Bild: Privat

Clara*, 26, arbeitet seit Februar 2019 im Onlinemarketing eines mittelständischen Unternehmens. In ihrem ersten Berufsjahr verdiente sie zwar immerhin 2800 Euro brutto, hatte aber kaum noch Zeit für Freunde und Freizeit.

Mein erstes Jahr im Job

Der Einstieg ins Berufsleben ist aufregend, anstrengend – und oft ganz anders als geplant. Man weiß noch nicht, wie eine Gehaltsverhandlung abläuft, ist überfordert von den vielen Aufgaben und neuen Menschen – oder im Gegenteil: langweilt sich schon nach den ersten Wochen. In der Serie "Mein erstes Jahr im Job" sprechen wir mit Berufseinsteigerinnen und Berufseinsteigern über ihren Start ins Arbeitsleben. Du hast auch etwas zu erzählen? Dann schreib uns an uniundarbeit@bento.de.

"Ich dachte immer: Wenn ich ein Vollzeitstudium mit drei Nebenjobs wuppe, kann der Arbeitsalltag nicht so schlimm werden. Aber ich lag falsch. Ich habe Medienwirtschaft im Bachelor studiert und nebenher bei verschiedenen Start-ups und Festivals im Marketing gearbeitet. Meine Wochen hatten immer mehr als 40 Stunden. Als ich meinen ersten festen Job antrat, war trotzdem alles anders. In den ersten Monaten sah ich meine Freunde nicht mehr, kochte nicht, machte keinen Sport. Da war nur noch die Arbeit.

Ich arbeite im Onlinemarketing eines mittelständischen Unternehmens, das heißt, ich entwickle Social-Media-Konzepte, manage Influencer-Kampagnen und verwalte die Budgets dafür. Bei der Bewerbung wollte ich mir besonders Mühe geben und kreativ sein. Also erstellte ich eine aufwendige Präsentation über mich selbst. Später wurde mir gesagt, dass ich die Stelle auch deshalb bekommen habe. Als Neue im Team wollte ich mich dann erst recht beweisen und war hochmotiviert, gleichzeitig hatte ich Angst, dass Kampagnen schiefgehen, wenn ich weniger arbeite. Ich setzte mich selbst extrem unter Druck. Im Studium hatte ich mir erlaubt, zwischendurch Pausen zu machen. Im Job arbeitete ich acht Stunden konzentriert durch, oft sogar mehr. Wenn ich abends nach Hause kam, war ich total platt.

„Ich sah den Jobeinstieg als Chance, mein Leben neu zu sortieren.“
Clara

Das ging über ein halbes Jahr so, erst dann merkte ich, wie unzufrieden ich war. Ich wollte mal wieder Sport machen, meinen Freunden nicht immer absagen. Also schrieb ich eine Liste mit Dingen, die mir im Alltag wichtig sind, und setzte Prioritäten: Worauf will ich nicht verzichten? Am Ende stand da: selbst kochen, mich bewegen und Leute treffen. Ich sah den Jobeinstieg auf einmal als Chance, mein Leben neu zu sortieren.

Schritt für Schritt baute ich mir Routinen auf: Erst blockte ich mir einen Abend für den Wocheneinkauf. So hatte ich frische Lebensmittel im Kühlschrank und das Kochen fiel mir leichter. Nach zwei oder drei Wochen kamen feste Sporttage hinzu: Nach der Arbeit verabredete ich mich nun öfter mit Kolleginnen und Kollegen zum Klettern. Und schließlich hatte ich auch wieder genügend Energie, um am Abend mit Freunden in eine Bar zu gehen. Nach etwa einem Dreivierteljahr im Job hatte ich mein Leben zurück.

Pausen sind in Ordnung

Anfangs verlangte ich aber auch da zu viel von mir. Wenn ich den Sport in einer intensiven Arbeitswoche vernachlässigte, war ich direkt wütend auf mich. Ich wollte doch alles hinkriegen! Jetzt, nach einem Jahr im Job, verstehe ich, dass solche Phasen dazugehören. Es ist in Ordnung, mal einen Gang runterzuschalten. 

