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Sie massieren Schmerzen weg, bringen Menschen nach schweren Unfällen wieder das Laufen bei und sorgen dafür, dass Sportler ihren Job machen können: Physiotherapeutinnen und -therapeuten sind für Heilungsprozesse und in der Schmerzlinderung unersätzlich. Und doch werden sie für ihre Arbeit sehr wenig gewürdigt.

Damit ist nicht nur die unterirdische Bezahlung gemeint. Die Bedingungen in dem Beruf sind so schlecht, dass die gesamte Existenz des Berufsstandes bedroht ist. Deshalb schlagen die Therapeutinnen und Therapeuten nun Alarm.

Unter den Hashtags #ohnemeinenphysiotherapeuten und #therapeutenamlimit sammeln Physios seit Monaten ihren Frust. Auch Patienten machen mit und unterstützen ihre Helfenden.

Die Posts zeigen, was die größten Probleme sind:

  • Eine extrem schlechte Bezahlung: Obwohl die Menschen eine teure Ausbildung hinter sich haben, die man in Deutschland selbst finanzieren muss, verdienen viele am Ende nur 2200 Euro brutto im Monat.
  • Man hat nur 20 Minuten pro Patientin oder Patient und kann dadurch oft nicht so auf die Person eingehen, wie es nötig wäre.
  • Vielen Leidenden kann nicht richtig geholfen werden, weil die Krankenkassen nur sechs Behandlungen im Quartal verschreiben.
  • Es gibt auch keine angemessene Vergütung von beispielsweise Hausbesuchen, obwohl gerade in der Physiotherapie viele Menschen darauf angewiesen sind.

Diese Tweets fassen die Lage perfekt zusammen:

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Die Kritik ist nicht neu: Unter diesen Bedingungen müssen Physios seit Jahrzehnten arbeiten. Kein Wunder also, dass ein kleiner Shitstorm losbrach, als Gesundheitsminister Jens Spahn vor Kurzem zu ihrer Lage sagte, man werde "sich das Thema anschauen".

Ihre Reaktion darauf: eine "Tour de Spahn". Therapeuten und Therapeutinnen demonstrierten in mehreren deutschen Städten, überbrachten Brandbriefe an das Gesundheitsministerium, in einer Online-Petition sammeln sie Stimmen und wollen endlich gehört werden. 

Doch viele Menschen glauben nicht mehr daran, dass sich etwas ändert. Sie verlassen den Job, weil sie von dem Gehalt nicht leben oder gar eine Familie ernähren können. 

Währenddessen werden die Patienten tendenziell älter und benötigen mehr Unterstützung. So entsteht eine immer größere Versorgungslücke: Praxen können kaum noch Termine anbieten, Angestellte sind überlastet. Patienten bekommen das Gefühl, nicht ausreichend behandelt zu werden. Der Beruf verliert dadurch immer weiter an Ansehen. Ein Teufelskreis.

Wer will das so überhaupt noch machen? Nicht besonders viele: Freie Stellen in der Physiotherapie bleiben inzwischen im Schnitt ein halbes Jahr unbesetzt (Deutscher Verband für Physiotherapie).

Wir haben junge Menschen gefragt: Warum macht ihr den Job trotzdem – und was wünscht ihr euch am meisten?

Ines, 25, ist seit Physiotherapeutin in einer Praxis in Erftstadt bei Köln

(Bild: privat)

Was sie an ihrem Job großartig findet:

"Ich liebe den Kontakt mit den unterschiedlichsten Menschen, den Austausch mit meinen Kollegen und vor allem, dass ich jeden Tag aufs Neue sehe, welche Fortschritte meine Patienten zusammen mit mir machen. Es wird niemals langweilig, es vergeht kein Tag, an dem man nichts dazu lernt.

Es macht mich immer wieder glücklich, wenn wir es als Therapeuten schaffen, Operationen durch Therapie zu verhindern."

Warum sie trotzdem manchmal am liebsten aufhören würde:

"Wenn ich in Rente gehe, ist Altersarmut garantiert – zumindest nach dem aktuellen Stand. Wenn ich daran denke, dann will ich manchmal alles hinschmeißen. Aber 15.000 Euro für die Ausbildung, mehrere tausend Euro für Fortbildungen und die Tatsache, dass ich mir keinen anderen Beruf für mich vorstellen kann, lassen mich weiter machen."

Was sie sich wünscht:

"Dass dieser Beruf nicht ausstirbt. Das kann nur passieren, wenn er eine größere Wertschätzung erfährt. Ich wünsche mir, dass mein Freund – ebenfalls Physiotherapeut – und ich irgendwann mit unseren Gehältern eine Familie ernähren können. Aktuell ginge das nicht. Für meine Patienten wünsche ich mir, dass die Behandlungszeiten wieder angehoben werden."

