Die zehnte Folge unserer Serie "Mein erstes Jahr im Job"

Jonas*, 26, hatte sich im Politikstudium immer angestrengt und fand nach dem Master trotzdem keine Stelle. Inzwischen arbeitet er in einer PR-Agentur – ein Job, den er eigentlich nie machen wollte. Doch Jonas hat gelernt, sich mit seiner Arbeit zu arrangieren.

Mein erstes Jahr im Job

Der Einstieg ins Berufsleben ist aufregend, anstrengend – und oft ganz anders als geplant. Man weiß noch nicht, wie eine Gehaltsverhandlung abläuft, ist überfordert von den vielen Aufgaben und neuen Menschen – oder im Gegenteil: langweilt sich schon nach den ersten Wochen. In der Serie "Mein erstes Jahr im Job" sprechen wir mit Berufseinsteigerinnen und Berufseinsteigern über ihren Start ins Arbeitsleben. Du hast auch etwas zu erzählen? Dann schreib uns an uniundarbeit@bento.de.

"Als ich mein Studium vor gut einem Jahr abschloss, ahnte ich nicht, dass es so schwierig werden würde, einen Job zu finden – und erst recht nicht, dass ich am Ende bei einer PR-Agentur landen würde. Ich habe einen Master in Politikwissenschaft und wollte eigentlich bei einer politischen Organisation oder in der politischen Abteilung eines Unternehmens arbeiten. Ich dachte, ich würde die besten Voraussetzungen dafür mitbringen: Einser-Schnitt, cool klingende Praktika bei politischen Organisationen in Deutschland und im Ausland, studentische Hilfskraft an einem angesehenen Forschungsinstitut. Heute weiß ich, dass es darauf nicht ankommt.

Nach dem Master war ich gut ein halbes Jahr auf Jobsuche. Für die meisten Stellen, die mich interessierten, waren ein bis zwei Jahre Berufserfahrung gewünscht. Aber woher soll man die nehmen, wenn man gerade erst sein Studium beendet hat? Ich schrieb etwa 40 bis 50 Bewerbungen und wurde viermal zum Vorstellungsgespräch eingeladen, erhielt danach aber immer Absagen. Wenn ich jetzt darüber nachdenke, fällt mir auf, dass ich die Bewerbungen teilweise lieblos rausgeballert habe, ohne mich groß mit dem Inhalt auseinanderzusetzen. Das hätte ich besser machen können.

„Im Vorstellungsgespräch hatte ich das Gefühl, sie würden versuchen, mich zu überzeugen, und nicht umgekehrt.“
Jonas

Ein paar Monate bekam ich Arbeitslosengeld II und auch wenn ich keinen verschwenderischen Lebensstil führte, wurde das Geld knapp. Ab und zu mal etwas essen gehen oder feiern mit Freunden war nicht drin. Als feststand, dass sich meine WG auflösen würde und ich mir auch noch eine neue Wohnung suchen musste, brauchte ich dringend einen Job. Also weitete ich meine Suche auf Bereiche aus, die nicht direkt etwas mit Politikwissenschaft zu tun haben.

Ich machte sogar einen Schritt, den ich eigentlich ausgeschlossen hatte: Ich bewarb mich bei einer PR-Agentur auf eine Stelle als Trainee. Im Vorstellungsgespräch hatte ich das Gefühl, sie würden versuchen, mich zu überzeugen, und nicht umgekehrt. Als Sprachrohr für große Unternehmen zu fungieren, erschien mir einfach nicht als gesellschaftlich sinnvoll; es war nicht, was ich machen wollte. Doch ich brauchte wieder ein geregeltes Einkommen und als mir die Stelle angeboten wurde, sagte ich zu. Im Herbst 2019 fing ich in der Agentur an, mit einem Einstiegsgehalt von 2.500 Euro brutto pro Monat.

