Bild: Sabrina Jenne
Ein neuer Teil zu unserer Serie über Selbstständigkeit

Vor einiger Zeit hatte ich bei meinem Zahnarzt eine Erkenntnis, die mich sowohl unternehmerisch als auch persönlich weitergebracht hat und die ich gerne mit euch teilen würde. In den Tagen vor dem Arzttermin waren beruflich einige Dinge nicht ganz so gelaufen, wie ich es vorgesehen hatte. Jeder Selbstständige, der noch nicht so lange im Geschäft ist, wird wahrscheinlich bestätigen, dass solche Erfahrungen einen immer wieder verunsichern und zweifeln lassen.

Meine eigene Chefin – unsere Kolumne für Selbstständige

Kristin Hermann, 29, hat beim "Weser Kurier" in Bremen volontiert und dort bis Sommer 2018 in der Lokalredaktion gearbeitet. Seit diesem Jahr ist sie als freie Journalistin in Berlin tätig. Hermann wäre beinahe schon an dem Antrag für den Gründungszuschuss gescheitert, hat sich am Ende aber doch durchgekämpft – mit Erfolg. In dieser Serie schreibt sie über die Herausforderungen für Selbstständige und erklärt zukünftigen Gründerinnen, was es zu beachten gilt.

Ich lag also auf dem Behandlungsstuhl und erzählte dem Arzt nebenbei von meiner Selbstständigkeit. Die Reaktionen darauf sind meist gemischt – einige beneiden mich um meinen Mut, einige kommen sofort auf die Risiken zu sprechen. Mein Zahnarzt war ziemlich euphorisch und fing an zu erzählen, wie schwer es ist, sich am Markt zu etablieren – selbst für Arztpraxen. Aber auch wenn es mal ein paar Wochen oder Monate schlecht laufe, solle ich mich nicht von meinem Traum abbringen lassen.

Seine Worte haben mich in diesem Moment sehr bewegt und ich habe erkannt, dass ich auf lange Sicht wohl nicht um ein Thema herumkomme, das ich vor einigen Monaten eher belächelt habe: das richtige Mindset. Es geht um die eigene Denkweise. 

Generell bin ich nicht besonders zugänglich für esoterisch angehauchte Dankbarkeitsseminare oder Ratgeber, die einem Selbstliebe und innere Stärke versprechen. Aber finde ich auch einen Weg für mich, der weniger spirituell angehaucht ist? 

Ich habe registriert, dass viele Entscheidungen, die ich für mein kleines Ein-Personen-Unternehmen treffen muss, viel mit meiner inneren Haltung und Einstellung zu tun haben. 

Das fängt damit an, in Honorarverhandlungen selbstbewusst für seinen Verdienst einzustehen und hört damit auf, bei Rückschlägen nicht sofort die eigenen Fähigkeiten in Frage zu stellen. Oft gehören dazu eine große Portion Mut und Überwindung, die man erstmal aufbringen muss – und die man vielleicht sogar trainieren kann?

Selbst, wenn wir für unseren Job eine große Leidenschaft aufbringen, lauern immer wieder kleine Fallen, bei denen es wichtig ist, die eigene Denkweise zu hinterfragen. Das weiß auch Business-Strategin und Mentorin Tanja Lenke aus Berlin. Die 39-Jährige betreibt seit 2016 das Portal She-Preneur, das selbstständige Frauen und Gründerinnen in ihrem Business unterstützt. "Es gibt Dinge, die wir von klein auf vermittelt bekommen, etwa den Satz, dass wir als Selbstständige selbst und ständig arbeiten müssen. Sowas prägt. Deswegen müssen wir ein Umdenken anstreben, wenn wir auf Dauer profitabel und glücklich sein wollen", sagt sie.

Die meisten Gründer befassen sich erst spät mit dem Thema Mindset. Als ich meinen Businessplan geschrieben habe, war ich weit entfernt davon. Dabei hat es durchaus Vorteile, sich schon vorab einige Glaubenssätze zurechtzulegen, die einen in der kräftezehrenden Anfangsphase begleiten und dabei helfen können, mit Rückschlägen umzugehen. "Mir hat dabei der Austausch mit anderen Selbstständigen geholfen, die schon länger in der Praxis arbeiten. Die geben auch andere Ratschläge als Freunde oder die eigene Familie", sagt Tanja Lenke. Zu diesem Austausch rät die Expertin auch nach der Gründung. "Es fällt sonst schwer, andere Sichtweisen kennenzulernen oder zu entwickeln." 

