Wie Jacqueline, Hanna, Ben und Mareike ihr Sabbatical genutzt und finanziert haben. Und wie es danach weiterging.

Zum Jahresende kann die Arbeit ziemlich schlauchen. In Deutschland hat jeder Zehnte schon mal für einige Monate eine Pause vom Berufsleben eingelegt und jeder Fünfte denkt darüber nach. Das zeigt eine Umfrage des Karrierenetzwerks Xing, für die insgesamt 1.493 Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer online befragt wurden. 

Am beliebtesten ist demnach ein Sabbatical bei jungen Leuten. Gut 14 Prozent der 18- bis 24-Jährigen haben bereits eine Jobpause genommen und rund 29 Prozent haben dies noch vor. Zum Vergleich: Unter den 50- bis 59-Jährigen haben sich nur knapp sieben Prozent eine Auszeit gegönnt, etwa 16 Prozent wollen dies noch tun. (Xing)

Für die meisten Befragten ist das Ziel eines Sabbatjahres die Erholung, gefolgt von Reisen und persönlicher Weiterbildung. Manchmal ist auch die Pflege von Angehörigen oder Kindererziehung ein Grund. Rund ein Sechstel gab an, dass es im eigenen Unternehmen schlichtweg nicht möglich sei, eine Auszeit zu nehmen. Oft stehen sich die Mitarbeiter aber selbst im Weg: Knapp 60 Prozent haben den Wunsch bisher nicht geäußert. Vielleicht auch, weil sie finanzielle Bedenken haben. Die Studie zeigt nämlich, dass eine berufliche Auszeit vor allem eine Frage des Geldes ist. Menschen mit einem monatlichen Bruttoeinkommen ab 5000 Euro haben öfter angegeben, ein Sabbatical gemacht zu haben, als andere mit einem geringeren Einkommen.

Deshalb haben wir vier Aussteigerinnen und Aussteiger gefragt: Wie habt ihr das Sabbatical erlebt und finanziert? Was hat sich dadurch verändert?

Jacqueline Knopp, 28, ist gerade mit dem Van in Neuseeland unterwegs.

Jacqueline Knopp reist mit ihrem Freund. Gemeinsam drehen sie Youtube-Videos auf ihrem Kanal "Van Vagabunden".

(Bild: Privat)

"Warum sollten nicht auch junge Menschen eine Jobpause einlegen? Meine letzte Stelle als Projektmanagerin bei einem gemeinnützigen Verein habe ich Ende März gekündigt. Ich wollte raus aus dem Hamsterrad. Mein Freund und ich haben unsere gemeinsame Wohnung in Kiel aufgelöst und sind nach Neuseeland gegangen. Etwa ein halbes Jahr vor dem Sabbatical haben wir angefangen, Möbel und Gegenstände loszuwerden und Geld beiseitezulegen.

Geplant ist für ein Jahr in Neuseeland zu bleiben. Wir reisen mit einem Van herum und machen House Sitting. Das bedeutet, wir können kostenlos in den Häusern anderer Leute wohnen und passen dafür zum Beispiel auf ihre Tiere auf. Mal sind es Hühner, mal Kühe. 

In den vergangenen Monaten in Neuseeland habe ich eine Coaching-Ausbildung abgeschlossen, mich selbstständig gemacht, ein Buch über plastikfreies Leben geschrieben und damit begonnen, Youtube-Videos von der Reise zu drehen. Ich möchte mich in meinem Sabbatical ausprobieren. 

„Meine Auszeit ist für mich eine Findungsphase.“
Jacqueline

Ich habe mein Abi in Niedersachsen gemacht, dann als Kellnerin in London gejobbt und später in den Niederlanden studiert. Danach arbeitete ich für die Deutsche Botschaft, war kurz beim Goethe-Institut und hatte viel mit Start-ups zu tun. Nur glücklich war ich nicht. Ich habe immer das getan, was alle machen und was mein Umfeld von mir zu verlangen schien. Doch es führte dazu, dass ich unausgeglichen war und leichte körperliche sowie psychische Beschwerden bekam. Irgendwann habe ich mich gefragt: Ist das meine Berufung? Ist es sinnvoll, was ich tue? Will ich das ewig machen? 

Es ist egal, ob man jung ist – sobald wir merken, wir sind unzufrieden, sollten wir etwas verändern. Und wenn eine berufliche Auszeit die Lösung ist, dann kann man die auch mit Mitte 20 nehmen. Ich habe gelernt: Zeit in sich selbst zu investieren, lohnt sich immer."

Hanna Vohwinkel, 35, hat nach ihrem Sabbatical einen Onlineshop gegründet.

Hanna Vohwinkel hat früher im Marketing gearbeitet und betreibt heute den nachhaltigen Onlineshop "wonderwell". 

(Bild: Privat)

"Im Sommer vor einem Jahr habe ich meinen Marketing-Job bei einem Konzern in London gekündigt, um für sieben Monate durch Südostasien und Australien zu reisen. Statt Bürokomplex also viel Natur: tauchen, wandern, draußen sein. 

Ich brauchte eine Pause, fühlte mich durch die Arbeit und die langen Pendlerwege gestresst. Einerseits hat mein alter Job mir Sicherheit gegeben, andererseits aber Freiheit genommen. Nach neun Jahren in verschiedenen Unternehmen wollte ich mal etwas anderes versuchen. Ich hatte sowieso kaum Verpflichtungen, meine Londoner WG löste sich gerade auf.  

Während meines Sabbaticals habe ich von Erspartem gelebt. In den knapp sieben Monaten habe ich insgesamt gut 10.000 Euro ausgegeben, inklusive aller Flüge und Aktivitäten. In Südostasien brauchte ich monatlich etwa 1000 Euro zum Leben, in Australien eher 2500 Euro.

Dieses Jahr im Februar bin ich wiedergekommen. Zurück nach London wollte ich aber nicht. Die Stadt ist riesig, hektisch, voll und dabei etwas zu ernst. Von Berlin aus habe ich einen Onlineshop für nachhaltige Produkte aufgebaut. Auch, weil ich auf meiner Reise gesehen habe, wie zu viel Plastik die Natur zerstört. Dagegen wollte ich etwas tun. In Berlin gibt es Unverpacktläden, Naturkosmetik und überall veganes Essen – doch das ist nicht überall so. Also dachte ich, ein Onlineshop könnte Abhilfe schaffen.

„Mein Sabbatical hat mich dazu bewegt, Dinge zu verändern.“
Hanna

Heute bin ich neugieriger und traue mich mehr. Im neuen Job lerne ich fast täglich dazu. Gerade Berufseinsteigern würde ich raten, sich einfach mal in die Ungewissheit zu stürzen. Egal, ob nun Selbstständigkeit oder Sabbatical."

Ben Korbach, 34, war Banker und reist jetzt als digitaler Nomade durch die Welt.

Ben Korbach hat den Anzug gegen T-Shirt und Flipflops getauscht.

(Bild: Mirjam Kilter)

"Mit gerade mal 30 Jahren hatte ich eine Sinnkrise. Damals habe ich erfolgreich als Banker in Stuttgart gearbeitet, schon das berufsbegleitende Studium fiel mir leicht. Nur irgendwann merkte ich: Ich gehöre nicht ins Finanzwesen. Im Kopf hörte ich diese Stimmen: 'Du musst Karriere machen' gegen 'Du musst mal raus'. 

Ich ließ mich in der Bank für sechs Monate freistellen, legte ein Sabbatical ein, und wollte mir überlegen, was ich vom Leben erwarte. Die Arbeit ist schließlich ein großer Teil davon. Über fünf Monate bin ich durch Japan, Indonesien, Vietnam, die Philippinen, Sri Lanka und Thailand gereist. Währenddessen stellte ich mir die Frage, warum ich so unglücklich in meinem Beruf war. Die Antwort war klar: 

„Diesen Karriereweg habe ich nur gewählt, weil er Sicherheit bot.“
Ben

Ich hatte etwas Geld angespart und eine Steuerrückzahlung genutzt, um mein Sabbatical zu finanzieren. Zudem habe ich viele Verträge stillgelegt oder sie gleich gekündigt, die laufenden Kosten unterschätzt man leicht.

Oft haben wir Angst vor einer Lücke im Lebenslauf, dabei kommt das bei vielen Arbeitgeberinnen und Arbeitgebern heute gut an, denke ich. Denn: Im Sabbatical lernt man spannende Menschen, Kulturen und vor allem sich selbst kennen. Meist erfüllen wir in unserem gewohnten Umfeld Erwartungen und Rollen, die wir uns womöglich nicht mal selbst ausgesucht haben. Das wird einem aber erst bewusst, wenn man mit Abstand darauf schaut.

Es mag kitschig klingen, aber das Sabbatical war ein Wendepunkt in meinem Leben. Ernüchternd und gleichzeitig befreiend, weil ich ehrlich zu mir sein musste. Danach habe ich meinen Anzug und alles andere verkauft. Ich besitze heute nur noch einen Rucksack mit persönlichen Dingen. Meine Frau und ich leben ein paar Monate im Jahr auf Zypern und arbeiten sonst als digitale Nomaden von überall auf der Welt. Ich schreibe für Unternehmen, Websites oder Blogs. Hauptsächlich beschäftige ich mich damit, worum es den Menschen hinter den Firmen geht: Was ist ihre Motivation? Mein eigenes Warum habe ich gefunden."

Mareike Minx, 32, nimmt sich jedes Jahr eine Auszeit.

Mareike Minx ist selbständige Designerin. Davor hat sie drei Jahre bei einer Agentur gearbeitet.

"Ich bin ein Fernweh-Mensch. Schon zum Studieren ging ich nach Kapstadt. Nach einer Konferenz über digitales Nomadentum bin ich Ende 2017 nach Thailand, Indien und Bali aufgebrochen. Damals arbeitete ich seit drei Jahren für eine Designagentur in Hamburg. Dort war ich zu dem Zeitpunkt sehr unzufrieden. Weil mein Chef mich und mein Fernweh gut kennt, schlug er mir vor, für drei Monate herumzureisen. 

Ich hatte unbezahlten Urlaub. Ab dem zweiten Monat arbeitete ich wieder in Coworking-Spaces auf Bali und nahm Designaufträge an. Da man in der Kreativbranche meist nicht viel verdient, habe ich vorher kaum Geld zurücklegen können. Aber ich habe meine Wohnung in Deutschland untervermietet und mich mit den Jobs über Wasser gehalten. Das Leben in Südostasien ist vergleichsweise günstig.

Nach meinem Sabbatical habe ich noch ein Dreivierteljahr in der Agentur gearbeitet. Dann habe ich gekündigt, um mich als Designerin selbstständig zu machen. Diese Idee hatte ich schon während des Sabbaticals in einem indischen Aschram. Dort habe ich zwei Wochen lang Yoga gemacht und mit 50 anderen Menschen in einem Zimmer geschlafen.

„Der Perspektivwechsel hat mir gut getan, um neue Wege und Möglichkeiten zu erkennen.“
Mareike

Heute verbringe ich die Wintermonate in Kapstadt, auf Bali und reise in andere Länder. Dabei arbeite ich für gewöhnlich. Aber ich nehme mir jedes Jahr für mindestens einen Monat frei, um mal etwas Neues zu sehen. In meinem Beruf ist das sogar sinnvoll, weil ich dadurch Inspiration bekomme. In jungen Branchen wie meiner, wissen die Arbeitgeber das zu schätzen."


Grün

Klimanotstand vs. Konsumschlacht: Warum wir an Weihnachten doch wieder viele Geschenke kaufen
Weihnachten ist das Fest des Konsums – daran ändert auch der Klimanotstand nichts.

Weihnachtszeit ist Konsumzeit. Ein Fünftel seines kompletten Jahresumsatzes verdiente der deutsche Einzelhandel 2018 allein im Weihnachtsgeschäft (Statistisches Bundesamt). Laut einer Umfrage der Beratungsgesellschaft Ernst & Young wollen die Deutschen in diesem Jahr durchschnittlich 281 Euro für Geschenke ausgeben, also fast so viel wie die Rekordsumme aus dem vergangenen Jahr. Jüngere Konsumenten unter 35 Jahren wollen zwar nur 212 Euro ausgeben, sie sind damit aber die Altersgruppe, die ihre Ausgaben am meisten steigern will (Ernst & Young).

Und das am Ende eines Jahres, in dem so viel über den persönlichen Konsum debattiert wurde wie noch nie. In dem es um Plastikvermeidung, Minimalismus und Verzicht ging. 

Wie passt das zusammen? Und lässt sich Weihnachten nachhaltiger feiern? 

Das haben wir Robert Böhnke, 35, Experte für nachhaltigen Konsum beim Rat für Nachhaltige Entwicklung, gefragt.