Endlich wieder ein strukturierter Alltag – aber kaum Gestaltungsmöglichkeiten

Die ersten Wochen im Job waren stressig. Ich arbeitete viel und musste mich nebenbei um die Wohnungssuche kümmern. Aber ich war froh, wieder einen strukturierten Alltag zu haben. In einem Großteil meiner Arbeitszeit schreibe ich Texte – etwa Pressemitteilungen oder Blogbeiträge – für unsere Kunden, meist große Unternehmen. Die Texte schicke ich an meinen Chef, der sie überarbeitet und an die Kunden weiterleitet. Es wird viel Output verlangt, aber das ist okay für mich. Schnelles Lesen und Schreiben habe ich ja an der Uni gelernt.

Mit meinem Studium hat das, was ich als Trainee mache, aber nicht mehr viel zu tun. Im Gegenteil. Die akademische Schreib- und Denkweise musste ich mir abtrainieren. Ich soll Dinge schön verpacken und nicht kritisch hinterfragen. Das fiel mir am Anfang schwer, aber ich sehe auch, dass das eben Aufgabe einer PR-Agentur ist.

Generell fiel es mir schwer, mich an die Arbeitskultur in der Agentur zu gewöhnen. Am Anfang sagte mir mein Chef zum Beispiel, dass Überstunden erwartet würden und dass genau beobachtet werde, wer wann gehe. Es störte mich zwar nicht, mehr zu arbeiten, aber dass ich überwacht werde, fand ich unangenehm. In den folgenden Monaten geriet ich dann immer häufiger mit meinem Chef aneinander. Wenn ich über die Wünsche eines Kunden diskutieren wollte oder darüber, wie ich eine Pressemitteilung schreiben soll, hieß es, ich solle nicht widersprechen.

„Nach dem Studium war ich auf der Suche nach einem Job, der mich erfüllt.“
Jonas

Ich nahm den Stress mit nach Hause und schlief schlecht. Irgendwann fing ich an, die Texte nicht einfach zu schreiben, sondern vorher Fragen zu stellen, um mich abzusichern. Ich habe gelernt, mich unterzuordnen. Das Verhältnis zu meinem Chef hat sich inzwischen gebessert. Aber in Calls mit Kunden sitze ich weiter nur dabei und darf nichts sagen – selbst bei Themen, zu denen ich wegen meines Studiums eine fundierte Meinung habe, zum Beispiel Nachhaltigkeit oder Gleichstellung.

Nach dem Studium war ich auf der Suche nach einem Job, der mich erfüllt. Jetzt trenne ich zwischen dem, was ich beruflich mache, und mir als Person. Inzwischen lasse ich die Arbeit und die Dinge, die dort passieren, nicht mehr so an mich heran. Ich habe mich mit meinem Job arrangiert und werde nicht kündigen, ohne etwas Neues zu haben.

In den vergangenen Monaten habe ich viel über meinen Berufseinstieg nachgedacht. Ich weiß jetzt, dass für viele Jobs kein tolles Zeugnis gesucht ist, sondern fachliche Spezialisierung und relevante Berufserfahrung. Die habe ich nicht. Ich habe mich während meines Studiums nicht auf ein Thema spezialisiert, sondern den Freiraum genutzt, um mich auszuprobieren und in verschiedene Themen einzuarbeiten. Meine Praktika habe ich bei Organisationen absolviert, die zwar in meinem Lebenslauf gut klingen, aber anderswo noch kein Einstellungsgrund sind.

Trotzdem habe ich im Nachhinein nicht das Gefühl, dass ich irgendetwas anders hätte machen sollen. Mein Studium hat mir eine sehr gute Bildung ermöglicht und mir den Freiraum gegeben, mich persönlich weiterzuentwickeln. Vielleicht muss ich einfach anerkennen, dass das an sich schon sehr viel wert ist." 

*Damit unsere Protagonistinnen und Protagonisten offen von ihrem ersten Berufsjahr erzählen können, ohne Nachteile fürchten zu müssen, bleiben sie hier anonym. Ihre Namen sind der Redaktion bekannt.


