Bild: ooshi
Im Interview erzählen die Unternehmerinnen, warum sie auf den geplatzten "Die Höhle der Löwen"-Deal pfeifen.

Ein innovatives Produkt, zwei kompetente Gründerinnen und eine begeisterte Investorin: An sich lief beim Staffelfinale der TV-Sendung "Die Höhle der Löwen" alles auf einen großen Deal hinaus für Kristine Zeller und Kati Ernst. Die beiden Frauen aus Berlin wollen einen millionenschweren Markt erobern – mit Periodenunterwäsche.

Ihr Start-up "ooshi" aus Berlin stellt seit 2018 Unterhosen her, die Frauen während der Menstruation tragen können, ohne Tampons, Binden oder Cups verwenden zu müssen. Investorin Judith Williams zeigte Interesse, in das Unternehmen einzusteigen. Für 300.000 Euro Investment wollte sie jedoch 30 Prozent der Anteile an "ooshi". Zu viel für die Unternehmerinnen. Sie schlugen das Angebot aus – und wollen jetzt alleine Millionen machen.

Ein Gespräch über verkannte Chancen, erfolgreiche Start-ups, blutige Unterhosen und männliche Komplexe. 

bento: In der Jury von "Die Höhle der Löwen" sitzen auch Männer. War es für euch absehbar, dass sie nicht bei euch einsteigen würden?

Kristine: Überrascht hat uns die Abneigung nicht. Damit werden wir täglich konfrontiert.

„Carsten Maschmeyer zum Beispiel hat ja gesagt, es sei kein Männer-Produkt, also könne er nicht investieren.“
Kati Ernst

Kristine: Uns fällt auf, dass sich im Business-Kontext viele Männer abwehrend dem Produkt und Themenbereich gegenüber äußern. Die Menstruation ist für viele ein Tabu-Thema. Dabei ist es einfach fahrlässig, sich dieses große Umsatzpotenzial entgehen zu lassen. Und: Es wäre fatal, wenn alle Geschäftsideen für die weiblichen 50 Prozent der Bevölkerung nur von der Handvoll existierenden Investorinnen unterstützt würden.

bento: Erkennen Männer darin schlicht kein Geschäft, oder hat das fehlende Investitionsinteresse mit Vorurteilen gegenüber Frauen im Business zu tun?

Kati: Männer investieren gerne in Menschen, in denen sie sich bis zu einem gewissen Grad wiedererkennen. Das ist nun mal schwierig, wenn ihnen eine Frau gegenübersteht.

bento: Eine Journalistin, die "ooshi"-Produkte getestet hat, schreibt: "Nach ein paar Stunden habe ich das Gefühl, dass ich 'auslaufe'" (Neon). Seht ihr da ein Problem?

Kristine: "ooshi" ist für jede Frau und für jede Periode anders. Sie nimmt Flüssigkeit in der Menge von bis zu drei Tampons auf. 50 Prozent unserer Kundinnen benutzen daher keinerlei andere Hygieneartikel mehr. Die anderen nutzen "ooshi" an starken Tagen in Kombination mit einem Tampon oder einer Menstruationstasse und steigen an schwächeren Tagen komplett um.

(Bild: ooshi)

bento: Auf Social Media liest man unter Beiträgen zu eurem Produkt oft abwertende Kommentare: Das Thema sei eklig, da werde einem ja übel. Meist kommen diese von Männern. Was geht euch durch den Kopf, wenn ihr so etwas lest?

Kati: Es ist sehr schade – und es zeigt uns immer wieder, wieviel gesellschaftspolitische Arbeit vor uns steht. Es ist zum Beispiel so, dass aufgrund der Tabuisierung des Themas nur wenige Frauen eine Endometriose-Diagnose und entsprechende Behandlung bekommen, obwohl statistisch gesehen jede zehnte Frau betroffen ist. Das ist nicht okay.

bento: Über welchen Markt sprechen wir bei eurem Produkt?

Kristine: Pro Monat menstruiert ein Drittel der Weltbevölkerung. Das ist eine außergewöhnlich breite Zielgruppe.

Kati: Wenn wir nur Deutschland nehmen, sprechen wir über ein Marktpotenzial von 500 bis 600 Millionen Euro.

bento: Die frühere Top-Bankerin Sallie Krawcheck beklagt, dass Frauen oft die Überzeugung für die eigene Geschäftsidee fehle (Newsweek). Wie schwierig ist es dann erst, wenn Frauen dann auch noch Geldgeber von ihrer Idee überzeugen müssen?

