Regelschmerzen Krankschreibung au-schein.de
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Entlastung für Ärzte und Gefahr für Patientinnen?

Die Hälfte der Bevölkerung weiß: Bei Regelschmerzen und Symptomen wie Krämpfen, Durchfall oder Kopfschmerzen ist es nicht mehr möglich, sich zu konzentrieren. Sich morgens aus dem Bett zu quälen, fühlt sich an wie ein Dauerlauf ohne vorheriges Training.

Laut Techniker Krankenkasse können zehn von 100 Frauen bei Menstruationsbeschwerden ihren Alltag nicht mehr bewältigen (TK). Dann helfen nur noch Wärmflasche, Schmerztabletten – und im Notfall eine Krankschreibung. Ein Hamburger Telemedizin-Start-up will den Frauen den Gang zum Arzt ersparen und bietet seit Anfang September Online-Krankschreibungen bei starken Regelschmerzen an.

Die Geschäftsidee passt in eine Zeit, in der das Gesundheitssystem vor großen Umbrüchen steht.

Patienten und Patientinnen googlen ihre Krankheitssymptome und begrüßen die Ärztin mit Eigendiagnosen – wenn sie überhaupt einen Termin bekommen. In Großstädten quillen die Wartezimmer über, auf dem Land verschwinden sie ganz. Die Telemedizin könnte Engpässe lösen und ebenso birgt sie Gefahren: Dringend nötige Untersuchungen bleiben vielleicht aus. Ursachen werden nicht erkannt. Macht die Telemedizin kränker statt gesünder? Und sind Online-Krankschreibungen rechtlich wasserdicht? Was müssen Studierende beachten?

Der Gründer der Webseite au-schein.de sieht zahlreiche Vorteile. "Unsere Vision ist es, dass wir Kurzzeit-Krankschreibungen aus den Arztpraxen verbannen, damit endlich auch in Deutschland die Zahl der unnötigen Arztbesuche pro Kopf runtergeht", sagt Can Ansay. So hätten Ärztinnen und Ärzte endlich mehr Zeit für ernsthafte Erkrankungen. 

Tatsächlich ist Deutschland nach Frankreich und der Schweiz auf Platz drei der häufigsten Arztbesuche pro Kopf im Europa-Vergleich. 11,3 Mal ging der Deutsche 2016 im Schnitt zum Arzt (Statista). Der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Andreas Gassen, deutete vor Kurzem in der "Neuen Osnabrücker Zeitung" sogar "Strafzahlungen" für Patienten bei unnötigen Arztbesuchen an (SPIEGEL).

Wie laufen die Online-Krankschreibungen ab?

Frauen mit akuten, starken Regelschmerzen füllen auf der Webseite einen digitalen Fragebogen aus. Sie werden zu Symptomen befragt, Risikofaktoren sollen dabei ebenso ausgeschlossen werden. Zum Beispiel sollen sie beantworten, ob man von einer Endometriose, einer Wucherung der Gebärmutterschleimhaut, wisse? Ob man seine Tage regelmäßig bekomme? Ob man Fieber habe oder Medikamente nehme? 

Die Patientin führt also eine Eigendiagnose durch. Bei der Auskunft zu Fieber ist das noch einfach möglich, eine Endometriose lässt sich hingegen nicht so einfach ohne Ultraschall ausschließen. 

Die Antworten gehen danach an einen "Tele-Arzt", der die Symptome prüft und dann gegebenenfalls eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (AU) ausstellt. Die "Bestellung", wie es auf der Webseite heißt, kostet neun Euro. Die Patientin bekommt die Bescheinigung als PDF, für fünf Euro extra auch zusätzlich per Post.

In einer Pressemitteilung erklärt das Unternehmen, dass die Gynäkologin und Mutter des Gründers Eva-Maria Ansay zusammen mit einem Expertenteam aus Gynäkologen an der Entwicklung des Fragebogens beteiligt war. Es müsse endlich Schluss damit sein, dass Frauen sich bei Menstruationsbeschwerden zur Arbeit schleppten, "nur weil sie keine schiefen Blicke oder Karriere-Nachteile riskieren wollen." 

Aber sich krank schreiben lassen, ohne einen Arzt persönlich gesehen zu haben?

