Bild: Kristin Hermann

Wenn Sören Schröder seine Ausbildung zum Psychotherapeuten abschließt, wird er hoch verschuldet sein. Das Psychologiestudium an einer privaten Universität hat den Berliner bereits 60.000 Euro gekostet, doch in den kommenden fünf Jahren wird es für den 35-Jährigen noch einmal richtig teuer.

In den Kliniken, in denen er und seine Absolventenkollegen und Kolleginnen nach dem Studium ihre praktische Ausbildung absolvieren müssen, bekommen sie häufig nur eine Aufwandsentschädigung. Einen gesetzlichen Anspruch auf eine Vergütung haben sie nicht. Die Zahlungen variieren deshalb je nach Klinik zwischen 0 bis 1500 Euro im Monat. "Bei manchen Stellen wird nur das Monatsticket finanziert", sagt Schröder, der sich gerade um eine solche Position bewirbt und verärgert ist.

Das Problem: Die Psychotherapeuten in Ausbildung, kurz PiA, bekommen ihre Approbation aktuell erst nach Abschluss der Ausbildung erteilt.

So sieht es das seit 1998 geltende Psychotherapeutengesetz vor. "Deshalb haben wir anders als unsere Medizinerkollegen den Status von Praktikanten. Bei gleichen Voraussetzungen beziehen sie direkt nach dem Studium und ihren Examen Assistenzarzt-Gehälter. Dabei tragen auch wir im Dienst die volle Verantwortung für die Patienten", meint Schröder, der sich für die Rechte seiner Kollegen in der Initiative PiA-Forum Berlin engagiert. 

Psychologische Psychotherapeuten dürfen sich aktuell nur diejenigen nennen, die nach einem fünfjährigen Psychologiestudium eine mindestens dreijährige Weiterbildung in der Versorgung absolviert und diese mit einer sogenannten Approbationsprüfung abgeschlossen haben. Mindestens eineinhalb Jahre davon hospitieren sie in psychiatrischen oder psychosomatischen Krankenhäusern oder Reha-Kliniken, 1800 Stunden kommen so zusammen sowie 600 Stunden Theorie am jeweiligen Ausbildungsinstitut. "Eine Sieben-Tage-Woche", fasst Schröder zusammen.

Neben der Belastung durch die geringe Bezahlung gibt es eine weitere Hürde: Die Weiterbildung kostet in der Regel mehr als 20.000 Euro und muss privat finanziert werden. Viele Absolventen können sich das nur durch mehrere Nebenjobs und Kredite leisten und müssen länger als die Regelstudienzeit einkalkulieren, weil sie sonst nicht alles unter einen Hut bekämen, so Schröder. Da der Berliner Psychoanalytiker werden will, wird die Ausbildung bei ihm noch länger dauern und deutlich kostspieliger werden.

Schröder geht davon aus, dass er nach etwa zehn Jahren Ausbildung mit circa 120.000 Euro Schulden in seinen Beruf startet.

Dafür hat er bereits ein weiteres Darlehen bei der Bank aufgenommen, nebenbei verdient er mit Engagements als Singer-Songwriter ein wenig Geld. Zwar hätte er sich durch ein Studium an einer staatlichen Universität Geld sparen können, doch Schröder ärgert besonders die finanzielle Schieflage während der praktischen Weiterbildung. "Einige Kommilitonen machen aufgrund dieser immensen Kosten nach dem Studium nicht weiter, weil sie sich nicht derart verschulden wollen. Eigentlich kann man sich das nur leisten, wenn man aus besseren Verhältnissen kommt", kritisiert er. Doch seine Faszination für den Beruf sei so groß, dass der einstige Bodenleger und Dachdecker die Verschuldung in Kauf nehmen will, um Menschen bei dem Verständnis und der Lösung ihrer Probleme zu helfen.

Die Bundestagsabgeordnete Maria Klein-Schmeink von den Grünen hat 2017 eine Online-Umfrage unter mehr als 3500 Psychotherapeuten in Ausbildung durchgeführt, bei der sie Angaben zu ihren Arbeitsbedingungen machen konnten. Das Ergebnis ist bezeichnend: 14 Prozent der Teilnehmenden bekamen keinerlei Vergütung und mehr als die Hälfte erhielt 500 Euro oder weniger im Monat. Durchschnittlich lag die Vergütung bei 639 Euro. Mehr als zwei Drittel waren auf Unterstützung durch Familie oder Partner angewiesen

Die prekären Lohnverhältnisse kritisiert auch die Bundespsychotherapeutenkammer seit Jahren. "Heutige Psychotherapeuten in Ausbildung haben keinen Anspruch auf eine Vergütung während ihrer Tätigkeit in der Klinik, weil sie rein rechtlich nur ein Praktikum absolvieren. Tatsächlich sind sie in dieser Zeit aber schon in der Patientenversorgung tätig", sagt Dietrich Munz, Präsident der Kammer.

