Bild: Peter Maxwill
Bastian Blum ist ein Prepper, er wappnet sich mit Notdepots und Spezialausrüstung für mögliche Katastrophen. Einblick in das Leben eines Mannes, der akribisch vorbeugt für den Ernstfall.

Der Weg in die Sicherheit ist kurz. Rechts hinter der Haustür die Kellertreppe runter, weiter in den Gang, dann direkt rechts durch die Holztür. Bastian Blum geht diesen Weg regelmäßig von seiner Reihenhaus-Wohnung im Norden der Krefelder Innenstadt. Denn der kleine Kellerraum soll ihm, seiner Frau und dem fünf Monate alten Sohn im Ernstfall das Leben retten.

In der keilförmig zum Fenster zulaufenden Kammer hortet der 36-Jährige alles, was aus seiner Sicht nötig ist: Schutzhelme und Seile, Trockennahrung und Kanister, Wolldecken, Gaskocher, Desinfektionsmittel. Auf die Vorräte in seinen Kellerregalen ist er sehr stolz.

Ich brauche das alles, um im Krisenfall autark leben zu können
Bastian Blum

Blum, ein Baum von Mann mit hoher Stirn und Dreitagebart, ist einer von Zehntausenden deutschen Preppern (vom englischen Wort "to prepare", vorbereiten): Menschen, die sich akribisch gegen Katastrophen und Krisen aller Art schützen wollen. Die sich vernetzen, mit teurer Spezialtechnik eindecken, mitunter gigantische Nahrungsvorräte anhäufen, oft sogar Waffen deponieren.

Im Kühlschrank bewahrt Blum lange haltbare Lebensmittel in portionierten Beuteln auf. Das Gerät ist aus.(Bild: Peter Maxwill)

Angesichts von Terrorbedrohung und Klimawandel wächst die Szene seit einiger Zeit auch hierzulande - und die Prepper sind längst nicht nur angstbesessene Fanatiker.

Blum ist eher der Typ Vorsorge-Vollprofi: Der Facility-Manager arbeitete für den Katastrophenschutz und das Technische Hilfswerk, ließ sich zum Rettungssanitäter ausbilden und hilft in seiner Freizeit bei der Feuerwehr. Er glaubt an Leitfäden und Listen, seit 2008 ist er als Prepper aktiv.

Ein Erdbeben, eine Überschwemmung, die Explosion eines Chemiewerks - wie rüstet man sich gegen solche Katastrophen?

Mit kühlem Kopf und klaren Prioritäten, sagt Blum. Wie zum Beweis holt er ein Päckchen mit eingeschweißtem weißen Brei aus dem Kühlschrank, der an einer Holzwand im Keller steht. "Dieses Spezialmüsli habe ich selbst gemacht , es besteht nur aus Haferflocken, Zucker und Magermilchpulver. 100 Milliliter heißes Wasser drauf, schon ist eine nährstoffreiche, warme Mahlzeit fertig."

Viel wichtiger als Nahrung seien jedoch andere Dinge, die in Blums Kellerregalen geschichtet, gereiht und gestapelt sind: Filter zum Reinigen von 40.000 Litern Wasser, ein Notfallradio mit Kurbel, Medikamente und Verbandszeug, Decken und Kerzen. Falls er das Lager im Ernstfall nicht erreicht, weil er zu weit weg von zu Hause ist, kann Blum auch auf ein Zweitdepot bei Moers ausweichen, keine 15 Kilometer nördlich seiner Krefelder Wohnung.

Blum ist kein Apokalyptiker, der etwa Meteoritenhagel oder Ufo-Invasionen fürchtet. Er will für vergleichsweise wahrscheinliche Krisen wie Orkane vorbereitet sein. Denn die könne man gut vorbereitet durchstehen: "Ich mache das alles nur, um mein Leben entspannt genießen zu können."