Die Gründerinnenberaterin hat für ihre Klientinnen verschiedene Tipps und Techniken zusammengestellt, mit denen man an seiner Haltung arbeiten kann. Drei davon hat sie bento verraten:

Erfolge festhalten: Selbstständigkeit ist ein ständiges Auf und Ab. An einem Tag ist man stolz auf sich und seine Leistung, in der nächsten Woche ärgert man sich. Darüber, wie zäh ein Vorgang läuft oder warum ein Honorar nach Wochen noch nicht auf dem Konto eingegangen ist. Das zu akzeptieren, ist eine enorm wichtige Erkenntnis. Tanja Lenke ermutigt deshalb Gründerinnen dazu, ihre Erfolge schriftlich festzuhalten. "Wir vergessen diese ansonsten sehr schnell, gerade in Zeiten, wo es nicht so gut läuft. Wenn wir uns dann durchlesen oder ansehen können, was wir bereits alles gestemmt haben, ist das motivierend und sorgt für Auftrieb", sagt sie.

Selbstreflektion: Um seine Sichtweise zu kontrollieren und festzustellen, welche Denkmuster einen belasten, hilft es, sich seine eigenen Gedanken einmal zu verschriftlichen. "Am besten stellt man sich dafür einen regelmäßigen Wecker und schreibt nieder, was einem gerade durch den Kopf geht", sagt Lenke. Danach folgt die Analyse. "Wir müssen uns überlegen, wie wir die Probleme in eine Lösung umwandeln." Wer zum Beispiel in Sachen Technik nicht versiert ist, sollte sich überlegen, mit welcher Unterstützung er eine gute Homepage für seine Dienstleistung aufbauen kann, anstatt zu verzweifeln oder es ganz sein zu lassen. Nützlich sind auch Tagebücher, in die man notiert, was an dem Tag gut oder schlecht gelaufen ist und mit deren Hilfe man Struktur in das Chaos in seinem Kopf bringt. Letztendlich muss jeder seinen eigenen Weg finden, mit dem er sich wohlfühlt. Ich etwa habe damit begonnen, einmal in der Woche zu reflektieren – manchmal schriftlich, manchmal nutze ich auch einfach eine lange Bahnfahrt dafür, meine Gedanken zu sortieren.

Visionboard gestalten: Es ist einfacher Ziele zu erreichen oder Träume wahr werden zu lassen, wenn wir sie vor uns sehen, meint die Berliner Mentorin. "Sie sind dann verbindlicher und prominenter." Dabei unterstützt ein sogenanntes Visionboard oder eine Zielcollage, wie es auf Deutsch heißt. Häufig wird dafür eine Pinnwand genommen, an die man alles heftet und notiert, was man sich in den unterschiedlichen Lebensbereichen wünscht. Das kann beispielsweise ein eigenes Büro sein oder ein Urlaubswunsch, den man sich mit einem bestimmten Auftrag erfüllt. "Ich werfe jeden Tag einen oder mehrere Blicke auf mein Visionboard. Erst dann widme ich mich meinen To-dos", sagt Lenke.

In der nächsten Folge geht es darum, warum Kunden meist nicht von allein auf Gründerinnen und Gründer zukommen und Akquise deshalb so wichtig ist.


Gerechtigkeit

Buschbrände: "Der Premierminister hat das australische Volk verraten"
Wir haben australische Klimaaktivistinnen über den Kampf gegen die Kohle-Lobby gesprochen

Seit Wochen brennt es in Australien. Buschfeuer sind in dem Land an sich nichts Ungewöhliches, in den heißen Sommermonaten gibt es sie jährlich – doch die aktuellen Brände sind in ihrem Ausmaß beispiellos. 

Im wärmsten australischen Sommer seit Beginn der Wetteraufzeichnungen ist bislang eine Fläche so groß wie die Schweiz betroffen, mindestens 24 Menschen starben. Forscher der Universität Sydney schätzen zudem, dass etwa 480 Millionen Tiere allein im Bundesstaat New South Wales den Flammen zum Opfer fielen – eine "konservative Schätzung". (SPIEGEL, RND, BBC)

Zehntausende Anwohner mussten sich vor den außer Kontrolle geratenen Bränden in Sicherheit bringen und ihre Heimatorte verlassen (SPIEGEL). Sie sind jetzt Flüchtlinge im eigenen Land. Für Klimaaktivstinnen und -aktivisten sind die verheerenden Feuer ein deutliches Warnsignal dafür, was mit der sich zuspitzenden Klimakrise Alltag werden könnte.