"Es mangelt meistens an einer Kombination aus Zeit, Mut und Geld."

In unserer Familie hat das Tradition: Sobald wir alle zusammenkommen, der Abend später und die Gläser leerer werden, fällt jemandem wieder irgendeine Geschäftsidee ein, die der Welt noch gefehlt hat. Diese Spinnereien können sich durchaus über Wochen hinziehen, aber sie verlaufen in der Regel alle gleich: Es bleiben Spinnereien.

Nichtsdestotrotz war die ein oder andere Idee dabei, die eine ernsthafte Auseinandersetzung verdient hätte – doch mangelte es meistens an Zeit, Mut und Geld. Oft ist es die Angst vor der finanziellen Unsicherheit, die potenzielle Gründer von dem Versuch abhält, ihr Vorhaben tatsächlich zu verwirklichen.

Meine eigene Chefin – unsere Kolumne für Selbstständige

Kristin Hermann, 29, hat beim "Weser Kurier" in Bremen volontiert und dort bis Sommer 2018 in der Lokalredaktion gearbeitet. Seit diesem Jahr ist sie als freie Journalistin in Berlin tätig. Hermann wäre beinahe schon an dem Antrag für den Gründungszuschuss gescheitert, hat sich am Ende aber doch durchgekämpft – mit Erfolg. In dieser Serie schreibt sie über die Herausforderungen für Selbstständige und erklärt zukünftigen Gründerinnen, was es zu beachten gilt.

Als Journalistin sind meine Anschaffungskosten vergleichsweise niedrig – ein Handy, ein Laptop, ein Notizblock, Stifte und ein Aufnahmegerät. Trotzdem sind meine Ersparnisse gering, auf ein regelmäßiges Einkommen bin ich angewiesen. Sobald der Entschluss feststand, habe ich deshalb so viel Geld wie möglich gespart und mich schon in den Monaten vor dem Start damit beschäftigt, ob und welche finanziellen Fördermöglichkeiten für mich infrage kommen.

In Deutschland gibt es zahlreiche Möglichkeiten für Gründungszuschüsse und geförderte Kredite.

Die bürokratischen Hürden dafür sind nicht immer leicht zu nehmen. Laut einer Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertages bemängelt etwa jedes zweite Start-up die unübersichtliche Förderlandschaft mit komplizierten Antragswegen. Andreas Lutz ist Vorstandsvorsitzender des Verbands der Gründer und Selbständigen Deutschland und hat zahlreiche Bücher zum Thema Gründen und Selbstständigkeit geschrieben. Er rät: Wer gründen will, sollte sich bereits frühzeitig mit einem fachkundigen Berater zusammensetzen, der das Vorhaben realistisch einschätzt und um passende Förderungen bemüht. "Es gibt einige Leute mit guten Ideen, die aber nicht unbedingt wissen, wie man sich erfolgreich durch den Bürokratiedschungel kämpft und deshalb schnell aufgeben. Da kann eine Beratung helfen", sagt er.

Ich habe mich für den Klassiker unter den Förderungen entschieden: den sogenannten Existenzgründerzuschuss – eine Leistung der Bundesagentur für Arbeit, die nicht zurückgezahlt werden muss.

  • Bei Bewilligung erhält der Gründer die ersten sechs Monate das ihm zustehende Arbeitslosengeld plus 300 Euro pro Monat, ungeachtet dessen, was er im Rahmen seiner Selbständigkeit verdient.
  • Im Anschluss kann eine weitere neunmonatige Förderung in Höhe von 300 Euro monatlich beantragt werden.
  • Voraussetzung dafür ist, dass der Anspruch auf Arbeitslosengeld bei Aufnahme der Selbständigkeit noch 150 Tage beträgt und der Antragssteller mindestens einen Tag arbeitslos gemeldet ist.
  • Seine fachliche Eignung muss der Arbeitslose seinem Vermittler in der Regel in Form eines Businessplans und der Beurteilung einer fachkundigen Stelle darlegen.
  • Seit einer Gesetzesänderung Ende 2011 hat sich die Beantragung des Gründungszuschusses jedoch erheblich verkompliziert. Der Zuschuss wird seither nicht mehr als Rechtsanspruch gewährt, seine Vergabe hängt nun von der Beurteilung der jeweiligen Vermittlungsfachkraft ab.

"Dadurch haben Förderungen um 70 bis 80 Prozent abgenommen", sagt Andreas Lutz. "Das hat meiner Meinung nach wesentlich dazu beigetragen, dass wir eine Umkehr der Gründungsdynamik haben." Laut einer Statistik des Bonner Instituts für Mittelstandsforschung  gab es 2018 in Deutschland insgesamt 367.000 Existenzgründungen – etwa 14.000 weniger als im Vorjahr. Der Gründungszuschuss wird in Deutschland monatlich zwischen etwa 1500 bis 2500 Mal bewilligt. Ob man den Zuschlag wirklich erhält, liegt jedoch nicht immer nur an der Qualität des eigenen Businessplans. "Es hängt auch von der Einstellung des einzelnen Sachbearbeiters und der Quote der jeweiligen Arbeitsagentur ab", sagt Lutz.

