Ein neuer Teil zu unserer Serie über Selbstständigkeit

Ich erinnere mich noch gut an die Momente während meiner Festanstellung: Gegen Abend beobachtete ich die Kolleginnen und Kollegen, die sich mit ihrem Handy für ein paar Minuten in eine ruhige Ecke zurückzogen. Sie sagten ihren Kindern "gute Nacht", weil sie es nicht rechtzeitig in den Feierabend geschafft hatten – mal wieder.

Mit Anfang 20 habe ich mir nicht weiter Gedanken darüber gemacht. Aber immer häufiger stelle ich mir die Frage: 

Wie klappt das eigentlich mit Kind und Karriere? Als Selbstständige besser als bei meinem Team früher im Büro? Wie sehr bin ich auf ein gutes Netzwerk und meinen Partner angewiesen?

Meine eigene Chefin – unsere Kolumne für Selbstständige

Kristin Hermann, 29, hat beim "Weser Kurier" in Bremen volontiert und dort bis Sommer 2018 in der Lokalredaktion gearbeitet. Seit diesem Jahr ist sie als freie Journalistin in Berlin tätig. Hermann wäre beinahe schon an dem Antrag für den Gründungszuschuss gescheitert, hat sich am Ende aber doch durchgekämpft – mit Erfolg. In dieser Serie schreibt sie über die Herausforderungen für Selbstständige und erklärt zukünftigen Gründerinnen, was es zu beachten gilt.

Meinen Bekannten und Freundinnen geht es genauso – egal, in welchem Berufszweig. Es gibt zwar viele Arbeitgeber, die auf den Wunsch nach besserer Vereinbarkeit reagieren und flexiblere Präsenzzeiten und Homeoffice anbieten, doch ist das längst nicht überall angekommen, wie eine Studie des Bundesfamilienministeriums bestätigt: Unternehmen in Deutschland schätzen sich sehr viel familienfreundlicher ein als ihre Mitarbeiter. 44 Prozent der Unternehmen bewerten die eigene Firmenkultur als sehr familienfreundlich. Das bestätigen jedoch nur 24 Prozent ihrer Angestellten.

Noch habe ich keine Kinder, aber eines weiß ich genau: Ich möchte auch als Mutter nicht auf das verzichten, was mir so viel Freude bereitet – meinen Job. Meine Selbstständigkeit ist deshalb auch der Versuch, flexibel sagen zu können: Ich bewältige beides – Kind und Karriere. Ich hänge abends nicht im Büro fest, ich bringe das Kind zu Bett.

Doch ist es in der Praxis tatsächlich so leicht?

Ich habe mit Tanja Bettermann über das Thema gesprochen. Die dreifache Mutter und gelernte Diplomkauffrau leitet im nordrhein-westfälischen Langenfeld die Agentur Familienzeit und berät unter anderem Selbstständige, wie sie Beruf und Familie besser miteinander vereinbaren können.

Die Vorteile:

Hohe Flexibilität: Wenn die Kinder krank werden oder ein außerplanmäßiger Termin ansteht, fällt es vielen schwer, den Arbeitgeber um Verständnis zu bitten. Die Selbstständigkeit bietet den großen Vorteil, deutlich gelassener auf Notfälle oder Termine reagieren zu können und seine Arbeitszeit nach vorne oder hinten zu verschieben. "Im Job wird zudem immer mehr Flexibilität verlangt, was für das Familienleben häufig ein Problem darstellt. Als eigene Chefin kann man das selbst steuern", sagt Tanja Bettermann

Nicht ganz raus sein: Je nach Branche kann der Wiedereinstieg nach mehreren Monaten oder Jahren Elternzeit schwerfallen. Technische Hilfsmittel und Arbeitsprozesse haben sich in der Zwischenzeit weiterentwickelt. Wer nebenbei arbeitet, und sei es in reduzierter Form, bleibt am Puls der Zeit. "Das kann einem helfen, seine berufliche Kompetenz zu bewahren. Denn man muss sich auch klar machen, dass die Zeit mit den Kindern zu Hause begrenzt ist und man danach beruflich vielleicht noch einmal durchstarten möchte", sagt Bettermann.

Effizienz: Wer sein Zeitmanagement gut im Griff hat, kann mitunter in weniger Zeit genauso viel schaffen wie vorher in der Festanstellung. Müssen die Kinder beispielsweise um 15 Uhr aus der Kita abgeholt werden, bleibt einem nur die Zeit davor, um Aufträge abzuarbeiten. Das motiviere viele selbstständige Mütter und Väter, erfordere gleichzeitig aber viel Disziplin, gibt Bettermann zu bedenken.

Netzwerk: In der Festanstellung hat man häufig keine Chance, sich seine Kollegen auszusuchen. Als Selbständiger ist das anders. "Man kann sich stärker in eine Richtung entwickeln, die den eigenen Bedürfnissen gerecht wird und sich mit Menschen umgeben, bei denen beides passt: das Berufliche, aber auch das Private mit Kindern", sagt Bettermann. Sie selbst sei in Vernetzungsgruppen aktiv, bei denen sich die Mitglieder beruflich unterstützen, aber auch Ratschläge in Sachen Vereinbarkeit von Familie und Beruf geben.

