Bild: Privat
Heute: Steve, 28, aus Stuttgart
Was wolltest du werden, als du jünger warst?

Alles, was ein kleiner Junge so werden will: Rettungssanitäter, Astronaut... Aber auf keinen Fall irgendwas mit Film. 

Meine einzige Verbindung zum Film war, dass mein Opa früher hobbymäßig viel gefilmt hat. Damals hatte ich aber überhaupt kein Interesse daran, er hat immer nur Blumenbeete und so Zeug gefilmt und unsere Familie gezwungen, durchs Bild zu laufen. Ich fand das immer eher lästig. Erst jetzt im Nachhinein, wo ich mich selber für Film begeistere, fällt mir diese Verbindung auf. 

Queraufstieg

Irgendwann kommt sie, die Frage, bei manchen früher, bei anderen später, manche haben regelrecht Angst vor ihr: "Was willst du später mal werden?"

Es fällt schwer, das zu beantworten. Und wer eine Antwort gefunden hat, bereut sie manchmal hinterher. Weil der Arbeitsalltag in der Realität doch ganz anders aussieht. Und dann?

In dieser Reihe stellen wir Menschen vor, die sich beruflich umentschieden haben. Die sich getraut haben, noch mal von vorne anzufangen.

Was hast du gelernt?

Als meine Eltern sich getrennt haben, war ich nicht der einfachste Schüler. Ich ging auf die Hauptschule und war sogar einer der schlechtesten. In der 8. Klasse kam dann ein Berufsberater zu uns. Damals dachte ich, programmieren wäre ganz cool, das könnte Spaß machen. Nach einem Blick auf meine Noten hat der Berater mich angeschaut und gesagt, ich solle mir lieber etwas Realistischeres suchen. Er hat mir dann eine Mappe mit Infos zum Beruf "Landschaftsgärtner" zugeschoben. 

Mich hat diese Begegnung sehr gekränkt und auch in gewisser Weise wachgerüttelt. Er hat nicht geglaubt, dass ich das Zeug zum Informatiker habe. Ich schon. Ich habe mich dann in der 9. Klasse richtig reingehängt und die Kurve gekriegt.

Noch mehr Queraufsteiger:
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Und wie bist du dann Informatiker geworden?

Ich war danach auf einer Schule für Elektrotechnik und habe dort nach zwei Jahren meinen Realschulabschluss gemacht und auf dem informationstechnischen Gymnasium mein Abi nachgeholt. Nach dieser ganzen technischen Ausbildung machte es einfach Sinn, irgendetwas mit Informatik zu studieren. Meine Eltern haben mir damals auch ganz schön Druck gemacht. 

Steve beim Drehen eines Werbeclips für Snipes. (Bild: Eva Berten)

Meine Mutter war alleinerziehend und hat ziemlich geackert, damit ich noch so lange zur Schule gehen kann. Ich wollte etwas mit guten Berufsaussichten studieren. Ich habe mich auf alles möglich beworben, sogar für Berufe, von denen ich damals nicht einmal wusste, was man da macht. Logistiker zum Beispiel. Ich habe dann ein duales Studium in Informatik angefangen. Mein Betrieb hat mich nach den drei Jahren übernommen und ich habe noch ein Jahr dort gearbeitet.

Du bist auch ein Queraufsteiger?

Du hast einen Knick im Lebenslauf – und bist stolz darauf? Du hast dich noch mal beruflich umentschieden und machst etwas ganz anderes, als ursprünglich gedacht? Dann melde dich gern bei uns.

Ich habe praktisch nur fürs Wochenende gelebt und mich durch die Werktage gequält.
Warum hast du dich entschieden, etwas anderes zu machen?

Als ich mit meinem Studium angefangen habe, wurden gerade die Fotokameras revolutioniert: Plötzlich konnte man mit kleinen Fotoapparaten fast in Kinoqualität filmen. Ich fand das toll und habe mir selbst eine Kamera gekauft. 

Schon während des Studiums habe ich mich viel mehr mit Film beschäftigt, als mit Informatik. Ich habe mich gefragt: Kann das das richtige Studium sein, wenn ich mich so durchquälen muss? Mir war Informatik plötzlich viel zu pragmatisch. Ich habe praktisch nur fürs Wochenende gelebt und mich durch die Werktage gequält. 

