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Nina-Maria erzählt im Interview, wie sie in der Coronakrise Gottesdienste feiert. Und warum das zugleich Chance und Gefahr ist.

Nina-Maria Mixtacki sitzt im Schneidersitz auf dem Boden, neben ihr liegen bunte Kissen, über ihr hängen ein paar Lampions. "Gottesdienst im Erker", heißt das Video, das sie am vergangenen Sonntag bei YouTube hochgeladen hat. Die 31-Jährige ist Pfarrerin in Mittweida, einer Kleinstadt in Sachsen. Seit das Coronavirus die Menschen in Deutschland zwingt, zu Hause zu bleiben, hat sich ihre Arbeit verändert: Gottesdienste in der Kirche sind verboten, stattdessen muss Nina-Maria auf YouTube und Instagram ausweichen, auch an Ostern.

Im Interview erklärt die Pfarrerin, warum die Umstellung auch eine Chance ist. Und warum man nach Corona trotzdem aufhören sollte, Gottesdienste im Schlafanzug zu streamen.

Nina-Marias "Gottesdienst im Erker" bei YouTube

bento: Nina-Maria, freust du dich auf Ostern?

Nina-Maria Mixtacki: Ja, sehr sogar. Gleichzeitig schmerzt es an Ostern besonders, keinen Gottesdienst in der Kirche feiern zu können.

bento: Warum?

Nina-Maria: Ein Fest lebt doch davon, dass viele Menschen zusammen sind. Außerdem geht es an Ostern darum, dass der Gott, an den wir glauben, stärker ist als Leben und Tod – und dass wir diese Nachricht weitersagen. Klar kann man das auch digital machen, aber dann fehlt etwas: das Zwischenmenschliche, der Austausch und Dialog. Aber in diesem Jahr wird das eben mal so sein.

„Unsere Kirche hat auch einfach kein Internet.“
Nina-Maria Mixtacki

bento: Wie wird der Ostergottesdienst in Mittweida konkret aussehen?

Nina-Maria: Ich werde am Samstag einen Gottesdienst aufnehmen und das Video am Sonntag bei YouTube veröffentlichen. Erst habe ich an einen Live-Stream gedacht, aber ich bin nicht super fernseh-geschult und ehrlich gesagt: Unsere Kirche hat auch einfach kein Internet. Inhaltlich werde ich mich an meinen bisherigen YouTube-Gottesdiensten orientieren. Es wird also wieder eine Bibel-Geschichte geben, eine Predigt und Gebete. Besonders ist, dass ich diesmal in der Kirche drehe: Statt mit meinem Handy in meiner Wohnung zu sitzen, wird mich ein Gemeindemitglied mit einer professionellen Kamera filmen. Ich werde meinen Talar tragen und den Altar mit Blumen schmücken.

bento: Seit Beginn der Coronakrise hast du vier Gottesdienste bei dir zu Hause gefeiert. Warum bisher nie in der Kirche?

Nina-Maria: Ich wollte das Ganze zu Hause und privater machen, weil es sich die Leute ja auch zu Hause anschauen. Ich habe lange überlegt, ob ich den Talar anziehe, mich aber dagegen entschieden. Das gesamte Setting, der Erker mit den Kissen und normale Kleidung – das erschien mir irgendwie passender für YouTube.

bento: Warum? Weil es näher an der Lebensrealität der Menschen ist, die bei YouTube unterwegs sind?

Nina-Maria: Bei YouTube bin ich erst seit Corona aktiv, bei Instagram schon seit knapp einem halben Jahr. Auch dort kehre ich bewusst nicht die Pfarrerinnen-Rolle raus. In den Posts zeige ich vor allem Yogaübungen und Mediationen. In die Texte unter den Bildern schreibe ich kurze Gebete, manchmal filme ich mich auch selbst beim Beten. Natürlich ist das auch ein Versuch, mit Menschen in Kontakt zu treten und zu bleiben. Einige der aktuellen Konfirmandinnen und Konfirmanden zum Beispiel werden wahrscheinlich erstmal nichts mehr mit der Kirche zu tun haben, wenn sie ihre Konfi-Zeit – sozusagen – abgesessen haben. Aber viele von ihnen folgen mir auf Instagram. Ich glaube, durch Instagram oder YouTube bin ich ein bisschen nahbarer, ein bisschen greifbarer, was Kirche ja sonst selten ist.

bento: Ein paar Fotos und Videos reichen, um die Jungen nicht zu verlieren?

Nina-Maria: Ich bin jedenfalls überrascht, wie viele Menschen meine Instagram-Storys sehen – viel mehr, als sonntags in den Gottesdienst kommen. Das liegt sicherlich auch daran, dass man von überall auf die Videos zugreifen kann, also nicht unbedingt in Mittweida wohnen muss. Das Gleiche gilt für meine Gottesdienste auf YouTube. Bisher war ich vor Ort die Pfarrerin für alle. Dabei sucht man sich doch heute fast überall aus, was man sehen und hören möchte. In der Kirche ging das lange nicht, man wohnte halt irgendwo und ging dort in den Gottesdienst. Jetzt kann man plötzlich frei entscheiden, wann welcher Gottesdienst reinpasst. Meine YouTube-Videos schauen die Wenigsten zur normalen Sonntagsgottesdienst-Zeit.

bento: Liegt in der Corona-erzwungenen Digitalisierung also auch eine Chance?

