"Ich bin seit Jahren nicht mehr in den Urlaub gefahren"

Das Ende des Monats ist da, die Miete steht an, Rechnungen liegen im Briefkasten – aber das Konto ist leer oder im Minus. Viele Menschen in Deutschland kennen dieses Gefühl: Mehr als jeder zehnte Deutsche über 18 Jahren ist verschuldet: 6,85 Millionen Menschen können ihre Rechnungen, oder einen Teil davon, nicht mehr zahlen. Vor allem junge Menschen bis 39 Jahre sind betroffen. Und die Zahl steigt. (SPIEGEL ONLINE)

Hier erzählen drei Leute, wie sie sich verschuldet haben – und wie sie da wieder rauskommen wollen.


Wie gut kannst du mit Geld umgehen?
Lucy*, 23 Jahre, auf Ausbildungssuche, 3400 Euro Schulden:

Während des Abiturs habe ich bei meinem Vater und seiner Lebensgefährtin gewohnt. Es ist nicht gut zwischen uns gelaufen. Die beiden haben mich rausgeworfen. Drei Monate konnte ich zur Überbrückung noch bei Verwandten leben, aber ich brauchte schnell eine eigene Wohnung. Damit fing alles an.

Inzwischen bin ich mit meiner Kreditkarte 600 Euro im Minus. Im September bin ich außerdem in eine neue Wohnung gezogen, die 1300 Euro Kaution musste ich mir von einer Freundin leihen. Die Küche musste ich auch übernehmen – der Vormieterin schulde ich deswegen noch 1500 Euro.

Im Moment suche ich nach einem Ausbildungsplatz, jobbe und bekomme Arbeitslosengeld II. Und ich gehe Blut spenden, dafür bekommt man um die 20 Euro. Aber manchmal merke ich, dass mich das ganz schön müde und fertig macht.

Meine Hoffnung ist die Ausbildung. Ich will Hebamme werden. Schon finanziell wäre das ein Traum für mich.
Lucy, 23

Ich verzichte auf vieles, zum Beispiel darauf, mit Freunden ins Kino oder Restaurant zu gehen. Oder eine ordentliche Winterjacke zu kaufen – das ist einfach nicht drin. Ich laufe seit sechs Jahren mit demselben Fetzen rum.

Was ich unfair finde: Ich arbeite, seit ich 15 bin. Ich hangele mich von Nebenjob zu Nebenjob, aber werde die Schulden nicht los. Es gibt Tage, da denke ich mir: Ich habe gar keine Lust mehr zu leben.


Meine Hoffnung ist die Ausbildung. Ich will Hebamme werden. Schon finanziell wäre das ein Traum für mich. So viel habe ich noch nie verdient – und ich könnte endlich anfangen, Schulden zurückzuzahlen.

Ingo*, 30 Jahre alt, Referendar, 16.000 Euro Schulden:

Während meines Studiums habe ich den Bafoeg-Höchstsatz bekommen. Insgesamt 34.000 Euro, von denen ich demnächst nur 10.000 Euro zurückzahlen muss. Für mich also ein Gewinn.

Nach der Regelstudienzeit habe ich kein Bafoeg mehr bekommen und für drei Semester einen Kredit bei der KfW-Bank aufgenommen, über 300 Euro pro Monat. Freunde haben mir erzählt, dass die Zinsen sehr günstig sind. Ich habe denen da einfach vertraut.

Nebenher habe ich immer gejobbt. Ich habe gekellnert, geputzt, privat und in einer Wohngruppe Behinderte betreut.

Ich und mein Lebenspartner hatten zwar Geldprobleme. Aber keine großen – wir hätten auch sparsamer leben können. Aber das haben wir nie gelernt. Mit den 300 Euro war unser Leben entspannter. Wir haben uns das Geld geteilt.

Mich stört es überhaupt nicht, verschuldet zu sein. Das hat mich noch nie gestresst. Ich wusste immer, wie viel ich als Lehrer später verdiene. Das ist ja kein Geheimnis. Mir war klar, dass ich das Geld zurückzahlen kann. Fertig. Die 300 Euro haben mir damals das Leben sehr erleichtert, ich habe sie sehr geschätzt.

Julia*, 28, Studentin, 1.800 Euro Schulden:

Ich sitze auf 1000 Euro Schulden Dispo-Kredit. Dazu kommen private Schulden bei Freunden, das sind nochmal 800 Euro. Und ich baue mit dem Bafoeg laufend neue Schulden auf. Ich habe gerade keine Ahnung, wie ich da raus kommen soll. Für andere ist das vielleicht nicht viel, für mich ist das unangenehm und sehr belastend.