Die Politik hat diesen Missstand mittlerweile erkannt. Das Gesetz wird nach Angaben des Bundesgesundheitsministeriums den heutigen Ansprüchen nicht mehr in vollem Umfang gerecht.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) kündigte zu Beginn des Jahres eine entsprechende Reform an, die ab September 2020 unter anderem dafür sorgen soll, dass Psychotherapie ein eigenständiges universitäres Studienfach werden soll, das – anders als bisher – mit einer Approbation enden soll. Dadurch könnten sie, wie heute schon Ärzte, während ihrer Weiterbildung in der Versorgung tätig sein und entsprechend vergütet werden. Der Gesetzesentwurf wird derzeit im Deutschen Bundestag beraten. Laut Bundesgesundheitsministerium wird sich der Bundesrat im Herbst dieses Jahres mit dem Gesetz befassen.

Zwar begrüßen Sören Schröder und viele andere Psychotherapeuten in Ausbildung den Vorstoß, doch einige Einzelheiten stoßen bei ihnen auf Kritik, denn die aktuellen Studierenden sowie die derzeitigen PiA würden von den Verbesserungen der geplanten Reform nicht mehr profitieren. Der Gesetzesentwurf sieht eine Übergangsfrist von zwölf Jahren vor – erst dann soll das neue System zur Pflicht werden. Den Protestierenden, die sich in verschiedenen Initiativen wie dem PiA-Forum Berlin zusammengeschlossen haben, geht das nicht weit genug. Sie fordern eine Regelung, bei der ein Wechsel in das neue Ausbildungssystem ermöglicht wird, sowie eine sofortige verbesserte Vergütung für die aktuellen Psychotherapeuten in Ausbildung.

Dafür haben sie eine bundesweite Petition eingereicht, die knapp 85.000 Unterstützer gefunden hat und mittlerweile im Petitionsausschuss behandelt wurde. Rückendeckung bekommen sie dabei unter anderem von den Grünen, die auf eine zeitnahe Verbesserung drängen. "Wir brauchen dringend Nachbesserungen, die sicherstellen, dass auch die heutigen PiA nicht länger ihre praktische Tätigkeit im Praktikantenstatus absolvieren müssen, sondern im Angestelltenverhältnis ordentlich vergütet werden." Außerdem fordern die Grünen eine Übernahme der Kosten für die Weiterbildung, denn bisher werden die angehenden Psychotherapeuten mit hohen Ausgaben für Supervision oder Lehranalysen belastet.

Das Bundesgesundheitsministerium begründet die lange Übergangsfrist damit, dass den Personen, die sich bei Inkrafttreten des neuen Gesetzes im Studium befinden, die Möglichkeit gegeben werden soll, ihr Psychologiestudium nach altem Recht abzuschließen. Es sei jedoch davon auszugehen, dass diejenigen, die sich in einem Bachelorstudium befinden, nach Abschluss dieses Studiums versuchen werden, unmittelbar in ein Masterstudium nach neuem Recht einzusteigen, so dass sie in diesem Fall nicht mehr auf die Übergangsregelungen angewiesen seien, heißt es in einer Stellungnahme des Ministeriums.

Ob es weitere Nachbesserungen für die aktuellen PiA geben soll, ließ die Behörde indes offen.

Sören Schröder geht davon aus, dass er von der Gesetzesänderung nicht mehr profitieren wird und fühlt sich deshalb ungerecht behandelt. "Für viele von uns ist die Ausbildung nur unter hohem persönlichem Einsatz zu schaffen, von einer Familiengründung einmal ganz abgesehen. Die Wahl dieses Berufs bedeutet für viele eine Verschuldung bis ins hohe Lebensalter", sagt er. Schröder befürchtet, durch die lange Übergangszeit könne eine Art Zweiklassengesellschaf zwischen den angehenden Psychotherapeuten entstehen. "Ich glaube nicht, dass das fair ist."


