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Ein Interview über junge Ostdeutsche in Führungspositionen.

Ostdeutsche gehören zu Deutschland. Knapp jeder fünfte Deutsche kommt aus den neuen Bundesländern. Aber in den Chefinnenetagen deutscher Unternehmen, Behörden und Kliniken finden sie kaum Platz: Nur 1,7 Prozent der bundesdeutschen Spitzenpositionen in Politik, Verwaltung, Wirtschaft, Wissenschaft, Kultur oder beim Militär werden von Ostdeutschen besetzt. Und selbst im Osten leiten vor allem Westdeutsche die größten Firmen, Ostdeutsche machen hier lediglich 33 Prozent der Führungskräfte aus. (MDR)

Wer konnte, ging nach der Wende weg und suchte sich einen Job im Westen: Zwischen 1991 und 2017 zogen knapp 3,7 Millionen Bürgerinnen und Bürger aus dem Osten fort. (Zeit)

Was ist mit den jungen Ostdeutschen? Bleiben sie immer noch genauso fern der Führungsetagen wie ihre Eltern?

Oder sind Ost-Millennials, also alle Ostkinder, die in den Neunzigern und um die Jahrtausendwende groß wurden, mittlerweile besser für eine Karriere in Deutschland gerüstet? Sind sie gar die besseren Chefärzte, Richterinnen und CEOs?  

Antworten auf diese Frage weiß Johannes Staemmler. 

Forscher Johannes Staemmler

(Bild: privat)

Johannes, 37, wurde in Dresden geboren und forscht heute am IASS in Potsdam zum sozialen Strukturwandel in der Lausitz. Außerdem gehört er zum Gründerteam von "Dritte Generation Ost", die die jüngere Generation der Ostdeutschen vernetzt und zeigt, wie vielfältig, engagiert und streitbar der Osten sein kann. 

Johannes, selbst 30 Jahre nach der friedlichen Revolution haben es kaum Ostdeutsche in Führungspositionen geschafft. Wie sieht das für unsere Generation aus, für die Ost-Millennials?

"Da sieht es immer noch nicht klasse aus. Zum einen sind viele junge Ostdeutsche natürlich noch nicht so weit: Die Generation Z ist noch zu jung und wir Millennials kommen ja gerade erst in das Alter, wo man im Job Verantwortung übernimmt. Aber wir können schauen, wer es aus der Generation vor uns in Führungspositionen geschafft hat und daraus ableiten, wie es um unsere eigenen Karrierechancen steht."

Und?

Bei Dax-Unternehmen ist es wahrscheinlicher, als Frau in den Vorstand zu kommen denn als Ossi.

"Und selbst Frauen sind ja kaum vertreten. Ende 2018 gab es fünf Ostdeutsche in den Vorständen von Dax-Unternehmen, drei davon sind Frauen."

Woran liegt das?

"In den Führungsetagen werden oft jene ausgewählt, die den Führenden bereits sehr ähnlich sind. Vielfalt entsteht so nicht: Es entstehen homogene Grüppchen, in denen die Verantwortlichen ähnliche Hintergründe haben und dadurch schnell Entscheidungen treffen können. Es sind fast immer Männer in dunklen Anzügen und schon die Jüngeren verhalten sich genau so, wie es die Älteren von ihnen erwarten."

Das Philipp-Amthor-Syndrom!

"Ich weiß nicht, ob ich das so nennen würde. Aber ja, es geht darum, dass es gewachsene Netzwerke gibt. 

Viele Ossis haben es schwer, in diese Zirkel vorzudringen oder sich hochzuarbeiten.

Sie haben nicht das Selbstbewusstsein, das es für diese Kreise braucht. Ihnen fehlt der Habitus, der signalisiert: Ich gehöre hier ganz selbstverständlich hin." 

Woher kommt dieses Zaudern?

"Das ist zum Teil anerzogen: Wer von unseren Eltern in einer Führungsposition in der DDR war, der war in der Partei. Punkt. Eine andere Möglichkeit zum Aufstieg gab es quasi nicht. Und die waren nach 1990 oftmals raus. Danach konnte uns das Netzwerken, mit dem Ziel wirklich in Verantwortung zu kommen, niemand beibringen. Der Umbruch 1989/90 zwang viele unserer Eltern dazu, noch mal neu anzufangen, sich noch mal zu beweisen. Uns fehlten dadurch erfolgreiche Vorbilder, die es bis ganz nach oben geschafft haben."

Wie machen wir es jetzt anders?

"Wir wissen, wie Kapitalismus geht und haben uns längst emanzipiert. Wir wissen auch, was man alles so braucht, um nicht als Ossi durchzugehen. Du willst in Berlin, Stuttgart oder München was werden? Dann leg deinen Dialekt ab! Und doch kommt es irgendwann raus, dass man aus dem Osten kommt."

Das klingt jetzt sehr traurig, so als müsse man seine Ost-Herkunft im Unternehmen verstecken.