"Sehr viele Frauen leiden stark unter den Schmerzen, wissen aber, dass die Ursachen ihrer Schmerzen ungefährlich sind", sagt der Gründer. Den Gang zum Arzt könne man sich sparen.

Aber woher weiß man, wenn man keinen Arzt aufsucht, ob man nicht doch eine Patientin mit einer ernsthaften Erkrankung ist? Was, wenn die Regelschmerzen zum Beispiel an einer Endometriose oder Eileiterentzündung liegen, von der die Patientin bisher nichts wusste? Ansay sagt: "Im Fragebogen werden schon erste Risikofaktoren abgefragt." 

Außerdem bekämen Patientinnen – nach ihrer Bestellung – eine automatische Aufklärungsnachricht, inklusive Ratschlag zur Therapie. Darin heißt es: "Deshalb lassen Sie Regelschmerzen grundsätzlich bitte einmal bei Ihrer Gynäkologin oder Ihrem Gynäkologen abklären. Sollten Ihre Beschwerden stärker werden, länger als 3 Tage andauern oder neue Symptome hinzukommen, lassen Sie sich bitte sofort ärztlich untersuchen. Ärzte finden Sie z.B. hier: www.weisse-liste.de/de/arzt/arztsuche/."

Gedacht sei der Service also für Frauen, die schon wissen, dass ihre Regelschmerzen ungefährlich sind. Darauf hingewiesen werden sie allerdings erst nach dem Kauf.

Bis zu 17 Mal im Jahr kann man sich wegen Regelschmerzen bei au-schein.de krankschreiben lassen. "Denn ein Menstruations-Zyklus dauert mindestens 21 Tage. 365 Tage geteilt durch 21, also 17 Krankschreibungen im Jahr möglich", erklärt Ansay. Der Dienst könne deutschlandweit, in Österreich und der Schweiz genutzt werden. Der Arzt, der die Bescheinigungen hauptsächlich ausstellt, sitzt dabei in Lübeck.

Das ist auch der einzige Hinweis für den Arbeitgeber, dass es sich bei der Krankschreibung um eine Online-Krankschreibung handeln könnte. Wenn der Arbeitnehmer aus München kommt, kann das schon auffallen – ändert aber nichts an ihrer Rechtmäßigkeit. 

Akzeptieren Arbeitgeber denn die Krankschreibungen aus dem Internet?

Ilka Schmitt, Fachanwältin für Arbeits- und Sozialrecht aus Berlin ist kein Fall bekannt, in dem ein Unternehmen gegen Online-Krankschreibungen geklagt hätte. 2018 gab es eine Gesetzesänderung zur Telemedizin, die in 14 Bundesländern die Fernbehandlung zulässt. Nur Brandenburg hat sich gegen die Zulassung der ausschließlichen Fernbehandlung ausgesprochen (Ärzteblatt), in Mecklenburg-Vorpommern steht noch eine finale Entscheidung aus (Ärztekammer Mecklenburg-Vorpommern). 

"Die Arbeitsunfähigkeitbescheinigung aus dem Internet verstößt gegen kein Gesetz und kann dem Arbeitgeber vorgelegt werden. Trotzdem ist sie im Zweifelsfall nicht so rechtssicher wie eine von einem Arzt, der einen auch persönlich untersucht hat", erklärt Schmitt. 

Denn Schmitt gibt zu bedenken, dass die Selbstauskunft der Patientinnen leicht manipulierbar sei: Die Patientin gebe auf der Webseite selbst an, für wie lange sie sich arbeitsunfähig fühle. Außerdem könne man auf der Seite zurückklicken und seine Symptom-Angabe so anpassen, bis man eine Krankschreibung bekomme.
Beim Selbsttest zeigt sich: Wer zu viele Risikofaktoren angibt, erhält eine Nachricht, man könne den Dienst nicht nutzen, eine verlässliche Diagnose sei nicht möglich. Es ist danach aber kein Problem, wieder von vorn zu starten. Ein Paradies für Blaumacher, so scheint es.

Der Arzt in Lübeck könne dem nicht widersprechen, denn er untersuche den Patienten ja nicht. 