Die Herausforderungen:

Zeitmanagement und Organisation: Wer einmal gegründet hat, weiß, wie schwierig es gerade am Anfang ist, sich selbst zu organisieren. Kommen Kinder hinzu, wird ein strukturierter Tagesablauf noch wichtiger. "Ich halte es für sinnvoll, sich feste Wochenpläne zu machen, in denen man festlegt, wann man was angeht. Morgens den Haushalt zu schmeißen, sich nachmittags mit dem Kind zu beschäftigen und seinen Job am Abend zu erledigen, wird auf Dauer nicht funktionieren und belastet die eigene Gesundheit", sagt Bettermann.

Ist das Kind beispielsweise in der Schule, rät sie, diese Zeit effektiv zu nutzen und Dinge wie den Haushalt hintenanzustellen. Wichtig sei es, Prioritäten zu setzen und nicht an den Stunden mit der Familie und Freunden zu sparen. "Die tun einem gut und laden den Akku wieder auf. Man muss den Anspruch ablegen, überall perfekt sein zu müssen. Wenn die Fenster einmal später geputzt werden, dann ist das eben so", sagt Bettermann.

Der Arbeitsplatz: Wer im Homeoffice tätig ist, spart am Arbeitsweg und kann Zeitfenster nutzen - etwa, wenn der Nachwuchs mittags schläft. Aber nicht in jeder Situation klappt die Aufteilung so gut: "Dieses Bild von Mama am Laptop und das Kind spielt friedlich daneben hat wenig mit der Realität zu tun", sagt die dreifache Mutter. Hilfreich könne zum Beispiel eine Kombination aus Homeoffice und Coworking sein.

Mittlerweile gibt es in einigen Städten sogar spezielle Angebote für Selbstständige mit Kindern. In Berlin hat vor einigen Jahren mit "Coworking Toddler" einer der ersten Coworking Spaces mit angegliederter Kita aufgemacht, in ganz Deutschland haben ähnliche Angebote eröffnet, bei denen Betreuungsmöglichkeiten dazugehören.

Und wie läuft das mit dem Mutterschafts- und Elterngeld? Wer schon selbstständig ist, macht sich dagegen häufig Sorgen, dass Freelancer kein Mutterschafts- oder Elterngeld bekommen, was zum Glück so nicht stimmt. Anders als Arbeitnehmerinnen haben Selbständige und Freiberuflerinnen zwar keinen rechtlichen Anspruch auf Mutterschutz und Mutterschaftsgeld, doch es gibt trotzdem Wege, entsprechende Leistungen zu erhalten.

Kreative, die bei der Künstlersozialkasse versichert sind, können zum Beispiel ganz normal Mutterschaftsgeld beantragen, das sie von ihrer Krankenkasse erhalten. Auch wer bei seiner gesetzlichen Krankenversicherung einen entsprechenden Tarif wählt, kann über den Krankengeldanspruch Mutterschaftsgeld beziehen. Wer privat krankenversichert ist, dem steht in der Regel kein Mutterschaftsgeld zu. Es ist jedoch möglich, dass selbständige Frauen einen Pauschalbetrag von ihrer Krankenkasse erhalten. Eine detaillierte Übersicht dazu gibt es hier.

Mit der Geburt des Kindes entsteht auch bei Selbstständigen der Anspruch auf Elterngeld. Es ändert sich im Vergleich zu Angestellten jedoch der Bemessungszeitraum für diese Leistung: In der Regel werden nicht die vergangenen zwölf Monate vor der Geburt zu Grunde gelegt, sondern das Einkommen im letzten abgeschlossenen Geschäftsjahr. Nähere Infos zum Elterngeld gibt es hier.

In der nächsten Folge wird es etwas bürokratischer: Es geht um Versicherungen und Altersvorsorge für Selbstständige.


Streaming

"Da waren wir beide betrunken" – die "Rick und Morty"-Macher über Staffel 4 und ätzende Fans
Ein Deutschland-exklusives Interview mit Dan Harmon und Justin Roiland

"Rick and Morty" ist eine der meist gehypten TV-Serien der Welt. Die philosophische Show über den narzisstischen, selbstzerstörerischen Wissenschaftler und seinen treudoofen Enkel wurde 2018 sogar mit dem Emmy ausgezeichnet – für eine Episode, in der Protagonist Rick sich in eine Gurke verwandelt, um nicht zur Familientherapie gehen zu müssen. 

Fans mussten allerdings lang auf eine Fortsetzung warten: Staffel drei endete schon im Oktober 2017. 

Nach zwei Jahren Produktionszeit startet nun am 11. November die vierte Staffel von "Rick and Morty". 

Wir haben mit den kreativen Köpfen hinter der Kultserie gesprochen. Dan Harmon ist schon als Produzent von "Community" in Nerdkreisen beliebt, Justin Roiland spricht bei "Rick and Morty" beide Hauptfiguren und verantwortet zusammen mit Harmon die Drehbücher.