"Muss man natürlich nicht, Ostdeutsche und Westdeutsche können von der Qualifikation her einen Job gleich gut ausüben. Aber es ist in vielen Unternehmen immer noch nicht hilfreich, wenn man aus dem Osten kommt."

Wie kommt das? 

"Weil da niemand ist, der oder die sagt: Oh, ein Ossi, der hat bestimmt Spannendes erlebt und kann uns hier bei der Weiterentwicklung helfen. Auch treten die wenigsten Ossis so selbstbewusst auf, dass sie sagen würden: Weil ich aus den Osten komme, habe ich Spezial-Skills auf dem Kasten. Im Zweifel setzt der Unternehmer oder die Unternehmerin dann auf das Altbekannte: den Kollegen oder die Kollegin aus dem Westen."

Eigentlich suchen doch Unternehmen immer nach Menschen, die neue Blickwinkel einbringen können. Wären dann nicht Ossis gerade spannend?

"Innovative Unternehmen sollten so denken. Ob sie das immer tun – da bin ich mir nicht so sicher. Ich sehe aber, dass tradierte Strukturen in vielen Unternehmen, in Politik und Verwaltung total unter Druck stehen. Das ist für junge und experimentierfreudige Leute gut – und einige Ostdeutsche bringen viel Risikobereitschaft mit, weil sie nichts zu verlieren haben. Nehmen wir den Kohleausstieg: Damit der gelingt, braucht es in den alten Revieren neue Ideen und neue Leute, die keine Angst vor Experimenten haben.  

Unsere Eltern mussten nach der Wende noch mal völlig neu anfangen. Ob sie wollten oder nicht: Flexibilität wurde honoriert. Wir sind damit aufgewachsen, dass alles sich rasend schnell verändern kann. Zum Guten oder zum Schlechten."

Arbeits- und Lebensmodelle neu und flexibel zu denken ist im Osten keine Luxusfrage, sondern eine Notwendigkeit.

 Sind Ostdeutsche daher die besseren Chefs?

"Nö. Wir sind genauso gute oder schlechte Chefs wie alle andere auch. Viele junge Ossis sind hochflexibel und vor allem risikobereit: Einige verlagern ihren Lebensmittelpunkt von großen Städten zurück in den Osten, aufs Land. Dort gibt es Platz, niedrigere Kosten, Gleichgesinnte und trotz aller Provinz die Möglichkeit, Sinnvolles zu arbeiten. In unserem Projekt in der Lausitz stoßen wir überall – beispielsweise in Forst, Cottbus, Spremberg, Löbau oder Görlitz – auf diese Kreativen und Selbstbewussten, die im Grunde wahre Führungspersonen sind.

Was ist daran so besonders?

"In Dresden, Leipzig oder Potsdam ein Start-up zu gründen, ist leicht. Im ländlichen Raum fehlen hingegen die Wirtschaftskraft, die Nachfrage und manchmal auch die Infrastruktur. Wen soll man denn als Kunden haben oder wen einstellen, wenn es gut läuft? Dort ein kreatives Milieu zu schaffen, ist echte Arbeit. Das sind zwar bisher noch wenige, aber man merkt, dass die jungen Ostdeutschen hier was voranbringen wollen."

Es wird immer wieder diskutiert, ob wir eine Ost-Quote für Politik und Wirtschaft brauchen. Jetzt klingst du so, als machen die jungen Ossis die Debatte überflüssig.

"Jein. Zu glauben, dass sich das Missverhältnis in Führungsetagen von selbst auswächst, ist falsch. Bei unseren Eltern hat es nicht geklappt. Ich würde mir wünschen, dass wir zumindest eine ehrliche und offene Debatte über diese Quote führen. Es braucht einen Bewusstseinswandel hin zu einer Führungskultur, die Vielfalt will – übrigens nicht nur mit Blick auf eine Herkunft."

Sondern?

"Wir brauchen alle Schichten und Hintergründe, sonst finden sich Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer einfach nicht wieder. Es geht darum, mit welchem Blick man auf Leben und Arbeit schaut: Wie schaffen wir es, dass man Verantwortung im Job übernehmen und trotzdem eine Familie haben kann, die man nicht nur am Wochenende sieht? Lässt sich Führung so organisieren, dass nicht die bevorzugt werden, die bereit sind, die höchsten Kosten zu tragen? Hier geht es, wie gesagt, nicht um Ossis allein. Aber wenn sich bei der Elitenselektion in Wirtschaft, Politik und Verwaltung nichts tut, dann muss man eben über Zwang nachdenken."


Gerechtigkeit

Rechte Sprache: "Wenn die sagen 'Kultur', dann weiß jeder, was gemeint ist"
Folge 5: #NachDenRechtenSehen

Tausende Worte begegnen uns täglich: Sie können den Tag retten, ihn vermiesen, Beziehungen beenden und Beziehungen besiegeln. Und: Worte können zu Taten werden. 

Das Thema Sprache kam in der Videoreihe "Nach den Rechten sehen" immer wieder vor. 

In der ersten Folge sagte unsere Gesprächspartnerin Amina: