Bild: Wiebke Bolle
Ann-Christin ist Influencerin in der Landwirtschaft, auf Instagram folgen ihr mehr als 42.000 Menschen – ein Hofbesuch.

Ann-Christin Kahler, 25, wartet im A7. Ohne Auto kommt man hier nicht weit. Sie braust über eine kurvige Landstraße, vorbei an Wäldern und erreicht schließlich den Hof ihrer Eltern. Ein kleiner Familienbetrieb in Roda, einem Dorf bei Marburg. Alte Fachwerkhäuser stehen verstreut zwischen Hügeln, rundherum Felder. Mit fast der Hälfte der etwa 500 Menschen im Ort sei sie irgendwie verwandt, sagt Ann-Christin und lacht.

Sie hat glatte blonde Haare und ein breites Lächeln. Ihrem Instagram-Account @annii610 folgen mehr als 42.000 Menschen. Im Stall posiert sie mit ihren beiden Haflingerstuten oder dem Wasserbüffelnachwuchs. 

Selfies macht Ann-Christin auf dem Trecker und mit anderen Landmaschinen.

Das Foto hat Ann-Christin auf Instagram gepostet, hier lässt sie ihre Followerinnen und Follower in ihren Arbeitsalltag blicken.

(Bild: ackpictures)

Ann-Christin arbeitet bei einem Landtechnikunternehmen in Niedersachsen als Vorführfahrerin und Digitalspezialistin. Das heißt, sie präsentiert auf Bauernhöfen die neuesten Technologien im Bereich Ackerbau. Eigentlich eine Männerdomäne. 

„Manche nehmen mich nicht ernst, weil ich jung bin – und eine Frau.“
Ann-Christin

Sie berichtet von einer Situation bei der Arbeit: Ein Landwirt habe mal gefragt, was sie auf dem Mähdrescher zu suchen habe, Frauen gehörten schließlich in die Küche. Ann-Christin kann darüber nur lachen. Viele seien aber auch neugierig auf die neuen Softwareprogramme und Apps fürs Feld. Damit lässt sich zum Beispiel sehen, welche Felder bereits gedüngt worden sind oder wo welches Getreide angebaut wird. 

Ann-Christin beschäftigt sich viel mit neuen Apps und Technologien in der Landwirtschaft.

(Bild: Wiebke Bolle)

Alltag

"Hi ihr, ich meld mich mal wieder. Ihr seht, ich bin aufm Mähdrescher und fahre noch fünf Hektar ab", sagt annii610. Dann dreht sie die Kamera nach vorn, zeigt das Feld und die Fahrerkabine mit jeder Menge Technik. Auf zwei Bildschirmen werden viele Zahlen und das Feld angezeigt. Die Bahnen hat sie vorher programmiert, nun werden sie von der Riesenmaschine haargenau eingehalten. "Ich liebe meinen Job", steht im Bild, dahinter mehrere Emojis.

(Auszug von Ann-Christins Instagram-Profil, aus dem Highlight "Alltag")

An den Wochenenden hilft Ann-Christin oft auf dem Hof der Familie. Im Dorf kennt man die Influencerin. Bei den Feuerwehrtreffen wird über ihre Posts geredet.

Nach dem Rundgang durch die Ställe will Ann-Christin mit dem Trecker rausfahren. Vom Hof geht es einen schmalen Feldweg hinauf. Der Trecker tuckert über ein Stoppelfeld, und Ann-Christin beginnt von ihrer Leidenschaft zu erzählen: "Ich habe immer gewusst, dass ich nichts anderes machen will." Von klein auf ist sie von Kühen, Bullen und Kälbchen sowie zwei Pferden, einer Hündin, mehreren Katzen und Hühnern umgeben. Der Hof ist seit Generationen in Familienbesitz. Sie mag Tiere, aber die Maschinen fand sie immer spannender. Schon als Kind durfte sie die Trecker auf der Weide lenken, mit 16 hat sie den Führerschein gemacht.

Ann-Christins Familie hat heute eine Herde von 20 Wasserbüffeln, drei davon sind Kälbchen.

(Bild: Wiebke Bolle)

Nach dem Abi folgte die Ausbildung zur Landwirtin. Das Studium anschließend hat sie abgebrochen. Ihre Mutter hat davon über Instagram erfahren. Agrarwissenschaft an der Uni sei nichts für sie gewesen, sagt Ann-Christin. Sie sieht sich als Praktikerin und lenkt gern die großen Maschinen übers Feld.

„Ich möchte die Vielfalt in der Landwirtschaft abbilden. Das sind nicht nur Feldarbeit und Tiere – Technik gehört auch dazu.“
Ann-Christin

Auf Instagram macht Ann-Christin vor allem Werbung für Arbeitskleidung. Einmal hat sie ein Hühnernetz getestet – was man auf dem Hof eben so braucht. Außerdem hat sie eine Kooperation mit einem Uhrenhersteller. "Eigentlich versuche ich aber nur Kooperationen anzunehmen, die mit der Landwirtschaft zu tun haben", sagt sie. Mittlerweile würden einige Unternehmen auf sie zukommen.

Zwei bis drei Stories lädt Ann-Christin jeden Tag hoch und in der Woche mindestens zwei Bilder. Das verschlingt täglich knapp zwei Stunden, schätzt sie. Dabei ist Instagram nur eine Nebenbeschäftigung. Seit fünf Jahren hat Ann-Christin ihren Account. Sie war eine der ersten Landwirtinnen auf Instagram, kaum eine andere aus dem Bereich hat so viele Followerinnen und Follower wie sie.