Kristine: Das ist in der Tat ein Problem und hängt stark damit zusammen, wie wir aufwachsen und erzogen werden. Kinderbücher für Jungen handeln oft davon, dass Männer stark sind und einen Kampf gewinnen. Bei Mädchen geht es noch immer häufig darum, schön auszusehen.

„Wenn Frauen aus dieser stereotypischen Erwartungshaltung ausbrechen, hat das schon etwas von einer Revolte.“
Kristine Zeller

Uns fällt allerdings eine Sache auf: Unter Female Founders gibt es ein unheimlich großes Unterstützerinnen-Netzwerk. Da stärkt jede der anderen den Rücken. So viel zu dem Klischee, unter Frauen gebe es nur Zickenkrieg.

bento: Mit den Erfahrungen, die ihr gesammelt habt: Was ratet ihr potenziellen Gründerinnen?

Kati: Kristine sagt immer, man sollte sich eine Meditations-App runterladen, um einen klaren Kopf zu behalten. Und das zweite: Sucht euch auf jeden Fall eine Co-Founderin.

Kristine: Zusammen bringt man einfach viel schneller PS auf die Straße.

bento: Ihr beiden seid auch Mütter und habt von Anfang an gesagt, dass euch Vereinbarkeit von Familie und Beruf wichtig ist. Wie ist das möglich, wenn man gerade versucht, ein Start-up auf den Weg zu bringen?

Kristine: Wir kommen beide aus Konzernen. Kati von McKinsey, ich von Zalando. Dort waren lange Arbeitstage normal. Nach Feierabend blieb vielleicht noch eine halbe Stunde, bevor die Kinder ins Bett mussten. Das hat mich total unglücklich gemacht, weil ich gemerkt habe: Ich bin nicht in der Eltern-Rolle, die ich gerne hätte.

bento: Und deine Lösung war, ein eigenes Unternehmen zu gründen? Viele würden damit sicher eine noch größere Arbeitsbelastung assoziieren.

Kristine: Wir wollten beruflich gefordert werden, aber trotzdem voll am Familienleben teilnehmen können. Das ist sehr schwer in einem Corporate-Umfeld zu finden. Also haben wir unseren idealen Job einfach selbst kreiert.

bento: Und wie sieht der aus?

Kati: Wir arbeiten orts- und zeitunabhängig. Das gilt auch für unsere sieben Mitarbeiter. Bei uns geht es nicht um genaue Arbeitsstunden oder Präsenz, sondern um die Endprodukte. So lassen sich alle Lebensbereiche miteinander kombinieren.

bento: Geht eine solche Strategie nicht zulasten des Wachstums?

Kristine: Wenn einem die Familie und die Zufriedenheit der Kunden wichtig sind, dann muss man manchmal auf das Venture-Capital eines Investors verzichten – auch wenn es einen vielleicht schneller in neue Umsatzhöhen getrieben hätte. Doch eine Expansion würde auch viel Zeit und Energie verschlingen.

Kati: Außerdem: Wir arbeiten seit Beginn des Jahres profitabel. Etwa seit Juni zahlen wir uns ein signifikantes Gehalt aus und das Unternehmen wird in diesem Jahr mehrere Millionen Euro Umsatz machen. Die Geschwindigkeit des Wachstums ist also auch mit unserer Strategie krass.

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Trip

Weg ohne Dreck: Abschalten im winterlichen Würzburg
Jeden Tag ein anderer Weihnachtsmarkt, Bratwurst mit Senf und jede Menge Glühwein.

Ich saß mit einer Freundin in einem der schönsten Cafés Würzburgs. Wir hatten Waffeln und Tee bestellt, der auf einem  kleinen Nierentisch vor sich hindampfte und überlegten, ob wir auf dem Heimweg noch einen Glühwein auf der alten Mainbrücke trinken wollten. Drinnen klang durch das Stimmengemurmel leise Frank Sinatra und wünschte uns allen "a merry little christmas". Draußen wehten weiße Lampions im kalten Wind. Dann begann es plötzlich zu schneien. Der erste Schnee in diesem Dezember. Alle blickten verträumt aus dem Fenster und ich fühlte mich wahnsinnig zufrieden.