Queer

Dritter Geschlechtseintrag: Lasst uns selbst entscheiden!
Wer seinen Geschlechtseintrag ändern lassen will, braucht eine Bestätigung vom Arzt. Warum eigentlich?

Dass Deutschland sich vor eineinhalb Jahren endlich zum dritten Geschlechtseintrag durchgerungen hat, macht uns noch lange nicht zu einem progressiven Land, in dem die Freiheit und Selbstbestimmung aller Geschlechter geachtet werden. Eine Änderung des Geschlechtseintrages ist zur Zeit nur mit einer ärztlichen Bescheinigung über bestimmte körperliche Geschlechtsmerkmale möglich. Eine Beschwerde vor dem Bundesverfassungsgericht am Dienstag hat wieder einmal deutlich gemacht: Menschen müssen endlich als Expert*innen für ihr eigenes Geschlecht anerkannt werden – auch Trans*personen und nichtbinäre Menschen.  

Die Verfassungsbeschwerde hat die Gesellschaft für Freiheitsrechte gemeinsam mit Lann Hornscheidt eingelegt und wendet sich damit gegen ein Urteil des Bundesgerichtshofs vom 22. April 2020. Hornscheidt identifiziert sich weder als männlich noch als weiblich und wollte ihren*seinen Geschlechtseintrag aus dem Geburtenregister streichen lassen. Das hatte der Bundesgerichtshof abgelehnt. Hornscheidt fehlte nämlich das notwendige ärztliche Attest. Dieses muss bescheinigen, dass jemand eine "Variante der Geschlechtsentwicklung" aufweist. Damit sind in der Regel intersexuelle Menschen gemeint, die mit körperlichen Geschlechtsmerkmalen geboren wurden, die von den gängigen Vorstellungen von "männlich" und "weiblich" abweichen. (Freiheitsrechte.org)

Die dritte Option ist nicht für alle offen

Mit der Verfassungsbeschwerde wollen Hornscheidt und die Gesellschaft für Freiheitsrechte nun erreichen, dass alle Menschen ihren Geschlechtseintrag ändern lassen können, wenn er nicht mit ihrer Identität übereinstimmt, auch ohne ärztliche Bestätigung.

Es ist gut, dass es endlich eine dritte Option als Geschlechtseintrag im Personenstandsregister gibt. Das ist dem langwierigen juristischen Kampf von Aktivist*innen und Betroffenen zu verdanken, die vor dem Bundesverfassungsgericht klagten und so im Oktober 2017 bewirkten, dass der Gesetzgeber eine Regelung für Menschen finden musste, die nicht in die zwei Kategorien "männlich" oder "weiblich" passten. Das Gesetz, das daraufhin beschlossen wurde, schließt aber nach wie vor viele Menschen aus. Nicht umsonst gab es schon eine Petition mit mehr als 42.000 Unterschriften gegen das Gesetzt in seiner jetzigen Form und für einen selbstbestimmen Geschlechtseintrag. Hier sind nur einige der Probleme, die es mit der aktuellen Gesetzeslage gibt:

  • Nichtbinäre Menschen – also Menschen, die sich nicht als Mann oder Frau identifizieren – werden im deutschen Recht nicht mitgedacht. Die Option "divers" im Personenstandsregister ist auf intersexuelle Menschen ausgerichtet. Wer sich – wie Lann Hornscheidt – nicht als Mann oder Frau identifiziert, unabhängig von bestimmten körperlichen Merkmalen, bekommt meistens nicht den nötigen ärztlichen Attest.
  • In Fällen wie dem von Lann Hornscheidt verweisen die Gerichte meistens auf das Transsexuellengesetz (TSG), das in Teilen schon mehrfach als verfassungswidrig erklärt wurde und Trans*personen einer langwierigen und kostspieligen Prozedur unterzieht, in der sie mithilfe von zwei psychologischen Gutachten vor Gericht "beweisen" müssen, dass sie tatsächlich trans* sind.