Tom, 22, ist Fachlicher Leiter einer Praxis in Mainz

(Bild: privat)

Was er an ihrem Job liebt:

"Am schönsten sind für mich die Momente, wenn ein Mensch zu mir sagt, sein oder ihr Leben sei durch die Behandlung einfacher geworden. Ich arbeite in einem Schmerzzentrum, das heißt, die Patientinnen und Patienten kämpfen entweder schon sehr lange mit Schmerzen oder haben sehr starke, akute. Da ist es natürlich großartig, wenn man gemeinsam einen Behandlungsplan findet, der dieser Person hilft."

Warum er trotzdem manchmal am liebsten aufhören würde:

"Die perfekte Behandlung in gerade mal 15 bis 20 Minuten zu entwickeln, ist sehr schwer. 

Wenn ich jeden Tag drei Patienten pro Stunde mit einer jeweils individuellen Leidensgeschichte behandele und das neun Stunden lang, frage ich mich schon, wie ich so immer 100 Prozent geben soll.

Was er sich wünscht:

"Ich habe während meiner Ausbildung allein für das Schulgeld 14.000 Euro gezahlt. Da sind noch keine Lebenshaltungskosten drin. Also muss man neben den 40 Wochenstunden Schule noch arbeiten. Und selbst nach dem Abschluss muss man noch privat die benötigten Fortbildungen bezahlen. 

Dieses System muss sich unbedingt ändern! 

Das Wichtigste ist: das Schulgeld abschaffen und die Fortbildungen in die Ausbildung integrieren. Nur so lockt man Menschen in diesen eigentlich wunderschönen Beruf. Das tut am Ende auch den Patienten gut, die nur so die Behandlung bekommen, die sie benötigen."

Sarah, 27, Physiotherapeutin aus Leipzig

Was sie an ihrem Job liebt:

"Ich habe so viele Möglichkeiten, anderen Menschen zu helfen und gleichzeitig den menschlichen Körper besser zu verstehen. Gerade das feine Balancespiel aus Psyche und Physis ist dabei interessant für mich. Ich finde es jedes Mal wieder schön, wenn meine Patienten über die Therapie mehr über sich selbst erfahren und wie sie sich selbst helfen können."

Warum sie trotzdem manchmal lieber aufhören würde:

"Ich habe darüber nachgedacht, alles hinzuschmeißen, als ich erlebt habe, dass ich mit meinem Gehalt bei der neuen Wohnungsgesellschaft nicht als solvent genug gelte, um eine Wohnung ohne eine Bürgschaft meines Vaters anzumieten. Trotz einer Vollzeitstelle, Zusatzqualifikationen, Zusatzverpflichtungen und Überstunden."

Was sie sich wünscht:

"Dass die Regierung, Verbände und die breite Öffentlichkeit begreifen, welchen Beitrag wir zum Wohlergehen dieses Landes leisten. Wir sind nicht die einzigen, aber wir sind ein wichtiger Teil und so sollten wir auch bezahlt werden. Wir geben so viel und bekommen finanziell und in Form von Anerkennung so wenig zurück. 

Ich lebe, um anderen zu helfen, mit all meinem Herzblut und aus Überzeugung. Aber ganz ohne Gegenleistung wird es mich irgendwann auffressen, bis nichts mehr von mir übrig ist."

Anna (Name geändert), 21, arbeitet seit 9 Monaten als Physiotherapeutin

Was sie an ihrem Job liebt:

"Ich liebe das große Wissen über den Körper, was bis ins kleinste Detail passiert und wie man mit den unterschiedlichsten Therapien etwas beeinflussen kann, ohne gleich nach dem Skalpell zu greifen!"

Warum sie trotzdem manchmal lieber aufhören würde:

"Wenn mich meine Partnerin fragt, ob wir etwas unternehmen wollen, muss ich oft nein sagen, weil das Geld nicht reicht. Das frustriert mich sehr und sie auch. 

Ich überlege inzwischen schon, weniger Stunden zu arbeiten und stattdessen irgendeinen Nebenjob zu machen. Da würde letztendlich mehr für mich herausspringen. Dass ich den Beruf in einigen Jahre wechseln werde, steht für mich leider schon jetzt fest."

Was sie sich wünscht:

"Dass die Physiotherapie einfach mehr geschätzt wird, wie in anderen Ländern. Wir sind mehr als 'Massage-Mäuse'.

Außerdem die Abschaffung der privaten Schulen und stattdessen Studiengänge mit bundesweit einhaltlichem Lehrplan, worin die wichtigen und aktuell noch teuren Fortbildung abgedeckt sind.

Der Beruf sollte einfach grunderneuert werden. Denn so kann es nicht weiter gehen."


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