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Die Dokumentation von Krankenakten kostet Pflegende viel Zeit – das wollen die drei Gründer ändern.

Die Zustände im Pflegebereich sind prekär. Das ist schon lange bekannt, in der Coronakrise wird dieser Missstand noch einmal besonders deutlich. Wegschauen ist fast unmöglich: schlechte Bezahlung, fehlende Wertschätzung, strapaziöse Arbeitszeiten.

Pflegende leiden oft unter Zeitdruck, sie eilen von einem Patienten zum nächsten. Zusätzlich zur Betreuung müssen sie ihre Arbeit auch noch dokumentieren. Und das kostet Zeit.

Sprachassistent hilft bei Dokumentation von Krankenakten

Erik Ziegler, 21, und die Brüder Fabio, 22, und Marcel Schmidberger, 22, wollen mit ihrem Start-up "Voize" den Arbeitsalltag der Pflegekräfte erleichtern. Sie haben einen digitalen Sprachassistenten für die Pflegedokumentation entwickelt. Damit sollen Krankenakten künftig durch Sprachnotizen erstellt werden können.

Aktuell bekommt das Start-up Geld von der gemeinnützigen Initiative "GesundZusammen", die neu gegründeten Unternehmen bei ihrer Entwicklung hilft. Gefördert werden Start-ups mit Ideen zur Bewältigung der Coronakrise. Im Rahmen des Gründerstipendiums erhalten die jungen Unternehmen 20.000 Euro und bekommen Hilfe von Mentoren und Experten.

Corona-Ideen

Wegen der Coronakrise verlieren viele Menschen ihren Job, müssen in Kurzarbeit gehen und geraten in Geldnot. Oft bleibt ihnen nichts anderes übrig, als einfach zu Hause zu sitzen. Bei allen Schwierigkeiten zeigt sich dabei: Not macht erfinderisch. Wir wollen einige Corona-Ideen vorstellen. Junge Unternehmerinnen und Unternehmer, die sich originelle Wege aus der Krise überlegt haben, erzählen uns, wie sie gerade mit der Situation umgehen – und die Pandemie bewältigen wollen.

Drei Fragen an: Marcel, 22, Mitgründer eines Start-ups im Pflegebereich

(Bild: Voize)

bento: Wie seid ihr auf die Idee gekommen, eine App zu entwickeln, die aus Sprachaufnahmen Pflege- und Krankenakten erstellt?

Marcel: Ursprünglich wollten wir einen Sprachassistenten für Krankenhäuser entwickeln, der das Klingeln der Patientinnen und Patienten ersetzt, wenn sie eine Pflegekraft bei sich im Zimmer benötigen. Der Assistent hätte automatisch erkannt, wo das Problem liegt und die Pflegenden gerufen und auf den Einsatz vorbereitet. Mit dieser Idee waren wir noch in der Konzeptionsphase. Als unser Opa zu der Zeit ins Pflegeheim kam, erlebten wir, wie viel Arbeit die Beschäftigten dort für die Dokumentation der Akten aufwenden. Diese Zeit fehlt in der eigentlichen Pflege. Wir haben uns dann dazu entschieden, unsere Idee anzupassen und uns diesem Problem zu widmen.

Anschließend haben wir viele Gespräche mit Pflegekräften geführt. Laut unseren Erfahrungsberichten nimmt die Pflegedokumentation knapp ein Drittel ihrer Arbeitszeit ein. Die Dokumentation der Krankenakten ist wichtig, um die Pflege zu planen, um bei Schichtwechseln schnell sehen zu können, wie es den einzelnen Bewohnern geht, und auch für die Abrechnung. Pflegekräfte machen den Job aber, weil sie mit Menschen interagieren wollen – und nicht vor dem PC sitzen. So kamen wir auf die Idee, sie bei der Dokumentation mit einem Sprachassistenten zu unterstützen.

bento: Wie funktioniert eure App genau?

Marcel: Die Pflegekräfte können die Dokumentation, also beispielsweise den Zustand eines Patienten und die Vitalwerte wie etwa Blutdruck und Gewicht, in ihren eigenen Worten ins Smartphone einsprechen. Eine künstliche Intelligenz versteht den Kontext, erstellt automatisch einen Dokumentationseintrag und pflegt ihn in das bestehende System im Pflegeheim ein. Unsere App ist eine Ergänzung zu den Dokumentationssystemen, die es bereits gibt. Man muss nicht mehr alles selbst durchklicken und manuell eintippen. "Voize" funktioniert auch offline, was zum Beispiel in ländlichen Gebieten mit schlechter Netzabdeckung hilfreich sein kann. Wir speichern keine Daten, die Aufnahmen gehen direkt in die bestehenden Systemakten. Datenschutz ist also auch garantiert.