Gerechtigkeit

Kevin Kühnert kandidiert nicht um den SPD-Vorsitz. Und klingt damit zum ersten Mal wie die Parteispitze

Kevin Kühnert, 30, Vorsitzender der Jusos, ist seit seiner Antrittsrede vor knapp zwei Jahren einer der prominentesten Politiker der SPD: Erst wurde er Stellvertreter einer unterrepräsentierten Generation, die in einem alternden Land auch Ende 20 noch gefragt wird, ob sie ihre Entscheidungen von ihren Eltern absegnen lässt, #diesejungenLeute (bento). Dann hielt er mit einer No-GroKo-Tour die SPD und die Republik in Atem (bento). Mit ein paar Worten zur möglichen Kollektivierung von Firmen wie BMW stieß er eine Kapitalismusdebatte in seiner Partei an (SPIEGEL ONLINE). Und ob er damit die ehemalige SPD-Vorsitzende Andrea Nahles stürzen wollte oder nicht, ist eigentlich zweitrangig, denn das Ergebnis belegt vor allem eines: Kevin Kühnert hat herausragendes politisches Talent. 

Trotzdem hat Kevin Kühnert jetzt verkündet, nicht für den Vorsitz der SPD kandidieren zu wollen.

Im Gegensatz zu Leuten wie: Olaf Scholz, Klara Geywitz, Boris Pistorius, Petra Köpping, Michael Roth, Christina Kampmann, Karl Lauterbach, Nina Scheer, Simone Lange, Alexander Ahrens,  Hans Wallow, Robert Maier, Karl-Heinz Brunner, Gesine Schwan, Ralf Stegner, Hilde Mattheis, Dierk Hirschel... 

Diese Liste ist unvollständig, weil noch immer SPDlerinnen und SPDler ihre Kandidatur erklären, aber auch, weil auf einen Blick klar ist: Wer keine ausgeprägte Faszination für das Innenleben der Partei hat, hat mit großer Wahrscheinlichkeit viele dieser Namen noch nie gehört. Im Gegensatz zum Namen Kevin Kühnert. 

Im Interview mit SPIEGEL ONLINE führt der drei Gründe für seine Entscheidung an.

Er hat die Sorge, die SPD zu spalten. 

"Scholz und ich werden vielfach als zwei Antipoden in der SPD gesehen. Ich will, dass wir mit der Suche nach einer neuen Parteiführung in wesentlichen Fragen eine inhaltliche Klärung hinkriegen", sagt Kühnert.

Nun wirkt es natürlich fast ironisch, dass der Mann, der mit seinem No-GroKo-Kurs ein Land furchtlos auf Neuwahlen zusteuerte, sich auf einmal Sorgen um Spaltung macht. Aber auch, wenn man diese Sorge ernst nimmt, bleibt die Frage: Ist der Spalt kleiner, wenn man ihn verbirgt? 

Denn die Unzufriedenheit der Parteilinken, das Gefühl der Basis, nicht gehört zu werden, die Entfremdung zwischen den GoKo-Verfechtern und den Gegnern, all diese Probleme hatte die SPD auch vor Kevin Kühnert. Er hat ihnen nur eine Stimme verliehen.

Mit Olaf Scholz, Vizekanzler, Verfechter der Großen Koalition und Vertreter des wirtschaftsfreundlichen Flügels der Partei, tritt außerdem der schwergewichtigste Vertreter der "weiter-so-Fraktion" der SPD an. Ohne Kühnert stehen ihm deutlich weniger prominente Kandidaten der anderen Strömungen gegenüber. 

Ja, vielleicht sind sie im Ton versöhnlicher, ja, vielleicht eignen sie sich nicht so gut für öffentliches Unterhaltungsprogramm wie ein Duell zwischen Kühnert und Scholz (was Kühnert vermeiden will) – aber vielleicht eignen sie sich nicht ganz so gut dafür, wirklich auszuloten, wer die Partei sein will. Denn die "inhaltliche Einigung" von der Kühnert da spricht, die müsste ja auch ihn und seine Unterstützer abholen. 

Warum sollte er selbst also nicht Teil des Prozesses sein?

Und damit sind wir schon bei Kühnerts zweitem Punkt

Er glaubt, dass es auch ohne ihn unter den Kandidaten "eine reiche Auswahl" gebe.

Kühnert hält seine Kandidatur für überflüssig, weil genug Andere seine Positionen verträten. Das Problem daran: Jeder weiß, dass es mit Inhalten allein nicht getan ist. Sonst bestünde eine Bundestagswahl aus einem dicken Buch mit den gebündelten Parteiprogrammen, Wählerinnen und Wähler würden sich eine Meinung bilden, ein Kreuzchen setzen, fertig.

Doch bei Wahlen geht es auch immer um die Person, die die Idee verkörpert. Denn auch dafür glauben wir an das Modell von Repräsentanten: Sie vermitteln uns das Gefühl, im Notfall Entscheidungen in unserem Interesse zu fällen - selbst wenn es um Themen geht, die im Wahlkampf noch nicht aufkamen. 

Bei der Fokussierung auf den Inhalt übersieht er außerdem einen weiteren Aspekt vollkommen: Kühnert ist der wahrscheinlich einzige SPDler bis 30, der bei dieser Wahl eine Chance gehabt hätte. Er ist Repräsentant einer politisch und demographisch unterrepräsentierten Generation (bento). Ob es um Renten, Klimakatastrophe oder den Digitalen Wandel geht - junge Menschen haben oft eine andere Perspektive auf Themen, die die Zukunft besonders betreffen. Und gerade weil sie weniger Wählerstimmen auf die Waage der Demokratie bringen, brauchen sie prominente Vertreter ihrer Anliegen. Kühnert hätte die Chance gehabt, das zu tun – und sie nicht ergriffen. 

Kühnert hat sich selbst zum Gesicht der Neuerfindung und Verjüngung der SPD gemacht. Niemand hat ihn gezwungen, niemand hat ihn in den Vordergrund gedrängt. Ihm haben viele geglaubt, es ernst zu meinen. Indem er den Menschen, die an diese Idee glauben, vorenthält, ihn wählen zu können, schwächt er die Idee. 

3 Es ist nicht der richtige Zeitpunkt für ihn

Kühnert selbst spricht nicht direkt von einem Mangel an Erfahrung, aber er sagt, er fände es  "etwas seltsam, wenn die Tatsache, dass ich nach 20 Monaten Juso-Vorsitz nun nicht bei der ersten Gelegenheit für das höchste Amt einer 156 Jahre alten Partei kandidiere, zur Entwertung meiner Person benutzt würde." 

Von einer "Entwertung seiner Person" kann natürlich keine Rede sein. Von einer Bewertung des Politikers Kühnert auf Grund seiner Entscheidung allerdings schon. 

Eine der beliebtesten Lesarten des sensationellen politischen Aufstiegs von Kühnert ist, dass man daran sehen könne, wie schlecht es der SPD ginge, frei nach dem Motto: Wenn so ein Jungspund daher kommt und Sozialismus sagt und alle zuhören, dann ist das ein Signal für Verunsicherung, Niedergang und Visionslosigkeit an der Spitze der Partei – aber nicht dafür, dass der Jungspund vielleicht weiß, wovon er spricht. (Die Zeit, DER SPIEGEL)

Denn wäre die Welt so, wie sie sein müsste, dann hätte der junge Mann mit dem Hang zu großen Worten und großen Forderungen jetzt erst mal ein paar Jahre ordentlicher Parteiknechtschaft vor sich, damit er sich langsam und verdienstvoll an die Spitze ackern kann. 

Kühnert gibt diesem Narrativ nicht unbedingt nach. Aber er setzt ihm auch nichts entgegen. In einem YouTube-Video der Jusos sagt Kühnert zu seiner Entscheidung, Politik werde auch in Strukturen gemacht. Man müsse sich sicher sein, genug Unterstützer hinter sich versammelt zu haben. Das ist eine traurige Nachricht für alle, die sich nach etwas mehr Disruption im politischen System sehnen und für die, die heimlich wünschten, "neue Gesichter in der SPD-Spitze" könnte vielleicht auch einmal "junge Gesichter" bedeuten.

"Die SPD ist in ihrer DNA keine Partei, in der man eine Revolution veranstalten kann" erklärte er dazu noch im SPIEGEL ONLINE Interview. Doch die Frage ist: Ab wie viel Prozent für die SPD ändert sich das? Und wäre er nicht derjenige, der es darauf ankommen lassen müsste? Denn es ist ja wahr: Ginge es der SPD prächtig, dann würde sie einen Juso-Vorsitzenden, der weiß, wie man politisch Bambule macht, nicht nur verkraften, sondern gelassen alt-väterlich schätzen. Jetzt scheint sie ihn zu brauchen. Mit großem politischen Talent kommt eben auch große Verantwortung.

Kevin Kühnert hat es geschafft, in kurzer Zeit viele Hoffnungen auf sich zu bündeln. 

Sein Verzicht auf die Kandidatur mag persönlich nachvollziehbar sein. Aber nach seiner Selbstinszenierung als Erneuerer der Partei muss er sich den Vorwurf gefallen lassen, den er sonst der Führung der SPD immer gemacht hat: "Wer immer nur Ankündigungsweltmeister ist und versucht, den Koalitionspartner unter Druck zu setzen, aber nie die Konsequenz daraus zieht, der landet irgendwann als Bettvorleger", sagte er 2018 zu den Drohungen der SPD gegenüber der Union (ntv).

Wer immer nur Ankündigungsweltmeister ist und versucht, die Parteispitze unter Druck zu setzten, aber nie Konsequenzen daraus zieht, der landet irgendwann als Bettvorleger. Das gilt vermutlich auch für Juso-Vorsitzende, egal wie talentiert sie sind.