Wir sind nicht sofort am Arsch
Bastian Blum

Blum differenziert: Das derzeitige Flüchtlingschaos schärfe zwar das Bewusstsein für mögliche Krisen, zuständig seien dafür aber Politiker und Sicherheitskräfte. Gegen Anschläge könne ein Prepper sowieso nichts ausrichten . "Ein Terrorist findet immer seinen Weg." Deshalb hält Blum wenig von Pistolen zur Selbstverteidigung: "Wir müssen uns auch nach dem Terror von Paris nicht alle Waffen zulegen."

Die größten Gefahren sieht er in der globalen Digitalisierung und im Klimawandel: Hacker könnten riesige Datenmengen erbeuten, Umweltkatastrophen ganze Metropolen auslöschen. "Am wahrscheinlichsten ist derzeit ein Blackout, wenn etwa Kriminelle das Stromnetz sabotieren", sagt er und legt sein Milchpulvermüsli wieder in den Kühlschrank. Zudem könne der warme Dezember eine Versorgungskrise bei Obst und Gemüse im neuen Jahr auslösen.

Offizielle Einkaufslisten vom Bundesamt

Was manche für die Ansichten ängstlicher Spinner halten, entspricht offiziellen Empfehlungen: Nach dem Ende des Kalten Krieges hatte Deutschland den Zivilschutz massiv zurückgefahren, doch seit den Anschlägen vom 11. September 2001 dreht sich die Stimmung wieder. Mit dem Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe gibt es sogar eine eigene Behörde, die Einkaufslisten für den Krisenfall herausgibt – und allen Deutschen empfiehlt: "Ihr Ziel muss es sein, 14 Tage ohne Einkaufen überstehen zu können."

Das ist auch Blums Ziel, seine Mission lautet: Deutschland soll vorsorgen. Daher hat er im Sommer 2013 die "Prepper Gemeinschaft Deutschland" (PGD) gegründet. Rund 2500 Likes hat das Facebook-Profil der Gruppe, seine Webseite nennt Blum "das größte Prepper-Fachportal im deutschsprachigen Raum". Er geht davon aus, dass es deutschlandweit 150.000 Prepper gibt.

Waffennarren? Nein, danke

6000 Menschen erreicht die PGD laut Blum pro Tag. Mitgliederlisten oder offizielle Zahlen gibt es nicht, aber jeden Sonntag etwa tauscht sich die Szene in einer offenen "Talkrunde" über die neuesten Trends aus, zudem gibt es Prepper-Workshops, lokale Treffen, Tauschbörsen.

Blum nimmt die Auswirkungen von Klima-, Finanz- und Flüchtlingskrise deutlich wahr: "In den vergangenen zehn Monaten hat sich die Zahl unserer Anhänger im Netz mehr als verdoppelt", behauptet er.

Gaskartuschen, Campingkocher, Fertiggerichte und Werkzeug befinden sich unter anderem in Blums Vorrat.(Bild: Peter Maxwill)

Nicht alle sind in seiner Gemeinschaft willkommen: "Vor allem Verschwörungstheoretiker sind ein Problem", sagt Blum, "aber von denen grenzen wir uns klar ab.

Krisen nehmen nämlich keine Rücksicht auf Religion oder Politik." Hinzu kämen die sogenannten Doomer: Waffennarren, die laut Blum "auf eine Katastrophe warten und sich dann mit Gewalt profilieren wollen".

Inzwischen arbeitet Blum an einer Vereinssatzung, knapp 20 Stunden pro Woche investiert er in die PGD. Unabhängig davon nimmt das Sicherheitsdenken einen großen Teil seines Lebens ein.

Wenn ein starker Sturm angekündigt ist oder er den Großraum Krefeld verlässt, packt Blum seinen olivgrünen Garanten ein, den "Notfallrucksack". Darin stecken etwa Trinkwasserbeutel, ein Radio, Kohletabletten. "Wenn alles zusammenbricht, kann ich damit sicher nach Hause laufen", sagt Blum und lächelt glückselig.

Dieser Text ist zuerst auf SPIEGEL ONLINE erschienen.