Die Idee hatten wir bereits 2019 während des Studiums. Im Februar 2020 haben wir unsere Firma gegründet. Durch die Coronakrise bekommt der Pflegebereich mehr Aufmerksamkeit, das ist super. Allerdings können wir unsere App gerade nicht testen und weiterentwickeln. Eigentlich hatten wir im März und April Pilotprojekte geplant, die wir wegen der Besuchsverbote verschieben mussten. Damit können wir jetzt aber wieder langsam starten. Die Zwischenzeit haben wir genutzt, um die Spracherkennung zu verbessern.

bento: Gerade durch Corona sind die Missstände im Pflegebereich nochmal deutlicher geworden. Wie trägt eure App dazu bei, diese Situation zu verbessern? Die Pflegenden gewinnen durch euch Zeit – aber müssen sie dann nicht einfach noch mehr Patienten betreuen?

Marcel: Oft gibt es einen festen Schlüssel, wie viele Patienten eine Pflegekraft betreuen darf. Der ändert sich durch unsere App nicht. Viele Heime würden jetzt schon gerne mehr Pflegepersonal einstellen, aber sie finden niemanden. Das Problem wird in der Zukunft noch größer werden. Die Anzahl der Pflegebedürftigen in Deutschland wird bis 2035 um 30 Prozent auf 4,8 Millionen steigen. Demgegenüber steht ein akuter Fachkräftemangel, der bis 2035 auf mehr als 500.000 fehlende Pflegekräfte prognostiziert wird. Der Pflegeberuf verlangt so viel von den Beschäftigten – die zeitfressende Dokumentation ist da zumindest ein Stein, den wir aus dem Weg räumen wollen. Das kommt auch den Bewohnerinnen und Bewohnern im Heim zugute, ihnen wird mehr Zeit gewidmet.

Wir wollen die Anwendung nach und nach erweitern. Dafür stehen wir im engen Kontakt mit unseren Kunden, sammeln Feedback und neue Anregungen für sprachgestützte Arbeitsabläufe. Die Pflegekräfte kennen ihre Probleme am besten. Ich bin zuversichtlich, dass wir sie in Zukunft unterstützen können. Vielleicht sogar schon während der Pandemie.


Uni und Arbeit

Gutes Gehalt, Chance auf Verbeamtung: So will die Feuerwehr ihr Nachwuchsproblem lösen
Weshalb dieser Weg für Michel ideal ist – und vor welchen Problemen die Berufsfeuerwehr aktuell steht.

Michel Harder, 28, fand seinen Traumberuf auf der Couch. Er schaute die Serie "Feuer und Flamme" vom WDR über eine Feuerwehrwache in Gelsenkirchen. Brennende Gebäude und Pkws, Menschen in Not, ein Team, das immer den Überblick behalten und Gefahren schnell erkennen muss. Da wurde ihm klar: Er will Berufsfeuerwehrmann werden. Den alten Weg, über eine abgeschlossene, handwerkliche Ausbildung, konnte er sich nicht leisten, zu gering das Ausbildungsgehalt. Zufällig erfuhr Michel von einer neuen Ausbildung bei der Feuerwehr in Hamburg für junge Leute. Ersetzt der neue Weg die früher benötigten, handwerklichen Vorkenntnisse – und löst er tatsächlich das Nachwuchsproblem?

Es war wohl nicht nur diese eine Stunde Lokalfernsehen, die Michel auf die Idee brachte, aber es war das Erlebnis, das ihm in Erinnerung blieb. Michel sagt, er habe schon während seines Studiums der Bewegungswissenschaften in Hamburg gemerkt, dass er gerne körperlich arbeiten wollte, im Hörsaal oder am Schreibtisch zu sitzen, das sei nichts für ihn gewesen. Kurz vor seinem Abschluss habe er das Studium deshalb abgebrochen und nach Alternativen gesucht. 

Lange war es üblich, dass, wer Berufsfeuerwehrmann oder -feuerwehrfrau werden wollte, eine abgeschlossene, handwerkliche Ausbildung benötigte. Wer mal als Zimmermann gearbeitet hat, kann einschätzen, wann ein Dachstuhl während eines Brandes einstürzen könnte, eine Klempnerin weiß, wo sie das Wasser bei einem Rohrbruch abstellen muss – so die Idee.  

Michel überlegte deshalb, Tischler zu werden. "Aber als ich erfahren habe, was ich da als Auszubildender bekommen würde, war mir klar: Das kann ich nicht", erinnert er sich. Mit 24 war Michel unerwartet Vater geworden. Ein angehender Tischler verdient in seinem ersten Lehrjahr etwa 515 Euro brutto im Monat. Auch mit dem Gehalt seiner Frau hätte das für die kleine Familie nicht gereicht.  

Die Alten gehen in Rente, es kommen kaum Junge nach

Ein angehender Feuerwehrmann und Freund aus der Fußballmannschaft erzählte ihm von einem neuen Ausbildungsweg bei der Feuerwehr Hamburg. Junge Leute zwischen 16 und 35 sollten sich direkt bei der Feuerwehr ausbilden lassen können – egal mit welchen Vorkenntnissen.

Das Timing war perfekt. Michel bewarb sich, bestand den Eistellungstest (bento) und fing im Spätsommer 2018 seine dreijährige Ausbildung zum Berufsfeuerwehrmann an (Feuerwehr Hamburg). Während der Ausbildung verdient er dort knapp 1000 Euro brutto pro Monat, vielmehr als er während der Tischlerlehre bekommen hätte.