Im Urlaub auf den Philippinen(Bild: Privat)
Und dann hast du gekündigt?

Noch nicht. Es gab noch einen Grund, warum ich mein Leben umgekrempelt habe. Ich habe schon während des Studiums einen guten Freund verloren, der einen Hirntumor hatte. Innerhalb von einem Jahr war er tot. Da habe ich gemerkt, wie schnell alles vorbei sein kann. 

Ein Jahr später habe ich dann mit meiner Frau eine Vulkantour auf den Philippinen gemacht. Vier Wochen nachdem wir dort waren, ist der Vulkan ausgebrochen. Unter den Todesopfern war eine Freundin, die ich aus meiner Heimatstadt Freiburg kannte. Sie hat mit ihrem Freund genau die gleiche Tour gemacht wie wir ein paar Wochen zuvor. Drei Tage nach dem Vulkanausbruch habe ich meinen Job gekündigt. 

Steve und seine Frau Deborah auf den Philippinen(Bild: Privat)
Wusstest du schon, was du nach der Kündigung machen wirst?

Ich habe in dem Moment beschlossen, dass ich mich komplett auf das Filmen konzentrieren möchte. Schon während meines Studiums konnte ich stundenlang an meinen Filmprojekten arbeiten, teilweise auch nachts. Ich habe dafür eine Energie aufbringen können, die ich davor gar nicht kannte. Heute weiß ich, dass das passiert, wenn man etwas leidenschaftlich gerne tut. 

Was war die größte Hürde auf deinem Weg?

Hürden gab es viele. Meine Eltern hatten überhaupt kein Verständnis dafür, dass ich meinen sicheren Job mit unbefristetem Vertrag und einem Einstiegsgehalt von 3600 Euro für eine "brotlose Kunst" aufgebe. Ich musste mich mit Promotion-Jobs und Angespartem über Wasser halten. 

Einmal stand ich mit vollem Einkaufswagen bei Aldi an der Kasse und keines meiner Konten war gedeckt. Da habe ich mich schon gefragt: "Ist es vielleicht einfach zu schwer? Sollte ich zurück zu meinem alten Job?" Es war alles andere als leicht. 

Steve bei der Premiere seines ersten Kinofilms "Flying Revolution" im Delphi Filmpalast in Berlin. (Bild: Privat)
Wie geht es dir heute?

Super! Gerade ist mein erster 90-minütiger Kinofilm fertig geworden. Es geht um die Breakdance-Gruppe "Flying Steps", deren Gründer als Flüchtling nach Deutschland kam und jahrelang versucht hat, als Tänzer zu leben. Er hat sich auch immer wieder angehört, dass man mit Tanz kein Geld verdienen kann, bis ihm dann der Durchbruch gelang. 

Ich habe hart gearbeitet für die Freiheiten, die ich jetzt habe.

Ich habe hart gearbeitet für die Freiheiten, die ich jetzt habe. Ich kann arbeiten wann ich möchte, ich kann Themen behandeln, die mich interessieren. Es war ganz sicher nicht einfach und ich habe oft überlegt, alles hinzuschmeißen. Aber ich wollte auf keinen Fall mit 40 aufwachen und bereuen, dass ich diesen Schritt damals nicht gewagt habe.

Hier kannst du dir Steves Arbeit anschauen. 


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Sprachliche Entgleisung bei Berliner CDU: "Räuchert dieses Nest von Linksfaschisten aus"

Seit Pegida in Dresden marschiert und die AfD in deutschen Landtagen sitzt, verroht Stück für Stück die politische Sprache. Jüngstes Beispiel ist dieser Facebook-Eintrag eines Berliner Abgeordneten. Er schreibt:

"Widerwärtiges Gesindel! Ich hoffe, der Innensenator erwacht endlich aus seinem politischen Koma und räuchert dieses Nest von Linksfaschisten mit allen Mitteln des Rechtsstaats aus! Ein konsequenter Aktionsplan gegen linke Gewalt tut Not. Man muss sich mal vorstellen, dass mit der Linkspartei der verlängerte Arm der Hausbesetzer inzwischen am Senatstisch sitzt. Da packt einen die Wut."