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Heute: Tyler, 29 Jahre alt, aus Wrist

Was wolltest du werden, als du jünger warst?

Meine Freizeit war mir schon immer wichtiger als Schule und Hausaufgaben. Ich wollte aber nie Popstar, Millionär oder Rennfahrer werden. Es sollte nur ein Job sein, der halbwegs zu mir passt und mir genügend Geld einbringt, damit ich mir das leisten kann, was ich möchte. 

Was hast du gelernt?

Ich habe, seit ich 16 war, ehrenamtlich in den Sommerferien gearbeitet, im Kinderferienlager. Ich hatte Spaß dabei, also habe ich eine zweijährige Ausbildung zum sozial-pädagogischen Assistenten gemacht. Ich hatte aber nicht das Gefühl, dass mich dieser Beruf wirklich glücklich macht.

Orientierungslos sprach ich mit einem Vermittler im Arbeitsamt. Er empfahl mir eine Ausbildung im Einzelhandel. 

Also fing ich bei einem deutschlandweiten Schuhunternehmen an und arbeitete in verschiedenen Filialen. Nach der verkürzten Ausbildung wurde ich direkt stellvertretender Filialleiter und "rechte Hand" meiner Bezirksleitung.  

Queraufstieg

Irgendwann kommt sie, die Frage, bei manchen früher, bei anderen später, manche haben regelrecht Angst vor ihr: "Was willst du später mal werden?"

Es fällt schwer, das zu beantworten. Und wer eine Antwort gefunden hat, bereut sie manchmal hinterher. Weil der Arbeitsalltag in der Realität doch ganz anders aussieht. Und dann?

In dieser Reihe stellen wir Menschen vor, die sich beruflich umentschieden haben. Die sich getraut haben, noch mal von vorne anzufangen.

Die Arbeit gefiel mir gut, ich mochte es, die Waren zu präsentieren. Nach nur fünf Jahren im Unternehmen war ich zuständig für 13 Schuhfilialen, etwa 60 Mitarbeiter und zwei Auszubildende – in einem Alter von gerade einmal 25 Jahren. 

Ich war stolz auf das, was ich geleistet habe, und verdiente mehr, als ich erhofft hatte. Aber glücklich machte mich das alles nicht.

Tyler, 29(Bild: privat)
Warum hast du dich entschieden, etwas anderes zu machen?

Die ständigen Anrufe auf dem Handy haben mich genervt. Es ruft ja keiner an, um meine Arbeit zu loben. Ständig gab es Probleme oder jemand wollte etwas von mir. Mit der Zeit kam immer mehr Verantwortung, das bedeutete weniger Freizeit

Ich wollte wieder frei sein, Neues erleben und Spaß am Leben haben. Also kündigte ich meinen Job und gab meine Wohnung auf. Ich habe fast alles verkauft und verschenkt, was ich besaß, und mich für unbestimmte Zeit auf nach Australien gemacht

Da bin ich rumgereist und habe mein Leben hart gefeiert. Ich merkte, dass ich körperliche Arbeit wie die Melonenernte und vor allem Bauarbeiten sehr genoss. Als Fliesenleger war ich nur für das verantwortlich, was ich mit meinen eigenen Händen erarbeitete und wurde sogar viel besser bezahlt als früher. In den Einzelhandel wollte ich nicht mehr zurück. 

Nach verschiedenen Stationen in Südostasien und Neuseeland rief ich einen befreundeten Tauchlehrer in Thailand an. 

Du bist auch ein Queraufsteiger?

Du hast einen Knick im Lebenslauf – und bist stolz darauf? Du hast dich noch mal beruflich umentschieden und machst etwas ganz anderes, als ursprünglich gedacht? Dann melde dich gern bei uns.

Mein Freund war inzwischen vom Tauchen zum Freitauchen gewechselt – also zum Tauchen ohne Sauerstofflasche – und erzählte mir leidenschaftlich davon. Für mich klang das wie eine Sportart für Athleten und Leute, die sinnlos ein Seil runter und hoch tauchen. Ich rauchte zehn Zigaretten am Tag und ging ständig feiern. Aber er hat mich überredet, mit einem Anfängerkurs einzusteigen. 

Am ersten Tag im thailändischen Golf schaffte ich problemlos zwölf Meter Wassertiefe. Am zweiten Tag waren es schon 21 Meter. Ich dachte mir: "Das ist gar nicht so schlecht für einen Raucher und Spaß macht es auch!" Ich nahm am fortgeschrittenen Kurs teil und legte im Luftanhalten eine für mich unvorstellbare Zeit von fast vier Minuten hin. Zweimal so lang wie Zähneputzen! Ich konnte nicht mehr aufhören zu grinsen.

Immer mehr lernte ich über den Körper, machte Yoga-Atemübungen und tauchte schließlich auf 35 Meter. Meine Fortschritte in der ersten Woche waren so groß, dass ich weitermachen wollte, und begann nach einem Mastertraining den Freitauchlehrerschein

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Woher wusstest du, dass Freitauchlehrer das Richtige für dich ist?

Ich liebe das Wasser. Auf einer paradiesischen Insel zu arbeiten klang gut. Und den Sport habe ich einfach ausprobiert und gemerkt, dass er wie für mich geschaffen ist.

Man lernt viel über die Anatomie des Menschen und warum wir den Drang zum Atmen haben. Mit jedem Tauchgang werde ich entspannter und die Tauchgänge länger und tiefer. Im Wasser versetze ich mich in eine Art Meditation. Der Herzschlag verlangsamt sich und ich höre einzig und allein die Stille des Meeres. 

Zurück an der Wasseroberfläche setzt der Körper Hormone frei, die den Freitaucher süchtig machen. Du möchtest dann am liebsten direkt wieder abtauchen.

Tyler trainiert zur Zeit auf der karibischen Insel Utila.(Bild: privat)

Was war die größte Hürde auf deinem Weg?

Je erfolgreicher man in diesem Extremsport werden möchte, desto mehr muss man auf die Signale des Körpers achten. 

Die Lungen nehmen dann aufgrund des hohen Wasserdrucks die Größe zweier Fäuste an und auch die Luftröhre verengt sich so sehr, dass zum Druckausgleich eine bestimmte Technik angewandt werden muss. 

Wenn ich mich in einer solchen Situation falsch bewege oder die Zeit falsch einschätze, kann das zu inneren Verletzungen oder zum "Blackout" führen.

Weil wir für Versicherungen zur Gruppe der "Schnorchler" zählen, sind wir aber für Unfälle unter Wasser nicht abgedeckt. Deshalb ist es umso wichtiger, dass ich als Freitauchlehrer dafür Sorge trage, dass keine Unfälle passieren. Die erste Regel lautet: Geht immer zu zweit tauchen! Und falls dann doch etwas passiert, müssen alle vom ersten Kurs an genau wissen, wie sie handeln müssen. 

Mehr Sicherheit gibt es nicht, deswegen ist und bleibt Freitauchen ein Extremsport.

Wie geht es dir heute?

Mir geht es bestens. Nachdem ich in Thailand drei Monate als Freitauchlehrer arbeitete, ging ich für ein halbes Jahr nach Kanada. Im Oktober flog ich nach Honduras in Mittelamerika, um das Freitauchen weiter zu trainieren. 

Mein Ziel ist es, meine eigene Freitauchschule zu gründen. Doch dafür will ich noch tiefer gehen. Gerade bereite ich mich auf der karibischen Insel Utila auf einen Wettbewerb vor. An der Wasseroberfläche kann ich inzwischen 6:18 Minuten die Luft anhalten und meine persönliche Besttiefe ist zurzeit 59 Meter. Ich bin zuversichtlich, dass ich 70 Meter bis Anfang 2018 erreiche. Weiter denke ich bisher nicht, frei nach dem Motto: "Kein Plan ist der beste Plan."


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