Dasselbe gilt für die Arbeit: Weil ich in den ersten Monaten kaum Urlaub genommen hatte, hatte ich am Jahresende zu viele Urlaubstage übrig. Ich kannte es aus dem Studium nicht, mir für einen längeren Zeitraum bewusst freizunehmen. Im Job hangelte ich mich deshalb von einem Projekt zum nächsten, bekam mehr Aufgaben und auch Verantwortung, was zu weiteren Überstunden führte. Heute sehe ich das viel lockerer und baue Überstunden eigenständig ab. Wenn ich mal ein Wochenende durchgeackert habe, nehme ich mir in der Woche danach einen Ausgleichstag. Anfangs habe ich mich das nicht getraut.

„New Work und Work-Life-Balance hängen für mich eng zusammen.“
Clara

Inzwischen habe ich gelernt, die Vorteile des modernen Arbeitens, auch New Work genannt, zu genießen. Ich kann flexibel Urlaub nehmen, muss ihn also nicht schon am Jahresanfang mit meinen Chefs absprechen. Dazu habe ich Vertrauensarbeitszeit und die Möglichkeit, im Homeoffice zu arbeiten. Außerdem übernimmt das Unternehmen die Kosten für mein Fitnessstudio, im Büro gibt es guten Kaffee und immer frisches Obst. Das steigert die Arbeits- und Lebensqualität. Zwei Mal im Jahr wird ein Teamevent für uns Mitarbeitende ausgerichtet, auch deshalb haben alle ein freundschaftliches Verhältnis. Ich könnte mir nicht vorstellen, je wieder anders zu arbeiten. 

New Work und eine angemessene Work-Life-Balance hängen für mich eng zusammen. Weil ich Vertrauensarbeitszeit habe, kann ich selbstbestimmt meine Mittagspause verlängern und abends dafür länger am Schreibtisch sitzen. Weil ich flexibel Urlaub nehmen kann, tue ich das dann, wenn ich es spontan brauche. Wenn nur der Handwerker kommt, muss ich aber nicht freinehmen – an solchen Tagen arbeite ich einfach von zu Hause.

2800 Euro brutto, 30 Urlaubstage

Was mir an meiner Firma allerdings nicht so gut gefällt, ist eine Klausel im Arbeitsvertrag: Wir dürfen untereinander nicht über das Gehalt oder die Urlaubstage reden. Ich finde, das passt nicht zum New-Work-Gedanken. Denn da geht es doch um eine offenere, entspanntere und auch transparentere Arbeitswelt. Heimlich tauschen wir uns trotzdem aus. Mit einem Einstiegsgehalt von monatlich 2800 Euro brutto liege ich etwa im Mittelfeld. Einige meiner Kolleginnen und Kollegen verdienen mehr, andere weniger. Beim Urlaub bin ich hingegen gut dabei: 30 Tage im Jahr. Eine Kollegin hat zum Beispiel nur 24.

Ich hätte mir damals beim Jobeinstieg eine Beratungsstelle gewünscht, bei der ich anrufen und Fragen stellen kann. Wie viel ist meine Arbeit wert? Was kann ich verlangen? Worauf sollte ich im Arbeitsvertrag achten? Ich habe zwar viel im Internet recherchiert und Freunde gefragt, aber ich hatte nicht das Gefühl, eine gute Verhandlungsbasis zu haben. Ich hatte ja kaum Arbeitserfahrung, so dachte ich. Heute sehe ich das anders: In meinen Nebenjobs habe ich an mehreren Projekten mitgearbeitet, teilweise sogar eigene Ideen umgesetzt und dadurch viel gelernt. Das alles kann man als Erfahrung zählen. Beim nächsten Job werde ich auf jeden Fall selbstbewusster verhandeln und meine Fähigkeiten klar benennen."

*Damit unsere Protagonistinnen und Protagonisten offen von ihrem ersten Berufsjahr erzählen können, ohne Nachteile fürchten zu müssen, bleiben sie hier anonym. Ihre Namen sind der Redaktion bekannt.


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