Wenn es zu einem Streit mit dem Arbeitgeber käme und der Fall lande vor Gericht, erklärt Schmitt, dann könne die Krankschreibung sehr einfach infrage gestellt werden. "Da wird der Richter dann eher dem Arbeitgeber glauben," schätzt Schmitt.

Werden Krankschreibungen wegen Regelschmerzen Frauen negativ ausgelegt?

"Meistens fällt es gar nicht auf, wenn sich eine Arbeitnehmerin ab und zu wegen Regelschmerzen krankschreiben lässt", erklärt Ilka Schmitt. Denn auf der Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung, die an den Arbeitgeber geht, stehe schließlich nicht die Krankheit. "Ob man wegen eines Schnupfens oder Regelschmerzen zu Hause bleibt, weiß der Arbeitgeber ja nicht – und es geht ihn auch nichts an."
Wenn sich allerdings jemand tatsächlich alle zwölf Monate im Jahr jeweils drei Tage krank melden muss, könne das natürlich auffallen. "Das berechtigt aber nicht zu einer Kündigung. Der Arbeitgeber wird sich auch hüten, Krankschreibungen als Begründung für eine Kündigung zu nennen – da würde er sich ganz schnell vor dem Arbeitsgericht wiederfinden."

Wer sich vor einer Prüfungen an der Uni krank schreiben lässt, sollte aber einiges beachten. 

Schmitt rät in diesem Fall zum persönlichen Arztbesuch. Es gibt Hochschulen, die Online-Krankschreibungen von vornherein ausschließen (wie die Hochschule Trier). Bei einigen Prüfungen, wie zum Beispiel bei der anwaltlichen Zulassungsprüfung, sei eh vorgeschrieben, dass man zu einem Amtsarzt muss.

Der Berufsverband der Frauenärzte rät von der Online-Krankschreibung ab.

Christian Albring, Präsident des Berufsverbandes der Frauenärzte und niedergelassener Frauenarzt in Hannover, rät bei besonders starken Schmerzen immer zu einer Behandlung beim Arzt. Er erklärt bento: "Regelschmerzen sollten normalerweise nicht so stark sein, dass sie trotz Schmerzmitteleinnahme zu Arbeitsunfähigkeit führen."

Wie die Angaben der Techniker Krankenkasse zeigen, würden dieser Aussage sicherlich viele Frauen widersprechen.



Fühlen

Was jungen Leuten den Schlaf raubt
Immer mehr junge Menschen leiden unter Schlafstörungen. Warum?

Adrians Wecker zeigt zwölf Uhr an. Morgen muss Adrian früh aufstehen und seine Schicht als Fachverkäufer beginnen. Doch um Mitternacht ist er noch hellwach. 

So ging es dem 21-Jährigen in seiner Ausbildungszeit häufig: "Ich denke mir in solchen Momenten: Ich muss jetzt endlich schlafen. Ich lege mich hin und dann drehe ich mich im Bett. Ich mache mir einfach selbst so viel Druck beim Versuch einzuschlafen, dass es nicht geht."

Adrian leidet an Schlafstörungen. Eine Datenerhebung der Kaufmännischen Krankenkasse KKH zeigt: Die 19- bis 29-Jährigen schlafen zunehmend schlechter. 

Der Anteil mit ärztlich diagnostizierten, nicht organisch bedingten Schlafstörungen hat sich in dieser Altersgruppe laut der Datenerhebung von 2007 bis 2017 fast verdoppelt (Kaufmännische Krankenkasse). 2017 litten demnach 2,4 Prozent der bei der KKH Versicherten im Alter von 19 bis 29 Jahren an Schlafstörungen. Dabei dürfte die Dunkelziffer noch höher ausfallen, heißt es in der Pressemitteilung. Nicht jeder, der an Schlafmangel leidet, sucht auch einen Arzt auf.

Viele Deutsche plagt schlechter Schlaf. Insgesamt hat jeder Dritte Probleme damit, schnell einzuschlafen oder wacht regelmäßig nachts auf (Robert-Koch-Institut). Hans-Günter Weeß leitet die schlafmedizinische Abteilung am Pfalzklinikum in Klingenmünster und ist zudem im Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin. Er sagt, man spreche bei etwa 6 Prozent der Deutschen von medizinisch definierten Schlafstörungen.