Ich bekomme Bafoeg und gehe arbeiten. Laut Bafoeg-Amt darf ich aber nur 400 Euro dazu verdienen. Das reicht nicht. Das Geld, das ich mir geliehen habe, brauchte ich zum Leben. Ich fahre davon nicht in Urlaub, das habe ich schon seit Jahren nicht mehr gemacht. Und ich gehe auch nicht shoppen.

Mein einziger Luxus, so muss man das leider nennen, ist meine eigene Wohnung. Die kostet 500 Euro im Monat. Klar könnte ich in ein WG-Zimmer ziehen, das günstiger ist – aber ich bin 28 Jahre alt und will das einfach nicht mehr.

Briefe von der Sparkasse mache ich schon nicht mehr auf.
Julia

Es fällt mir schwer, nach Geld zu fragen, auch wenn meine Freunde finanziell in einer besseren Position sind als ich. Deswegen mache ich das nur, wenn es wirklich nicht anders geht. Wenn die Krankenkasse zum Beispiel schreibt, dass sie den Beitrag nicht abbuchen konnte. Oder wenn in meiner Wohnung reihenweise Möbel kaputtgehen.

Es ist ein ätzendes Gefühl. So will ich nicht sein. Ich bin eigentlich sehr risikoscheu und vernünftig, achte immer darauf, dass alles korrekt ist. Und plötzlich diese Probleme mit dem Geld. Das kann einem schon über den Kopf wachsen.

Ich habe Angst, dass die Verschuldung für mich normal wird. Briefe von der Sparkasse mache ich schon nicht mehr auf. Ich weiß ja ohnehin, was drin steht: Das wieder irgendetwas nicht abgebucht werden konnte. Aber ich kann daran einfach nichts ändern, da helfen alle Briefe nichts.

Marco Rauter ist Schuldner- und Insolvenzberater. Er leitet die Beratungsstelle der AWO in Berlin-Neukölln.

Hier gibt er Tipps, was du tun kannst, wenn...
...das Geld knapp ist:
  • Geduld haben! Lieber abwarten, ansparen und bar zahlen, als verlockende Ratenangebote anzunehmen.
  • Auch wenn’s schwer fällt: AGBs bei Vertragsabschlüssen lesen, vor allem bei Flat-Angeboten auf Sternchen (*) und Kleingedrucktes achten.
  • Keine Verträge auf der Straße oder in Einkaufszentren abschließen. Und vor allem: Nicht unter Zeitdruck unterschreiben."Die Unterschrift unter einem Vertrag dauert zwei Sekunden, sie kann einem Menschen aber 30 Jahre lang das Leben schwer machen“, sagt Marco Rauter.
  • Falls sich Geldprobleme und -knappheit ankündigen: rechtzeitig Rat suchen. Schuldnerberatungen gibt es fast überall und die Experten freuen sich, wenn sie den Ernstfall noch verhindern können. (Siehe Adress-Liste unten)
...du verschuldet bist:
  • Prioritäten setzen. Auf keinen Fall sollte die Miete oder Stromzahlung ausgesetzt werden, um Schulden zu begleichen. Denn wer seine Wohnung verliert, hat vor allem mit einem Schufa-Eintrag kaum Chancen, eine neue zu finden.
  • Keine Ersatzverträge bei anderen Anbietern abschließen (zum Beispiel bei Handyverträgen), solange nicht geklärt ist, wie der erste Vertrag bezahlt wird.
  • Haushaltsbuch führen: Einkommen und Ausgaben in jedem Monat genau notieren und miteinander verrechnen. Wo kann gespart werden?
  • Bar zahlen statt mit EC-Karte, auch bei größeren Anschaffungen. Das ermöglicht einen besseren Überblick.
  • Mit präzisem Einkaufszettel kaufen gehen – und mit vollem Magen.
Hier findest du die Beratungsstellen der AWO, der Caritas und des DRK.

*Lucy, Ingo und Julia wollen anonym bleiben, die Redaktion hat daher ihre Namen geändert.


Haha

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Mit einer großartigen Videoserie

Das "Neo Magazin Royale" ist aus der Winterpause zurück – und klaut gleich in der ersten Folge eine gute Idee aus den Niederlanden. Allerdings nur auf den ersten Blick.

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