Harte Arbeitsbedingungen, schlechte Bezahlung, überlastete Arbeitskräfte: In Deutschland herrscht seit Jahren ein Pflegenotstand. Das ist bekannt und wird schon lange von den Betroffenen, Bürgern und Politikern beklagt. Erst Anfang des Jahres berichteten Pflegekräfte im Netz von ihrem oftmals katastrophalen Arbeitsalltag:

Es muss sich endlich etwas ändern, verlangen die Pflegerinnen und Pfleger von Gesundheitsminister Jens Spahn. Ihre Kernforderungen: bessere Bezahlung und vor allem mehr Personal. In einem Interview hat Jens Spahn nun angekündigt, etwas verändern zu wollen. Doch seine Idee kam nicht so gut an.

Das hat Spahn gesagt:

Viele Beschäftigte in Heimen und ambulanten Diensten hätten ihre Stundenzahl reduziert, sagte Spahn zur Augsburger Allgemeinen. Das bedeute, man müsse "ein Auge auf die Arbeitsbedingungen werfen". Und weiter: "Wenn von einer Million Pflegekräften 100.000 nur drei, vier Stunden mehr pro Woche arbeiten würden, wäre schon viel gewonnen", so Spahn.

Vor allem dieser Satz wurde in den sozialen Medien kritisiert, weshalb Spahn am Donnerstagnachmittag mit einem Video auf Twitter nachlegte, in dem er sich erklärte. Darin sagt er, innerhalb der vergangenen Jahre sei die Teilzeitquote in Pflegeberufen um rund 40 Prozent gestiegen. Viele Betroffene würden als Begründung den hohen Stress des Berufs nennen, so Spahn. Mit seinem Statement habe er also sagen wollen: Man müsse die Arbeitsbedingungen verbessern, um auf dieses Gefühl zu antworten. Allerdings, so Spahn im Video, müssten diese Veränderungen vor allem von den Arbeitgebern kommen. Er sei sich sicher, dass dann auch wieder mehr Pflegekräfte in Vollzeit arbeiten würden.

Doch wie sehen das die Menschen in diesen Berufen? Hat Jens Spahn recht oder geht sein Plan am Kern des Problems vorbei? Wir haben junge Pflegekräfte gefragt.

Jara, 25, ist seit vier Jahren Altenpflegerin.

Jens Spahn will die Arbeitsbedingungen verbessern – damit Pflegekräfte wieder mehr Stunden pro Woche arbeiten. Deine Reaktion in einem Emoji: 

"🤦🏼‍♀️"

Was müsste er dir dafür bieten?

"Einen Stundenlohn, der meiner Arbeit angemessen ist. Aber selbst dann weiß ich nicht, ob ich es verantworten könnte, noch mehr zu arbeiten. Die Qualität der Pflege leidet unter erschöpften Pflegekräften und das fehlende Privatleben ist eine zusätzliche Belastung."

Eine angemessene Vergütung sowie eine bessere Unterstützung in der Ausbildung wären zumindest ein Anfang.

Wie viele Stunden pro Woche arbeitest du laut Vertrag – und entspricht das der Realität?

"Ich arbeite laut Vertrag 35 Stunden pro Woche, aber in der Urlaubs- oder Krankheitszeit ist es kaum möglich, das einzuhalten. Außerdem fressen die benötigten Fortbildungen regelmäßig Arbeitszeit." 

Was ist das Anstregendste an deiner Arbeit?

"Den eigenen Ansprüchen gerecht zu werden. Wir wollen die Pflegebedürftigen nach bestem Wissen und Gewissen versorgen, aber wir haben nicht die Zeit, alle Wünsche zu erfüllen. Man läuft sich die Füße wund, weil es auf verschiedenen Stationen gleichzeitig klingelt und jemand unsere Hilfe braucht. Der Druck, nichts zu vergessen, nichts falsch zu machen, ist zum Verrücktwerden." 

Wie könnte man deinen Arbeitsalltag erleichtern? 

"Wir bräuchten mehr Mitarbeiter pro Schicht, aber das können vor allem private Träger meist nicht leisten, weil sie nicht ausreichend Förderung bekommen."

Wieland, 32, arbeitet als Krankenpfleger.

(Bild: privat)

Jens Spahn will die Arbeitsbedingungen verbessern – damit Pflegekräfte wieder mehr Stunden pro Woche arbeiten. Deine Reaktion in einem Emoji:

"😤"

Was müsste er dir dafür bieten?

"Für mich persönlich wäre Geld aktuell keine Motivation. Ich arbeite derzeit weniger, um mehr Zeit für die Familie zu haben. Spahn müsste mir also eher ermöglichen, außerhalb der gewöhnlichen Schichten arbeiten zu können.

Frühdienste ab 6 Uhr und Nachtschichten schrecken viele Eltern ab und zwingen sie in die Teilzeit.

