"Ich glaube, das könnte viele glücklicher machen."

Es sind solche Tage: Wir haben keine Lust auf den Job, der Chef ist schlecht drauf und unter den Kollegen ist miese Stimmung. Manche erleben das nur manchmal, für andere ist das Alltag.

Oliver, 29, lebt in Hannover und hat sich überlegt: Bis ins hohe Alter arbeiten kommt nicht in Frage. 


Software- und Web-Entwickler

Doch anstatt sein Geld auszugeben, spart er jeden Monat eine Menge – so viel, dass er in elf Jahren in Rente gehen kann. Dann ist er 40, würde also mehr als 20 Jahre eher Schluss machen mit der Arbeit als viele andere Menschen. 

Über seine Erfahrungen bloggt Oliver auf seiner Webseite. Aber wie funktioniert sein Plan genau? 

Macht sein Plan zwar reicher, aber auch unzufriedener? Und was will er tun, wenn er mit 40 ohne Job dasteht? Wir haben ihn gefragt.

Oliver, wie kommt man auf die Idee, mit 40 in Rente zu gehen?

Vor allem durch "Mr. Money Mustache". Das ist ein kanadischer Blogger, der mit 30 sagte: "Ich heirate jetzt meine Frau, wir kriegen ein Kind und gehen in Rente." Mein alter Mitbewohner hatte was über ihn gelesen und war so begeistert, dass er mir jeden Tag davon erzählte.

Was dachtest du darüber?

Zuerst: Was für ein Quatsch! Mit 30 in Rente, das geht doch nicht. Und wer nennt sich schon "Money Moustache"? Doch der Gedanke machte mich auch neugierig. Ich dachte: Krass, das will ich auch. Ich will so viel sparen, dass ich sehr früh aufhören kann zu arbeiten – bis dahin will ich aber gleichzeitig auch ein glückliches Leben führen.

Oliver, 29: "Krass, das will ich auch"(Bild: Oliver Noelting)

Und wie funktioniert das? 

Bei einem monatlichen Lohn von 2000 bis 2500 Euro netto lege ich nun schon seit zwei Jahren etwa 1500 Euro beiseite. Ich habe noch etwa 900 Euro zum Leben. 

Von den gesparten 1500 Euro kaufe ich größtenteils Aktien, also kleine Stücke von Firmen, zum Beispiel von einer Getränke-Firma. Wenn diese Firma Gewinn macht, bekomme ich einen kleinen Teil davon. So vermehrt sich mein Geld, ohne dass ich etwas tun muss. Wenn mein Vermögen groß genug ist, kann ich aufhören zu arbeiten. Ich kann davon bis zur staatlichen Rente leben und darüber hinaus.

Damit das klappt, musst du dich aber schon sehr gut mit Aktien auskennen.

Das wird in den Nachrichten oft so vermittelt: Es heißt zum Beispiel, man müsse Aktien zu den richtigen Zeitpunkten von den richtigen Firmen kaufen. Aber eigentlich muss man nur passive Indexfonds kaufen, quasi Körbe voller Aktien. 

Ich kann mit meinem Plan bis zur staatlichen Rente leben und darüber hinaus
Oliver

Ich besitze zum Beispiel Teile von den 2000 größten Unternehmen der Welt. Ich verkaufe diese Aktien, wenn ich in Rente gehen will. Auch wenn 100 Firmen Verluste gemacht haben, haben die anderen 1900 wahrscheinlich Gewinne eingefahren und die kommen mir dann zugute. 

Der Vorteil dieser Methode: Ich muss die Firmen nicht akribisch auswählen oder den richtigen Zeitpunkt abpassen. Ich muss auch nicht viel über die Märkte wissen.

Sicher?

Klar, Aktien schwanken im Wert. Man sollte darum immer nur Geld investieren, dass man nicht unbedingt braucht. Langfristig haben Aktienfonds bisher jedes Sparbuch geschlagen. 

Okay, aber du bist kein Aktien-Experte. Was, wenn es zum Börsencrash kommt?


Tja, dann brauche ich einen Plan B. Dann gehe ich doch noch mal arbeiten oder reduziere meine Kosten dementsprechend. Aber das ist sehr unwahrscheinlich. Und falls es so kommt, würde ich mich auch nicht maßlos ärgern, denn 100 Prozent Sicherheit hat man ja nie im Leben.
Du hast einen Job, bei dem es möglich ist, etwas beiseite zu legen. 

Tja, dann brauche ich einen Plan B
Oliver über die Frage, was er im Falle eines Börsencrashs macht

Andere Menschen in anderen Jobs können das sicher nicht so leicht.

Ich behaupte ja auch nicht, dass alle früher in Rente gehen können. Mir geht es eher darum, dass Normalverdiener – solche Leute wie ich – es schaffen könnten, auch wenn sie es selbst nicht glauben würden. 

Ich will, dass sich mehr Leute fragen: Auf was könnte ich verzichten? Ich glaube, das könnte viele glücklicher machen.

Und auf was musst du verzichten? Auf deinem Blog schreibst du zum Beispiel, dass du nur 100 Euro für Essen ausgibst. Ein Restaurantbesuch ist also nie drin?

Die 100 Euro gelten nur für Einkäufe. Das reicht mir, weil ich keine Fertiggerichte kaufe, sondern immer aus frischen Zutaten koche. Ich gebe etwa 50 Euro zusätzlich aus, um auswärts zu essen. Ich verzichte also auf nichts. Auch nicht bei neuen Anschaffungen: Wenn ich mir ein Handy kaufen will, kaufe ich eins. Zwar auf ebay-Kleinanzeigen, aber einen größeren Anspruch habe ich auch gar nicht. Ich habe dort ein Smartphone für 50 Euro gefunden und bin vollkommen zufrieden damit.

Oliver, Freundin Joana: "Ich verzichte auf nichts"(Bild: Oliver Noelting)

Wie hat sich dein Alltag verändert, seitdem du so viel sparst?

Ich hatte schon immer Geld am Monatsende übrig und wusste nicht, wohin damit. Ich fing an, es zu sparen und ein Haushaltsbuch zu führen. Meine Ausgaben sind mir seitdem bewusster und ich hinterfrage sie öfter. Ich will mir nicht etwas Neues kaufen, weil ich Geld übrig habe, sondern weil es mich glücklich machen könnte.  

Ich lebe nach wie vor mit meiner Freundin auf 46 Quadratmetern. Für andere Menschen wäre das vielleicht zu klein, aber wir sind zufrieden damit und zahlen nur 300 Euro pro Person.

Wann hast du dir das letzte Mal was gegönnt?

Ich gönne mir alles. Ich sage nie, dass ich mir etwas nicht kaufe, weil es zu teuer ist. Ich schaue aber jedes Mal: Ist das für mein Lebensglück wichtig oder nicht?

Neulich beispielsweise bin ich mit meinen Freunden eine Woche in den Urlaub gefahren. Wir haben uns ein großes Ferienhaus in Dänemark gemietet und Playstation gespielt, im Whirlpool gesessen, Bier getrunken und sind am Strand spazieren gegangen. Wir hatten einen richtig schönen Urlaub. Manche würden sagen: Da habe ich mir mal was gegönnt.

Ich gönne mir alles
Oliver

Wenn du erfahren würdest, dass du nur noch wenig Zeit zum Leben hättest – würde es dich dann nicht ärgern, ständig nur gespart zu haben?

Nein, die Entscheidung fände ich nach wie vor klug – denn die habe ich ja aus dem Gedanken heraus getroffen, dass ich älter werde als 30. Mich würde höchstens eins ärgern: zu viel gearbeitet zu haben.


Gerechtigkeit

"Würde ihn grün und blau schlagen" – Joe Biden attackiert Trump
Es geht um mehr als eine Meinungsverschiedenheit.

Der Umgangston in der US-Politik wird rauer. Joe Biden, ehemaliger US-Vizepräsident unter Barack Obama, hat in einer Rede dem neuen US-Präsidenten Gewalt angedroht. Vor Studenten der Universität von Miami sagte Biden:

"Ein Mann, der am Ende unser Staatschef wurde, hat gesagt: 'Ich kann eine Frau überall anfassen und sie wird es mögen.' Wenn wir an der High School wären, würde ich ihn hinter die Turnhalle bringen und ihn grün und blau schlagen."

Biden wollte damit Donald Trumps Umgang mit Frauen kritisieren. Er bezog sich auf Trumps "Pussy grabbing"-Aussage, die im Sommer 2016 während des US-Wahlkampfs publik wurde. (Axios)