrem selbstempfundenen Loser-Dasein. Im echten Leben studiert sie in Bielefeld und kämpft damit, Texte zu lesen, die länger als 280 Zeichen sind. Hier erzählt sie aus ihrem Alltag voller Pfandflaschen, unangenehmer Familiengespräche und davon, wie man die eigenen Erwartungen gekonnt enttäuscht.

Ich verachte meinen Wecker und frühes Aufstehen zwar zutiefst, aber es hilft durchaus dabei, eine vorgegebene Struktur zu haben. Jetzt klingelt mein Wecker jeden Morgen um 9 Uhr und wird von mir weggedrückt wie die Kundenhotline, die einem einen noch besseren Vertrag anbieten will.

Ich brauche diesen Druck, um 11 Uhr bei einer Vorlesung, um 13 Uhr in der Mensa und um 15 Uhr beim Tutorium zu sein. In den Semesterferien ist da: nichts.

Wenn ich mir vornehme zu frühstücken, schaue ich auf die Uhr und denke: "Oh, schon so spät. Lohnt sich jetzt auch nicht mehr vor dem Mittagessen". Ich blicke in den Spiegel, sehe meine Haare und frage mich: "Wann habe ich die denn zum letzten Mal gewaschen?". Dann entdecke ich auf Netflix diese neue Serie und verwerfe die Idee mit dem Duschen wieder. Die grenzenlose Freiheit mutiert bei mir zu grenzenloser Faulheit. 

Doch es gibt Momente, in denen ich den Semesterferien-Blues wirklich effektiv bekämpfen will – mehr oder minder erfolgreich.

Versuch 1: Ich habe mir extra drei statt zwei Hausarbeiten aufgehalst. 

Ein Dozent meinte letztens noch zu uns, wenn man es ordentlich machen möchte, sollte man pro Semesterferien nicht mehr als zwei Hausarbeiten schreiben. Ich dachte: "Ha, drei sind schlau von mir, vor lauter Stress kann einem gar nicht langweilig werden." Dann lernte ich, dass sich auch drei Hausarbeiten richtig gut aufschieben lassen.

Die Abgabefristen liegen eben doch alle gesammelt am Ende der freien Zeit. Und statt die Hausarbeiten gleich am Anfang zu erledigen, nehme ich mir vor, sie am nächsten Tag, am nächsten Wochenende oder gleich nächste Woche anzugehen. Und dann ist plötzlich schon wieder Mitte September, zwei Wochen vor Semesterstart. Na toll.

Aber bislang war es in der Bib sowieso viel zu heiß.

Versuch 2: Ich pflege meine sozialen Kontakte und fülle den Kalender mit Verabredungen.

Alle zum Grillen zusammentrommeln, im See schwimmen, Aperol um 22 Uhr im Park. Nur irgendwie fahren alle nach Hause und dieses Zuhause erreiche ich in der Regel nicht mehr mit meinem NRW-Semesterticket.

Und abgesehen davon: 80 Prozent der Leute, die sagen: "Wir müssen uns UNBEDINGT noch sehen, ist ja ewig her", melden sich sowieso nie wieder. Ich eingeschlossen.

Versuch 3: Urlaub

Mallorca, Portugal, Griechenland, Australien: Diejenigen, die ihre freie Zeit nicht zu Hause verbringen, sind im Urlaub. Das weiß ich von Instagram. Sich das im Feed und in den Storys anzuschauen, ist zwar schön, aber selbst verreisen ist doch auch was Tolles. Wann hat man noch mal so viel Zeit dafür wie im Studium? 

Ein Blick auf den Kontostand sagt allerdings: 1. Ein kleiner Städtetrip wäre angebrachter als eine Woche im Süden, weil... 2. Lena, wo ist verdammt noch mal dein Geld hin? 

Vielleicht doch lieber nicht verreisen? Wäre auch für den ökologischen Fußabdruck besser. Und essen wollte ich ja auch noch. Ich schaue mir also weiterhin auf Instagram Fotos von braungebrannten Beinen am Hotelpool an. Ist fast wie Urlaub.

Versuch 4: Arbeiten

Warum nicht das Pensum aufstocken, jetzt, wo man schon mal Zeit dafür hat? Erstens gibt das einen geregelten Tagesablauf, zweitens Geld und drittens... okay, kein drittens. Niemand denkt: "Juhu, jetzt im Sommer verdiene ich lieber Geld, als in den Urlaub zu fahren."

Versuch 5: Aussortieren

Das ist etwas, was ich schon immer gerne in meiner freien Zeit gemacht habe. Die Vorbereitungen dauern etwa zwei Wochen. In dieser Zeit denke ich: Ich muss dringend mal wieder aufräumen. Phase 2: Ich beginne mit meinen Regalen und Schubladen und entdecke dabei alte Fotos, Konzertkarten, Liebesbriefe aus der sechsten Klasse. Phase 3: Ich schwelge in Erinnerungen, während sich das Chaos aus den Schubladen nun auf meinem Boden ausbreitet. Phase 4: Ich stopfe alles wieder in die Schränke. Toll, sieht viel ordentlicher aus als vorher. 

Eigentlich könnte man also einiges tun.

Aufstehen, Hausarbeit schreiben, lernen, sich weiterbilden, mal aufräumen, zu normalen Zeiten essen, arbeiten gehen, den Abend mit Freunden ausklingen lassen. Das klingt in meinen Ohren ehrlich gesagt alles echt gut: selbst auferlegte Verpflichtungen, eigens geplanter Tagesablauf, der funktioniert, To-Do-Liste mit ganz vielen Haken dran.

Naja, nächstes Mal dann.


Future

Lieber leben statt leisten: Mein Stress-Level ist kein Erfolgsindikator
Erst das Vergnügen, dann die Arbeit

Ich sitze auf dem Balkon, halte mein Gesicht in die Sonne und nippe an meinem Kaffee. Ich genieße die entfernte Geräuschkulisse einer beschäftigten Großstadt im Hintergrund. Keine Ahnung, wie spät es ist. Vielleicht elf, vielleicht auch schon fast eins – es ist ohnehin egal. Ich muss nichts erledigen, beim Sport war ich schon, in der Uni steht auch nichts an. 

Und trotzdem fühle ich mich nicht so richtig gut. Es ist Montag. Die meisten Menschen sitzen jetzt in Büros, arbeiten in der Werkstatt oder lernen in der Bibliothek. Und ich? Ich mache einfach gar nichts. 

In der Regel bin ich an vier von fünf Wochentagen in der Uni, mittwochs auf der Arbeit. Ich mache regelmäßig Sport, habe eine saubere Wohnung und treffe mich häufig mit meinen Freundinnen und Freunden. Mit anderen Worten: Ich habe mein Leben im Griff.

Warum fällt es mir dann schwer, einfach mal zu entspannen – ohne mich dafür rechtfertigen zu müssen? 

In meinem Freundes- und Bekanntenkreis redet jeder davon, wie viel Stress er hat – aber niemand traut sich, eine Faulenzer-Phase zu kommunizieren. Wir profilieren uns damit, wer am meisten arbeitet und damit die größten Erfolge erzielt. Und wenn jemand von uns in seinem Studium nicht mit regelmäßigen Nervenzusammenbrüchen zu kämpfen hat, ist das ein Zeichen von Faulheit. 

"Wir bemessen unseren sozialen Wert daran, wie viel wir leisten und eben nicht, wie gut es uns geht", sagt Prof. Dr. Hannes Zacher, Arbeitspsychologe an der Universität Leipzig.