Die Arbeitgeber sind da wahnsinnig unflexibel. Es gibt genug Arbeit, um Eltern in Zeiten einzusetzen, die ein Familienleben ermöglichen – aber man will ja so wenig Personal wie möglich einsetzen, also tun die meisten Pflegeträger das nicht. Sich auf die Arbeitgeber zu verlassen, halte ich daher für falsch."

Wie viele Stunden pro Woche arbeitest du laut Vertrag? Entspricht das der Realität?

"25 Stunden pro Woche. Im Schnitt kommt das auch hin. Aber spätestens wenn man mehr Patientinnen übernimmt – beispielsweise wenn im Team jemand krank wird – steigen die Überstunden sehr schnell."

Was ist das Anstregendste an deiner Arbeit?

"Das Anstregendste ist die körperliche Arbeit. Ich arbeite alleine in der ambulanten Pflege. Schwere Patienten zu bewegen, kann einen stark fordern. Außerdem muss man für fast jede Aufgabe ständig irgendwem hinterherrennen. Beispiel:

Jede einzelne Windel muss vom Arzt verschrieben werden!

Schwierig ist auch der Zeitdruck: Maximal vier Minuten dürfen wir für eine Spritze brauchen, sechs Minuten für eine Zuckermessung und das Geben von Insulin. Ich lasse mich so wenig wie möglich davon unter Druck setzen, aber es ist trotzdem eine Belastung. Vor allem für die Patienten."

Wie könnte man deinen Arbeitsalltag erleichtern?

"Mit genügend Personal, sodass man auch mal zu zweit arbeiten kann oder zumindest Aus- und Notfälle besser kompensieren kann. Das gilt für die ambulante Pflege genauso wie für Heime und Krankenhäuser."

(Bild: dpa)

Nine, 24, ist Altenpflegerin.

Jens Spahn will die Arbeitsbedingungen verbessern – damit Pflegekräfte wieder mehr Stunden pro Woche arbeiten. Deine Reaktion in einem Emoji:

"⚰️"

Was müsste er dir dafür bieten?

"Ein angemessenes Gehalt und steuerfreie Zuschläge für Nacht- und Feiertagsarbeit. Wenn es nicht möglich ist, das Gehalt bei allen Trägern zu erhöhen, vielleicht staatliche Vergünstigungen für das alltägliche Leben?"

Wie viele Stunden pro Woche arbeitest du laut Vertrag? Entspricht das der Realität?

"Laut Vertrag arbeite ich 38,5 Stunden in der Woche. Das entspricht nicht der Realität."

Mindestens zweimal in der Woche mache ich Überstunden.

Was ist das Anstregendste an deiner Arbeit?

"Der Arztkontakt und die Bürokratie, die damit zusammenhängt."

Wie könnte man deinen Arbeitsalltag erleichtern?

"Ein einheitliches EDV-gestütztes System, das die Zusammenarbeit von Haus- und Fachärzten mit Pflegeeinrichtungen erleichtert, sodass beide Seiten auf das System zugreifen und aktuelle Werte einsehen und bewerten können. Dann könnte man schneller gemeinsam passende Maßnahmen finden und umsetzen. So ließe sich wertvolle Zeit, die eigentlich den Pflegebedürftigen zukommen sollte, sparen."

Anna, 24, ist Altenpflegerin.

Jens Spahn will die Arbeitsbedingungen verbessern – damit Pflegekräfte wieder mehr Stunden pro Woche arbeiten. Deine Reaktion in einem Emoji:

"😂"

Was müsste er dir dafür bieten?

"Etwa das doppelte Gehalt."

Wie viele Stunden pro Woche arbeitest du laut Vertrag und entspricht das der Realität?

"Ich arbeite laut Vertrag gut 42 Stunden pro Woche. Das entspricht nicht der Realität. Ich arbeite immer mehr – entweder weil ich an eigentlich freien Tagen einspringe oder weil ich Überstunden mache. 

Was ist das Anstregendste an deiner Arbeit?

"Die vielen Schichtwechsel und die Wochenendarbeit."

Wie könnte man deinen Arbeitsalltag erleichtern?

"Mit einem besseren Personalschlüssel. Also pro Pflegekraft weniger zu pflegende Personen."

Und natürlich durch eine bessere Bezahlung.

Gerechtigkeit

Wie gut kennst du die deutschen Nachrichtendienste?

Die deutschen Geheimdienste, pardon – Nachrichtendienste – sind häufig in der Kritik. Meistens, wenn etwas schief gelaufen ist. Denn wenn sie ihre Arbeit erfolgreich machen, bekommt kaum einer etwas mit.

Momentan steht vor allem Hans-Georg Maaßen als (Noch-)Chef des Bundesamtes für Verfassungsschutz im Fokus, nach fragwürdigen Aussagen zu Übergriffen in Chemnitz. (bento)