In Berlin verzweifelte ich Anfang des Jahres daran, überhaupt einen Termin zu bekommen. Weil ich innerhalb der Stadt umzog, wechselte meine zuständige Agentur für Arbeit. Der vereinbarte Termin entfiel, eine andere Beratung sagte die Behörde krankheitsbedingt ab. Immer wieder sollten Wochen bis zu einem Ersatztermin vergehen. Am Ende reichte ich meinen Businessplan und Antrag ohne Beratung schriftlich ein – zum Glück mit Erfolg.

Neben dem Gründungszuschuss gibt es eine Vielzahl anderer Fördermöglichkeiten. Ein Überblick:

Zuschüsse: Zuschüsse vom Staat haben den Vorteil, dass diese Förderungen in der Regel nicht zurückgezahlt werden müssen. Dazu gehören neben dem Gründungszuschuss unter anderem das Einstiegsgeld, das Empfänger von Arbeitslosengeld II beantragen können. Für Studenten, Absolventen oder wissenschaftliche Mitarbeiter von Hochschulen gibt es spezielle Zuschüsse, um die Gründungsphase zu erleichtern: das EXIST-Gründerstipendium. Je nach Bundesland kann man zudem mithilfe verschiedener Programme einen Teil der Kosten für Beratungen oder die Erstellung des Businessplans erstattet bekommen. Zuschüsse decken meistens jedoch nur einen kleinen Teil des Finanzierungsbedarfes ab, gerade wenn der Gründer hohe Investitionskosten hat.

Kredite: Wer für sein Gründungsvorhaben mehr Geld benötigt, der hat es häufig schwer, einen klassischen Kredit bei einer Bank zu bekommen, da Gründer meist als zu risikoreich eingestuft werden. Damit die Pläne trotzdem realisiert werden können, gibt es öffentliche Förderkredite vom Staat. Der Vorteil davon sind die oftmals günstigen Konditionen, sodass Existenzgründer nicht mit hohen Zinskosten belastet werden. Sie bieten tilgungsfreie Anlaufjahre und können teilweise ohne Eigenkapital aufgenommen werden. Neben der bundesweit agierenden KfW, die den KfW-Gründerkredit vergibt, halten die Förderbanken der Länder entsprechende Mittel bereit. Bei einem geringen Finanzierungsbedarf, kommen Mikrokredite infrage. Sollte die Beantragung eines Darlehens doch einmal an fehlenden Sicherheiten scheitern, gibt es Ausfallbürgschaften der Bürgerschaftsbanken in den verschiedenen Bundesländern.

Crowdfunding: Gründer können via Crowdfunding-Plattformen im Internet gleich mehrere Geldgeber für ihren Start in die Selbständigkeit finden. Hier präsentieren Gründer oder Unternehmen ihre Geschäftsidee und werben um finanzielle Unterstützung. Potenzielle Geldgeber wählen die Projekte aus, die sie für interessant halten. Kommt das erforderliche Kapital zusammen, so erheben die Crowdfunding-Plattformen von den Geldempfängern üblicherweise eine Gebühr. Sie beläuft sich in der Regel auf fünf bis zehn Prozent der Finanzierungssumme.

In diesen Prozess kann auch die Vernetzung mit anderen Gründern wertvoll sein. Welche Erfahrungen haben sie mit der Finanzierung ihrer Selbstständigkeit gemacht? Und wo könnte man sich besser darüber austauschen, als bei einer gemeinsamen Tasse Tee im Büro? Deshalb geht es in dem nächsten Teil der Serie um Möglichkeiten, die Coworking-Plätze für Gründer bieten können.


Fühlen

Alles schließt um 22 Uhr. Warum ich die Abende auf dem Land trotzdem vermisse

Samstagabend, kurz vor zehn in einem kleinen Dorf in Baden-Württemberg. Ich sitze in der Küche meiner Eltern und warte mit einer Freundin darauf, dass ein Freund uns abholt. Es fühlt sich an, als sei ich wieder 17.

Unsere Elternhäuser sind nur ein paar hundert Meter voneinander entfernt, dazwischen eine Kirche, eine Grundschule und ein Tante-Emma-Laden. Wer hier lebt und ein Auto besitzt, hat alles, was er braucht. Draußen ist es fast still. Die Tankstelle am Ortseingang schließt in wenigen Minuten.

Ich lebe heute mehr als 500 km entfernt in Hamburg. Meine Freunde in Stuttgart oder Südamerika. Treffen wir uns in unseren Heimatdörfern, ist es wie früher. Und es stellt sich dieselbe Frage:

Wo bekommen wir jetzt noch ein Bier her?

Früher habe ich mich nach der Großstadt gesehnt, heute sind die Abende auf dem Dorf für mich eine Flucht. Auf dem Land gibt es nach Sonnenuntergang nichts außer Stille, die gelegentlich vom Klappern sich schließender Rolläden durchbrochen wird.

Es gibt keinen Späti und keinen Hipster-Laden mit Craft-Gin-Auswahl. Stattdessen Seniorenteller, Kaffee in Kännchen und Abendessen um 18 Uhr. Selbst am Wochenende schließen in der nächstgrößeren Kurstadt alle Gaststätten spätestens um zehn.

In den meisten Nächten bleibt danach nur die Raucherkneipe. Ein unterirdischer Zufluchtsort für alle zwischen 16 und 60 Jahre, die um keinen Preis nach Hause wollen. Ein Raum mit Billardtisch, alten Nummernschildern an den Wänden und ohne Handyempfang.