Nina-Maria: Ich glaube schon. Bisher waren viele Landeskirchen sehr vorsichtig mit sozialen Medien. Gerade haben diese Bedenken keinen Raum mehr. Ich habe vergangenes Wochenende zum Beispiel an einem Hackathon teilgenommen, ich glaube, dem ersten, den es in der Evangelischen Kirche in Deutschland je gab. Wegen Corona lief alles online ab. Meine Gruppe hat sich überlegt, wie Gemeinden junge Erwachsene erreichen können – zum Beispiel mit Podcasts. Wir probieren gerade viele Dinge aus, die in anderen Bereichen vielleicht schon wieder alt sind, aber jetzt erst bei uns ankommen.

„Man kann nicht alles ins Digitale übersetzen.“
Nina-Maria Mixtacki

bento: Was ist mit älteren Menschen? Die nutzen vielleicht kein YouTube, würden aber gerade jetzt gern in den Gottesdienst gehen.

Nina-Maria: Ich will das gar nicht am Alter festmachen, es gibt viele Seniorinnen, die sind mit dem Smartphone total fit, weil sie mit ihren Enkelkindern in Kontakt bleiben wollen. Aber ich mache mir nichts vor: Auch mit den Videos erreiche ich nicht alle.

bento: Was kann die Kirche gerade lernen?

Nina-Maria: Experimentierfreudiger zu sein! Und mir ist beim Drehen meiner Gottesdienst-Videos aufgefallen, wie churchy meine Sprache ist. Um junge Menschen zu erreichen – und damit ein Gottesdienst auf einer Plattform wie YouTube funktioniert –, müssen wir die Menschen anders ansprechen und anders predigen. Der Satzbau, die Grammatik und die Fremdwörter in der Bibel – wer weiß denn heute noch, was Cherubim bedeutet? Viele alten Sachen haben ihren Charme und ihre Berechtigung. Aber wir müssen viel mehr erklären. Wir müssen die Menschen abholen und zeigen, warum wir das machen. Das ist etwas, was ich persönlich aus dieser Zeit mitnehmen werde.

bento: Und nach Corona? Bleibt die Kirche online?

Nina-Maria: Ich denke, sie muss in Zukunft sowohl vor Ort sein als auch im Internet. Man kann nicht alles ins Digitale übersetzen. Ich kann niemanden digital bestatten, verheiraten oder taufen. Und: Online wird der Glaube beliebig. Wenn ich sonntags im Schlafanzug auf dem Balkon sitze, den Gottesdienst auf dem Laptop, und es kommt eine Stelle, die mir nicht gefällt, dann schalte ich einfach aus. Dabei sehe ich auch das als Auftrag der Kirche: mit ihren Inhalten herausfordern und Dinge ansprechen, die nicht bequem sind. 


Gerechtigkeit

Deutschland chartert trotz Corona ein ganzes Flugzeug – nur um eine 25-Jährige abzuschieben
Wir haben mit der jungen Frau gesprochen.

Ihr Englisch ist nicht so gut. Dennoch sucht Leïla am Telefon nach den richtigen Worten, will unbedingt ihre Geschichte erzählen. Sie fühle sich sehr schlecht, sagt sie. Die Beine würden schmerzen, der Rücken, die Hände. Zu ihrem Schutz ist ihr Name geändert.

Leïla ist 25 Jahre alt und kommt aus Togo. Im November floh sie nach Deutschland, noch am Flughafen München wurde ihr Asyl aberkannt. Seitdem saß sie in einer sogenannten Zurückweisungshaft, obwohl das in der Regel nur für wenige Tage gestattet ist.

Nun soll Leïla abgeschoben werden – für sie wird eigens ein ganzes Flugzeug gechartert.

Am Telefon erzählt sie bento ihre Geschichte. Noch am Dienstag rief sie aus der Haftanstalt im bayerischen Eichstätt an. Täglich durfte sie dort 30 Minuten lang telefonieren. Am Mittwoch kommt sie plötzlich frei, bis zu ihrem Abschiebeflug soll sie in eine Erstaufnahmeeinrichtung. 

Mitten in der Coronokrise soll ein Flugzeug eine einzige Frau nach Togo ausfliegen

Es ist kein Abschiebeflug, wie ihn andere abgelehnte Asylbewerber vor ihr erlebten. Drei Mal sollte sie bereits abgeschoben werden, drei Mal wurde der Flug verschoben. Einmal habe sie sich gewehrt, heißt es von der Bundespolizei. Zwei mal hätten "organisatorische Gründe" dahintergesteckt. Nun plant die Bundespolizei den vierten Anlauf ausgerechnet für Anfang Mai – zu einem Zeitpunkt, an dem aufgrund der Coronakrise die Welt stillsteht.

Für Leïla wird eine eigene Maschine gechartert, sagt ihr Anwalt Peter Fahlbusch zu bento. Außerdem solle der derzeit geschlossene Flughafen in Lomé eigens geöffnet werden. Der NDR hatte zuerst über den Fall berichtet, demnach soll die junge Frau nach der Landung zudem in eine zweiwöchige Quarantäne, ein Hotel wird eigens dafür gemietet. Peter Fahlbusch schätzt, dass die Exklusivabschiebung um die 100.000 Euro kosten wird: