Bild: Pierrot Hoepfner
Berufe so erklärt, dass auch deine Eltern sie verstehen

Berufe so erklärt, dass auch deine Eltern sie verstehen

Als wir klein waren, fragten unsere Eltern, was wir werden wollen. Feuerwehrmann vielleicht? Oder Lehrerin? Traditionsberufe, unter denen sich jeder etwas vorstellen kann. Nun haben wir Berufe mit Namen wie Data Scientist oder Junior SEO Analyst. Und unsere Eltern fragen ratlos: Was machst du eigentlich? In dieser Reihe erklären wir es ihnen.

Julia Wissel, 28, arbeitet als Product Ownerin bei einem Anbieter für Sammeltaxifahrten, auch Ridesharing genannt.

bento: Julia, wie haben deine Eltern reagiert, als du gesagt hast, dass du Product Ownerin wirst?

Julia Wissel: Damit habe ich sie ziemlich überrascht. Ich hatte damals einen sicheren Job, war aber unzufrieden mit meinen Aufgaben, wollte mehr Verantwortung. Während eines Wochenendausflugs sagte ich zu meinen Eltern: Übrigens, ich habe heute gekündigt – aber ich habe schon einen neuen Job. Da hatten sie natürlich viele Fragen: Wohin wechselst du? Was ist das für eine Firma? Und natürlich fragten sie auch, was ein Product Owner macht.

bento: Und, was macht ein Product Owner?

Julia: So heißt eine zentrale Rolle im agilen Arbeiten nach der Scrum Methode. Ich priorisiere die vielen Projekte, Aufgaben und Anfragen, die mein Entwicklerteam täglich erreichen, und entscheide, was wann gemacht werden muss. So bringe ich Struktur in die Arbeit und sorge dafür, dass niemand im Chaos versinkt oder abgelenkt wird.

Was ist Scrum?

Scrum ist eine Arbeitsmethode, die in vielen Unternehmen vor allem in der IT angewendet wird. Sie ermöglicht flexibles, selbstbestimmtes Arbeiten ohne Hierarchien.

Aufgaben, wie die Entwicklung eines Programmes oder die Behebung diverser Bugs, werden in Sprints unterteilt. Diese Sprints sind für gewöhnlich zwei Wochen lang. Am Ende des Sprints müssen die Aufgaben erledigt sein – es ist dem Team überlassen, wie es das schafft. 

Im Scrum gibt es drei Rollen (wichtig: keine hierarchische Anordnung):

  • Product Owner: organisiert die Aufgaben, stellt fachliche Anforderungen und priorisiert sie
  • Scrum Master / Agile Coach: managt den Prozess, sorgt für einen reibungslosen Ablauf, schaut, ob Regeln eingehalten werden
  • Entwicklungsteam: entwickelt das Produkt

Mehr Infos und Details im offiziellen Scrum-Guide.

bento: Warum ist das wichtig?

Julia: Die Arbeit des Entwicklerteams und das fertige Produkt sollen den größtmöglichen Wert erreichen – das ist mein Hauptziel als Product Ownerin. Ich sorge also dafür, dass alle zufrieden sind: die Fahrgäste, die mit unserer Kunden-App ihre Fahrten buchen; die Fahrer, die mit unserer Fahrer-App ihre Schichten organisieren; das Unternehmen und auch die Entwickler selbst.

bento: Wie sieht dein Arbeitsalltag aus?

Julia: Morgens beginne ich mit einem kleinen Check-in: Ich schaue, wer da ist, frage kurz bei allen ab, wie die Stimmung ist und ob über Nacht eine wichtige Aufgabe dazugekommen ist, um die wir uns kümmern müssen. Danach haben wir, wie im Scrum üblich, unser 15-Minuten-Daily. Darin geht es konkret um unsere Aufgaben für den Tag: Wir besprechen, was gestern passiert ist, was heute bearbeitet wird und welche Schwierigkeiten auftreten könnten.

Den Rest des Tages kümmere ich mich um Verschiedenes: Wenn im Check-in oder Daily herauskam, dass etwas umgeplant oder mit dem Management neu besprochen werden muss, mache ich das. Generell verbringe ich viel Zeit mit Planung: Was muss als nächstes getan werden, was ist weniger dringend? Außerdem habe ich sehr viele Meetings mit dem Team, dem Management und den anderen Product Ownern, in denen wir uns über den aktuellen Stand austauschen.

bento: Es gibt mehrere Product Owner?

Julia: In unserem Unternehmen gibt es etwa 20 Produktteams, die alle an etwas anderem arbeiten und ihren eigenen Product Owner haben. Das eine Team kümmert sich um die Registrierung der Kunden in unserer App, ein anderes um die Bezahlvorgänge, wieder ein anderes um die Routen-Planung. Mein Team besteht aus zwölf Personen und ist zuständig für alle Themen rund um die sogenannte User Journey, also das Kundenerlebnis ab der Buchung einer Fahrt bis zum Ausstieg.

Wir Product Owner tauschen uns aus, weil unsere Projekte ineinandergreifen, das eine Projekt erst dann weitergehen kann, wenn das andere fertig ist, oder ein Team mal Verstärkung braucht.

bento: Was hast du gelernt, um Product Ownerin zu werden?

Julia: Ich habe PR und Kommunikationsmanagement studiert und schon während des Studiums gemerkt, dass mir digitale Themen am meisten liegen. In meinem Master habe ich mich zum Beispiel viel mit der Kommunikation zwischen Menschen und Computer beschäftigt. Nach dem Studium hatte ich erst kurz einen Job in einer Marketing Agentur. Danach arbeitete ich als Data Analyst bei einem Karrierenetzwerk, dort lernte ich die Scrum-Methode kennen. 

Meine Aufgabe war, den Product Ownern anhand meiner analysierten Daten Handlungsempfehlungen zu gegeben. Deren Arbeit fand ich spannend, ich wollte selbst diejenige sein, die mithilfe von Daten Entscheidungen fällt. Also habe ich viel über den Beruf des Product Owners gelesen, mir Rat bei Bekannten geholt, ein Karriere-Coaching und auch einen Online-Basiskurs für Product Owner gemacht. Nach einem halben Jahr habe ich mich auf meinen heutigen Job beworben.

bento: Du bist also Quereinsteigerin?

Julia: Man kann Product Owning nicht studieren. Aber es gibt vier typische Richtungen, aus denen Product Owner kommen: Die einen haben Informatik studiert und waren vorher Programmierer, kennen sich also technisch aus. Andere kommen aus der Marketing-Ecke, haben also eher die Nähe zum Kunden. Der dritte Weg führt über Business oder Data Analytics, sie sind es gewohnt, auf Basis von Daten Entscheidungen zu treffen. Und zuletzt – der Weg ist aber selten – gibt es UX-Designer, sie haben gelernt, Nutzerbedürfnisse zu analysieren und umzusetzen.

bento: Welche besonderen Fähigkeiten braucht man für den Job?

Julia: Gut 80 Prozent meines Tages bestehen aus Kommunizieren. Man sollte also gut erklären können und da auch flexibel sein, denn man vermittelt ja zwischen Management und Entwicklerteam. Im Scrum sind keine Hierarchien vorgesehen: Ich delegiere zwar Aufgaben und rede mit dem Management, trotzdem bin ich keine Führungskraft. Als Product Owner muss man also sein Team motivieren und überzeugen können, ohne disziplinarische Befugnisse zu haben. Außerdem sollte man eine gewisse Affinität für Daten und Zahlen haben, denn damit hat man viel zu tun.

bento: Sieht dein Job überall gleich aus?

Julia: Nein. Je nach Unternehmensgröße haben die Product Owner mehr oder weniger Einfluss auf das große Ganze. In einer kleinen Firma, die nur ein Produkt hat, haben ihre Entscheidungen größere Auswirkungen als in großen Unternehmen mit vielen Produkten. Natürlich kommt es auch auf das Produkt an, an dem man arbeitet: Ist es ein Computerspiel, eine Internetseite, eine Dienstleistung? Und die Unternehmenskultur macht den Job sehr unterschiedlich: Wie viele, wie strenge Ansagen kommen von oben? Wie viel Entscheidungsvollmacht haben Product Owner?

bento: Wie viel verdient man?

Julia: Das Einstiegsgehalt liegt bei 45.000 bis 50.000 Euro brutto im Jahr, der Schnitt nach ein paar Jahren Berufserfahrung bei 65.000 Euro. Mit einiger Berufserfahrung und bei einem Tech-Giganten kann man bis zu 95.000 Euro im Jahr verdienen.

bento: Welcher Aspekt macht dir am meisten Spaß?

Julia: Bei mir sind es zwei Dinge. Die enge Zusammenarbeit in einem Team, das gemeinsam an einem Ziel arbeitet. Und das Vertrauen, das mir als Product Ownerin vom Management entgegengebracht wird. Ich bin sehr frei in meinen Entscheidungen.


Uni und Arbeit

Was die Arbeitswelt aus der Coronakrise lernen kann: Einfach mal auf die Jungen hören
Homeoffice, digitale Meetings, weniger Dienstreisen – auf einmal klappt’s. Das soll auch so bleiben, findet unser Autor.

Können wir das schaffen? Puh, könnte schwierig werden. Wenn es um den digitalen Wandel im eigenen Unternehmen ging, standen sich viele Firmen in den vergangenen Jahren selbst auf den Füßen (SPIEGEL). An bestehenden Strukturen sollte so wenig wie möglich geruckelt werden. Videokonferenzen, Software zur digitalen Zusammenarbeit, Homeoffice – alles nicht so einfach.

In der Coronakrise zeigt sich: Natürlich können wir das schaffen. Und müssen es sogar. Ohne digitale Tools und flexible Arbeitsmodelle wären etliche Firmen und Institutionen momentan nicht arbeitsfähig. Klar, viele Menschen müssen weiter auf die Baustelle oder ins Krankenhaus fahren, andere können gar nicht mehr arbeiten. Aber zumindest was durchschnittliche Bürojobs angeht, lernen wir gerade: Ein modernes Unternehmen zu werden, ist leichter, als viele dachten. Und: Betriebe sollten öfter mal auf das hören, was die Generationen Y und Z vorschlagen.

Mit ihnen klettern gerade Digital Natives auf den Hierarchieleitern nach oben, junge Menschen, die mit dem Internet aufgewachsen sind und wissen, dass man überall leben, lieben, arbeiten kann. Oft stehen ihnen Chefinnen und Chefs gegenüber, die vor dem Aufkommen des Internets geboren wurden. Auch sie lernen nun die Vorteile digitaler Vernetzung kennen – und können von den Jungen in ihrem Unternehmen profitieren.