Von den Feldern der Familie kann man auf das Dorf hinuntersehen.

(Bild: Wiebke Bolle)

Inzwischen zeigen einige Menschen auf Instagram das Landleben. Sie nennen sich Bauernbengel oder Deichdeern. In Berlin wurde neulich sogar zum ersten Mal ein Preis für Influencer vom Land vergeben, der "agrarheute digital future award". Auch Ann-Christin war nominiert. Auf der Website des Awards wird sie als "Die Selfie-Königin" bezeichnet. "Was unterscheidet sie vom typischen Insta-Girl? Eine Menge – denn sie hat wirklich was zu sagen!", heißt es dort. Und weiter: "In der Bilderwelt von 'annii610' wird Landwirtschaft supercool und ein echtes Must-have."

Gewonnen hat Ann-Christin am Ende zwar nicht, aber sie hat sich gefreut, die anderen Menschen hinter den Instagram-Accounts mal zu sehen. "Bislang kannten wir uns nur aus dem Netz", sagt sie. "Es war cool, sich endlich mal persönlich zu treffen."

Ann-Christin sieht sich selbst nicht als Influencerin, eher als öffentliches Gesicht für die Landwirtschaft.

Sie setzt sich dafür ein, dass Landwirtinnen und Landwirte mehr Wertschätzung erhalten und sichtbarer werden. Neulich ist sie zu einer Demo mitgefahren:

Treckerdemo

"Guten Morgen ihr alle", begrüßt annii610 ihr Followerinnen und Follower. Man hört den Warnblinker ticken und in ihrem Gesicht flackern die Lichter der anderen Trecker. Im Korso fahren sie über Göttingen nach Hannover. Sie fährt inmitten von 300 Treckern, LKWs und Autos. Dahinter staut sich der Verkehr. annii610 sagt: "Es muss halt mal was Radikales passieren." Dann beantwortet sie die Fragen ihrer Community. Viele wollen wissen, warum die Landwirte streiken. annii610 sagt: "Wir wollen ein Zeichen setzen, uns zeigen." Man habe nichts gegen Umweltauflagen oder neue Verordnungen, aber die Bürokratie könne man nicht mehr stemmen. Sie fühle sich als Landwirtin nicht gesehen. In Hannover postet annii610: "So viele Bauern, so viel Zusammenhalt – es ist der Wahnsinn!" 

(Auszug von Ann-Christins Instagram-Profil, aus dem Highlight "Treckerdemo")

Ann-Christins Familie gehören 20 Hektar Land. Sie bauen vor allem Getreide und Kartoffeln an. Alles zur Eigenversorgung oder als Futter für die Tiere. Nur ein paar Pferdehalter in der Umgebung versorgen sie mit Heu. Der Hof ist zum Nebenerwerb geworden. Heute bräuchte man schon mindestens 100 Milchkühe und zwischen 100 bis 150 Hektar Fläche, um eine Familie ernähren zu können. Ann-Christins Vater bezeichnet die Landwirtschaft als aufwendiges Hobby. "Papa wollte ja zuerst nicht, dass ich Landwirtin werde", sagt die Tochter.

Ann-Christin auf einem der fünf Trecker der Familie, mit drei davon arbeiten sie, zwei sind Oldtimer.

(Bild: Wiebke Bolle)

Über Instagram fragen immer wieder junge Frauen um Rat, wenn es um die Ausbildung oder den Jobeinstieg in der Landwirtschaft geht. Ann-Christin freut sich über die Nachrichten, denn 90 Prozent ihrer Follower sind männlich. Darüber ist die Influencerin nicht begeistert. Sie wünscht sich mehr Frauen.

Der meiste Hate kommt von Menschen, die sich vegan ernähren. Schon das Foto mit einem Tier im Stall könne da für Kritik sorgen. "Deshalb passe ich auf, was ich poste", sagt Ann-Christin. Auch bei ihrem Privatleben hält sie sich zurück. "Ich gebe gerne Tipps und teile meine Erfahrungen, aber ich erzähle nicht von Partys oder der Beziehung zu meinem Freund."

Am liebsten zeigt sich Ann-Christin sowieso auf Treckern oder anderen schweren Landmaschinen.


Fühlen

Muss ich mir Sorgen machen, wenn mir im Traum die Zähne ausfallen?
Eine Psychologin erklärt uns unsere Träume.

In unseren Träumen verpassen wir Flüge, begegnen alten Bekannten oder werden verfolgt. Wir fühlen uns gestresst, erleben unglaubliche Abenteuer oder haben Angst, uns zu blamieren. Das, wovon wir träumen, kann uns dabei helfen zu verstehen, was uns eigentlich beschäftigt. Lohnt es sich dann nicht, sich mehr mit den eigenen Träumen auseinanderzusetzen?

Daran, dass Träume nichts als Schäume sind, glaubt Brigitte Holzinger nicht. Die Psychologin und Psychotherapeutin leitet das Institut für Bewusstseins- und Traumforschung in Wien. Dass sich gerade junge Menschen heute wieder mehr mit ihren Träumen beschäftigen als die Generationen vor ihnen, hält sie für eine positive Entwicklung.